Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2000

LICHTUNGEN - 81/XXI. Jg./2000

Schwerpunkt:
Literatur aus Timisoara/Temeswar

Kunstteil:
Peter Dunkl

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
81 / XXI. Jg. / 2000, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Peter Dunkl, The polychrome running telegram, 2000


EDITORIAL

VERSTUMMEN ?

Die Sprache hat wieder Konjunktur. Viele sprechen neu von ihrer Rolle in der Öffentlichkeit. Doch welche Sprache ist gemeint? Man entdeckte plötzlich, daß Sprache verletzend, ausgrenzend sein kann. Viele Jahre war diese Tatsache kaum ein Thema in der großen Öffentlichkeit, für Zeitgeist-Journale. Zu sehr stand z.B. der Fortschritt neuer Technologien im Rahmen der Neuen Medien im Vordergrund. Die Informationsgesellschaft, oder Glücksgesellschaft?, sei an der Spitze des Fortschritts, hier muß man dabei sein, war und ist die nicht weiter hinterfragte These. Doch kaum jemand bemerkt dabei die Verwechslung von Information und Bildung, was in Wahrheit eine Auseinandersetzung von Macht und Geist ist. Eine ganz andere Art von Entfremdung mit noch unbekannten Machtstrukturen ist im Entstehen. Eine neue Linearität, eine merkwürdige Flüchtigkeit von Sprache, gleichsam ein binäre Sprache ohne schöpferische Offenheit, ohne jeden Seitenzweig von Rätselhaftigkeit, ohne Hinweis auf die Tiefendimension menschlichen Denkens greift Platz. Viele Menschen leiden im Verborgenen darunter, doch diese Entfremdung hat noch keinen Namen.

Die Öffentlichkeit hat ein neues Thema, ein politisches. Jede Stimme ein Urteil, jede Vermutung ein Wissen. Diese Flüchtigkeit von Vermutungen, auf der Straße, am Stammtisch, in der Politik, im Fernsehen, im Internet ... im Burgtheater, gepaart mit Selbstgerechtigkeit, feiert Feste. Sind diese die Kennzeichen einer neuen Zeit, einer neuen Gesprächskultur? Doch diese Vermutungen, Behauptungen halten einer genaueren Betrachtung nicht stand. Die Muster ähneln einander zu sehr: Sie sind pauschal, generalisierend, persönliche Wahrheiten, die die Wirklichkeit oft sträflich vereinfachen. In der Postmoderne ist ja angeblich das Ich absolut. Und Sprachschemata erweisen sich in ihrer Struktur durchwegs von der gleichen Spielart. Scheinbar selbstverständlich gilt das eigene Ich als Ausgangspunkt unseres Denkens, Urteilens und Handelns. Das Primat des Selbst bestimmt unsere Identität und unser Urteil über die Welt. Darin liegt aber eine genuine Gewaltsamkeit verborgen. Denn, wo ist noch die Sphäre des Gemeinsamen? Manche wissen um dieses wichtige Problem, doch die meisten haben dies bisher vielleicht nicht bemerkt ...

Allerorten, in einer neuen politischen Situation, ist nun von der neuen Behutsamkeit der Sprache die Rede, denn Sprache kann Menschen verletzen, ausgrenzen usw. Doch schon zu lange wurden und werden Menschen, der Andere, der Fremde an Stammtischen, in Medien, in politischen Reden mittels Sprache ausgegrenzt und verletzt. Was ist an diesen alltäglichen Zeitgeistsprachen noch behutsam? Behutsam im literarischen Sinn? Und es ist merkwürdig in diesem Zusammenhang, daß unbehutsame Taten manchmal weniger zählen als Worte... Wurde oder wird dort versucht, die eigene Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden, der in Wahrheit meist abwesend ist, auszufühlen, das Phänomen zu betrachten, ja, dieser Angst standzuhalten, die auch mit der eigenen Unvollkommenheit zu tun hat? Der Philosoph Emmanuel Lévinas denkt über dieses Grundproblem in diesem Sinne nach: Der Andere ist als Anderer niemals präsent. Er ist nicht bloße Gegenwart, selbst wenn mich seine Nähe bedrängt, wenn mich seine Forderung zwingt, auf ihn einzugehen, wenn er aufdringlich meine Reaktion erwartet. Nirgends erscheint er in seiner Anwesenheit, sondern er bleibt stets eine offene Frage, ein Mysterium.

Autorinnen und Autoren berichten unermüdlich von dieser schöpferischen Tiefendimension des Menschen - vom Anderen, vom Fremden, vom eigenen Ich... Eine Literaturzeitschrift ist der Ort, vielleicht einer der wenigen wahren Orte, worin von der Vielgestaltigkeit der Welt berichtet wird.

