Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2000

LICHTUNGEN - 82/XXI. Jg./2000

Schwerpunkt:
Literatur aus Dublin

Kunstteil:
Georg Held

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
82 / XXI. Jg. / 2000, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Georg Held, Graz, Ohne Titel, 2000


INHALT

 
     
LITERATUR  
 
Paula MEEHAN Ein Zeitgedicht: Nachtgebet
3
Leopold FEDERMAIR Der absolute Krimi
4
Klemen PISK Gedichte
16
Ewart REDER Todestraining (Erzählung)
20
Gregor M. LEPKA Gedichte
23
Adam ZIELINSKI Jan, vordem Jossele (Erzählung)
25
Harald GORDON „Lebensländlich“ (Gedichte)
32
   
 
ALOIS HERGOUTH, EIN STEIRISCHER DICHTER - 75 JAHRE
 
Alois HERGOUTH Gedichte
35
   
 
LITERATUR AUS DUBLIN
 
(9. Stadt im Literaturprojekt: „transLOKAL –
 
LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN“)  
Zusammenstellung, Redaktion und Übersetzungen: Mag. Dörte ELIASS, Wien
 
Dörte ELIASS Zur literarischen Auswahl
38
Brendan KENNELLY Dublin - Redselige Stadt
39
Dörte ELIASS Interview mit Paula Meehan
40
Ralf SOTSCHECK Dublins turbulente Geschichte
45
Brendan BEHAN Pferde-Protestanten
49
Brendan BEHAN In einem Buchladen aufgeschnappt (Erzählung)
51
Tony CAFFERKY Baulox (Romanauszug)
53
Mary MORRISSY Rosa (Erzählung)
56
Anne ENRIGHT Gleichgültigkeit (Erzählung)
60
Sara BERKELY Der Haken (Erzählung)
64
Emma DONOGHUE Die Geschichte vom Kuß (Erzählung)
66
Eavan BOLAND Dublin im Jahre 1909 und heute (Romanauszug)
72
Brendan KENNELLY Gedichte
74
Eavan BOLAND Gedichte
77
Paula MEEHAN Gedichte
80
Katie DONOVAN Gedichte
85
Nessa O’MAHONEY Gedichte
87
Yvonne CULLEN Gedichte
89
Enda WYLEY Sokrates im Park (Gedicht)
91
   
 
NEU VORGESTELLT
 
Sabine KORDAN Stach (Erzählung)
94
Kirstin BREITENFELLNER Gedichte
101
   
 
KUNST  
 
Werner FENZ Die Realität des Bildes als Bild des Realen.
 
  Zu den Fotos von Georg Held
103
Georg HELD Umschlag und Kunstteil: Ohne Titel, 2000
1, 104-118
   
 
„DIE POETIK DER GRENZE“ (8.Teil)
 
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz – im Hinblick auf:
 
GRAZ – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003
 
Istvan EÖRSI Grenzen und Grenzfälle
119
   
 
ZEITKRITIK  
 
Hermann LÜBBE Europäische Aufklärung - eklektisch
124
Walter LADINIG Das Jahrtausend ist tot - es lebe das Millennium
130
   
 
ZU DEN AUTOREN  
135


EDITORIAL

AUF DER SUCHE NACH DEN "LITERARISCHEN ORTEN"

In der Atemlosigkeit unserer Zeit, in einer neuen "Weltgesellschaft", worin der einzelne, der neue "flexible Mensch" (Richard Sennett), damit beschäftigt ist, ja sein muß, den Anschluß an den nächsten Quantensprung im Bereich der Neuen Medien nicht zu versäumen, stellt sich die immer dringendere Frage nach den wirklichen Lebensorten. Dafür gab es früher die alten Worte wie 'Dorf', 'Kirche', 'Stadt', 'Land' - 'Heimat'. Ein Ort ist gekennzeichnet durch seine Identität, durch seine Beziehung zu seinem Umraum und seine Geschichte. Es besteht kein Zweifel, die Orte, in denen Menschen noch zu Hause sein konnten, lösen sich immer mehr auf - die neue Unbehaustheit, begleitet von den Phänomenen der Entwurzelung und Gleichmacherei, greift Platz. In der Blüte der Postmoderne geisterte ‚begeistert' die Metapher der neuen Nomadologie durch die Feuilletons.

