LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik 109 / XXVIII. Jg. / 2007, ISSN 1012-4705
Umschlag & Kunstteil: Gerald Hartwig, Anna Schnegg-Primus und Herr Anger
INHALT
| LITERATUR |
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Kerstin KEMPKER Lange Nacht (Auszug) |
4
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Michael KLEEBERG Abschied von einem Apfelbaum |
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Nikola MADŽIROV Gedichte |
14
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Günther FREITAG Bienenkrieg (Romanauszug) |
16
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Christina FANKHAUSER Gedichte |
20
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Tobias HUGENTOBLER Ein paar dunkle Stellen |
22
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C. H. HUBER Gedichte |
26
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| NEUE NAMEN |
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Sophie REYER Der vertrocknete Vogel |
28
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Schwerpunkt: PARADIESE Vertreibung vs. Sehnsucht |
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Max GAD C43H66N12O12S2. Ballade vom paradiesischen Vorzeichen |
38
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Thomas PLETZINGER Shitty Paradise City |
41
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Marcus POETTLER Die Entfernung der Paradiese |
43
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Birgit PÖLZL paradies. splitter |
46
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Andrea SAILER Vertreibungen oder Die Augenblicke bis zum Tod |
48
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| LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ 2006 |
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Helwig BRUNNER (1. Preis) Entwurf im Hinterhof. Gedichte für die frierende Frau Europa |
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Schwerpunkt: LITERATUR AUS DER JUGEND-LITERATUR-WERKSTATT GRAZ |
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| Elisabeth KLAR / Irene DIWIAK / Pauline EICHSTEDT / Sabine SCHÖNFELLNER / Cornelia TRAVNICEK / Michael WÖRISTER |
58
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| KUNST |
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| Werner FENZ |
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Herr Anger schaut bei den Lichtungen vorbei oder: Ein Charakter wird auf die Gesellschaft projiziert |
83
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| Gerald HARTWIG, Anna SCHNEGG-PRIMUS und Herr ANGER |
84-98
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| ZEITKRITIK / ESSAY |
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Klaus EBNER Die Freiheit ist eine Funzel |
99
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Christopher EBNER Heidegger und das Übersetzen. 80 Jahre Sein und Zeit |
105
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| ZU DEN AUTORiNNEN |
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ENTWURF IM HINTERHOF. Gedichte für die frierende Frau Europa Literaturwettbewerb der Akademie Graz 2006, 1. Preis
Die folgende Gedichtserie erwidert lyrische Stimmen, die im Europa des 20. und 21. Jahrhunderts zu vernehmen waren und sind, und skizziert so in einer Art Echolotverfahren mögliche Formationen einer geistigen Landschaft des Kontinents. In dieser Landschaft, so die Vision, wäre ohne die alten politischen, ideologischen, ethnischen und sexistischen Binnengrenzen auszukommen; doch nicht die Aufhebung der Grenzen, sondern ihre Neubestimmung als Form gebendes Prinzip und definierter Ort der Durchlässigkeit im Kontinuum des Kontinents steht im Mittelpunkt der poetischen Zwiesprache wider die soziokulturelle Kälte Europas. Die kursiv gesetzten Anfangsverse stammen – in dieser Reihenfolge – aus Gedichten folgender AutorInnen: Györgi Petri (Ungarn), Michel Déguy (Frankreich), Jan Skácel (Tschechien), Friederike Mayröcker (Österreich), Hans Magnus Enzensberger (Deutschland), Inger Christensen (Dänemark), Cees Nooteboom (Niederlande), Uroš Zupan (Slowenien), Wisława Szymborska (Polen), T. S. Eliot (England), Raphael Urweider (Schweiz) und Iain Crichton Smith (Schottland). Der Tonfall der Bezugstexte sickert in die eigenen Verse mehr oder weniger tief ein – nicht als Imitation, sondern einer dialogischen Grundhaltung folgend, die eine Resonanzbeziehung mit dem Gegenüber erfordert und ermöglicht. Dies ist gleichzeitig eine kritische Flaschenpost an das monomanische AutorInnen-Ich, das nur allzu gerne die Ecksteine seines Literaturreviers mit dem exklusiven Aroma eines Personalstils markiert und damit auf seine Weise Binnengrenzen zieht. Die stille Gattung Lyrik fristet ein „Hinterhofdasein“ abseits der großen literarischen und medialen Bühnen. Doch in diesem Abseits lässt sich vieles formulieren, was unpolitisch erscheinen mag und es gerade dadurch oft nicht ist: denn der zärtliche Blick, die ins Paradoxe erweiterte Vernunft und die feinen Papillarlinien einer tastenden Sprache wollen nicht nur, aber auch als Signale im Feld des Politischen – und gegen viele seiner üblichen Erscheinungsformen – gelesen werden. Diese Gedichte sind daher auch ein Versuch, die besondere Spannweite aufzuzeigen, über die das Gedicht in Bezug auf explizit oder implizit politische (Gegen-)Entwürfe verfügt.
