Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2000

LICHTUNGEN - 84/XXI. Jg./2000

Schwerpunkt:
Literatur aus St. Petersburg

Kunstteil:
Anna Jermolaewa

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
84 / XXI. Jg. / 2000, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Anna Jermolaewa, St. Petersburg/Wien, Du kannst auf mich zählen, 2000


EDITORIAL

ZUR JAHRHUNDERTWENDE:
ZEITERFAHRUNG - ZEITBEFINDLICHKEIT

Diese Nummer der LICHTUNGEN trägt noch die Jahreszahl 2000. Es erscheint mir natürlich, als Herausgeber einer "Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik" ein wenig nachdenklich zu sein. Vor einem Jahr wurde in aller Welt der vermeintliche Jahrtausendsprung mit gigantischen Feuerwerken und öffentlichen Festen 'psychologisch' gefeiert. Man konnte über live-Schaltungen des Fernsehens in China, in Neuseeland, in Amerika, in England und in anderen Ländern 'dabei' sein. Der letzte Jahreswechsel, in das Jahr 2001, war viel stiller, in den allgegenwärtigen Medien kaum die Rede vom wirklich großen Zeitenwechsel in der Kalendersprache. Wenige vielleicht haben in dieser Nacht darüber nachgedacht, daß sie als Bewohner eines nun vergangenen Jahrhunderts, ja, Jahrtausends, in welchem sie geboren wurden, in ein neues Jahrhundert eingetreten sind, wo der Tod, meist verdrängt und tabuisiert, sich als existentielle Grenze für den Einzelnen endgültig ereignen wird.
Vielleicht hat der eine oder andere auch gespürt, wenn er in Zukunft von vergangenen Begebenheiten, von wichtigen Ereignissen sprechen wird, daß damit unwillkürlich eine Rückschau in das vergangene Jahrhundert verbunden ist. Ein psychologisch nicht zu unterschätzender Gedanke, der die Zeitbefindlichkeit jedes Einzelnen betrifft. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, nach dem Scheitern von großen politischen Utopien in diesem Jahrhundert, die Fortschritt verheißen hatten, jedoch Millionen Tote zurückließen, wurde viel vom Verlust der Visionen, der Utopien, von den großen Erzählungen, ja, der berechenbaren Zukunft gesprochen. Der Fortschritt sei veraltet. Die Erfahrung, ein wichtiges Traditionskontinuum, habe dramatisch an Wert verloren. Die Zeiterfahrung biete kein Schema der Beruhigung, der Orientierung, der Erfahrung von Identität mehr. Die Zukunft verschwinde in der ständigen Gegenwart, in der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen - ein Monstrum namens Komplexität steht dem Einzelnen gegenüber.
Es berührt, wie Martin Heidegger, ein Philosoph des 20. Jahrhunderts, in einer volkstümlichen Ausgabe mit dem Titel Hebel - Der Hausfreund in den 50er Jahren über diese dramatische Veränderung der Zeiterfahrung schrieb. "Was ist es denn, was auch wir, und erst recht heute eines inständigen Fragens würdigen müssen? Es ist jenes Fragwürdige, das sich inzwischen uns Unermeßliche und Undurchschaubare gesteigert hat und unser Zeitalter fortreißt, wir wissen nicht wohin. ... Es ist jenes Fragwürdige, daß die Berechenbarkeit der Natur für den einzigen Schlüssel zum Geheimnis der Welt ausgegeben wird. ... Es ist jenes Fragwürdige, daß die natürliche Natur in das Nichtige eines Phantasiegebildes herabsinkt und nicht einmal die Dichter anspricht. ... Jener ... fehlt, der es vermöchte, die Berechenbarkeit und die Technik der Natur in das offene Geheimnis einer neu erfahrenen Natürlichkeit der Natur zurückzubergen. ... Dafür braucht es Bauende, die wissen, daß der Mensch durch die Atomenergie nicht leben, sondern höchstens umkommen, das heißt sein Leben verlieren muß auch dann, wenn die Atomenergie nur zu friedlichen Zwecken genutzt wird und diese Zwecke für alle Zielsetzung und Bestimmung des Menschen allein maßgebend bleiben. Dem gegenüber bedenken die eigentlich Bauenden, daß das bloße Leben, das man lebt, noch kein Wohnen ist. Denn der Mensch wohnet, wenn er wohnt, nach dem Wort Hölderlins dichterisch ... auf dieser Erde."
Allein der Weg in das neue utopielose Jahrhundert wurde verkündet, die Postmoderne - die geeignete Zeitphilosophie der gesellschaftlichen Befindlichkeit des ausgehenden Jahrhunderts. Die Vereinzelung des Individuums, die Unbehaustheit seien die Kennzeichen der neuen Zeit. Die Moderne als Pfeil des Fortschritts habe ausgedient, sie wäre 'entlarvt' als Wegbereiter barbarischer Megastrukturen. Norbert Bolz schrieb zu dieser globalen Veränderung: "Wir müssen lernen, ohne die Sinnfiguren erfüllter Zeit auszukommen: ohne ein Ziel oder Ende der Geschichte, ohne Heilsgeschehen oder Fortschritt, ohne das Leitbild der Tradition, ohne das Fundament der Erfahrungen und das Rückgrat der Herkunft. Die Scheren von Herkunft, Lebenszeit und Weltzeit öffnen sich weiter" (in: Zeitsprünge, Verlag Vorweg 8, Berlin 1999). Doch die Versuche, die Stimmen mehren sich, den Weg zurück, von der Postmoderne zur Moderne, erneut zu betrachten, d.h., eine neue Lesart der Moderne zu versuchen, oder: der Wunsch, die moderne Kultur mit ihrer Vielfalt neu zu denken.
Nach den großen humanen Verlusten des vergangenen Jahrhunderts vielleicht eine neue Hoffnung - die Literatur und die bildende Kunst als originär menschliches Tun könnten dabei Begleiter sein.