Doch Schlüsselkompetenz in der modernen Kulturtechnik, die Kommunikation an und mit Computern, ist gefragt, wer nicht mittut, fällt zurück. Die alten sozialen, kulturellen, emotionalen Orte werden von Nicht-Orten in einem riesigen ökonomisch-technischen Universum ersetzt, das nur noch Passanten, Vorbeigehende, keine Bleibenden mehr kennt. Wer kennt nicht die Uniformität von Flugplätzen, Autobahnen, Stadteinfahrten, Hotels in aller Welt. Es sind Räume von Nicht-Orten, die austauschbar sind. Sie bringen Einsamkeit hervor, begleitet von einem weiteren wichtigen Charakteristikum: Sie haben nur Gegenwart. Anthropologische Orte dagegen schaffen organische, soziale Räume, die überschaubar sind. Sie haben ihre Geschichte.

Das Paradaxon schlechthin ist jedoch die Entdeckung, daß der alte Traum der Aufklärung, der universale Traum von der Nachbarschaft mit allen, die Vereinigung der Weltbürger - auch ein Traum der Französischen Revolution - Wirklichkeit geworden zu sein scheint. Die Verfügbarkeit von Kommunikation, Ideen, Räumen und Gütern ist beliebig geworden. Hinter den mächtigen Bildern - am Ende des lettristischen Zeitalters? - und den Erlebnissen der Fülle und der Omnipräsenz werden unbehaust die neuen "Passagiere im Niemandsland" (István Eörsi) ausgemacht, eine andere Obdachlosiggkeit des Individuums ist im Entstehen. Der französische Anthropologe und Ethnologe Marc Augé, dem diese Gedanken zu verdanken sind, schreibt in seinen "Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit" zum modernen Zeitphänomen: "In der Stituation der Übermoderne besteht ein Teil dieser Umgebung aus Nicht-Orten und ein Teil dieser Nicht-Orte aus Bildern. Die Frequentierung von Nicht-Orten gibt heute Gelegenheit zu einer historisch neuen Erfahrung einsamer Individualität und nichtmenschlicher Vermittlung zwischen Individuum und Öffentlichkeit (es genügt ein Plakat oder ein Bildschirm)."

Eine Literaturzeitschrift geht in dieser Zeit dennoch auf Reisen, auf die Suche nach Orten. Das mehrjährige literarische Projekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" wird in andere Regionen Europas führen und unbeirrt nach literarischen Orten ausschauen und von ihnen berichten.

M. J.


"DIE POETIK DER GRENZE" (8. Teil)
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz im Hinblick auf:
GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

István EÖRSI
GRENZEN UND GRENZFÄLLE

Nach einem Schiurlaub in Zakopane im Dezember 1973 suchte ich mir, um langen Wartezeiten zu entgehen, einen weniger frequentierten Grenzübergang, um von Polen in die CSSR zu fahren. Hinter den Ersatzreifen hatte ich meinen Notgroschen gestopft - 3.000 Forint für den Fall, daß meinem waidwunden Lada auf die Beine zu helfen wäre. Die Wahl der Reiseroute erwies sich als vernünftig: ich brauchte nicht zu warten. Doch die Grenzsoldaten, die seit Wochen keinen Reisenden gesehen hatten, brannten vor Arbeitseifer. Sie durchsuchten meinen Wagen, nahmen die Sitze heraus, entfernten die Bezüge und unterwarfen mich einer gründlichen Leibesvisitation. Als sie mir befahlen, den Ersatzreifen rauszunehmen, lehnte sich mein 20 jähriger Sohn totenbleich mit dem Rücken an die Wand des Zollamtes und zündete sich in der strahlenden Wintersonne eine Zigarette an. Während ich den Ersatzreifen heraushob, fingerte ich das Geld hervor und schob mit meinem Ellbogen schnell einen Mantel darüber. Die Grenzsoldaten ließen die Luft aus und holten den Schlauch hervor, um mich dann nach einer weiteren gründlichen Untersuchung, die sich nicht mehr auf den bereits durchwühlten Kofferraum erstreckte, ziehen zu lassen. Hätten sie den Mantel über dem Geld gelüftet, hätte ich meinen Reisepaß für mindestens drei Jahre verloren, und möglicherweise hätten sie mir auch noch ein Gerichtsverfahren angehängt.