M. J.


INHALT

 
   
 
LITERATUR  
 
Petre STOICA Ein Zeitgedicht: In der Unruh des Pendels
3
Manfred WIENINGER Mutmaßungen über R. (Erzählung)
4
Friederike SCHWAB Gedichte
9
Georg PICHLER Alle heiligen Zeiten (Romanauszug)
12
Gustav JANUS Gedichte
18
Fabjan HAFNER Sehen und Sehnen (Zum Werk von Gustav Janus)
27
Joachim G. HAMMER 44 Siebzehnsilber aus dem Jahr 1999
30
Gerhard PELKO Das Ausschwingen der Maultrommel (Auszug)
32
Emil BREISACH Gedichte
39
   
 
LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR
 
(8. Stadt im Literaturprojekt:
 
“transLOKAL – LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN”)  
Zusammenstellung und Redaktion: Gerhardt CSEJKA, Frankfurt/Main
 
Gerhardt CSEJKA Einleitung: Virtueller Meridian
41
Traian POP TRAIAN Timisoara, Timisoara
43
Adriana BABEI Homework (Aus einem Feldtagebuch)
44
Dusan PETROVICI Gedichte
51
Marlen HECKMANN NEGRESCU Die Stadt ohne Julia (Erzählung)
56
Herta MÜLLER Gedichte
60
Daniel VIGHI Zwei Geschichten: Saga mit Ladenfritzen /
Der Hals reckte sich in blinderSuche nach irgendwas: vermutlich nach Luft
 
 
64
Petre STOICA Gedichte
68
Viorel MARINEASA „Lass dich nie wieder in Câlnic blicken“ (Erzählung)
74
Livius CIOCÂRLIE „Der Wachtturm” (Fragment)
76
Richard WAGNER Mit Schestow vor dem Gebirge
 
  (Zu den Grundlagen des Balkans)
80
   
 
NEU VORGESTELLT  
 
Margarit Ivanov SHEKOV Gedichte
82
Walter MEISSL Der Gedanke Nr. 4 oder Sprechen über Gegenstände
84
Krzysztof CZYZEWSKI Gedichte
90
Olga FLOR Martha (Erzählung)
92
   
 
KUNST  
 
Werner FENZ Malerische 3D-Datenstrukturen
99-108
Peter DUNKL „The polychrome running telegram“, 2000
99-108
   
 
“DIE POETIK DER GRENZE” (7.Teil)
 
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz – im Hinblick auf:
 
GRAZ – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2003
 
Krzysztof CZYZEWSKI Von den Grenzen direkt in die Mitte oder
 
  Die Europäer auf der Suche nach ihrer Identität
109
   
 
ZEITKRITIK  
 
Helwig BRUNNER Dorfstück (Ein theatralischer Essay zur Jahrtausendwende)
115
Karlheinz A. GEISSLER Die Zeiten ändern sich
118
   
 
ZU DEN AUTOREN  
122


8. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
im Rahmen GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003
gemeinsam mit dem Grazer Stadtmuseum und dem Cultural City Network (CCN):

8. STADT: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKOW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'98
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PECS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99

Das literarische Städteprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz besonders gefördert. Das Projekt "Literatur aus Timisoara/Temeswar" wird von der Österr. Botschaft in Bukarest unterstützt. Zusammenstellung und Redaktion: Gerhardt Csejka, Frankfurt/Main Aus dem Rumänischen übersetzt wurden die Texte gemeinschaftlich von Gudrun Bossert und Gerhardt Csejka - mit Ausnahme der Gedichte Petre Stoicas, deren deutsche Versionen von Gregor Laschen und Johann P. Tammen stammen. Diese Nachdichtungen entstanden im Herbst 1999 im Künstlerhaus Edenkoben im Rahmen des von Gregor Laschen begründeten Projekts "Poesie der Nachbarn" im Zusammenwirken mit dem Autor. Das Ergebnis dieser Werkstatt erscheint im Herbst 2000 als Band 12 der Reihe "Poesie der Nachbarn" (hier: Poesie aus Rumänien) in der von Johann P. Tammen herausgegebenen "edition die horen".