M. J.


INHALT

     
LITERATUR    
Josif BRODSKI Ein Zeitgedicht: Ohne Titel
3
Alfred KOLLERITSCH Ein vorausschauendes Zeitgedicht: Schönheit
4
István EÖRSI Danilo
5
Andrea SAILER Gedichte
7
Drago JANCAR Der Käfig (Romanauszug)
12
Peter ROSEI Gedichte
19
Peter PIONTEK Gedichte
21
Fritz KRENN Die Pecharbeiter (Erzählung)
24
Hugo DITTBERNER Gedichte
26
Kirstin BREITENFELLNER Gedichte
28
   
 
NEU VORGESTELLT  
 
Christoph HARRER Der ehemalige Schulkollege / Der Nachbar (Erzählungen)
30
Lieselotte STIEGLER Im Schattenland (Gedichte)
33
     
LITERATUR AUS ST. PETERSBURG
11. Stadt im Literaturprojekt: “transLOKAL – Literatur aus europäischen Städten” im Rahmen
“Graz – Kulturhauptstadt Europas 2003”. Zusammenstellung und teils Übersetzungen:
Dr. Elisabeth Markstein, Wien; Prof. Dr. Alois Woldan, Universität Passau; Mitarbeit: Prof. Wiktoria
Wasilijewa, Slaw. Institut Graz/Moskau
Waleri SCHUBINSKI Einleitung: Ein seltsamer Traum Rußlands und Europas
36
Anna ACHMATOWA Requiem (Gedichtezyklus)
41
Rid GRATSCHOW Disputation über das Glück (Erzählung)
49
Jelena SCHWARZ Regen über der Meeresbucht (Gedicht)
51
Wiktor SOSNORA Die Träne im Wald/Schlaflos (Gedichte)
52
Josif BRODSKI Gedichte
1, 56
Arkadi BARTOW Vom Sterben der Menschen und Vögel (Erzählungen)
58
Alexander L. MJASNIKOW Kurzerzählungen
60
Marina PALEJ Abteilung der Verlorenen (Erzählung)
63
Sergej A. NOSSOW Das Thema ist begraben (Erzählung)
73
Waleri RONSCHIN Wie heißt Pawlows Hund? (Erzählung)
79
     
EIN ANDERER REISEBERICHT
Helmut EISENDLE Moskau – Ein Bilderbogen im Internet
83
   
 
KUNST
 
Werner FENZ Bewegung(s)motiv
 
  Ein neues Video von Anna Jermolaewa in Transkription
95
Anna JERMOLAEWA “Du kannst auf mich zählen” (Video, ca. 3min. geloopt, 2000)
96-110
     
“DIE POETIK DER GRENZE” (10. Teil)
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz –
gemeinsam mit GRAZ – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003
Angela KRAUSS Die Mauer
111
   
 
ZEITKRITIK  
 
Hermann LÜBBE Religionskulturelle Trends in Modernisierungsprozessen
114
Manfred PRISCHING e-world
122
   
 
ZU DEN AUTOREN
136


"DIE POETIK DER GRENZE" (10. Teil)
Ein Kulturprojekt des Kulturamtes der Stadt Graz im Hinblick auf 2003 - eingebunden in das Programm von: GRAZ - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Angela KRAUSS
DIE MAUER

Ich war fünf Jahre alt, barfuß und frei: ein Vorschulkind.
Die Sonne stand tief, die Wiese sah kalt und frisch aus, die Beerensträucher an der Grenze zum nächsten Garten glänzten dunkel. Gestern abend waren wir in dieses Haus eingezogen, vor Mitternacht, während meine Mutter das Kinderzimmer herrichtete, hatte mein Vater meinen Bruder und mich aus der alten Wohnung hierher gebracht.
Vor Aufregung war ich zeitig aufgewacht, die unvertraute Treppe hinuntergestürmt, hatte mich durch einen kellerartigen Hausflur getastet, als vor mir durch eine halbverglaste Tür der Garten leuchtete. Ich klinkte beherzt an der Tür und machte einen Schritt auf den eisernen Fußabstreicher, der kalt in meine bettwarmen Fußsohlen schnitt. Vor mir lag der Garten, der mir lange versprochen war.
Es wurde plötzlich dunkler. Ich schaute nach rechts in die Sonne; davor stand jetzt eine Gestalt, wenig entfernt und weit über mir. Es knallte, und eine zweite, kleinere Gestalt richtete sich neben der ersten auf, beide nun frontal von oben herab auf mich gerichtet.
Tonlos sagte die kleinere zur größeren: Los, verdreschen!

Die Mauer kam aus dem Haus heraus, in dem ich von diesem Tag an leben sollte, als sei sie ein Teil, eine Fortsetzung davon, und sie endete am nächsten Gartenzaun. Auf der Strecke bis dorthin verlief sie nicht gerade, sondern in zwei rechten Winkeln, jeder hatte eine Stufe, so daß die Mauer sich ansteigend vom Haus entfernte. Es war eine tadellos verfugte Klinkermauer, auf dem First durch ein Blech geschützt, das an einer Stelle schadhaft geworden war, ein handtellergroßer Flecken fehlte. Die Mauer begrenzte den Garten zur Straße hin, die das Rosentor hieß, und durch die Häuserzeile hindurchführte; genau über diesem Tor, das passend zur Mauer mit Klinkersteinen ausgekleidet war, lag das Schlafzimmer meiner Eltern. Im ersten rechten Winkel, den die Mauer bildete, wuchs ein Wildrosenstrauch.

