Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2000

LICHTUNGEN - 83/XXI. Jg./2000

Schwerpunkt:
Literatur aus Lemberg/Lwiw/Lwow

Kunstteil:
Oliver Ressler

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
83 / XXI. Jg. / 2000, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Oliver Ressler, Nachhaltige Propaganda, 2000


EDITORIAL

ÜBER "DIE POETIK DER GRENZE"

Seit einigen Ausgaben der LICHTUNGEN findet sich immer ein besonderer Teil mit dem Titel "Die Poetik der Grenze" abgedruckt. Es sind essayistische Kostbarkeiten, die bisher von Persönlichkeiten aus Italien, Polen, Bosnien, Kroatien, Ungarn, Rumänien, Deutschland und zuletzt Jugoslawien - in dieser Nummer um einen Gast aus Belgrad - geschrieben wurden. Sie alle waren und sind Gäste der Stadt Graz im Rahmen des Projektes "Die Poetik der Grenze", dies schon im Hinblick auf "Graz - Kulturhauptstadt Europas 2003". Sie wohnten als writers in residence für einige Wochen auf dem Schloßberg und widmeten sich der ihnen gestellten Aufgabe, über das Phänomen Grenze zu schreiben. Sie blickten, möglicherweise auf Spaziergängen, oftmals nachdenklich über die berühmte Dachlandschaft, über diese ihnen vielleicht noch unbekannte Stadt, die immer an einer Bruchlinie lag, die die religiöse und politische Geschichte zwischen Mittel- und Osteuropa erzeugt hat.
Der Titel "Die Poetik der Grenze" mag in der Tat verwundern - geprägt vom bosnischen Dichter Dzevad Karahasan, Stadtschreiber in Graz und Leiter dieses angesprochenen Projektes. "Die Poetik der Grenze" ist ein Titel, der bereits in sich den Hinweis auf eine literarische Form des so schwierigen Themas Grenze beinhaltet. Das Wort Grenze bewegt die abendländische Philosophie seit der Antike - mit den beiden Polen Endlichkeit und Unendlichkeit. Die Grenze - was ist das? Wer nach den Grenzen fragt, ist gezwungen, sprachliche Umschreibungen anzuwenden; er spricht dann vom Ausgegrenzten, vom Umgrenzten oder vom Abgegrenzten, aber nicht davon, woran oder worin oder wozwischen die Grenze verläuft - also nicht von der Grenze selbst. Und dazu verschärft die natürliche Begrenztheit der Sprache diese merkwürdige Undefinierbarkeit der Grenze.
Doch ohne Sprache(n) gäbe es kein Gespräch. Aber gerade die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts hat jenes Mißtrauen gegen die Sprache artikuliert, hat jene eigenartige Brüchigkeit der Sprache, jenen Ort von Mißverständnissen aufgedeckt. Hatte Martin Heidegger die Sprache noch als "Haus des Seins" bezeichnet, so ist Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus mit den Grenzen der Sprache befaßt - sein Aufweis der sprachlichen Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Un-Sagbaren. Die Grenze ist existentiell: "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische." (6.522) und "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." (7) Die Radikalität dieser Aussage Wittgensteins liegt in dem unscheinbaren Wort "zeigt", denn damit entzieht sich die Grenze und damit auch die Erfahrung der Grenze sprachlicher Vermittlung. Die Grenze zeigt sich!
Diesen großen Problemkreis poetisch abzuschreiten, vielleicht im Sinne eines schreibenden Zeigens oder zeigenden Schreibens, bedurfte eines Begleiters, der um diese Grenzlandschaften weiß und auch ein Kind derselben ist. Der Dichter Dzevad Karahasan verkörpert den Typus des Grenzüberschreiters - als Kenner des Islams und des Christentums. Philosophisch hält er fest, daß Identität per definitionem mit der Grenze verbunden ist; Grenze verleiht den Erscheinungen ihre Identität, indem sie sich durch Grenze vollenden - Grenze ist Vollendung. Bis zum Ende des Kulturhauptstadtjahres 2003 werden im Vorhaben "Die Poetik der Grenze" weitere Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur, Theater, Musik, Film, Philosophie, Soziologie, Theologie usw. - vielleicht auch aus Wirtschaft und Politik - aus ganz Europa nach Graz kommen, um eine Erhellung des Fragenkreises Grenzphänomen zu leisten, um die Grenze durch Tanz, Bild, Film, Gedicht, Musik usw. zu artikulieren, denn die Grenze zeigt sich. Sie werden nachdenken, vielleicht auch über die unbekannte Stadt blicken, über die Grenze in der Sprache zu schreiben versuchen, über die Grenze in den Künsten, in der Religion, in Wissenschaft und Politik ... Die Essays werden weiterhin in den LICHTUNGEN veröffentlicht. Es ist für eine Literaturzeitschrift eine schöne Aufgabe, inmitten virtueller Grenzenlosigkeiten von meist flüchtiger, überbordender scheinbarer Kommunikation, ernst und ruhig, meist literarisch, über die Erfahrungen von Grenzen im menschlichen Raum- und Zeiterleben zu berichten. Eine deutsche Autorin, kürzlich zu Gast in Graz, hinterließ einen für unsere Zeit feinen Gedanken:
Literatur ist Kommunikationsunterbrechung.

M. J.


INHALT

 
   
 
LITERATUR    
Krzysztof KOEHLER Ein Zeitgedicht: Lemberg/Lwów (Auszug)
3
D˛evad KARAHASAN Die Reise der schönen Jutte - (Ein Mirakel)
4
Henning ZIEBRITZKI Gedichte
16
Birgit PÖLZL Vernichtung
19
Hans Georg BULLA Stürzen (Notizen für Gedichte)
32
Leopold LANGS Der Mann, der mich erschoß (Erzählung)
35
Christian TEISSL Entwurf einer Landschaft (Gedichte)
38
   
 
LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWOW
10. Stadt im Literaturprojekt: “transLOKAL – Literatur aus europäischen Städten”
Zusammenstellung und Übersetzungen: Prof. Dr. Alois WOLDAN, Universität Passau
Alois WOLDAN Lemberg in der Literatur - Literatur in Lemberg (Einleitung)
41
ANONYM (um 1590) Wappenspruch von Leopolis
46
ANONYM (1609) Lamentatio oder Rede an seine Majestät den König
47
Bohdan Ihor ANTONYTSCH Gedichte
48
ANONYM (1945) Lemberg/Lwow wartet (Gedicht)
50
Jozef WITTLIN Mein Lemberg/Lwów
52
Marian HEMAR Erde aus Lemberg/Lwów (Gedicht)
53
Andrzej KUSNIEWICZ Rückwende (Prosaauszug)
55
Krzysztof KOEHLER Lemberg/Lwow (Gedicht)
58
Jurij ANDRUCHOWYTSCH Gedichte/Samijlo von Nemyriw, Banditenfürst in Glanz und Herrlichkeit
64
Ihor TRATSCH Dichtungen
76
Wiktor NEBORAK Der Punkt auf der Kostomarowa
77
Tymofij HAWRYLIW Gedichte
82
Birgit MÜLLER-WIELAND Lemberg (Gedichte)
86
   
 
NEU VORGESTELLT  
 
Walter HELD Hofmann oder: Die Liebe ist eine Himmelsmacht (Romanauszug)
87
Walter HOCH Lohn einer Nacht (Erzählung, Auszug)
93
   
 
KUNST  
 
Werner FENZ Nachhaltige Kunst. Zu Oliver Resslers Projekt über die Expo 2000
99
Oliver RESSLER „Nachhaltige Propaganda“, 2000 - Ein künstlerisches Insert
100-114
     
“DIE POETIK DER GRENZE” (9.Teil)
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz –
gemeinsam mit GRAZ – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003
Ivan COLOVIC Dichter als Verteidiger des geistigen Raumes der Nation
115
   