Wer nicht in einer Diktatur gelebt hat, kennt dieses beklemmende Gefühl nicht, das vor 1989 jeden Bürger Osteuropas an den Grenzübergängen erfaßte. Stets fühlten wir uns wegen irgendetwas schuldig. Entweder führten wir illegales Geld mit uns, oder ein Paar Kinderschuhe, ein Transistorradio, ein Manuskript oder suspekte Bücher. Weit der Heimat trafen wir uns mit Emigranten oder mit kämpferischen Weltverbesserern, doch der Spitzel-Bericht traf vor uns zu Hause ein. Manchmal lächelten wir den Grenzsoldaten unpassend an, dann wieder waren wir verdächtig ernst.

Im Sommer 1974 fanden sie im Zug nach Wien in meinem Koffer meine maschinengeschriebenen Stücke. Die künstlerische Schöpfung zählte von Amts wegen als "nationales Gut", zu dessen Ausfuhr es einer Genehmigung der Nationalbank bedurfte. Selbstverständlich verlangte man diese nur im Falle nicht publizierter Werke. Was man ohnehin mit Verbot belegte, wurde unverzüglich zum "nationalen Gut" erklärt, mitunter nicht ganz unberechtigt. Ich konterte freilich selbstbewußt, daß dies meine Schriften seien. Daraufhin antwortete die Frau Wachtmeister, ohne auch nur einen Blick in meinen Reisepaß zu werfen: "Wir wissen, Herr Eörsi" - damit verratend, daß sie diese reiche Beute dem Hinweis eines Spitzels oder einer Telefonabhörung zu verdanken hatte. Während ich aus dem Zug aussteigen mußte, ergriff mich ein Gefühl innerer Zufriedenheit. Dies ist meine Heimat, dachte ich mir, denn wo fände ich sonst noch ein Land, wo mich jede Frau Wachtmeister einfach anblickt und mit meinem Namen anspricht.

Zwischen 1983 und 1986 lebte ich in West-Berlin, und hier bildete ich mich zum Grenz-Spezialisten aus. Die Mauer veranschaulichte die Absurdität der Weltordnung nach dem
2. Weltkrieg. Östlicherseits wurde verkündet, daß niederzuschießen sei, wer die Gefangenschaft mit der Freiheit vertauschen wollte, westlicherseits machten sich in der Tat hervorragende Menschen selbst glauben, daß die Mauer eine verdiente Konsequenz der Nazi-Verbrechen wäre. In ihr erblickten sie ihr kollektives Schuldbewußtsein, auf diese Weise stützten sie sie noch psychologisch ab. Ich hingegen fühlte, daß sie durch mich hindurchging, mein Hirn und meine Gefühle entzweischnitt. Ich trieb mich auf ihrer gemütlicheren Seite herum, doch mein Leben blieb auf der anderen Seite zurück, denn auch Ungarn begann dort, auf der mit Maschinengewehren befestigten anderen Seite der Mauer. Von jenseits des Walls betrachtet veränderte sich meine Heimat bis zur Unkenntlichkeit. Schon am Tag meiner Ankunft stellte ich fest, daß die Wetterkarte im Fernsehen München, Prag, Wien und Belgrad, nicht aber Budapest verzeichnete. In ungarischer Betrachtung aber erschien Budapest als Mittelpunkt der Welt. Ich wurde gezwungen, das patriotische Lebensgefühl des "Extra Hungariam non est vita" durch die Brille der Realität jenseits der Grenze zu betrachten. Das heißt, ich mußte zur Kenntnis nehmen, daß in ausländischen Augen Ungarn gar nicht existiert.