Die kleine Figur war Tine und die größere ihr Bruder Rainer, den sie nur ihren großen Bruder nannte und damit jede Situation klärte. Es waren Ferien, und Tine, die auch noch nicht zur Schule ging, hatte den ganzen Tag ihren großen Bruder bei sich. Gemeinsam kontrollierten sie ihr Gebiet ab, durch das die Mauer als die strategisch entscheidende Linie verlief. Es knallte wie ein Schuß, wenn der große Bruder mit einem Seitaufschwung auf der Mauer erschien und es ihm gelang, beide Füße gleichzeitig auf dem Blech aufzusetzen. Dann zog er blitzschnell seine kleine Schwester nach, die vor nichts Angst hatte.
Mein Herz tat einen Schlag, der alle Glieder lähmte.
Ich war auf fremdes Gebiet geraten.
So wie sie sich dort oben bewegten, sicher, geschmeidig und besitzanzeigend, und so wie sie sich herausfordernd zu mir hin gewandt aufbauten, konnte das nur heißen: Ich war in fremdes Gebiet eingedrungen. Offensichtlich in ihres.

Die Mauer wurde im Jahr 1926 gebaut, als Begrenzung der Hausgärten und als sachliche Zierde einer Bauhaussiedlung, deren Mittelpunkt das Rosentor bildete. Die Siedlung wurde von Beamten bezogen, die, wenn sie den Krieg überlebt und in diesem Teil Deutschlands zu bleiben sich entschieden hatten, dreißig Jahre später als ältere Herren vor meiner jungen Mutter mit weitem Schwung den Hut zogen. Wenn ich im Garten auf der Decke lag, erschien hin und wieder ein Arm mit einem Hut in der Hand über der Mauer.
Jenseits der Mauer, das war auf der Straße am Rosentor, die leicht bergan führte, von Einfamilienhäuschen gesäumt, mit Vorgärtchen und nach hinten wenig größeren Rasenstücken. Erstaunlich für das Baujahr: Garagen. Jedoch kaum Autos. Jahrelanges Kreiseln und Huppekästelspringen zwischen Himmel und Hölle, ohne daß ein Auto uns in den Weg gefahren wäre. Dann aber plötzlich ein Auto am anderen bis hinauf zum Sportstadion, alle Autos an einem einzigen Nachmittag der Kindheit, alle Autos der Welt jenseits der Mauer, und aus allen Fenstern die atemlosen, erregten Stimmen der Fußballreporter. Dann wieder den ganzen Sommer lang nur die gezückten Hüte.

Tine und ihr großer Bruder jagten im Garten herum. Besonders wenn eine der Mütter Waschtag hatte, zeigten sie, daß sie zwischen Leinen und Laken Meister der Täuschung waren, ein eingespieltes Paar, sobald sie Gegner fanden und in Schach halten konnten, was immer nur so lange dauerte, bis die erste Mutter zum Mittagessen rief.
Anders in dem seltenen Fall, wenn ein Kind ihr Gebiet betrat, das sie hier noch nie gesehen hatten. Ein Kind wie ich. Da erschienen sie von einem Moment zum anderen mit einem Knall als Formation voll aufgerüstet auf der Mauer.
Die Mauer mit ihrem handspannenbreiten Grat beherrschten sie, als hätten sie, wie die Kinder von Artisten, das Gehen auf dem Boden und auf dem Seil gleichzeitig erlernt.
Sie konnten auf der Mauer rennen, vorwärts und rückwärts marschieren, über Kreuz springen, hüpfen auf einem Bein, sie konnten sich im Lauf fallen lassen in den Reitersitz, bäuchlings abrollen, Tine konnte die Rolle vorwärts, ihr großer Bruder hechtete mit langem Anlauf hinauf, jenseits hinunter, und diese ganze Kaskade war jedesmal von einem klirrenden Lärm begleitet, einem Schlachtengerassel, dem nur eine der Mütter, schreiend aus dem Fenster gelehnt, ein Ende machen konnte.

Sie hatten mich nicht verdroschen, es war schnell herausgekommen, daß ich nur einen kleinen Bruder hatte, er beherrrschte die Rücken- und die Bauchlage und war an den Kinderwagen gefesselt. Als Paar erschienen wir zu schwach, als daß sie es mit uns hätten aufnehmen wollen.
So spielte ich bald mit meiner Freundin Tine im Garten, wir bauten Zelte aus Decken und Leinen, Wäscheklammern und Steinen, krochen hinein und hörten, wie sich zwei Erwachsene draußen unterhielten, weit weg, auf der Straße, jenseits der Mauer, auf der anderen Seite der Welt, wo sie auch hingehörten.

Die Mauer war immer da. Sie war gleichwertig mit Der Garten, Die Straße, Die Mutter, Der Vater, Das Bett, Das Essen. In Wahrheit aber war sie viel mehr als das alles, denn das hatten andere Kinder auch. Die Mauer war es, die uns von ihnen unterschied wie eine andere Herkunft. Wie Kinder, die vor dem Meer aufwachsen und die Welt für etwas anderes halten als Kinder, die inmitten des Hochgebirges aufwachsen, so wuchsen wir an der Mauer und auf der Mauer auf. Alles, was unser Leben war: der Garten, die Straße, das Bett und das Essen, erwies sich als einmalig, unverwechselbar und merkwürdig durch sie. Schon drei Straßen weiter war es nicht leicht, uns zu verstehen. Wir sagten: Die Mauer wie: Die Mutter, Der Vater.