Gerhardt CSEJKA
EINLEITUNG: VIRTUELLER MERIDIAN

Die Universität der Stadt nennt sich Universitatea de Vest ("West-Universität"), und das mutet zunächst gewiss etwas einfallslos an, wie eine schlicht sachliche Ortsbestimmung, denn Temeswar liegt nun mal im Westen Rumäniens; bei näherer Betrachtung der Dinge jedoch wird schnell klar, dass die geographische Situierung hier auf dem kürzesten Weg ins Symbolische transferiert wurde. Jedes Gespräch mit einem Temeswarer über die politische und wirtschaftliche Lage von Stadt und Region führt fast zwangsläufig zu Klagen über das schlechte West-Süd-Verhältnis, will heißen: die gleichsam genetisch vorprogrammierten Spannungen zwischen der Bukarester Zentralmacht und der potenten Westprovinz, wobei der historische Hinweis, das Banat sei bis 1918 eben k. u. k. gewesen, alles hinreichend zu erklären scheint. Objektiv messbar ist die Westverschiebung an den Längenkreisen und drückt sich in Minuten und Sekunden aus: Die Differenz der tatsächlichen Temeswarer Ortszeit zur offiziell in Rumänien geltenden osteuropäischen Zeit (OEZ) beträgt genau -34'52", wie ein neueres Temeswar-Buch vermerkt. Eine gute halbe Stunde Abstand von Osteuropa, und zwar westwärts, kann unter Umständen schon eine gemeinsame Grenze mit Mitteleuropa bedeuten. Allerdings hat die finstere Zeit, von der etwa Herta Müllers Romane erzählen, selbst diese knapp 35 Minuten so gründlich aufgefressen, dass kaum mehr als der Traum davon übrigblieb, der Traum von einer geophysischen und kulturgeschichtlichen Erlösung namens Mitteleuropa, den nicht platzen zu lassen eine ganze Reihe hervorragender Leute in Temeswar/Timis¸oara ihre Kräfte einsetzen. Und was sie leisten, wird mit Sicherheit auch dann noch seinen Zweck erfüllen, wenn die prekären, politisch instrumentalisierbaren Bezeichnungen der verschiedenen europäischen Teilgebiete definitiv aus dem Verkehr gezogen sind und die Träume der Halb-, Mittel- und Rand-europäer anders heißen. Die einschlägige Stiftung in Temeswar, deren Bemühungen gewissermaßen darauf gerichtet sind, verlorenen Europaboden intellektuell wieder gut zu machen, bezieht in ihrem Namen (der Programm ist) die Skepsis gegenüber solchen Behelfskategorien übrigens gleich mit ein und tritt ironisch/selbstironisch mit dem Anspruch auf, "Das dritte Europa" zu wollen. Und diese Option muss nicht unbedingt der utopische dritte Weg zwischen den gangbaren Alternativen sein, dafür spricht die durchaus pragmatische Anlage des Stiftungsprojekts: Da werden nicht nur Übersetzer aus den ost- und mitteleuropäischen Sprachen herangebildet und wichtige Werke übersetzt/publiziert, sondern auch Lehrver-anstaltungen zu spezifischen Themen des mittel- und osteuropäischen Kulturraumes abgehalten, also wird auch das Wissen über die Nachbarkulturen systematisch erweitert und ein entsprechendes Zuord-nungsbewußtsein entwickelt. Eine dritte Ebene des "dritten Europa" schließlich ist der Forschung vorbehalten, auch sie praktisch-integrativ und grenzüberschreitend in dem Sinne, dass junge Forscher in interdisziplinären Gruppen den Fragen nachgehen, die Europa in seinen wissenschaftlich weniger begangenen Teilen aufwirft, darunter auch viel Unauf-gearbeitetes der eigenen Landesgeschichte. So werden in Temeswar nach und nach europäische Kulturrealitäten gesichert, gesammelt, gesichtet und eingeordnet, für die sich am Ende auch ein angemessener, vollgültiger Name finden wird, und worin dann auch die eigenen Träume gut aufgehoben sein dürften. Viele sind im Lauf der Zeit weggegangen, aus Temeswar ebenso wie aus anderen am falschen Längenkreis gelegenen Städten. Aber nicht alle gingen in gleicher Weise und in dieselbe Richtung. Den jungen von Talent strotzenden Petre Stoica etwa zog es aus der literarischen Provinz in die Hauptstadt des Landes und der rumänischen Kultur, um da zu studieren und den heiligen Spuren der von ihm verehrten Geistesgrößen zu folgen, allerdings nahm er offenbar das charakteristische Banater Prägungsmuster mit, denn seine eigene dichterische Laufbahn entwickelte sich parallel zu seiner Karriere als einer der bedeutendsten rumänischen Vermittler österreichischer (und generell deutschsprachiger) Poesie, mit ganz speziellem Bezug zu Georg Trakl; und er kehrte ins Banat zurück, ließ sich nach der Wende in dem Grenzstädtchen Jimbolia (dt. Hatzfeld) westlich von Temesvar nieder, wo mittlerweile viele Häuser ausgewanderter Deutschbanater leer standen, und betreibt da nun auf eigene Faust eine Stiftung mit kulturvermittelnden Zielen. Richard Wagner wiederum, der in den siebziger Jahren die nachmals berühmt gewordene Temeswarer progressive Autorenvereinigung "Aktionsgruppe Banat" leitete und Texte produzierend sowohl gegen das politische System zu Felde zog, für das Bukarest stand, als auch gegen den platten deutschtümelnden Ethnozentrismus seiner Banater Landsleute, fand sich in Berlin wieder, wo er nicht nur als erfolgreicher Literat, sondern nebenbei auch als kritischer "Experte" für Fragen des National-kommunismus und allen mit dem Wort Balkan belegten Unwesens lebt. Er ist eindeutig so tief verletzt von allem "Balkanismus", dass sich seine emotional stark aufgeladenen Sätze dazu bisweilen wie echte Bannsprüche oder Fluchdichtungen ausnehmen, und ist damit doch gar nicht weit weg vom Geist jenes Temeswar 34'52" westlich von Osteuropa.