Da ich in den besagten drei Jahren häufige Abstecher nach Ost-Berlin unternahm und oft auf dem Weg nach West-Deutschland die vermaledeiten Transitrouten der DDR befuhr, erlebte ich die Teilung Europas infolge der mit jedem dieser Anlässe verbundenen Erschütterungen als wahrhaften Schock. "Wir bitten euch ausdrücklich, findet / Das immerfort Vorkommende nicht natürlich!", zitierte ich in meinem Inneren Brecht, im Kreuzfeuer unfreundlicher Augenblicke und Fragen. Nach Ost-Berlin nahm ich stets verbotene Zeitungen für meinen Übersetzer-Freund mit, weil ich mich geschämt hätte, wäre ich für meine privilegierte Existenz nicht einmal dieses Risiko eingegangen; an der Grenze zwischen West-Berlin und der DDR wurde ich jedoch meistens auf die Seite gewunken, weil ich ein ungarisches Kennzeichen hatte, also jederzeit von der Transitstrecke hätte abweichen dürfen, um die unbefleckte Bevölkerung des demokratischen Deutschland zu verderben. Auf meiner Haut spürte ich den Haß der Grenzsoldaten dafür, daß ich im Westen leben und frei reisen konnte, obwohl ich Staatsbürger eines Trabantenstaates der Sowjetunion war. Meine Bücher empfanden sie als potentiellen Anschlag auf ihr Land, ja gar gegen die Weltordnung von Jalta, mein Grinsen wiederum, das ich mir in solchen Situationen - um meine Beklemmung zu verbergen - als Maske zulegte, betrachteten sie als konterrevolutionären Angriff auf ihre Person. Diese Grenzübertritte hinterließen derart tiefe Spuren in mir, daß mich bis heute, wenn ich aus einem westlichen Berliner Bezirk in die Stadtmitte fahre, auf der Höhe des Checkpoint Charlie oder der Invaliden-Straße eine Unruhe ergreift.

Da ich mich meiner Beklemmung schämte, entschied ich, einen Frontalangriff gegen das höchste Tabu zu starten. In einer schönen Sommernacht des Jahres 1986 tauchte ich, auf dem Umzug von Berlin zurück nach Hause, mit 400 Büchern - den Erwerbungen von drei Jahren - in Bananenschachteln gestapelt an der ungarischen Grenze auf. Es war gegen Mitternacht, schläfrig glotzte der Mond auf die überraschten Zöllner und auf mich herab. Sie winkten mich auf die Seite, berieten lange miteinander, denn so etwas war ihnen bisher noch nicht untergekommen, und befahlen mir schließlich, eine Liste zu erstellen, mit Autor, Titel und Verlag, in vier Ausfertigungen. Um drei Uhr morgens - von acht hatte ich gerade anderthalb Bananenschachteln aufgearbeitet - flüsterte mir der eine Grenzer zu, daß ich im weiteren bloß die feindlichen Bücher auflisten und dann in Gottes Namen ziehen möge. Da, an jener Grenze, verstand ich, daß sich ein Zeitalter seinem Ende näherte.