Nach drei Jahren beherrschte ich sie. Mit acht Jahren nahm ich von der Straße her Anlauf, sprang ab, ließ meine Hände laut klatschend auf das Blech schlagen und preßte mich mit Bauch und Brust darauf. Das heiße Schutzblech brannte an den Handflächen, durchwärmte die Kleider, ich blieb einige Sekunden so liegen, mit Armen und Beinen rechts und links herunterhängend, und die Mauer glühte durch meine Eingeweide, während die frischen weißen Hautabschürfungen sich röteten. Dann sprang ich auf und trampelte vom Haus bis zum Gartenzaun, die zwanzig Meter mit den zwei Winkeln und zwei Stufen, ich rannte zwei-, drei-, viermal hin und zurück, schlug, klatschte, hackte und trommelte mit meinen Füßen, schneller und lauter und wilder, Schläge, die im Garten, auf der Straße, in den Kellern, auf den Dachböden, in der ganzen Siedlung zu hören waren, die Mütter rissen die Fenster auf, die Kinder an den Mittagstischen legten die Löffel aus der Hand und wußten: einer von uns dreien war oben.
Denn nur wir konnten unsichtbar und unverkennbar verkünden, daß es uns gab: denn unser war die Mauer.

Dann wurde ich zwölf Jahre alt und hatte nur einen Wunsch. Ich spürte, etwas Unbegreifliches, Niedagewesenes passierte mit mir. Es war, als seien die Spielmannszüge der ganzen Stadt am Morgen des ersten Mai aufmarschiert. Alles Unsagbare, das ich mir wünschte, zog sich in einer ballonförmigen, zarten weiblichen Hülle zusammen: einem Schaumgummipetticoat.
Tine hatte einen.
Er war in einem Paket von der Tante aus Westberlin geschickt worden und, wie es hieß, "durchgekommen". Er war ganz aus dickem blaßrosa Schaumgummi, besetzt mit winzigen Röschen, tiefer rosa und ebenfalls aus Schaumgummi, nur dünnerem. Am Saum lief eine weiße Spitze rundum. Er sah aus wie ein Kaffeewärmer.
Er war fortan das rosa Zelt, unter dem meine Träume spielten. Inzwischen fetzte ihn Tine in ein paar Sommerwochen bei unseren Mauerritten zu einem grauen Lappen herunter, auf dem anstelle der Rosen Löcher und Risse klafften. Die Spitze, ein aufdröselnder Faden, schleifte hinter ihr her.
Ich dachte den ganzen Sommer an den Rosenpetticoat und daran, wie er sich höchstwahrscheinlich anfühlte zwischen meinen Beinen und der Querstange von Rainers neuem Rennrad, auf der ich zwischen seinen braunen Armen am Ausweichen vollständig gehindert wäre.
Wenn die Mauer nicht wäre, hättest du auch einen, sagte meine Mutter vorwurfsvoll zu mir, denn es tat ihr leid, daß ihr Kind zu denen gehörte, die nie einen haben würden.

Dann kam es, daß wir schwach wurden. Rainer fuhr Rennrad und trug eine verspiegelte Sonnenbrille, und schließlich bekam er goldene Haare auf den Unterarmen. Dann Tine, ihre feine Nase hatte etwas Indianisches, die Nasenflügel wurden zart und entschieden zugleich, ihr Körper blieb noch einen Sommer lang drall und beweglich, ehe er vor Weihnachten eine plumpe, in der Mitte ausladende Form annahm, die mich ebenso empörte, wie der durchdringende Schmerz, der mir neuerdings in die Brust schoß, sobald ich mich bäuchlings auf die Mauer warf. Wenn ich auf der Querstange zwischen Rainers Armen saß und wir fuhren nur ein Stück durchs Rosentor, schien alles an mir weich und kraftlos zu werden.
Mit uns und der Mauer war es aus.

Kurz vor dem Ende der Kindheit besuchte ich Berlin, wartete nicht lange und ging schnurstracks auf jene Stelle zu, wo der heiseren Auskunft der Bewohner nach die Straße wie durch eine Barrikade versperrt war. Erst kam Stacheldraht, dann ein leerer Erdstreifen, und dann sah ich sie: die Mauer.
Auch zwei Soldaten hatten sich breitbeinig aufgepflanzt und hielten ihre Blicke von oben her auf mich gerichtet
Ich habe nur gelacht.
Bei täglichem Üben zwei Jahre! rief ich den Anwohnern zu und trommelte ihnen ein paar Trippelschritte hin. Dann fuhr ich eiligst heim, um erwachsen zu werden.


11. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
im Rahmen GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003
gemeinsam mit dem Grazer Stadtmuseum und dem Cultural City Network (CCN).
Das literarische Städteprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz besonders gefördert.

11. STADT: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG

Zusammenstellung und teils Übersetzungen von Dr. Elisabeth Markstein, Wien; Prof. Dr. Alois Woldan, Universität Passau; Mitarbeit: Prof. Wiktoria Wasilijewa, Slawistisches Institut, Universität Graz/Moskau.
Das Städteprojekt "LITERATUR AUS ST. PETERSBURG" wird von der Österreichischen Botschaft in Moskau unterstützt.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und süd-osteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas

Die Redaktion

Waleri SCHUBINSKI
EIN SELTSAMER TRAUM RUSSLANDS UND EUROPAS

1

Bevor noch von der zeitgenössischen Petersburger Literatur die Rede sein wird, sei auf ein bemerkenswertes Faktum verwiesen, das mehr oder minder zur politischen Geschichte der Stadt gehört.
Vor ungefähr fünf Jahren entstand in Petersburg eine Bewegung für die Abtrennung der Stadt von Rußland und für einen eigenen, selbständigen Staat oder zumindest eine umfassende Autonomie mit eigener Steuer- und Zollgesetzgebung. Diese Bewegung war keine Massenbewegung, sie konnte bei den Wahlen nicht mehr als ein Prozent der Stimmen verbuchen - sie wurde aber von einigen führenden Vertretern der Intelligenz, wie etwa vom Dichter Wiktor Kriwulin, unterstützt.
Was daran wohl am meisten verblüfft, ist, daß eine solche separatistische Bewegung in einer Stadt entstand, die zweihundert Jahre lang Hauptstadt des Landes war. Noch mehr aber kann man sich darüber wundern, daß nur ein verschwindend kleiner Anteil der Bewohner dieser Stadt auf Vorfahren zurückblicken kann, die hier mehr als nur ein halbes Jahrhundert gelebt haben. Vor der Revolution im Jahre 1917 lebten in dieser Stadt mehr als zwei Millionen Menschen. Dann aber kamen der Bürgerkrieg, die politischen Repressionen und die Blockade durch die Deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs samt der damit verbundenen Hungerkatastrophe - und alle diese Kataklysmen verschonten so gut wie keine der alten Petersburger Familien. Heute hat die Stadt viereinhalb Millionen Einwohner, Menschen, die zum Großteil in der Nachkriegszeit zugewandert sind. Ungeachtet dessen identifizieren sie sich mit dieser Stadt in einer Weise, daß sie sich beinahe als ein eigenes Volk fühlen. Das betrifft vor allem jene, die schreiben und jene, die Bücher lesen.