Die Stadt, die im 18. Jh. über mehr als 30 Jahre hinweg nach europäischem Standard an ihrer Be-festigung arbeitete, um dann ein Jahrhundert lang vergeblich auf eine Belagerung zu warten, wird diese Erfahrung nicht mit umgekehrten Vorzeichen wiederholen wollen: jahrelang die Öffnung voranzutreiben, um schließlich allein dazustehen.


"DIE POETIK DER GRENZE" (7. Teil)
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz im Hinblick auf:
GRAZ - KULTURSTADT EUROPAS 2003

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Krzysztof CZYZEWSKI
VON DEN GRENZEN DIREKT IN DIE MITTE oder
DIE EUROPÄER AUF DER SUCHE NACH IHRER IDENTITÄT

Noch vor gar nicht langer Zeit, in den sechziger Jahren, strebte Westeuropa eine Abschaffung der Grenzen an, die die Staaten, Völker und Menschen trennten. Die dynamische Entwicklung der modernen Technik, die wachsende Zahl der Probleme, die nur über Grenzen hinweg zu lösen sind, wie ökologische und Sicherheitsprobleme, all das schien die These McLuhans vom »globalen Dorf« zu bestätigen, von einer Weltgemeinschaft, in der die Grenzen ihre Bedeutung verlieren. Damit einher ging die Überzeugung, daß dank einer solchen Entwicklung die ethnischen Konflikte und nationalseparatistischen Tendenzen verschwinden würden. Eine ähnliche Situation fanden wir im Osten des Kontinents vor, in der kommunistischen Ideologie, nur, daß dort ein neues, unifiziertes menschliches Gebilde die Befreiung von nationalen Phobien bringen sollte: der homo sovieticus. Der östliche Internationalismus entpuppte sich jedoch als eine Oberflächenschicht, die den nach wie vor dort kultivierten Chauvinismus verdecken sollte. Diese Tatsache wurde auf krasse Art und Weise entlarvt, wenn man die Grenzen der »Bruderstaaten« betrachtete, die Haß und Feindseligkeit ausstrahlten. Es waren ganz besondere Zonen, denen man sich mit Angst und Schrecken näherte. Selbst der Reisende, dessen Papiere vollkommen in Ordnung waren, der nichts schmuggelte, nicht einmal verbotene Bücher bei sich hatte, fühlte sich an dieser Grenze schuldig, er wurde schikaniert und erniedrigt. Die Bevölkerung der Länder jenseits der Berliner Mauer schaute neidvoll auf die Prozesse, die in Westeuropa vor sich gingen. Die Welt der offenen Grenzen symbolisierte Freiheit. 1989 fiel die Mauer, das bedeutete den Anfang einer Öffnung der Grenzen im ganzen ostmitteleuropäischen Raum. Inzwischen sind neue, durch Blut erkaufte Grenzen im ehemaligen Jugoslawien entstanden, eine für viele unverständliche Grenze trennt Tschechien und die Slovakei, ein ganzes Netz von Grenzen spannt sich über das Gebiet der früheren UdSSR. Der Begriff der Grenze selbst hat eine Umwertung erfahren: Immer häufiger verlangen die Bürger gerade im Namen der Freiheit und der bedrohten Souveränität die Befestigung der Grenzen oder gar die Schließung. Das gilt für den östlichen Teil Europas - aber ist es nur dort so? Obwohl sich die Voraussagen bezüglich der Modernisierung und des technischen Fortschritts bestätigen, obwohl der Prozeß der Vereinigung Europas fortgeschritten ist, spricht am Ende des 20. Jahrhunderts niemand ernsthaft von einer völligen Abschaffung der Grenzen auf unserem Kontinent. Ganz im Gegenteil, immer lauter werden die Stimmen zu ihrer Verteidigung, zur Verteidigung der Erhaltung der Besonderheiten. Die Technik hat viel geleistet, aber angesichts der Angst der Mitglieder einer Gemeinschaft vor deren völliger Offenheit ist sie hilflos. Auch sind die ethnischen Konflikte nicht verschwunden, und das Bewußtsein der nationalen Zugehörigkeit ist, trotz aller Umwandlungen, nach wie vor eine lebendige Kraft, die stark auf die heutigen Europäer einwirkt.