Helwig BRUNNER
Vierzig Jahre bin ich alt. Meine Wege über den Kontinent liegen wirr wie die Wolle, mit der eine Katze gespielt hat. Hier war ich und da und dort, ein unauflösliches Vergnügen. Ich erinnere meinen Faden wie du den deinen, wie jeder den seinen; ineinander verstrickt, wärmen sie die frierende Frau Europa. Mag sein, die Hälfte meines Knäuels ist noch übrig für neue Maschen, glatt und verkehrt.
Doch starben sie bündelweise wie Algen bei Ebbe, daran lässt sich nichts mehr, nie mehr etwas ändern, auch wenn, wie es scheint, das grelle Schweigen sich mit Erfolg um Blendungen bemüht. Manche, das zumindest lässt sich sagen, atmen unter Wasser und ertrinken in der Luft; und manchmal gelingt es, einander atmend zu beleben von Mund zu Mund.
und das ganze leben regnet es granit mit andren worten feldspat quarz und glimmer der tropfen schreibt und schreibt sich ein im dolomit er füllt das tal und ebnet den zenit setzt weiche spuren in den sand für immer
nichts mehr bei Sinn und Sinnen, das grelle Licht verschlafen wie die Eulen (»den sanften Blick besänftigen« / sein Toben uns zumuten), später seltsame Montagen, defekte Montagsfabrikate, die aus den Staatslarven schlüpfen quasi ungeniert: läppische Wimpelträgereien, Getue im Tatengestus, Getöne / und frönend eitler Gefiederpflege heimelig hoch zu Ast – kann es geblendet & betäubt gewesen sein, vorläufig verschleppt aus Sinnen und Sinn ..
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn, das deinen Worten folgt, Bohrkäfern im Denkgekröse, schadhaft, schädlingshaft, jäh wütend im ausgelichteten Kronenbild: »Was immer du über ein Gedicht sagst, sagt weniger als das Gedicht über dich.« Ich weiß von denen, die fremdsprachig meine Sprache sprechen; und von jenen mit meiner Zunge in ihrem fremden Mund mitsamt dem pelzigen Geschmack. Vielen Dank für den Randvermerk, dass ihre feuchten Lippen Heil’ge sind, die jetzt im Regen stehn.
das zusammensein der sonne und des auges mit der farbe was für ein geglückter zufall was für ein tiefes zerwürfnis so blind für die rötere wärme so den farbtönen lauschend immerfort im unerhörten ohr
Wir werden uns wieder begegnen und uns wieder in die Spiegel treiben. Wir werden uns für einander erfinden, jeder das Gegenbild seiner Unterschiede, werden einander Dinge erzählen, die nicht mehr sichtbar sind im Glas. Die direkte Rede werden wir erfinden, den steinigen Umweg, der uns verspätet dem eigenen Gesicht vor Augen führt. Gerne werden wir uns erfinden lassen, einander mit Begriffen gierig begreifen, bis wir endlich wieder unbegreiflich sind. Immer wieder werden wir tun, was nur tut, wer dem Gedächtnis des Spiegels traut.
Die Welt fließt unter dem Wasser hervor. Der Kontinent verdriftet in das Zimmer, in dem du wohnst. Weil dich schwindelt, siehst du die Erde innehalten wie die Wirklichkeit des Scheins der Sonne im Fenster. Schon stößt du die Flügel auf und fliegst hinaus ins Bild, das du dir machst.
So hätte man anfangen sollen: Himmel. Dann erst sprechen vom Land darunter, hingezitterten Grenzen, an denen Geschichten Geschichte schrieben. Wären die Grundbücher nur ungeschrieben geblieben, unbegründet in ihrem Konjunktiv, der uns nicht nährt! Lieber entziffern: Anfänge ins Blaue, aufgegabelte Sätze wie Schwalben, die sich sammeln, um fortzuziehn.
Mit den anderen Maskeraden, die die Zeit wieder aufführt, inszenieren wir heitere Bilder, Kammerspiele auf der Weltbühne, die uns eine Nummer zu groß ist. Dass man uns täglich abbildet, hat uns nicht sichtbarer gemacht: zwischen Vorschau und Rückblick tappen wir schmal und blind nach Gegenwart, dem eigenen Schatten. Der andere Raum bleibt Entwurf im Hinterhof, hingekritzelt mit Kreide auf Kopfsteinpflaster im Regen.
ich schaue die landschaften an ihre bunte übermalung durch sich selbst das wachstum der bäume und städte das zynische gewebe unter der haut eines langsam verfallenden körpers der kontinent hält still wenn du hinsiehst er hält sich an sein gegebenes wort das vertrauen der füße in den boden freizuhalten vom taumel der zeit er rollt die fahnen ein und bricht eine lanze für die umbenennung der schönheit
Es gibt keine Insel. Die Gräben sind Runen auf dem Rücken eines Käfers, die es zu lesen gilt. Hebst du ihn hoch, so läuft er weiter mit unermüdlichen Beinen durch die Luft, zeilenweise, weise. |