Ich dachte, nicht ich allein -
Daß Petersburg uns Heimat ist,
ein ganz besonderes Land
Es ist der Westen, in den Osten verschlagen
So eingeschlossen wie vereinsamt,
Schwindsüchtig, auf ewig unterkühlt,
dort hat Napoleon die Alte umgebracht.

Diese Zeilen (in der letzten ist natürlich von Raskolnikow die Rede) hat Jelena Schwarz 1974 geschrieben. Aber etwas Ähnliches hätten die jungen Petersburger Intellektuellen (die das Wort "Leningrad" tunlichst vermieden) auch zehn oder fünfzehn Jahre später noch sagen können. "Der Westen, in den Osten verschlagen" - das war das Bild der Stadt, und so war (ob zu Recht oder nicht) auch das Selbstverständnis der russischen Intelligenz.
Es ist vor allem ein Mechanismus, der den in Petersburg neu ankommenden "Provinzler" rasch in den Raum des sog. "Petersburger Mythos" einbezieht - die Petersburger Architektur. Damit sind nicht nur die wunderbaren Bauten gemeint. Davon gibt es in Petersburg genug, aber es gibt sie auch in anderen Städten. Petersburg ist demgegenüber die Stadt der geschlossenen architektonischen Einheiten. Das ganze Stadtzentrum bildet einen einzigen Raum, der nach den strengen Gesetzen von Rhythmus und Harmonie gestaltet ist. Faßt man das metaphorisch, so ist diese Stadt ein einziges Haus. In sowjetischer Zeit wurde diese Haus-Stadt weder zerstört, noch umgestaltet (im Unterschied zum bis zur Unkenntlichkeit veränderten Moskau). Um es mit den Worten des Philosophen Boris Groys zu sagen, "konnte man Stunden an endlos langen und geraden Leningrader Uferpromenaden und Hauptstraßen spazierengehen, ohne in irgend einer Weise die Sowjetmacht zu bemerken, und sich dabei als ein Bürger anderer Räume und Zeiten fühlen".
Das wurde zweifellos von der Verlegung der Hauptstadt nach Moskau begünstigt. Die Stadt, die ihren ursprünglichen Status und damit in gewisser Weise auch ihre Existenzberechtigung verloren hatte, erwarb sich eine neue, der ursprünglichen entgegengesetzte Bestimmung. Aus dem Zentrum eines repressiven Staates wurde ein Zentrum der heimlichen Opposition. Stalins mißtrauische Einstellung gegenüber der alten Hauptstadt und zugleich der Stadt der Revolution war also nicht ganz unbegründet. Bei erstbester Gelegenheit entwickelte sich dort ein anderes, unangepaßtes Denken, das aber nur in seltenen Fällen die Form des politischen Dissidententums annahm. Die nicht vorhandene Möglichkeit zur Einflußnahme auf die Wirklichkeit, die man in Leningrad viel stärker empfand als in Moskau, trieb die jungen Leute in eine andere Sphäre, in die der Kreativität und der Kunst. Und das war eine besondere, "Leningrader" Kreativität, die jenem Geist einer düsteren aristokratischen Zurückhaltung entsprach, welche man üblicherweise den Petersburgern nachsagte (im Unterschied zum emotionaleren Moskau).
Einst, in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, führten "russische Knaben" in Moskau endlose Streitgespräche zu Themen aus Philosophie, Politik und Ästhetik, um letzten Endes nach Abschluß ihres Universitätsstudiums nach Petersburg zu gehen, um dort Beamte, Revolutionäre, Unternehmer oder auch berühmte Journalisten... oder auf das bitterste enttäuscht zu werden. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben die Hauptstädte quasi ihren Ort gewechselt. In Petersburg-Leningrad entstanden die Ideen, in Moskau wurden sie verwirklicht - oder auch nicht. Ein gewisses Paradoxon liegt allerdings darin, daß etwa aus der Perspektive des Jahres 1980 das Jahr 1840 ungewöhnlich nahe lag. Die glänzende und grausame Hauptstadt aus der Epoche Nikolaus I und die stickige "Großstadt mit dem Schicksal der Provinz" (so ein pathetisches Zeitungsklischee aus der späten Sowjetzeit) waren miteinander durch die eine gedehnte Zeit und den unveränderten Raum des "Petersburger Mythos" verbunden.