Europa hat schon sehr viele verschiedene Formen von Grenzen erlebt. Sie wurden gezogen, um zu trennen, einzuschüchtern und zu isolieren, um zu schützen und auch um zu vereinigen und einander näher zu kommen. Der Wandel des Begriffs Grenze, das unterschiedliche Herangehen an dieses Problem, war immer in großem Maß mit neu entstehenden Weltanschauungen verbunden. Die gegenwärtige Zeit ist eine Zeit der Umwertungen, des Zusammenbruchs alter Systeme und Hierarchien, deshalb ist die Frage zum Verständnis der Grenze gerade heute wichtig, in den Debatten um die Europäische Union oder um ein Europa der Regionen.
Jean-Marie Domenach nimmt in seinem Buch »Europa: eine Herausforderung der Kultur« ein Europa der sich verwischenden Grenzen folgendermaßen wahr: »Ich gelange über die Europäische Brücke auf die andere Seite des Rheins und bemerke nicht einmal, daß ich von Frankreich nach Deutschland komme. Vor langer Zeit, als Kind, beobachtete ich durch das Fernrohr meines Großvaters, eines Artilleristen, vom westlichen Ufer des Rheins aus die Manöver junger Nazis. Heute empfinde ich Freude, die jedoch von einer gewissen Verlegenheit begleitet wird: Ich kann die Grenzen meines Territoriums nicht mehr wahrnehmen, und die Grenze (»finis«) war doch immer das, was mich definierte (»definit«), was mich abgrenzte, was meine eigene Begrenzung ausmachte.«
Wie es sich für einen Europäer gehört, enthält seine Beobachtung einen schwer zu lösenden Widerspruch: einerseits die Freude über die Überwindung der Grenzen bzw. die Befreiung von ihnen, andererseits das Bedürfnis, eine Grenze zu ziehen, die ihn definiert, die seine Identität bestimmt. In anderen Worten: die Sehnsucht nach Entfremdung trifft auf die Sehnsucht nach Verwurzelung.
Auf diese Art und Weise kommen wir zum Kern der Probleme und Polemiken, die die Menschen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft im heutigen Europa beschäftigen. Und das ist kein Wunder, da wir mitten in dem Prozeß stecken, eine neue Form für das sich vereinigende Europa auszuarbeiten. Die Polemiken wurden heftiger, seit die Ergebnisse soziologischer Untersuchungen, vor allem in der jungen Generation der Europäer, eine wachsende Tendenz zur Verwurzelung, und nicht zur Entfremdung aufzeigen. Wie weit sind wir doch von den sechziger Jahren entfernt!
Es lohnt sich, die Frage zu stellen, ob die hier angeführten Einstellungen sich gegenseitig ausschließen müssen. Müssen wir denn eine Lösung finden, die einer der beiden Seiten recht gibt? Sollten wir nicht vielmehr den Widerspruch, der in Domenachs Bekenntnis so selbstverständlich zutage tritt, einfach stehenlassen? Besteht der europäische Geist seinem Wesen nach nicht eben darin, daß er mit seinen Wurzeln in der Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit verhaftet ist und es verachtet, Säuberungsaktionen durchzuführen und die Dinge auf einen Nenner zu bringen? Diesen Widerspruch stehenzulassen, heißt, ihn als natürlichen Bestandteil Europas anzuerkennen und dieses Europa so zu gestalten, daß darin Platz findet, was nirgendwo anders Platz finden könnte, was jedes andere, aus anderem Erz geschmiedete Gefäß sprengen würde. Das ist die Aufgabe eines wahren Baumeisters, denn - wie mein Meister, ein Zimmermann und Altgläubiger sagte: Es ist keine Kunst, sich ein Dach über dem Kopf zu bauen, aber es ist eine Kunst, sich ein Dach zu bauen, das den Himmel nicht verdeckt!
Ein solches Bauwerk streben diejenigen an, die an einem Europa der Regionen arbeiten, an einem Europa, in dem das Universale noch einmal aus dem Verschiedenen geboren wird.