 
ZEITKRITIK  
 
Erhard BUSEK „Die Zunge reicht weiter als die Hand“
121
Andrea SAILER Noch ist das Lied nicht aus oder: Der Blues am Ende des Jahrtausends
129
   
 
ZU DEN AUTOREN  
133


"DIE POETIK DER GRENZE" (9. Teil)
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz im Hinblick auf:
GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Ivan COLOVIC
DICHTER ALS VERTEIDIGER DES GEISTIGEN RAUMES DER NATION


Kulturelle Grenzen sind der Ort fruchtbarer Spannung, sagt Dzevad Karahasan an einer Stelle. Sie sind die Grundlage der Identität, denn "genau hier, in dem, was sie begrenzt, überwindet eine Identität die dumpfe Übereinstimmung mit sich selbst und öffnet sich gegenüber etwas ganz anderem". Aber kulturelle Grenzen werden dann gefährlich, wenn ihre "Übersiedelung aus der inneren in die äußere Wirklichkeit" mit Waffengewalt betrieben wird. Das ist im letzten Krieg in Bosnien geschehen, als die "Grenze aufhörte, Ort der Spannung zu sein und Anlaß zum Konflikt wurde".
Schwerlich wird man eine genauere Beschreibung dessen finden, was extreme Nationalisten mit dem dichten Netz kultureller Grenzen in Bosnien, aber auch anderswo im ehemaligen Jugoslawien, getan haben. Trotzdem glaube ich nicht, daß es zu der "Wanderung der Grenzen", von der Karahasan spricht, auf die Weise kommt, daß man aus der inneren Realität der Mannigfaltigkeit der Kulturen mit einem Schlag in die äußere Realität gegeneinander abgegrenzter Nationalstaaten wechselt. Grenzen wandern, und sie gehen diesen Weg , aber unterwegs verändern sie sich, sie erleiden eine Art innerer Neuordung, die ihrer Veräußerlichung vorangeht. Bevor sie in die äußere Realität gelangen, werden sie nationalisiert, national präpariert, verwandeln sie sich in Zeugnisse des sogenannten "nationalen geistigen Raumes". Und wenn die Wanderung der Grenzen später ihre Fortsetzung findet und sie zu Rampen, Baracken und Bunkern werden, bleiben die zuvor abgesteckten Grenzen des "geistigen Territoriums" ihre Hauptreservestellung. In diese Stellung wird die Nation zurückkehren, in ihr wird sie sich verschanzen, sollte sie die Kontrolle über ihren geographischen Raum ganz oder teilweise verlieren. In dieser Stellung wird sie sich umgruppieren, Verstärkung organisieren und sich auf ein Wiederbesetzen des Verlorenen vorbereiten. Deshalb werden die Grenzen des "geistigen Raumes" einer Nation vielleicht auch mit mehr Sorgfalt befestigt als die physischen Grenzen eines Nationalstaates. Bei dieser Wach- und Reinerhaltung des Nationalgeistes, d. h., der sorgfältigen Abgrenzung gegen alles Fremde, kommt der kulturellen Elite der Nation die Hauptrolle zu, und in ihr wiederum sind es die großen Schriftsteller, an ihrer Spitze die Dichter. Menschen der Feder sind es somit, die aufgerufen sind, die Hauptgrenzwächter der Nation zu sein, die Wächter ihrer geistigen Grenzen, um die Wehr der Nation zu festigen und Wache zu halten, lange bevor sie sich auf irgendeinem Grenzberg oder in irgendeinem Schützengraben wiederfindet.
Es ist daher kein Wunder, daß bei den modernen Nationen die Dichter hoch im Kurs stehen. Ihr Geschäft wird immer als der nationalen Sache dienlich angesehen. In Friedenszeiten dient ihr Werk zumeist der vormilitärischen Ausbildung in Patriotismus. Die Grundschüler - mancherorts auch Heimkinder - sind dem Terror des obligatorischen Auswendiglernens und Aufsagens patriotischer Gedichte ausgesetzt. Wenn sie erwachsen sind, sollen sie durch zahllose Dichterporträts und -denkmäler auf öffentlichen Plätzen, durch Schulen und Straßen, die ihre Namen tragen, an ihre patriotischen Aufgaben erinnert werden. Karahasans Roman "Sara und Serafina" beginnt mit der Erinnerung an ein Gespräch des Autors mit Albert Goldstein, der da unter anderem sagt: "Der menschliche Aufenthalt auf dieser Welt findet im Schatten von Bronzefiguren statt ... Mit Bronzefiguren meine ich Denkmäler als Symbole eines bestimmten Wertesystems, als unumgänglichen Bestandteil der politischen Ordnung, als Zeichen des Staates." Aber noch niemand hat gezählt, ob es in unserer Stadt mehr "Bronzefiguren" gefallener Kämpfer oder toter Dichter gibt, die dazu dienen, Ruhm und Macht des Staates zu symbolisieren.
Der Dichter ist für die Nation vor allem in Zeiten großer Krisen und Kriege von Nutzen, wenn er aufgerufen ist, mit seinen bildhaften und berührenden Worten den Menschen Mut zu machen und ihren Kampf zu verherrlichen. Entgegen der verbreiteten Meinung, daß, wenn die Kanonen sprechen, die Musen schweigen, erwachen sie gerade im Krieg und singen mit lauttönenden Stimmen, die an Kanonendonner erinnern. Wenn die Nation in Gefahr ist, weist sie sogar ihren "exkommunizierten" Dichtern eine konstruktive Rolle zu und heftet ihnen die nationale Verdienstmedaille an. So hat selbst Rimbaud, das "enfant terrible" der französischen Poesie, seinen Platz in einer Formation nationaler Kämpfer. In dieser Eigenschaft sehen wir ihn auf einer Zeichnung von Jean Effel aus dem November 1944. Neben ihm sehen wir noch andere französische Schriftsteller in Habtachtstellung, darunter Émile Zola und Apollinaire. Vor dieser Literaturkompanie steht Victor Hugo, in seiner Eigenschaft als Kommandant. Auf seinen Anruf hin antworten die Schriftsteller einmütig mit "angetreten!" Eine Erklärung zu der Zeichnung besagt, daß hier die "Force française de l'au-dela" vorgestellt werde, was sich mit "Französische Himmelsarmee" übersetzen ließe.