2

Macht man sich ein Bild von Petersburg aus den Büchern russischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, so werden zwei völlig unterschiedliche Städte ins Bewußtsein gerufen.
Die erste ist die Stadt der prachtvollen Palais, errichtet von Architekten aus ganz Europa, von riesengroßen von Kolonnaden gesäumten Plätzen, von breiten Prachtstraßen, von granitgefaßten Kanälen, die die Harmonie der Architektur und das frische Grün südlicher Bäume widerspiegeln. Im Juni wird es in dieser Stadt nie dunkel, Verliebte schaukeln glücklich in Booten, über den Newa-Inseln trällern die Nachtigallen. Das ist die Stadt der prächtigen Bälle, zu denen man erst nach Mitternacht kommt, geradewegs aus dem Theater, wo man sich zuvor vom zauberhaften Tanz der gerade aktuellen "russischen Terpsychore" begeistern ließ. Die Stadt der forschen Gardeoffiziere, die auf dem Marsfeld exerzieren, immer im Bewußtsein der verliebten Blicke junger Damen aus der Stadt, die auf ihnen ruhen...
Die zweite Stadt ist ein Labyrinth von engen Hinterhofschächten, in die niemals ein Sonnenstrahl dringt. In diese Höfe schauen die Fenster der sog. "möblierten Zimmer", vermietet an Scharen von Beamten, die in den zahllosen Petersburger Kanzleien dienen. Niemals werden diese Leute ein eigenes Zuhause haben. Sie werden jung an der Tuberkulose sterben, die in dieser kalten und feuchten Stadt grassiert, oder an der Cholera, wenn sie Wasser aus den schmutzigen Petersburger Kanälen getrunken haben. Vielleicht werden sie auch Opfer einer der Flutkatastrophen, die fast jedes Jahr über die Stadt hereinbrechen, oder eines der Brände, die auch keine Seltenheit sind in diesen dicht bevölkerten, von Kachelöfen beheizten Wohnungen. Und etwas später ist das die Stadt der düsteren Fabriken in den Vororten.
Es wäre unklug, eine Grenze zwischen diesen beiden Welten nach dem einfachen Prinzip der Klassenzugehörigkeit ziehen zu wollen. Nein, alles hängt vom jeweiligen Gesichtspunkt ab. Die Architektur des "alexandrinischen Empire", für die sich Puschkin und seine Zeitgenossen begeistern konnten, schien den Menschen aus der Generation Dostojewskis öde und kasernenhaft. In vielen dieser prächtigen Bauten befanden sich nämlich wirklich Kasernen. (Am Beginn des 19. Jahrhunderts waren von 300.000 Einwohnern der Stadt 48.000 gemeine Soldaten und Unteroffiziere, das sind 16 %.) Das aristokratische "St. Petersburg" und das plebejische "Piter", wenn auch so voneinander verschieden, trafen ständig aufeinander und gingen eins in das andere über. Puschkin kannte zu seiner Zeit sowohl die winzigen Mietwohnungen in Kolomna (von den Armen der Ufergebiete bevölkert), wie auch die Bälle bei Hof. Diese Erfahrung hatte nicht nur er gemacht.
Hier, wo Armut und Reichtum, Schönheit und Häßlichkeit, Glück und Verzweiflung aufeinander trafen, in einer Welt, in der der Mensch so gut wie nichts hatte, was er sein Eigen nannte, wo sich vor jedem in jedem Augenblick die Aussicht auf eine unwahrscheinliche Karriere oder den spurlosen Untergang auftat, genau hier entstanden jene phantastisch-düsteren Sujets, die nach Meinung des bekannten Forschers W.N. Toporow die Basis des "Petersburger Texts" der russischen Literatur bilden.
"Die erfundenste Stadt auf der ganzen Welt" (Dostojewski), ausgedacht einst als die Verwirklichung des gesamteuropäischen Traums von der idealen, der richtigen Stadt, wurde für Rußland später zur Stadt par excellence - zum ersten und nachhaltigsten Experiment der Verbindung russischer Kultur mit urbanistischer Zivilisation. Bei diesem Experiment schwebte den Russen von Anfang an etwas Irrationales und Mystisches vor. Der Stadt, die ursprünglich als Verkörperung des rationalen Geistes der Aufklärung und des "faustischen" Pathos der Erkenntnis und Verwandlung der Natur (der russische Forscher Michail Epstein ist der Meinung, daß die Entstehungsgeschichte von Petersburg und die Berichte von der gewaltigen Flutkatastrophe im Jahr 1824 auf die Konzeption von "Faust II" Einfluß gehabt haben könnten) gedacht war, war es beschieden, im Bewußtsein der Nachkommen zur Stadt der Hirngespinste, der Halluzinationen zu werden, die nur durch ein Wunder, einen Zauber Bestand hat auf ihrem sumpfigen Grund.

Viele von den Kritikern der "deutschen" Hauptstadt, die Peter dem Land "aufgezwungen" habe, waren im Geheimen in diese Stadt verliebt. Viele von denen, die wie Dostojewski Petersburg für etwas Nachgemachtes hielten, ohne eigenes Gesicht, historisches Gedächtnis und ohne eigene Tradition, schufen mit ihren Werken eben dieses Gesicht und diese Traditionen. Und diejenigen, die am Beginn des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal den "Mythos von Petersburg" formulierten, wurden selbst zu dessen Komponente. Das Petersburg von Alexander Blok, Anna Achmatowa, Osip Mandelstam, wie auch der Maler aus der Gruppe "Welt der Kunst" tritt in unserem Bewußtsein heute gleichwertig neben Puschkins Petersburg.