DIE GRENZE IST HEILIG

Wenn der Mensch eine Grenze zieht, ist das oft eine Linie, die zur Sphäre des Sacrums gehört. Die Verletzung einer solchen Grenze ist ein Sakrileg. In Platons Schriften zu den Gesetzen finden wir einen Satz, der Zeus, dem Beschützer der Grenzen, in den Mund gelegt wird: »Niemand soll den Stein antasten, der seinen Besitz von dem seines Nachbarn trennt.« Hannah Arendt, die in »The Human Condition« dieses Fragment interpretiert, unterstreicht, daß das, was die Griechen dazu bewog, die Unantastbarkeit der Grenzen zu verteidigen, »nicht die Achtung vor Privateigentum war, wie wir es heute verstehen, sondern die Tatsache, daß der Mensch, ohne ein Haus zu besitzen, nicht in der Lage war, an den Angelegen-heiten der Welt teilzunehmen, weil er in ihr seinen eigenen Platz nicht hatte.« Die Slawen pflanzten an den Grenzen Birnbäume, und es brachte - wie man glaubte - Unglück, sie zu fällen. Wir verteidigten unseren Platz, unsere Besonderheit, unsere Andersartigkeit, das also, was uns, wie Domenach sagt, definiert, was uns die Möglichkeit einer persönlichen Teilnahme an den Dingen dieser Welt gibt. Die Frage nach der räumlichen Ausdehnung dieses Ortes, dieses Platzes, bleibt offen. Früher waren es unsere Stadtmauern, die nächste Umgebung, unser Familienbesitz, unsere Heimat... Heute haben wir Nationalstaaten mit bewachten Grenzen - und das Gefühl, daß wir unseren eigenen Platz verloren haben.

DIE GRENZE IST RELATIV

Ich stamme aus einem Teil Europas, in dem es kaum etwas Unbeständigeres gibt als die Staatsgrenzen. Man kann hier Menschen begegnen, die ihr ganzes Leben am selben Ort gewohnt haben und dabei Bürger von drei, ja vier verschiedenen Staaten waren. Die Grenzen meines Landes haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg um hundert Kilometer nach Westen verschoben, zum Teil sogar mehr. Die Relativität der Grenzen wird noch unterstrichen durch ihren teilweise absurden Verlauf, der allen Normen des rationalen Denkens und jeglichem Sinn für Realität hohnspricht. Es kommt vor, daß die Grenze mitten durch eine Ortschaft geht und aus vollkommen unverständlichen Gründen Familien trennt oder Menschen, die die gleiche Sprache sprechen. »Nach dem Ersten Weltkrieg sind in Mitteleuropa - anstatt sieben - vierzehn Staaten entstanden, und es gibt im Moment keinen Staat, der seine Grenzen als gerecht ansehen würde; das ist das Erbe der Friedenstraktate beider Kriege. Diese Grenzen wurden von einer Gruppe politischer und militärischer Psychopathen mit dem Bleistift festgelegt, auf dem Schreibtisch, an dem sie ihre Kriegserfolge feierten«, stellt Professor Kucera aus Prag fest.
Ich lebe an einem Ort, wo drei Länder zusammentreffen, an einem ungewöhnlichen Ort in einem Teil Europas, wo seit dem 15. Jahrhundert immer wieder die Grenzen dreier Staaten zusammenstießen: des ehemaligen Königreichs Polen, des Herzogtums Litauen und des Deutschritterordens; heute sind das Polen, Litauen und das zu Rußland gehörende Kaliningrader Gebiet. Ich nenne dieses Beispiel als Ausnahme, die die Regel bestätigt. Außerdem gibt es das Phänomen einer ungewöhnlichen Migrationsdynamik der Ostmitteleuropäer, die zum Teil wirtschaftlich bedingt ist (in letzter Zeit zum Beispiel die Einwanderung rumänischer Zigeuner nach Polen und Deutschland oder der Siebenbürger Ungarn nach Ungarn), z.T. auch unfreiwillig, wie die Zwangsdeportationen, die das kommunistische Regime durchführte (Umsiedelung der ukrainischen Bevölkerung aus dem Osten Polens in den Westen und Norden, die Deportation der Sudetendeutschen aus der Tschechoslovakei nach Deutschland). Man könnte noch viele Beispiele aufzählen. Im Westen gab es dieses Phänomen nicht, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Nichtsdestoweniger kam es auch dort, hauptsächlich aufgrund einer fortschreitenden Öffnung und Verwischung der Staatsgrenzen, zu einem wachsenden Gefühl der Relativität und des provisorischen Charakters der Grenzen. Im Endeffekt sehnen sich die - bis vor kurzem noch getrennten - Menschen beider Teile Europas gleichermaßen nach einem Ort, dessen Grenzstein nicht antastbar wäre und in dem sie sich verwurzelt fühlen könnten.
Es wird immer offensichtlicher, daß die Grenzlinie dieses Ortes nicht mehr die Grenze eines Nationalstaates sein kann, sondern eher die Grenze unserer heimatlichen Region, mit der es uns leichter fällt, uns ganz und gar zu identifizieren.