"Oh, Europa, wie viele Grenzen / In jeder Grenze Mörder" - diese Zeilen von Attila József aus dem Jahr 1927 erhielten im letzten Jahrzehnt östlich des inzwischen verschrotteten Eisernen Vorhangs eine besondere Aktualität. Ich will mich hier auf keine Darstellung der Geschichte der Kriege zwischen den ehemaligen Republiken und autonomen Regionen der Sowjetunion und Jugoslawiens und der damit verbundenen Massenmorde einlassen, sondern den geneigten Leser lediglich dazu auffordern, in seiner Vorstellung mit diesen Versen konkrete Gesichter zu verknüpfen. In jeder Grenze sind Mörder, und dies mitunter nicht nur im Kreis der für die Grenzen der Länder verantwortlichen Staatsmänner, sondern auch in den Grenzen zwischen den Dörfern. Im Kosovo zum Beispiel wurden die Bewohner eines jeden Dorfes zusammengetrieben, einige von ihnen niedergeschossen, dann wurde in die Luft gefeuert, und die Überlebenden liefen, so gut sie konnten, in Richtung Montenegro, Mazedonien, Albanien. Doch auch dort, wo kein Bürgerkrieg wütete, feierte jene Gauner-Variante des Patriotismus ihre Wiederauferstehung, die schon zwischen den beiden Weltkriegen die verheerendste Seuche und Schmach dieser Region gewesen war. Dieser Patriotismus besteht im wesentlichen darin, eine vorstellungsmäßige Grenze zu ziehen: hier die Sippe des Patrioten, wie er sie versteht, dort jeder andere. Der - ausschließlich rein arische Großeltern aufweisende - Ur-Ungar gegen den Rest der Welt. Der mit den Dakern verwandte Rumäne gegen den Rest der Welt. Der Serbe, der auf dem Amselfeld verblutete, gegen den Rest der Welt. Und so weiter. Völker, die aus zum Gutteil geopolitischen Ursachen daran gehindert waren, rechtzeitig einen selbständigen Nationalstaat zu schaffen und aus sich heraus ein selbständiges Bürgertum zu entwickeln und die sich eben deshalb, wennzwar auch grummelnd, aber ohne besonderen Katzenjammer in "weiche" Diktaturen fügten, waren mit einem Schlag von der neuen, gnadenlosen, ausplünderischen Demokratie enttäuscht. (Mit knurrendem Magen wäre selbst eine harmonische Demokratie ohne Funktionsstörungen nicht zu genießen.) Dem ist zu verdanken, daß neue Führer-Kandidaten auftauchen, die beidseits der Grenzen brüllen, im besten Fall einander nur mit ihren Fäusten drohend. Diese Figuren krochen bereits in der Zwischenkriegszeit aus den dem Rücken der Historie zugewandten Latrinen hervor, heute sind sie jedoch auf noch schaurigere Weise unzeitgemäß, weil in der verbürgerlichten Hälfte Europas im Ergebnis der wirtschaftlichen Globalisierung sogar der bürgerliche Nationalstaat im Absterben begriffen ist. Mannbare Bürger exhumieren aus fauliger Erde die Gedenktafeln der finstersten Helden des 20. Jahrhunderts, errichten den Nazi-Verbrechern Tiso und Antonescu Denkmäler, möchten die Béla-Bartók-Straße nach dem Territoriumsvergrößerer von Hitlers Gnaden, Miklós Horthy, neubenennen oder den kriegslüsternen, glühend antisemitischen, später hingerichteten Ministerpräsidenten László Bardossy rehabilitieren. Und so weiter. Diese Namen - zusammen mit zahlreichen hier nicht erwähnten - symbolisieren alle das Hinausschieben und Neuziehen von Grenzen, den Irrsinn der reinen Selbstbezogenheit und des von innen nach außen gerichteten Grimms. Dieser Anblick - die Renaissance der Internationale des Nationalismus, und wie sich die gegeneinander hetzenden Haupträdelsführer an ihren wechselseitigen Erfolgen berauschen - wäre zum Totlachen komisch, würde er nicht an jene Zeiten erinnern, als sich die Grenzen wie Schlingen um den Nacken jener Staatsbürger legten, die die Freiheit und die Menschenrechte als höchsten Wert betrachteten.