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Die Ambivalenz von Petersburg kommt auch in jenen Traditionen zum Tragen, die die zeitgenössische Literatur aus der Vergangenheit übernommen hat.
Zu diesen Traditionen gehört auch ein strenger, feierlicher, etwas versnobter, nostalgischer und die profane Gegenwart mit leichter Verachtung betrachtender Neoklassizismus, der auf die Schule der Akmeisten, allen voran aber auf Anna Achmatowa, zurückzuführen ist. Die ungeheure Autorität der Achmatowa fußte nicht nur auf ihren Gedichten, sondern auch auf der Stellung, die sie in der russischen Dichtung der letzten Jahre ihres Lebens bis hin zu ihrem Tod 1966 innehatte. Sie, die die Hetzkampagnen der Stalinzeit überlebt hatte, wurde zum Bindeglied zwischen dem "Silbernen Zeitalter" (der Epoche vor der Oktoberrevolution - Achmatowa selbst hat diesen Begriff geprägt) und den bescheidenen literarischen Neuanfängen zur Zeit des Chruschtschow´schen Tauwetters. In ihr sah man die lebendige Verkörperung der ästhetischen und moralischen Werte einer vergangenen Zeit. Mit Achmatowa verband sich auch das Gedächtnis an ihre Freunde - allen voran an Osip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow. Mit der Dichtung Mandelstams, die viel schwieriger zu verstehen ist als Achmatowas eigene Gedichte, machten viele junge Dichter zum ersten Mal im Kreis um Achmatowa Bekanntschaft.
Unter diesen jungen Dichtern waren Alexander Kuschner, Anatoli Najman, Jewgeni Rejn, Dmitri Bobyschew und der von Achmatowa sofort entdeckte Josif Brodski. Aber auch andere pilgerten nach Komarowo (einem Ort auf der karelischen Landbrücke), wo Achmatowa in ihren letzten Jahren vorwiegend wohnte. Ihre Schüler befanden sich in einem Gegensatz zu den Moskauer Dichtern, die teils von Marina Zwetajewa und Boris Pasternak, vor allem aber von der damals modischen Lyrik Jewgeni Jewtuschenkos und Andrej Wosnesenskis beeinflußt waren. Der Hang zu Pathos und Effekthascherei sowie die Ausrichtung auf ein Massenpublikum kam bei den zurückhaltenden Bewohnern der "nördlichen Hauptstadt" nicht gut an. Es gab zwar unter den damals modischen Dichtern auch einen aus Lenin-grad - einen wirklichen Könner und echt tragischen Lyriker (dazu noch einen außergewöhnlichen Prosaautor), Wiktor Sosnora, dessen Talent sich auch dann noch weiterentwickelte, als das Interesse der großen Masse an ihm abgeebbt war. Dennoch war für die Leningrader Schule wohl die ungekünstelte, vom Interesse am Alltäglichen gezeichnete Lyrik eines Alexander Kuschner typischer, der die stilprägenden Verfahren des "Silbernen Jahrhunderts" adaptierte, um die innere Welt des sowjetischen Intellektuellen zu erschließen.
Es steht außer Zweifel, daß im Fall von Josif Brodski das Verhältnis zu dieser Tradition viel komplizierter war. Hinter dem verspäteten imperialen Pathos der Architektur des "alexandrinischen Empire" vermochte er eine weit ältere Weise zu vernehmen, die auf das Urbild - das Alte Rom, auf die Idee des Imperiums schlechthin, zurückging. Eine kalte Ewigkeit (sei es die Ewigkeit eines totalitären Staates oder die von Kunstwerken), die für sich Menschenleben als Opfer fordert - das ist eines der Hauptmotive seiner Dichtung. Ungeachtet jedoch eines tragisch verstandenen Charakters des Mythos von Petersburg (auch in seiner "wohlwollenden" neoklassischen Variante) ist auch Brodskis Dichtung von einer Liebe zur Heimatstadt durchdrungen, die nach der Emigration 1972 gezwungenermaßen einen nostalgischen Charakter annahm.
Der Wettstreit zwischen Kuschner und Sosnora in den Jahren 1970-1980 führte auch zu einer Konkurrenz zwischen den von ihnen geleiteten Dichterklassen, wobei der Neoklassizismus des ersteren wohl mehr Anhänger fand als die avantgardistische Poetik des anderen. Brodski hatte keine direkten Schüler, er hatte aber Hunderte von Nachahmern. Die hohe technische Qualität von Leningrader neoklassischen Gedichten mußte nicht zwangsläufig auch ein Beweis sein für das Talent und die Eigenständigkeit ihrer vielen Verfasser. Eben dieses Epigonentum hatte jener Moskauer Kritiker im Sinn, der da schrieb, daß es "gute, schlechte und Leningrader Gedichte gibt".
Die andere Petersburger Tradition, von Absurdität und trauriger Mystik geprägt, fand in den 20er und 30er Jahren im Schaffen jener Dichter ihren Ausdruck, die sich in der Gruppe OBERIU ("Vereinigung der Realen Kunst") zusammengefunden hatten. Die Welt der Erzählungen eines ihrer bedeutendsten Vertreter, Daniil Charms, ist eine verrückte und sinnlose Stadt, voll von schwarzem Humor und bevölkert von Monstern und Marionetten, mit denen die allerseltsamsten Dinge passieren - das ist vielleicht die notwendige letzte Seite in jener idealen Anthologie von "Petersburger Texten", die wir volens nolens in unserem Bewußtsein erstellen. Und Charms selbst, groß, mürrisch und mager, in karierten Hosen und mit dem winzigen Clown-Hut auf dem Kopf, die ewige Pfeife in den Zähnen, mit einem Dackel, der auf den Namen "Hoch lebe die Erinnerung an die Schlacht am Thermopylen-Paß" hört, an der Leine, ist ihr letzter Held.
Die Tradition des Absurden und der Groteske, die von OBERIU herkommt, wurde an der Wende 1950/1960 von ganz unterschiedlichen Autoren aufgegriffen. Aus dieser Tradition kommt zum einen die soziale Ironie von Wladimir Ufljand, zum anderen die "seltsame", aber erhabene und reine Lyrik von Leonid Aronson (der erst jetzt, mehr als drei Jahrzehnte nach seinem vorzeitigen Tod, als einer der größten russischen Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anerkannt ist). Diese Tradition lebt natürlich auch in den Texten von Arkadi Bartow fort, des einzigen Petersburger Vertreters einer so typischen Moskauer Richtung wie des Konzeptualismus.