Die ersten, die für die Anerkennung der Bedeutung der Lyrik für die nationale Sache gestritten haben, waren Philosophen und Schriftsteller aus der Zeit der Romantik. Für sie waren Gedichte, seien sie nun Volkslieder oder nach deren Muster gesungene Strophen, Ausdruck eines inneren Wesens, das häufig mit Geist oder Seele in Verbindung gebracht wurde: Volksgeist und Volksseele. Es waren philosophische und ästhetische Konzepte, die von Anfang an auch ideologische und politische Bedeutung besaßen. Die Idee, das Volk sei eine Art kollektiver Persönlichkeit und die Dichtung jener Ort, an dem sich der spezifische Charakter dieser Persönlichkeit bzw. das Wesen des Volkes finden lasse, war ein wichtiges Element der neuen Strategie der politischen Machtlegitimierung in dem Augenblick, als das ancien régime zu Ende ging. Die Macht berief sich nicht mehr auf eine göttliche Instanz - sie behauptete nicht mehr, sie sei im Namen Gottes da -, sondern rechtfertigte sich als Macht im Namen des Volkes. Und schon haben wir da die Dichter als die Berufensten, etwas über das Volk zu sagen, über diesen neuen Helden des politischen Mythos. Ihre Aufgabe ist es herauszufinden, wer und wie beschaffen dieser Held ist, und das Fundament dessen zu finden, was heute als nationale Identität bezeichnet wird. Das sollen sie mit ihren Versen tun oder, besser noch, indem sie Volkslieder veröffentlichen, die sie fleißig und mit patriotischer Begeisterung gesammelt und entsprechend redigiert haben. "Eine kleine Sammlung solcher Lieder", sagt Herder, "aus dem Munde eines jeden Volks ... in eigner Sprache, zugleich gehörig verstanden, erklärt, mit Musik begleitet ... von all diesem bekämen wir doch bessere Begriffe als durch Plappereien des Reisebeschreibers ..."
Die patriotischen Bearbeiter und Herausgeber von Volksliedern, deren Arbeit in Europa Ende des 18. Jahrhunderts einsetzt, waren am meisten darum bemüht, das feine Netz feiner und nichtexistenter kultureller Grenzen - sei es sprachlicher, religiöser, ethnischer Natur - durch eine endgültige Grenze zu ersetzen, durch die Grenze der Nationalkultur, indem sie das sprachlich und stilistisch vielfältige folkloristische Material in der festen Überzeugung vereinheitlichten, auf diese Weise das Bild eines einheitlichen Nationalgeistes, so wie er von Gott selbst geschaffen wurde, am besten vermitteln zu können. Heute heißt das: den geistigen Raum seiner Nation abstecken. Wenn Alain Finkielkraut in seinem Buch La defaite de la pensee das überragende Interesse der Deutschen an nationaler Identität nach der Niederlage bei Jena und der Besetzung durch Napoleons Truppen beschreibt, hebt er die Rolle der Dichter bei der Konstruktion dieser Identität und ihres Kultes hervor. "Den Dichtern kommt die Aufgabe zu", sagt er, "diesen nationalen Genius gegen das heimliche Eindringen fremder Ideen zu schützen, die Sprache zu säubern und deutsche Wörter lateinischer Herkunft durch andere, rein germanische Ausdrücke zu ersetzen, die verschüttete Schatzkammer der Volkslieder auszugraben und sich bei der dichterischen Arbeit an das Muster der Folklore zu halten, diesen Zustand der Frische, Unschuld und Vollkommenheit, in dem die Individualität des Volkes noch einmal unversehrt durch jeden Kontakt ist und sich mit einer einzigen Stimme Gehör verschafft".
Aber gesagt werden muß auch, daß Schriftsteller und Philosophen jener Zeit bemüht waren, ihre Suche nach der Identität der eigenen Nation in der Dichtung, vor allem in der Volksdichtung, auch wenn sie zumeist von patriotischen Gefühlen inspiriert war, mit dem Interesse an anderen Völkern und ihrer Dichtung zu verknüpfen. Der Nationalismus der Romantiker strebte immer danach, sich im universalistischen Rahmen zu bewegen. Angefangen mit Herder, dem ersten, der den Volksgeist zu einem Paradigma der Epoche machte, bis hin zur Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde das Interesse an der eigenen Nation und Dichtung, in der sich ihr spezifischer Geist angeblich materialisiert hatte, als legitimer und sozusagen natürlicher Aspekt des Interesses an der Menschheit interpretiert. "Man kann nicht bestreiten", schreibt der Historiker der europäischen Folklore, Giuseppe Cocchiara, "daß die Erforschung der Folklore immer zu einem Überschreiten der geistigen und kulturellen Grenzen jedes einzelnen Volkes geführt hat, um schließlich zur Anerkennung einer breiteren Gemeinschaft zu gelangen, einer Gemeinschaft, die die Völker als solche vereint (...) In Wirklichkeit hat die Folklore die Wissenschaftler dazu gebracht, in deutscher, englischer, französischer und russischer oder sonst einer Sprache und zur gleichen Zeit, um einen Ausdruck Madame de Staëls zu verwenden, 'auf Europäisch' zu denken".
Von der Breite des Horizonts, der sich vor Herders Augen auftat, zeugt vielleicht am besten die Tatsache, daß wir bei ihm keine einzige Sammlung deutscher Volkslieder finden, wenngleich er eine Anthologie der Volksdichtung verschiedener europäischer Völker hinterlassen hat. Nach seinem Tod wurde diese Anthologie, die der Autor einfach mit "Volkslieder" überschrieben hatte, ein zweites Mal unter einem Titel veröffentlicht, der ihren Inhalt näher bestimmt: "Stimmen der Völker". Herder hegte keinen Zweifel daran, daß diese vielfältigen Stimmen von der deutschen Leserschaft mit Verständnis aufgenommen würden, daß sie sich einer allmenschlichen, genauer: für alle Menschen gültigen göttlichen Harmonie unterordnen. Oder in der bildhaften Sprache Heines gesagt: Herder hat die ganze Menschheit als eine riesige Harfe in der Hand eines großen Künstlers (Gott) gesehen, und jedes Volk dieser Riesenharfe als eine Saite mit besonderem Klang."
Diese idyllische Landschaft friedlicher und harmonischer Koexistenz in ihrem Wesen - auf komplementäre, kompatible Weise - unterschiedlicher Völker sollte sich schrittweise verfinstern, was infolge des Wandels des frühen Nationalismus, des Nationalismus der romantischen Dichter und Philosophen, zu einer Ideologie nationaler Hegemonie und des Rassismus führte. Herders Volksgeist, ein zu Beginn gutmütiger und friedliebender Geist, wurde später oft eingefangen und in die Zauberlampen der verschiedensten Tyrannen, Diktatoren und Massenführer gesperrt, die aus ihm eine erschreckende, gegen die humanistischen und kosmopolitischen Ideen seines Erfinders gerichtete Waffe zu schmieden verstanden. Beginnend mit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis in unsere Tage dienen die Verbreitung der Liebe zur Dichtung, der Kult der Volkslieder und ihrer Sänger, meistens dazu, die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen uns und den anderen, zwischen unseren Freunden und unseren Feinden hervorzuheben, ein Gefühl der Angst und des Hasses gegen alles zu wecken, was unsere Grenzen und unsere in Grenzwachen verwandelten nationalen Heiligtümer angeblich bedroht hat.
Eine solche Entwicklung hat durchaus ihre innere Logik. An ihrem Anfang steht die Idee der Verwurzelung jeder Nation in ihrer spezifischen und unwiederholbaren Kultur. Für die später auftretenden Radikalnationalisten war es nicht schwer, dieser Idee einer vom autonomen Geist geleiteten Nation eine schmalbrüstige moralische und politische Bedeutung zu verleihen, die der von Herder und seinen Nachfolgern propagierten universalistischen Ethik der Toleranz und des gemeinsamen Lebens in Harmonie entgegengesetzt war. Das fiel ihnen deshalb nicht schwer, weil sie auf dem Bild der harmonischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Kulturen, die sie von den romantischen Dichtern und Philosophen geerbt hatten, auch das vorfanden, was sie selbst gern sahen: daß die Kulturen hier als ein für allemal getrennte präsentiert werden, als durch eine Art natürliche und zugleich göttliche Grenzen abgeteilte Räume. Sie sahen, daß für die Romantiker Kontakt und Austausch zwischen den Kulturen möglich, annehmbar, ja, wünschenswert sind, aber daß sie an der Oberfläche bleiben, als Geste gegenseitiger Toleranz und als Manifestation der Friedensbereitschaft, und sie konnten auf Grund dessen zu dem Schluß kommen, daß die verschiedenen Nationen, außer der Tatsache, daß sie auf dieser Welt eine neben der anderen leben, in Wirklichkeit nichts Gemeinsames haben. Sie konnten ebenfalls bemerken, daß sie dem romantischen Erbe auch dann treu blieben, wenn sie der Meinung waren, daß die Nationalkulturen autonom, unverbunden, jede in ihrem partikularen Geist verwurzelt und auf ihn reduziert sind, und daß Gott selbst es war, der zwischen ihnen die Kluft der Unvergleichlichkeit ausgehoben hat, von der unlängst, allen Menschen ringsum Angst einjagend, der Populärphilosoph der Zivilisationskonflikte Samuel Huntington gesprochen hat.
Wenn die Radikalnationalisten zugeben müssen, daß die Nationalkulturen, z. B. die Nationaldichtungen, doch irgendeinen gemeinsamen Maßstab haben, dann sagen sie, daß dieser Maßstab erst sub specie aeternitatis gelte, das heißt, vor dem Auge Gottes, oder nur dann, wenn die Kulturen als naturwissenschaftliche Phänomene betrachtet werden und man herausfindet, daß ihre allgemeine Morphologie ein gemeinsame ist. Auch darin können sie sich mit Recht auf die Romantiker berufen, vor allem auf Herder. Ist denn nicht klar, werden sie sagen, daß Herder, wenn er von der Harmonie der Völkerstimmen spricht, nur an die moralische Idee der Harmonie zwischen den Völkern denkt, an ihre Brüderschaft und gegenseitige Toleranz, und keineswegs an ein gemeinsames Maß (im musikalischen wie im axiologischen Sinne), das aus den Dingen selbst, das heißt, aus den Volksliedern, als ihr immanenter Regulator abgeleitet werden kann?