Die unter sowjetischer Herrschaft lebende Bevölkerung Mittel- und Osteuropas mußte bis zur Wende die bis ins Mark verlogene Phraseologie des Internationalismus ertragen. Niemand hegte einen Zweifel darüber, daß dieses Kunstwort in Wirklichkeit die bedingungslose Unterordnung unter die sowjetischen Interessen bedeutete. Selbst der Nationalismus mußte, wollte er etwas erreichen, unter den Mantel des Internationalismus kriechen. Als sich die rumänischen Kommunisten 1968 weigerten, an jener internationalistischen Aktion teilzunehmen, deren Ziel es war, die Tschechoslowakei von sich selbst zu befreien, hofften die ungarischen Nationalisten darauf, daß die Russen zur Strafe den Rumänen Siebenbürgen wegnehmen und es als Belohnung für die Teilnahme am Einmarsch Ungarn zuschlagen würden. Gyula Illyés, der Stolz der ungarischen Literatur, höchstpersönlich hat mir das mit ehrfurchtsgebietender Stimme anvertraut, auf einem Schiff, das auf azurblauen Wogen von Menton nach Korsika schaukelte. "Auch auf die Große Schüttinsel können wir nicht verzichten", fügte er in gedämpftem Ton hinzu. Gleich nach der Wende begannen die ungarischen Nationalisten, die abgesehen von wenigen Ausnahmen mit der kommunistischen Herrschaft großzügig zusammengarbeitet hatten, davon zu sprechen, was ihr Herz bedrückte. Man brauchte kein Rechtsextremist zu sein, um sich die grenzfixierte Anschauungsweise als Haupterkennungsmal des Patriotismus zueigen zu machen. Géza Jeszenszky, Außenminister der ersten frei gewählten Regierung, hatte einmal, noch vor den ersten Wahlen und während der "samtenen" Revolution in der Tschechoslowakei, darüber sinniert, ob es gut wäre für Ungarn, wenn die Tschechoslowakei frei wird, denn dann würde ein Land mehr westliche Hilfe erhalten und infolgedessen für Ungarn vielleicht weniger übrig bleiben. Sein Europa-Bild bestand, wie ich damals unverzüglich schrieb, aus einem großen, herrlichen Rindsknochen auf einem weiten Feld, um den sich sechs hungrige Wolfshunde aus sechs Richtungen kommend einen Kampf liefern.

Die Vision eines einheitlichen Europa wühlte in der Wendezeit in Mittel- und Osteuropa die widersprüchlichsten Gefühle auf. Für die Mehrheit der Bevölkerung erschöpfte sich der Anschluß an Europa im Wunschtraum, mit einem Schlag das österreichische und deutsche (genauer: westdeutsche) Lohn- und Lebensniveau zu errichten. Andere dachten in weiterer Perspektive und hofften, daß im einheitlichen Europa auch jene Grenzen verschwänden, die die Angehörigen identischer Volksgruppen voneinander trennen. In einer Zeit des Wiederauflebens des Nationalismus nahmen aber nur wenige zur Kenntnis, daß ein einheitliches Europa nur unter starker Einschränkung der Souveränität der nationalen Regierungen vorstellbar ist. Im Begriff der Nation gewinnen, ist die Integration einmal vollzogen, die kulturellen Merkmale die Oberhand. Doch auch auf den Europa-Begriff selbst wartet dieses Schicksal, weil die wirtschaftliche Globalisierung auch über ihn hinwegschreitet, nicht nur über die Landesgrenzen. Wir haben ein mit mehr oder weniger durchlässigen Grenzen geschmücktes Europa, doch können wir in irgendeiner Hinsicht von einem gemeinsamen Gebilde sprechen? Sagen wir: Europa ist eine Kulturgemeinschaft, die sich aus griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Traditionen speist und ihr wirtschaftliches, soziales und politisches Leben auf der Grundlage des freien Marktes und demokratischer Institutionen organisiert. Andererseits stehen seine Staaten auf unterschiedlichen Stufen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, hemmen wirkliche und vermeintliche Interessensgegensätze sowie spontane und künstlich geschürte Emotionen seine Integration. Auch die historisch entstandenen Spannungen wirken weiter. Milan Kundera wollte zum Beispiel in der Zeit des Niedergangs des Parteistaates Rußland aus Europa ausschließen, als ob Puschkin oder Tschechow weniger europäisch wären als er (oder ich). Ich hingegen denke, daß jede Grenze eine objektivierte Beklemmung, eine Einschränkung der Wünsche und Möglichkeiten, eine historisch notwendigerweise vollzogene Intervention der Macht in meine innerste Angelegenheit darstellt. Deshalb würde ich mich, unter anderem, über ein einheitliches Europa ohne Grenzen freuen. Ich freute mich, doch getrübt wäre meine Freude durch eine Grenze neuen Typs, die eben dieses Europa erfunden hat.