Ich möchte aber noch an einen Dichter erinnern, der mit dieser Tradition verbunden ist und dessen persönliches Schicksal mir sehr charakteristisch erscheint - charakteristisch für Petersburg in einer tragischen Weise. Ich lernte Oleg Grigorjew einige Jahre vor seinem Tod kennen. Nicht sehr groß, mager, mit Mütze und in einer verschmierten alten Jacke sah er aus wie ein gewöhnlicher Arbeiter, der sich mit anderen um Bier anstellt. Er mußte tatsächlich seinen Lebensunterhalt mit physischer Arbeit bestreiten. Man hätte nicht gedacht, daß dieser "Proletarier" eine Spezialschule an der Akademie der Künste absolviert hatte, ein begabter Maler und ausgezeichneter Dichter war, dazu noch ein Kenner der klassischen Malerei und Musik. In seinen kurzen, einfachen, aber ungeheuer erfinderischen Gedichten, die häufig den Grafitti auf Zäunen ähnlich waren, kam die grausame Absurdität der menschlichen Existenz zur Sprache, wie sie am besten nur der Lumpenproletarier versteht. Einige von diesen Vierzeilern kursierten in ganz Rußland, niemand aber wußte, von wem sie stammten. Grigorjew wurde zweimal verurteilt, einmal wegen "Müßiggang" und einmal wegen einer Schlägerei mit einem Milizionär. Er war Alkoholiker und starb in äußerster Armut, zu einer Zeit, als er eben anfing berühmt zu werden. Zu Lebzeiten wurden von ihm - ähnlich wie bei Charms - nur Kindergedichte gedruckt, aber auch die wurden bisweilen von der Zensur verboten.
Solche Schicksale gab es viele. Ein populärer Rocksänger der 1980-er Jahre prägte das Wort von der "Generation der Hausmeister und Nachtwächter". In manchen Fällen war das die bewußte Entscheidung von Menschen, die keine Kompromisse mit dem System eingehen wollten; andere wieder sahen einfach keine Chance, ihre Kräfte zu erproben. Die Schicht der Intellektuellen in Leningrad war zu keiner Zeit geringer als die in Moskau, sie waren aber nicht gefordert. Und auch die Zensur war hier strenger. Kuschner, Sosnora, Gleb Gorbowski und Andrej Bitow schafften es, ihre ersten Bücher in den verhältnismäßig liberalen 1960er Jahren herauszubringen, was ihre spätere Karriere begünstigte. Aber das Schicksal eines so talentierten Prosaschriftstellers wie Rid Gratschow wurde auch davon nicht mehr erleichtert - die Krankheit, die seine literarische Karriere zunichte machte, steht zweifellos auch in Verbindung mit der bedrückenden Atmosphäre der Ausweglosigkeit, die in Leningrad am Ende der Sowjetzeit herrschte.
Umso größer ist das Verdienst jener jungen Autoren, die in den Jahren nach 1970 jegliche Hoffnung auf eine offizielle Publikationsmöglichkeit verloren hatten und daraufhin ihre eigenen Periodika herausgaben (in 5-10 maschinschriftlichen Exemplaren verbreitet), Lesungen und literarische Seminare in ihren kleinen Wohnungen veranstalteten. Dieses ganze inoffizielle literarische Leben, das es auch in anderen Städten gab, das sich aber gerade in Leningrad konzentrierte, bedeutete eine ständige Verärgerung der Machthaber. Schon 1964 hatte man Brodski zu fünf Jahren Verbannung verurteilt, als Reaktion auf die Verbreitung seiner Gedichte in getippten Abschriften aus dem "Samisdat". Unter dem Druck der Öffentlichkeit wurde er bald wieder entlassen, er mußte aber aufgrund weiterer Verfolgungen emigrieren. Hausdurchsuchungen, Vorladungen zum KGB und ähnliches standen auch bei vielen anderen Dichtern auf der Tagesordnung. Erst in den letzten Jahren der Sowjetzeit fand sich das Regime mit der Existenz von nicht offiziellen Schriftstellern und Künstlern ab und ermöglichte ihnen legale Auftritte, wenn auch nur vor einem in der Regel kleinen Publikum.
Die Autoren, die im nicht offiziellen literarischen Leben engagiert waren, waren unterschiedlich begabt, ihre Namen aber wurden zum Aushängeschild der zeitgenössischen russischen Literatur. Die Namen von Jelena Schwarz und Wiktor Kriwulin sind bereits gefallen, ich möchte noch einen Namen nennen - Sergej Stratanowski. Es gibt noch andere, Dichter vor allem. Es war nämlich schwieriger, längere Prosatexte unter den Bedingungen des "Samisdat" vorzutragen und zu verbreiten. Deshalb ist die Petersburger Prosa der letzten Jahrzehnte insgesamt schwächer als die Lyrik (und schwächer auch als die Moskauer Prosa).
Das alles gehört der Vergangenheit an; jetzt steht die Literatur in Petersburg vor neuen Problemen. Ein kulturelles Leben, das sich noch vor kurzer Zeit einzigartig vorkam, verfällt bis zu einem gewissen Grad ins Provinzielle. Es hat den Anschein, daß das Leben nach Moskau abwandert. Viele begabte Lyriker und Prosaschriftsteller sind dorthin übersiedelt, andere sind ins Ausland gegangen (einige, wie der in der Emigration verstorbene Sergej Dowlatow, sind in ihrer Heimat berühmt geworden). Es gibt in der Stadt viele gute Verlage, aber nur wenige Zeitschriften. Die Jungen finden nicht immer ein Forum für ihre Versuche, finden nicht immer ihren Platz im Rahmen der Petersburger Tradition, des Petersburger Mythos. Dieser Mythos ist allerdings immer noch präsent, wenn er sich auch wandelt und weiterentwickelt.

Petersburg als ein kulturelles Phänomen, als der seltsame Traum Rußlands und Europas, besteht weiterhin in seiner örtlichen Lokalisierung, in der Zeit und Ewigkeit.

Aus dem Russischen von Alois Woldan, Salzburg/Passau


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