Im Mythos vom geistigen Raum der Nation decken sich die Grenzen dieses Raumes im Großen und Ganzen mit den Grenzen der Nationalsprache. Deshalb war auch für die Nationalisten im ehemaligen Jugoslawien die Sprachenfrage die Frage der Bewahrung der nationalen Identität. Die Existenz einer für Serben, Kroaten und Bosnier gemeinsamen und in linguistischer Hinsicht identischen Sprache hinderte die nationalen "Spracharbeiter" nicht, drei nationale Sonderidiome zu konstruieren. In den Jahren der Krise und des Zerfalls Jugoslawiens wurde das Feiern der Sprache als Bastion, Schild und letzte Zuflucht der Nation geradezu zu einem paralinguistischen Kult. Die Sprache wurde zum Heiligtum, dessen Pflege den nationalen Linguisten und Literaten oblag. Sie sei, wie sich der heute in Serbien äußerst einflußreiche Dichter Matija Beckovic ausdrückt, "unsere unsichtbare Kirche", die Priester aber dieser Kirche seien die Dichter, die "Priester der Sprache". Dementsprechend nennt Beckovic sein Buch, in dem er diese Gedanken vorträgt, Sluzba (Dienst, Gottesdienst).
Linguisten und Literaten haben die Aufgabe, darauf zu achten, daß das Heiligtum Sprache nicht geschändet, nicht verraten oder gestohlen werde. Der kroatische Akademiker Bozidar Finka ist der Meinung, die kroatische Sprache sei das "bedeutendste kroatische Merkmal" und daß "wir nicht das Recht haben, bei der Bewahrung dieses Merkmals, dieses kroatischen Heiligtums, müde zu werden". Eine ähnliche Warnung, nur viel dramatischer, richtete der Linguist Radmilo Marojevic, eine Zeitlang Dekan der Philologischen Fakultät in Belgrad, an die Serben, als er unlängst davon sprach, daß "jeder Verrat ein Verrat ist, daß aber der kulturelle Verrat des serbischen Volkes der größte nationale Verrat ist und daß man, wenn man die Sprache verrät, auch die eigene Geschichte und die eigene Zukunft verrät". Zum Unterschied von Marojevic hat sein Kollege Milos Kovacevic, Autor eines Buches mit dem kämpferischen Titel "Zur Verteidigung der serbischen Sprache und weiter", keine Angst vor Verrätern, sondern vor Dieben, denn seiner Meinung nach ist die serbische nationale lingua sacra ein Gut, das die mit den Serben zusammen und in ihrem Umkreis lebenden Völker gerne stehlen. "Kein Serbe", sagt er, "hat seine Sprache verkauft, sondern sie wurde von Stärkeren, als wir es sind, gestohlen, und die wußten sehr wohl, daß sie, wenn sie die Sprache stehlen, auch das Volk stehlen."
Und doch. In vorderster Front der um das Heiligtum Nationalsprache Besorgten stehen die Literaten, und unter ihnen die Dichter. Letztere spielen in dieser Sache die entscheidende Rolle, denn die Nationalsprache befindet sich heute angeblich in einem solchen Zustand, daß die Wege zu ihrem tiefsten Geheimnis verborgen und verschlungen sind. Auf diesen Wegen können nur besonders Begabte und Vorbereitete hinab und hinaufsteigen, und das sind, vor allen anderen, die Dichter. Ausgehend von dem Bild des Wesens der Sprache als etwas für die Nation entscheidend Wichtigem, aber zugleich schwer Zugänglichem, sozusagen Ungreifbarem, laufen in der mythischen Rede parallel zueinander zwei Geschichten um. Die eine besagt, daß die Sprache das Beständigste in der Nation sei, ihre Grundlage, ihre festeste geistige Grenze. Möglicherweise besitzt sie diese fundamentale Bedeutung infolge ihrer ungewöhnlichen Widerstandskraft, die bewirkt, daß sie auch dann weiterbesteht, wenn ringsum alles zu Grunde geht, wie ja auch, den Worten Matija Beckovics zufolge, einzig die serbische Sprache die Schlacht auf dem Amselfeld überlebt hat: "Die Sprache ist das einzige, was auf dem Amselfeld nicht hingemäht wurde, denn die Sprache brennt nicht, sie schmilzt nicht, nichts Schneidendes, kein Blei kann ihr etwas antun." Dank dieser Widerstandskraft der Sprache wird die Nation in schweren Zeiten in ihr eine letzte Zuflucht finden und aus ihr eine letzte Bastion machen. Aber parallel zu diesem Lob ihrer granitenen Festigkeit spricht der Mythos des in der Sprache ruhenden nationalen Seins oft auch von der ungewöhnlichen Empfindlichkeit und Gefährdung der Sprache. Er ist voller trauriger und dramatischer Beschreibungen verschiedener häßlicher und abstoßender Dinge, die diesem nationalen Heiligtum angetan werden, als würde es keinen Widerstand leisten, allen möglichen Arten des Verderbens, Verunstaltens und Beschmutzens rasch erliegen und zudem eine leichte Beute all jener werden, die diese Sprache verraten, stehlen oder vernichten wollen.
Diese beiden parallelen und einander widersprechenden Geschichten im Mythos von der Nationalsprache als etwas Unbrechbarem und zugleich Sprödem gibt es deshalb, weil im Kern dieses Mythos ein binäres Schema der Temporalität steckt. Nach diesem Schema scheidet sich die Zeit der Nation in eine Epoche der Fülle, Homogenität, klaren Abgegrenztheit, die oft als "goldene Epoche" bezeichnet wird, aber verlorengegangen ist, und in eine unrichtige, "trübe" Zeit, eine Epoche innerer "Zerwürfnisse" und äußerer Unabgegrenztheit, etwas, in dem die Nation lebt und in dem die "nationalen Arbeiter" zur Erweckung rufen, zur Rückkehr "an die Quellen" und "Grundlagen", zur Erneuerung der verlorenen nationalen Einheit und klar definierter Grenzen des nationalen geistigen Raumes. Das Bild der reinen, festen und monolithischen Sprache geht einher mit der Beschwörung der wahren, aber verlorenen Epoche der Nation, und das Lamento über ihre Befleckung und ihre Verderbnis stellt einen Topos nationalistischer Jeremiaden über den heutigen Zustand der Nation dar. Doch auch in diesen Trauergesängen ist die Möglichkeit offen gelassen, daß sich auch heute, wo die Sprache, wie auch alles andere Nationale, zwar vernachlässigt und verdorben, in einigen Schichten, in einzelnen Wörtern und in manchen Mundarten besser als an anderer Stelle, Spuren der verlorenen Authentizität bewahrt haben. Genug zu tun also für einen der Nation ergebenen Dichter, der dank seinem Talent und seiner Mühe imstande ist, diese wertvollen Spuren zu finden und, was noch wichtiger ist, sich vollständig der Evozierung jenes inneren Wesens der Sprache zu widmen, das in ihr bewahrt ist. Dank dem Dichter als nationalem Medium findet dieses Tiefste, Verborgenste in der Sprache - und das ist der Mythos des Nationalgeistes - Ausdruck und öffnet sich dem nationalen Kollektiv. Sich ihrer erhabenen Aufgabe unterordnend, machen sich diese Dichter frei von der eitlen Ambition, im eigenen Namen zu sprechen, und lassen es die Sprache selbst sein, die durch ihren Mund spricht. Denn der Kult der nationalen Sprache als einer Zuflucht des Wesens der Nation, als einer Quelle ihrer "Geistigkeit", ihrer "Heiligkeit", verlangt, ebenso wie der Kult im engeren, religiösen Sinne, vom Priester, von Gläubigen und Initianten, das heißt in diesem Fall, von den nationalistischen Dichtern und ihrem Publikum, völlige Hingabe, Verzicht auf individuelles Bewußtsein und persönliche Freiheit, Abkehr vom Profanen, und bietet als Gegenleistung etwas angeblich unvergleichlich Stärkeres, Tieferes, Volleres: die Erfahrung der nationalen Transzendenz.
Die Linguisten wissen, daß das Wesen in der Sprache west, aber ohne Dichter bliebe dieses Wesen eitel und leer, wie auch das heilige Geheimnis der Religion ein leeres und äußerliches Wissen bliebe, würde es sich nicht von Zeit zu Zeit im Ritual verkörpern und im Wunder des Glaubens manifestieren. Dank dieser nationaldichterischen Metanoia lassen sich die Konturen eines neuen nationalistischen Menschen erahnen, bei dem es kein Auseinanderklaffen von individuellem und nationalem Bewußtsein mehr gibt. Aber dieser Mensch ist eher ein religiöses, oder genauer: ein parareligiöses als ein historisches Projekt. Das läßt sich daran ablesen, daß auch der Mythos der nationalen Entfremdung, wie auch andere verwandte Mythen von Vertreibung und Fall, das Motiv des freudevollen Wissens besitzt, des Wissens eines glücklichen eschatologischen Ausgangs, der die Apotheose der Nation sein soll, in der sie mit all ihren toten, lebenden und noch ungeborenen Angehörigen in einen riesigen Chor verwandelt ist, der mit lauterer, authentischer, einheitlicher Sprache das Gloria singt. Für sich selbst, denn hier gibt es keine anderen, noch wird es jemals andere mehr geben.
Die Suche nach der transzendentalen und sakralen Erfahrung in der Sprache, besonders in der Poesie, ist der Geschichte der europäischen Literatur nicht unbekannt, vor allem wenn die Rede von jenen Epochen und jenen Schulen ist, in denen die dichterische Transzendenz, die mystische Erfahrung im Vordergrund stand. Es genügt, bei dieser Gelegenheit George Bataille zu erwähnen, in unserem Jahrhundert einer der einflußreichsten Vertreter der Auffassung von Literatur als einer sakralen, inneren Erfahrung, der der Meinung war, daß "alles, was sakral ist, poetisch ist, und alles, was poetisch ist, sakral." Vom Hauptstrom der europäischen Tradition metaphysischer und mystischer Literatur, die Zeugnisse eines universellen wertvollen Suchens "zwischen Tag und Traum", an den Grenzen des Bewußten und Aussprechbaren, im Raum von Mensch und Natur, hinterlassen hat, gilt es allerdings, die Tradition der nationalen Propagandaliteratur und ihren "Mystizismus" zu unterscheiden, der nach geheimen, sakralen, mystischen Quellen und Grenzen der Nation als einer spirituellen Entität forscht. Ovids Worte Est deus in nobis haben die Dichter als Grenzwächter des nationalen geistigen Raumes in ein Est natio in nobis umgemünzt. Auch diese Tradition hat ihre reiche Geschichte, deren Erhellung im Rahmen der Erforschung der Geschichte der europäischen politischen Ideologie und Symbolik sicher Aufmerksamkeit verdiente.