DIE GRENZE WIRD ÜBERWUNDEN

Der europäische Geist tendiert genauso stark dazu, irgendwo heimisch zu werden, wie dazu, sich zu entfremden und von örtlicher Zugehörigkeit zu befreien. Die ständige Überschreitung der Grenzen ist eine Herausforderung, der sich der Europäer mit Freude stellt. Dahinter steckt die unbefriedigte Neugierde auf die Welt, die Offenheit für Veränderungen, das Entdecken des Reichtums in der Vielfalt. Dahinter steckt auch der Wunsch, ein über das Lokale hinausreichendes Gebäude zu errichten, eine universale Zivilisation, die in der Lage sein könnte, möglichst viele Räume einzubeziehen und zu assimilieren. Eine solche war die lateinische Zivilisation. Eine solche war auch die »Republique des Lettres«, gegen Ende des 17. Jahrhunderts von den Hugenotten initiiert, die von Ludwig XIV vertrieben worden waren, unter den Eliten verschiedener Länder selbstgedruckte Bücher verbreiteten und so die französische Sprache zu einer gemeinsamen Sprache für die europäische Verstän-digung machten. Die Zugehörigkeit zu dieser Republik war gleichbedeutend mit der Anteilnahme am Allgemeinen und mußte mit dem Verzicht auf jede religiöse und nationale Zugehörigkeit oder sogar auf die Familienzugehörigkeit bezahlt werden. Dies ist ein extremes Beispiel des Widerstandes gegen das Lokale und gegen die Diskreditierung des Verschie-denen. Anders war es in der lateinischen Zivilisation, die dank des Christentums für Lokalkolorit empfänglich war, die regionalen Verschiedenheiten absorbierte und gleichzeitig am Leben erhielt. Ihre Einheit war eine Einheit in der Vielfalt. Zweifellos wurde die heutige europäische Vereinigung aus diesem Geist geboren, der unablässig zur Überschreitung der Grenzen strebt. Es ist gar keine Frage, daß die Durchführung dieser Vereinigung eine ganz neue Qualität in der Geschichte Europas schaffen wird. Nichtsdestoweniger ziehen sich die Echos der verschiedenen von mir angeführten Vereinigungskonzepte aus der Vergangenheit auch durch die heutigen Diskussionen über das Aussehen der Union. Man darf nicht vergessen, daß Europa, eben aufgrund des Strebens zur Grenzüberwindung, wie keine andere Kultur ständig unbefriedigt ist, ständig offen und expansiv.