Ich steige am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen aus dem Flugzeug. In der Hand mein Reisepaß: über Lautsprecher wurde ich aufgefordert, ihn vorzubereiten. 20 Meter von der Gangway wartet der Bus. Ihn muß ich noch erreichen. Vorher unterwirft man mich der Paßkontrolle vor der Paßkontrolle: mein Land ist nicht Mitglied in der EU. Ein bekanntes Gefühl erfaßt mich. In den Augen der bewaffneten Grenzsoldaten bin ich von vornherein suspekt. Erneut muß ich mich an der Grenze wegen irgendetwas durchschwindeln. Ich schlage meinen Reisepaß dort auf, wo die Daueraufenthaltserlaubnis hineingestempelt ist. Sie gucken rein, blättern herum, gucken mich an, blättern und deuten mir dann, ich könne zum Bus gehen. Ich gehe ein paar Schritte, tue, als ob ich etwas in meiner Tasche suchte und beobachte dabei, wie sie nach mir drei Männer arabischen Aussehens unter die Lupe nehmen. Zwei von ihnen winken sie zur Seite. Schon im Bus, sehe ich, wie man sie in ein Militärfahrzeug schiebt, beiderseits von Bewaffneten umflankt. Immer, wenn ich mit meinem Wagen am Grenzübergang Hegyeshalom ankomme, stelle ich mich dort an, wo kein Auto mit rumänischem oder jugoslawischem Kennzeichen vor meiner Nase wartet. Diese untersucht man nämlich eine halbe Stunde, bevor man sie weiterläßt oder beiseite winkt. Unterdessen meldet sich in den Tiefen meines Magens das bekannte Gefühl.

Meines Wissens symbolisiert Schengen die erste Grenze in der Weltgeschichte, deren Ziel es nicht ist, benachbarte Völker oder Volksgruppen voneinander zu trennen. Schengen hat nichts zu tun mit dem Patriotismus oder mit nationalen Idealen, die danach benannten Grenzen werden weder in Märschen noch in prosaischen Lobpreisungen verewigt. Die Schengen-Grenze schützt die Wohlstandsgesellschaften vor dem Ansturm der Armen und vor allem des Elends der Dritten Welt. Mit historischen Argumenten braucht sie nicht zu rechnen, auch ist sie darauf gar nicht angewiesen, weil sie sich mit rationalen Argumenten rechtfertigt.

Die Schengen-Grenze ist das Eingeständnis dessen, daß es keinen Plan gibt, um die himmelschreiende Ungerechtigkeit der gegenwärtig herrschenden Weltordnung in absehbarer Zeit mit humanen Mitteln zu verringen. Die zum Elend verurteilten zwei Drittel des Erdballs spüren deshalb den Antrieb zu einer neuen Völkerwanderung. Vor ihnen müssen die Grenzen dicht gemacht werden, so wie auch ein Schiff nur so viele Ertrinkende an Bord lassen kann, wie es ohne Gefährdung der eigenen Passagiere zu tragen vermag. Auch lassen sich die Grenzen dicht machen, so lange sie nur alleine oder zu zehnt oder zu hundert kommen. Doch was ist, wenn sie sich in Zigmillionenzahl auf den Weg machen? Diese Gefahr erscheint im Augenblick noch als Hirngespinst, aber nur deshalb, weil unsere Interessen unserer Phantasie Grenzen setzen. Wenn die Regierungen der Wohlstandsländer unter Opfern und ihre eigene Herrschaft riskierend nicht eine weltumspannende wirtschaftspolitische Strategie ausarbeiten, die die im Elend vegetierenden Völker der Dritten Welt davon überzeugt, daß es sich lohnt, zu Hause zu bleiben, dann werden sich diese früher oder später auf den Weg machen. Die etwas vermögenderen Armen werden sich Schleppern anvertrauen, die übrigen hingegen werden auf Mauleseln, zu Fuß, auf allen vieren, auf dem Bauche kriechend und robbend oder auf selbst zusammengezimmerten Seelenverkäufern losziehen. Grenzen wird es bis dahin keine mehr geben, nur die Schengen-Grenze, so daß sie ungehindert bis zu ihr vordringen können, insofern man sie nicht mit militärischen Mitteln ausrottet. In diesem Falle bedürfte es freilich auch keiner Schengen-Grenze mehr, mit den ganzen Grenzfällen hörte es sich dann auf, und die von den Grenzen verursachte Beklemmung würde sich zur Erinnerung verfeinern.