Aus dem Serbischen von Klaus Detlef Olof, Klagenfurt


10. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
im Rahmen GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003
gemeinsam mit dem Grazer Stadtmuseum und dem Cultural City Network (CCN).
Das literarische Städteprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz besonders gefördert.

10. STADT: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWOW

Zusammenstellung, Redaktion und Übersetzungen: Prof. Dr. Alois Woldan, Universität Passau Das Städteprojekt "Literatur aus Lemberg/Lwiw/Lwów" wird von der Österreichischen Botschaft in Kiew/Ukraine und dem Österreichisch-Ukrainischen Kooperationsbüro für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Lwiw/Lemberg unterstützt.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen, soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und südosteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Alois WOLDAN
LITERATUR IN LEMBERG

Zum Gedenken an Prof. Roman Lypka (1921-1999), einen wahren Lemberger

Schon die mehrsprachige Bezeichung dieser Stadt - griechisch-lateinisch Leopolis, polnisch Lwow, ukrainisch Lwiw und deutsch Lemberg, verweist auf deren Zugehörigkeit zu zumindest ebenso vielen kulturellen und literarischen Traditionen, die in dieser Stadt im Lauf ihrer Geschichte anzutreffen waren. Wenn wir bei der Übersetzung der angefügten Texte den Namen dieser Stadt jeweils in seiner unterschiedlichen sprachlichen Form beibehalten haben, so soll damit die Verwurzelung jedes einzelnen Textes in seiner spezifischen Tradition unterstrichen werden. Auch die Historiographie dieser Stadt trägt diesem Umstand Rechnung, wenn etwa eine der ältesten Stadtgeschichten von Lemberg, vom Ratsherren und Bürgermeister Jozef Bartlomiej Zimorowic (1597-1677) im 17. Jahrhundert in lateinischer Sprache verfaßt, mit "Leopolis triplex" betitelt ist; der Verfasser, übrigens auch ein prominenter Vertreter der polnischen Barockdichtung, teilt die Geschichte seiner Stadt in eine "Leopolis Russica" (von 1202-1292), "Leopolis Germanica" (von 1338-1594) und "Leopolis Polonica" (von 1551 bis in seine Gegenwart) ein, weiß aber ebenso gut um andere ethnische Gruppen in der Stadt wie Armenier, Tataren und Juden, die schon seit deren Gründung 1270 durch den ruthenischen Fürsten Lew Danylowytsch hier ansässig waren.
Was daran verwundert, ist wohl die Bezeichnung "Leopolis Germanica" für das 14., 15. und 16. Jahrhundert, lang bevor die Stadt mit der Ersten Teilung Polens 1772 österreichisch und damit in einem gewissen Sinn auch "deutsch" wurde. Für Zimorowic ist nicht die politische Zugehörigkeit zur Polnischen Krone, sondern das Magdeburger Recht und die diversen deutschen Gründungen entscheidend für die deutsche Phase in der Geschichte der Stadt, sein Drei-Komponenten-Modell ist also nicht staatspolitisch, sondern kulturhistorisch begründet, und es entspricht auch nicht unbedingt der ethnischen Zusammensetzung dieser Stadt, denn auch im Spätmittelalter und in der Renaissance stellten nach den Polen und Ukrainern zweifellos die Juden und nicht die inzwischen polonisierten Deutschen die drittgrößte Gruppe der Lemberger Bevölkerung dar; "Leopolis triplex" ist also ein Versuch, die kulturelle Vielfalt dieser Stadt aus ihrer Geschichte, in der eine kulturelle Schicht von der nächsten überlagert wurde, zu erklären, was umgekehrt auch keine sekundäre Aufspaltung einer gemeinsamen, gewachsenen Tradition in diverse nationale und sprachliche Komponenten zuläßt.
Einige der Straßenbezeichnungen in der Lemberger Altstadt, die im Unterschied zu vielen Straßen aus späterer Zeit ihren ursprünglichen Namen behalten haben, verweisen auch heute noch auf das Nebeneinander unterschiedlicher ethnischer Gruppen auf engstem Raum, innerhalb der Stadtmauern: die "Armenische Straße" ("vul. Virmens´ka") mit ihrer einzigartigen Kathedrale, dem Sitz eines armenischen Erzbischofs, die "vul. Rus´ka" (nicht die "Russische", sondern die "Ruthenische", d.h. ukrainische Straße), die von einer für die orthodoxen Ruthenen ebenso wichtigen Kirche, der Himmelfahrtskirche (Uspens'ka cerkva) abgeschlossen wird, die "Jüdische Straße", in der die älteste und wichtigste Lemberger Synagoge "Zur goldenen Rose" stand. Die lateinische Kathedrale schließlich liegt als quasi "übernationale" Kirche nicht in einer der "nationalen" Straßen, sondern an der nordwestlichen Ecke des Ringplatzes (von poln. "rynek" = Marktplatz), der ursprünglich von den Patriziern der Stadt bewohnt wurde, gleich ob sie polnischer, deutscher, griechischer, armenischer oder sonstiger Abstammung waren. Diese Straßen samt ihren Bauwerken lassen sich wie eine Projektion der komplexen Geschichte Lembergs auf die zweidimensionale Ebene des Stadtplans lesen, als das Modell eines Nebeneinander, das aufgrund seiner großen Nähe zwangsläufig zu einem Miteinander werden mußte.
Ein Beispiel dafür ist die "vulicja Rus´ka", die "Ruthenische Straße", in der im Spätmittelalter der ukrainische Teil der Stadtbevölkerung lebte, der ungeachtet seiner geringen Zahl ab dem 16. Jahrhundert das geistige Leben der Stadt wesentlich mitprägte. Die "Lemberger Bruderschaft", entstanden nach dem Vorbild mittel- und westeuropäischer Laienbruderschaften, strebte eine Reform des kirchlichen und geistigen Lebens ganz im Sinn der Reformation an; 1585 wird ihr Statut vom Patriarchen Joachim aus Antiochien bestätigt, sie ist ab jetzt eine "Stauropegische Bruderschaft", die direkt der Jurisdiktion des Patriarchen untersteht (im "Stauropegischen Institut" - einer Forschungs- und Verlagseinrichtung - bestand diese Institution bis ins 20. Jahrhundert). Ein Jahr später entstand die berühmte Bruderschaftsschule, ein Pendant zur schon seit dem Spätmittelalter bestehenden lateinischen Domschule, die - entsprechend dem sozialen Status der Ruthenen in der Stadt - eine bürgerliche Schule war, in der Griechisch und Kirchenslawisch unterrichtet wurde, im Unterschied auch zum Kollegium der Jesuiten, das gut zehn Jahre später gegründet, nur für Söhne des Adels offen stand und in Latein und Polnisch lehrte. Älter noch als die Schule der Bruderschaft ist deren Druckerei, die für die pädagogische und publizistische Tätigkeit der Bruderschaft ebenso wichtig wie für das kirchliche Leben war - dort wurden Lehrbücher, liturgische Bücher, aber auch die ersten Versuche einer schöngeistigen Schuldichtung gedruckt. So finden wir in der 1591 erschienenen griechisch-kirchenslawischen "Grammatika Adelphotes" auch die ersten emblematischen Verse auf die Stadt Leopolis, wobei die für die frühe ukrainische Literatur so typische Gattung des Wappenspruchs aus westlichen Traditionen übernommen ist; Lemberg war auch in diesem Fall bevorzugter Ort des Transfers. Unter den Lehrern der Bruderschaftsschule finden sich Schriftsteller, Gelehrte und Prediger, die ihre Karriere in der Regel erst weiter nördlich und östlich, in Wilna, Kiew und Moskau machten und heute zu den großen Vertretern der älteren ukrainischen Literatur gehören.
Zur selben Zeit entstand in unmittelbarer Nähe des ukrainisch-reformatorischen Schrifttums eine Renaissance-Literatur in lateinischer und polnischer Sprache, die von polnischen Patriziern der Stadt gepflegt wurde. Zu deren wichtigsten Vertretern gehört Sebastian Fabian Klonowic (1545-1602), der in seinem berühmten, mit einem mythologischen Namen der Ukraine betitelten Poem "Roxolania" auch eine Beschreibung Lembergs gibt, die zweifellos dem "laus urbi", dem Stadtlob, verpflichtet ist. Klonowic rühmt neben der Frömmigkeit dieser Stadt auch ihren Reichtum, weiß um ethnische und religiöse Unterschiede in deren heterogener Bevölkerung, ist aber in bezug auf die jüdische Gruppe in dieser Stadt nicht frei von deutlich antisemitischen Vorurteilen.
Wie eng ethnische und konfessionelle Zugehörigkeit miteinander verbunden sind und in dieser Verbindung auch zum Instrument der Diskriminierung werden können, zeigt ein Text von ukrainischer Seite aus jener Zeit, eine mit "Lamentatio" überschriebene Petition der Lemberger Ruthenen an den polnischen König kurz nach 1600, die in krassen Farben die Benachteiligung ruthenischer Handwerker durch die polnischen Zünfte schildert. Hinter diesem Text ist deutlich die durch die Kirchenunion von Brest (1596) veränderte gesellschaftliche Situation zu spüren - wer nun nicht katholisch oder zumindest griechisch-katholisch (= "uniert") ist, der hat auch in den Lemberger Zünften nichts zu suchen. Die orthodoxen Lemberger Ruthenen, die einige Jahrzehnte lang dieser Union nicht beigetreten waren, hatten also allen Grund zur Klage, wenngleich sie diese in einer reich mit Polonismen und Latinismen, quasi mit Argumenten von der Gegenseite angereicherten Sprache formulierten.
Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts läßt sich mit den ersten deutschsprachigen Berichten über das seit 1772 österreichische Kronland Galizien und Lodomerien auch Deutsch im Chor der Stimmen in und über Lemberg feststellen, nicht mehr als Sprache der mittelalterlichen "Leopolis germanica" - diese war fast nur das Lateinische -, sondern als Sprache der österreichischen Verwaltung, in der zunächst Schematismen, Almanache, Kalender und auch Schulbücher gedruckt, dann aber auch die erwähnten Berichte über diese Stadt veröffentlicht wurden, die das Interesse des gebildeten Lesers in deutschen Landen für das exotische Neuland im Osten befriedigen sollen. Franz Kratters "Briefe über den itzigen Zustand von Galizien" (1786) messen die Verhältnisse dort an gewohnten Standards in deutschen Städten - der Verfasser stammt aus Bayern - und kommen zu einem ziemlich fatalen Bild: Rückständigkeit, Unordnung und Liederlichkeit allüberall sind eine Folge der generellen Unaufgeklärtheit, in der der Hauptunterschied zwischen dem aufgeklärten Europa und den "Entwicklungsländern" am östlichen Rand der Habsburgermonarchie liegt. Auch der Chevalier Alphons Traunpaur, der als österreichischer Offizier jahrelang in Galizien stationiert war und aufgrund dieser Erfahrungen in seinen "Dreyßig Briefen über Galizien oder Beobachtungen eines unpartheyischen Mannes..." (1787) Kratters extreme Ansichten zurechtrücken wollte, kommt in seinem abschließenden Urteil über Galizien und dessen Hauptstadt zu keinem wesentlich anderen Schluß - so interessant und exotisch die Zustände dort auch sein mögen, sie sind für einen modernen, gut funktionierenden Staat aber nur hinderlich und müssen deshalb entscheidend verbessert werden. Die Tradition des "laus urbis", die sich vom Mittelalter an ungebrochen durch die Literatur der Renaissance und Barockzeit zieht, wird nun aus dem Geist der Aufklärung unterbrochen und teilweise sogar ins Gegenteil verkehrt.
Nach diesem Exkurs in die literarische Vergangenheit der alten Leopolis bis in die österreichische Zeit soll Literatur aus und über diese Stadt aus jüngerer Zeit präsentiert werden, aus jener Zeit nämlich, da Lemberg nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie zunächst zum polnischen Lwow (1918-1939), später zum russifizierten Lwow (1944-1989) und schließlich wieder zum ukrainischen Lwiw (ab 1991) wurde. Das literarische Leben in dieser Stadt äußerte sich nun fast ausschließlich in zwei Sprachen, dem Polnischen und dem Ukrainischen - der modernen Bezeichnung für das "Ruthenische" vergangener Jahrhunderte; die jüdischen Autoren Galiziens bedienten sich entweder des Polnischen oder des Deutschen, und viele von ihnen waren, wie etwa Joseph Roth und Manès Sperber, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Westeuropa geblieben. Aber auch so mancher junge ukrainische Dichter war in den Wirren dieses Krieges in die Emigration gelangt - z.B. Bohdan Lepykj nach Krakau und Olexander Oles´ nach Prag. Die zweifellos größte dichterische Begabung der jungen ukrainischen Literatur im polnischen Ostgalizien nach 1918 stellt Bohdan Ihor Antonytsch (1909-1937) dar, der sein ganzes Leben in Lemberg zubrachte. Mit seiner suggestiven Bildhaftigkeit, seinen spezifischen Farben und seinen Experimenten mit Laut und Reim steht Antonytsch zwischen der Moderne und der Avantgarde und hat mit seinen Gedichten wie auch seinen poetologischen Aufsätzen eine starke Wirkung auf die ukrainische Literatur in Lwiw bis heute ausgeübt.