Aus dem Ungarischen von Gregor Mayer

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9. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
im Rahmen GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003
gemeinsam mit dem Grazer Stadtmuseum und dem Cultural City Network (CCN).
Das literarische Städteprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz besonders gefördert.

9. STADT: LITERATUR AUS DUBLIN

Zusammenstellung, Redaktion und Übersetzungen: Mag. Dörte ELIASS, Wien

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen, soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und südosteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Dörte ELIASS
ZUR LITERARISCHEN AUSWAHL

Noch vor etwas mehr als 15 Jahren erweckte Dublin den Eindruck einer verschlafenen, mit sich selbst beschäftigten Stadt, in der nur wenig Austausch mit dem Rest Europas stattfand - das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Im Zuge des irischen "Wirt-schaftswunders" der letzten Jahre, hervorgerufen u.a. durch EU-Subventionen und eine sehr niedrige Körperschaftssteuer, die Investitionen begünstigte, hat sich Dublin zu einer lebendigen Metropole entwickelt, deren Bevölkerung sich immer weniger durch den Einfluß der in Irland früher allgegenwärtigen katholischen Kirche bestimmen läßt. Diese Veränderungen sind natürlich an der Literatur des Landes und der Stadt nicht spurlos vorbei gegangen - so beschäftigen sich heute immer mehr Texte mit Themen, die über die typisch irische Problematik der Identitätsfindung zwischen Stadt und Land unter dem Einfluß der Kirche hinausgehen: Die Texte sind oft experimenteller und setzen sich thematisch wie auch stilistisch mutiger über überkommene Wertvorstellungen hinweg. Ein Autor wie Tony Cafferky beispielsweise hatte vor einigen Jahren noch wenig Chancen, publiziert zu werden, heute gibt es Autorinnen und Autoren, die ähnlich phantasievoll mit Sprache und irischem Humor umgehen und damit auch Anklang finden. Bei einer Textsammlung von Autorinnen und Autoren, die entweder aus Dublin stammen oder länger dort gelebt haben, gibt es natürlich einige Namen, die eigentlich nicht fehlen dürften: James Joyce, Samuel Beckett, Sean O'Casey, James Plunkett, Pat Kavanagh, Neil Jordan oder Flann O'Brien, um nur einige wenige zu nennen. Ich habe mich trotzdem entschlossen, den notwendigen Schwerpunkt mit wenigen Ausnahmen auf Lyrik und Prosa vor allem jüngerer Autorinnen zu legen, die in auch Österreich noch weniger bekannt sind, sowie auf Texte mit humoristischem Einschlag. In den letzten Jahren haben sich immer mehr irische Frauen literarisch Gehör verschafft, wobei hier die Dubliner Lyrikerinnen Eavan Boland und Paula Meehan nur die "Spitze eines Eisbergs" darstellen. Und Humor und Wortwitz wie z.B. in Behans "In einem Buchladen aufgeschnappt" sind typische Merkmale des Dubliner Umgangs mit Sprache, wie ihn auch Brendan Kennelly so treffend in "Dublin - Redselige Stadt" beschreibt. In diesem Sinn ist es mir ein Anliegen, ein lebendiges Bild der zeitgenössischen Literatur dieser Stadt zu vermitteln, und ich wünsche daher viel Vergnügen bei der Lektüre der Texte.


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