Auch wenn sich die Zentren der polnischen Literatur nach 1918 in Krakau und Warschau herausbildeten, wohnte eine Reihe prominenter polnischer Autoren nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie zuvor in Lwow - allen voran die Vertreter der polnischen Moderne Jan Kasprowicz (1860-1924) und Gabriela Zapolska (1857 -1921). Andere, jüngere kamen dazu, nahmen dort für kürzere oder längere Zeit ihren Aufenthalt, freiwillig oder als Flüchtlinge vor den deutschen Truppen in September 1939 - prominentestes Beispiel dafür ist Tadeusz Boy-Zelenski (1874-1941), der von den deutschen Besatzungstruppen bei einer Vergeltungsaktion erschossen wurde. Das politische Spektrum unter den polnischen Autoren in Lemberg in den Jahren der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkriegs war äußerst breit gefächert, es umfaßte überzeugte Kommunisten ebenso wie verunsicherte Intellektuelle und Untergrundkämpfer gegen die Deutschen. Gemeinsam aber war ihnen allen eine große Sympathie für diese Stadt, von der man hoffte, daß sie nach der Befreiung von den Deutschen wieder polnisch sein würde. So werden etwa in dem anonymen Gedicht "Lwow wartet" die alten Topoi aus dem "Stadtlob" vergangener Zeiten mobilisiert für den Tag, an dem wieder alles sein sollte wie früher. Zu der Zeit, da dieser Text entstand, im Früjahr 1945, wurden aber in Jalta bereits die neuen Grenzen in Europa verhandelt, die Lemberg und Ostgalizien nach mehr als sechshundert Jahren von Polen abtrennen und dem sowjetischen Machtbereich eingliedern sollten. Kurz darauf begannen die Deportationen der polnischen Bevölkerung, die auch während des Zweiten Weltkriegs noch mehr als die Hälfte der Gesamteinwohnerzahl der Stadt ausmachte.
Seit jener Zeit beginnt aber auch die literarische Rekonstruktion des alten, multinationalen Lemberg, getragen von einer wehmütigen Erinnerung an das, was nun endgültig verschwunden ist - die Buntheit dieser Stadt, die einem einheitlichen sozialistischen Grau weichen mußte. Schon im Jahr 1946 verfaßte der polnisch-jüdische Autor Jozef Wittlin in seinem New Yorker Exil ein Buch, das mit "Moj Lwow"/"Mein Lwow " betitelt ist, obwohl er in dieser Stadt nicht geboren wurde und auch nur einige Jahre dort verbracht hatte. Lemberg ist für Wittlin der Ort der multikulturalen Synthese schlechthin - und dafür spricht einmal mehr die Architektur: "Schon die Lemberger Architektur bildet eine Synthese - die deutsche Gotik, die italienische Renaissance, das polnische und das österreichische Barock bilden hier eine Einheit, und das ist der Grund für die Schönheit dieser Stadt" ("Moj Lwow" 1991, S.13). Lemberg hat aber - als Ort des literarischen Gedächtnisses - synthetische Qualitäten auch in einer anderen Hinsicht - es vermag Gestalten aus unterschiedlichen historischen Epochen in einem überzeitlichen "Jetzt" zu vereinen. So beschließt Wittlin sein Buch mit einem imaginären Corso, in dem die Lebenden Hand in Hand mit den Toten spazieren - Franz Xaver Mozart und Leopold v. Sacher-Masoch sen. aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die polnischen und ukrainischen Kämpfer aus dem Jahr 1918, die Mitglieder des jüdischen Fußballverbands aus der Zwischenkriegszeit u.a.m.
Typisch für die große Zahl der Lemberg-Texte, die von polnischen Emigranten aus dieser Stadt in den Jahren der Nachkriegszeit veröffentlicht wurden, ist die "Erde aus Lwow" von Marian Hemar, einem Chansonnier und Satiriker, der im Lemberg der 20-er Jahre zu den bekanntesten Vertretern der leichten Muse gehörte und auch Mitarbeiter eines populären Radiosenders war; in der Emigration hat Hemar andere Töne angeschlagen, um das Gedächtnis an jenen Ort und auch an jene Zeit, von der eine ganze Generation polnischer Emigranten durch die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts abgeschnitten wurde, in angemessener Form zu bewahren.
Die literarische Rekonstruktion als die unter den Bedingungen der Volksrepublik Polen oder auch des politischen Exils einzig mögliche Form des Rückgriffs auf die Stadt der eigenen Kindheit und Jugend schließt aber den freien und kreativen Umgang mit deren Realien nicht aus, im Gegenteil, bedarf seiner, wenn sie über die bloße Erinnerung an das Einst hinauskommen will. Ein Beispiel dafür ist Andrzej Kusniewicz' (1904-1993) letzter Roman, "Nawrocenie"(1987), was sowohl eine Um- und Rückkehr wie auch eine Bekehrung im religiösen Sinn bedeuten kann. Es geht dem Autor, einem führenden Vertreter der polnischen Prosa in den Jahren nach 1960, der selbst in Ostgalizien unweit von Lemberg geboren ist, um eine Umkehr im zeitlichen Sinn aus der Situation eines "Jetzt" in den späten 1980-er Jahren in jenes "Einst", das zeitlich und räumlich in "Der Stadt" lokalisiert ist, deren Beschreibung eine große Nähe zum polnischen Lwow der Zwischenkriegszeit aufweist, wenngleich dieser Name nie genannt wird. Diese Rückkehr als Leistung des erinnernden Gedächtnisses bedarf, soll sie gelingen, eines Ortes, an den bestimmte Vorfälle gebunden sind. So kommt Kusniewicz´ Erzähler immer wieder an den Ringplatz zurück, an dessen vier Seiten er unterschiedliche nationale und politische Gruppierungen ansiedelt: Polen, Juden und Ukrainer, Konservative, Nationale und Sozialisten, die - gerade noch - miteinander auskommen, bevor sie sich mit Beginn des Zweiten Weltkriegs gegeneinander stellen werden. Alles, was für den Verlauf der Erzählung von Bedeutung ist, ist um den Ringplatz angesiedelt, der damit zum räumlichen Modell einer geschlossenen Welt wird, was an archaische Vorstellungen vom Weltquadrat bis hin zu Heideggers "Geviert" denken läßt. Als Rückkehr in eine bessere Zeit des - wenn auch nicht konfliktfreien - Miteinanders von Polen, Ukrainern und Juden vor dem Holocaust ist diese Reise in der Erinnerung zugleich auch Bekehrung und Bekenntnis zum multinationalen Lemberg.
Für die polnische Literatur nach der politischen Wende von 1989 ist Lwow kein Thema mehr, und Texte, die auf diesen zentralen Topos im polnischen historischen Bewußtsein bezug nehmen, sind selten; sie finden sich am ehesten noch bei sog. "neo-klassischen" Vertretern der jungen polnischen Dichtung, für die der Umgang mit der Tradition auch im Rahmen der neuen politischen Situation von Bedeutung ist. Krzysztof Koehler, 1963 in Tschenstochau geboren und heute in Krakau ansässig, hat keine persönlichen Bindungen an diese Stadt, greift aber auf sie zurück im Rahmen einer Überlegung über den Stellenwert von Zeit, Vergangenheit und Erinnerung im Rahmen einer scholastisch beeinflußten Seins-Philosophie.
Ganz anders seine Altersgenossen im heutigen ukrainischen Lwiw, die - als die Nachgeborenen und mehr oder minder zufälligen Erben einer jahrhundertealten Tradition ganz anders mit dieser umgehen - unvermittelt, unbefangen und auch unverfroren, aber dennoch sensibel für das, was einmal war, wenn es auch nur als Fragment überdauert hat. Den Fragmenten der alten Leopolis begegnen die jungen ukrainischen Autoren der 80-er und 90-er Jahre nicht im Museum, sondern auf den Straßen und Plätzen ihrer Stadt, wo diese allerdings mit Elementen aus späterer Zeit, darunter auch Versatzstücken der Sowjetkultur, kontaminiert sind. Dieses groteske Neben- und Übereinander evoziert nicht die melancholische Kontemplation, sondern das befreiende Lachen und den kreativen Umgang mit diesen Resten der alten Zeit in der eigenen literarischen und künstlerischen Praxis. Nicht von ungefähr entstand gerade in Lwiw um die Mitte der 80er Jahre, zeitgleich mit der Perestrojka in Rußland, eine der wichtigsten literarischen Gruppierungen der ganzen Ukraine - die Gruppe BU-BA-BU, was für Burleske-Balagan (= Schaubude) und Buffonade steht. Drei junge Dichter, damals noch keine dreißig Jahre alt, Jurij Andruchowytsch, Wiktor Neborak und Olexander Irwanez, nahmen der Lyrik den tierischen Ernst, trugen das dichterische Wort hinaus auf die Straße, lang ehe es in gedruckter Form nachzulesen war, und funktionierten die Dichterlesung um zur inszenierten Autoren-Show und zum Happening, mit dem sie Hunderte begeistern konnten. Das Material aber, aus dem sie ihre Texte formten, war urbaner Natur - Leopolis bot sich als reiche Fundgrube und großes Sammelsurium der verschiedensten Traditionen an, aus dem man sich je nach Belieben bediente, ganz im Sinn der Postmoderne, die mit dieser Dichtergeneration auch in der Ukraine Einzug hielt. So greift etwa Andruchowytsch den historisch belegten Einsturz des Lemberger Rathauses von 1826 auf, um daran eine mysteriöse Unterweltgeschichte zu knüpfen, benutzt das Sargporträt einer deutschen Bürgersfrau als Ausgangspunkt für eine groteske Liebeserklärung und setzt sich und seinen Weggefährten ein literarisches Denkmal an der Stelle vor der Lemberger Oper, wo noch vor wenigen Jahren das Lenin-Denkmal stand - wohl wissend um die literarische Tradition des "exegi monumentum". In seiner Erzählung vom Banditenfürsten Samijlo von Nemyriw entwirft er eine literarische Figur, die in ihrer Plastizität, Frivolität und Irrationalität den Vergleich mit den großen Schwerenötern der Weltliteratur nicht zu scheuen braucht und schlechthin als "neobarock" bezeichnet werden kann.
Anders ist der Rückgriff auf Lemberg bei Wiktor Neborak, der weniger die historische, als eine mystische Leopolis beschwört, eine Stadt mit einer einzigartigen Aura hinter allen kunsthistorischen Vorzeigeobjekten, zu welcher nur die moderne Kunst einen Zugang bietet, das symbiotische Neben- und Miteinander von Dichtung, Musik und Malerei in Lwiw in den letzten zwei Jahrzehnten. Mit seiner Schilderung der Lemberger künstlerischen Bohème in einem typisch sowjetischen Café auf der Kostomarowa-Straße schlägt er auch die Brücke zur ersten Bohème in Lemberg - der ukrainischen Künstlergruppe "Moloda Muza"/"Die Junge Muse" vor und während des Ersten Weltkriegs. Typisch ist, daß Neborak diese quasi realistische Milieuschilderung in einem Gedicht aufhebt, verallgemeinert und ins Atmosphärische überführt.
Heute sind die Mitglieder der Gruppe BU-BA-BU (die als solche übrigens nicht mehr besteht) fast vierzig, eine neue poetische Generation der Dreißig- und noch nicht Dreißigjährigen ist angetreten, die einmal mehr "ihre" Stadt Lwiw zum Thema wählen, wenngleich nicht mit der Intensität, wie das die Generation zuvor tat. Tymofij Hawryliw, ein ebenso sensibler wie begabter junger Dichter, der seine vorzügliche Beherrschung des poetischen Instrumentariums auch bei seiner Trakl-Übersetzung ins Ukrainische unter Beweis gestellt hat, beschließt seinen ersten Lyrikband, "Arabesky pamjati"/"Die Arabesken des Gedächtnisses" mit einem Zyklus "Leopolis"; behutsam und respektvoll geht der junge Mann mit Topoi um, die nun wieder durch ein Gedächtnis vermittelt sind, um sie nach Mustern, nach Farben, nach der Geometrie der eigenen Imagination anzuordnen. Das homogene Stimmungsbild tritt an die Stelle der bunten Collage, die Neomoderne scheint über die Postmoderne gesiegt zu haben.
So wie Lwiw für Hawryliw am Beginn einer poetischen Entwicklung steht, so scheint diese Stadt für einen anderen zeitgenössischen ukrainischen Dichter Fluchtpunkt und Ziel einer immer wieder unternommenen Rückkehr sein - für den aus Lwiw gebürtigen und seit Jahren in Deutschland als Arzt tätigen Ihor Tratsch, dessen jüngster Lyrikband "Poeziji"/ "Dichtungen" (1999) nicht nur in Lwiw erschienen, sondern auch dieser Stadt gewidmet ist. Tratsch gehört keiner der erwähnten Generationen und Gruppierungen an, er ist in der Emigration auf sich gestellt und nicht in einem kreativen Milieu verwurzelt wie seine Altersgenossen in der Ukraine, mit der ihn aber das Lwiw-Thema verbindet. Ein einziger Besuch im heutigen Lemberg genügte für Birgit Müller-Wieland, eine junge österreichische Autorin, die heute in Berlin lebt, um ein Gedicht entstehen zu lassen, in dem das Wissen um die Spuren der Vergangenheit eine oft verblüffende Verbindung eingeht mit einer ebenso unvoreingenommen wie unmittelbar registrierten Gegenwart in einem postkommunistischen Land. Einmal mehr ist es der Blick von außen, in einer Sprache formuliert, die mehrmals nach Galizien hineingetragen wurde - Deutsch -, der ein anderes, komplementäres Lemberg-Bild zeigt, als die bodenständigen, konkurrierenden Traditionen des Polnischen und Ukrainischen.


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