DIE GRENZEN EUROPAS

Es ist sehr schwer zu sagen, wo die Grenzen Europas wirklich verlaufen. Immer noch gibt es Streitigkeiten um die östliche Grenze. Herodot hat sie an den Don plaziert, de Gaulle an den Ural, und bis vor kurzem gab es auch noch Meinungen, die sie hartnäckig an der Elbe sehen wollten. Heute spricht man meistens von einem Europa, das vom Ural bis zum Atlantik reicht. Und wo verlaufen seine Grenzen im Süden? Es klingt paradox, aber der Universalismus der Europäer hatte immer seine Grenzen. Universal war die europäische Zivilisation, die die Grenzen bewachte, die sie von der Welt der Barbaren trennten. So war - angefangen beim Limes, der Grenze des Römischen Reiches - die Existenz Europas immer dadurch bedingt, daß klare Grenzlinien gezogen wurden. Natürlich konnte und mußte man - denn das gehörte sich für eine missionarische Zivilisation - diese Grenzen erweitern. Das die Europäer definierende Wort, »europeenses«, tritt zum ersten Mal als Bezeichnung christlicher Krieger auf, die im 8. Jahrhundert für die Erweiterung des Reiches Karls des Großen kämpften. Das Bewußtsein von der Existenz einer Grenze, die uns, die Bewohner der zentralen Staaten, von Fremden trennt, die wir lange Zeit in verletzender Weise als Barbaren bezeichneten, wurde entscheidend für die Existenz unserer europäischen Identität. Man muß auch daran erinnern, daß unser Limes nie so dicht und abgeschlossen war wie zum Beispiel die Chinesische Mauer. Es war eine Grenze, die durchlässig war und gegenseitige Einflüsse zuließ, deren Bedeutung für Europas Entwicklung außer Zweifel steht. Dennoch hat die Tatsache dieser Grenze unsere Eigenart definiert und unseren Charakter bestimmt.
Es gab unterschiedliche Versuche, diese Grenze zu überwinden oder gar zu verwischen. Vor allem in unserem Jahrhundert hatte die Öffnung Europas hin zu anderen Zivilisationen, zu der die dynamische Entwicklung der Anthropologie wesentlich beitrug, nicht nur hermeneutischen Charakter, sondern bekämpfte auch stark den Europozentrismus und stellte dem stolzen Europa die Weisheit anderer Kulturen gegenüber. Im Endeffekt wurde die europäische Kultur jedoch dadurch noch einheitlicher, und der Limes besteht in unserem Bewußtsein weiter. Er besteht unter anderem als Bewußtsein der Bedrohung, was zweifellos immer die Versuche einer Vereinigung Europas aktiviert hat und dies auch heute tut. Coudenhove-Kalergi, der 1923 in Wien mit seinem Buch »Pan-Europa« den Grundstein für die heutige Idee der europäischen Union legte, warnte vor den Sowjets und sah im barbarischen Osten die größte Bedrohung für Europa. Daß Coudenhoves Befürchtungen nicht grundlos waren, zeigt der polnische Schriftsteller Stanislaw Vincenz, der in seinem Buch »Dialog mit den Sowjets« die Reaktionen der Menschen beschreibt, die bei der Nachricht vom Einmarsch der Roten Armee nach Polen Bücher zu verbrennen begannen, weil sie dachten, der Besitz von Büchern könne ihnen zum Verhängnis werden. Die heutigen Aktivitäten, die die Europäer zur Verteidigung der Bücher gegen die Flut der amerikanischen Bilderkultur und gegen die Massenmedien unternehmen, erinnern lebhaft an den Versuch, eine Grenze zu ziehen, einen Limes, der die europäische Identität wahren soll.

EIN EUROPA DER MITTE

Den Wunsch nach Stärkung und sorgfältiger Be-wachung der Grenzen - ob das der Limes ist oder die Grenze eines Nationalstaates - finden wir nicht nur in Zeiten einer wachsenden Bedrohung von außen. Auch ein schwaches Zentrum verlangt starke Grenzen. In anderen Worten: Unsere inneren Krisen, unsere bedrohte Identität bewirken, daß wir großen Wert auf eine Grenze legen, die uns beschützen soll. In solchen Situationen entstehen Spannungen und Konflikte. Ich habe anfangs erwähnt, daß unser heutiges Verständnis von Grenze im Vergleich zu den sechziger Jahren in einer Wandlung begriffen ist. Die Ursachen dafür muß man in den inneren Problemen der Europäer selbst suchen. Das immer entschiedener artikulierte Bedürfnis nach Verwurzelung bringt die Unruhe zum Ausdruck, die der Verlust eines eigenen Platzes bedeutet. Die Faszination von der Möglichkeit einer Verlagerung, einer Eroberung anderer Räume, einer Öffnung der Grenzen weicht der Suche nach Wegen, die in die Mitte führen, direkt ins Zentrum. Und wo muß man das Zentrum im gegenwärtigen Europa suchen? Das Zentrum Rom, das auf unsere ganze Zivilisation ausstrahlte, haben wir längst verloren. Die Zeiten, da einige kulturell und politisch starke Städte wie Paris oder Wien die Rolle eines Zentrums übernehmen konnten, gehören der Vergangenheit an. Auch die gegenwärtigen Administrationszentren, Brüssel oder Straßburg, hinter denen zwar ein Europa der offenen Grenzen, aber ein unifiziertes Europa steht, sind für diese Rolle ungeeignet. Wenn ich die Bestrebungen der Europäer richtig verstehe, die sich am deutlichsten in dem Widerspruch zwischen dem nachdrücklichen Abstecken ihrer Grenzen und deren ständigem Durchbrechen zeigen, so wird das Europa, das in der nahen Zukunft daraus entstehen wird, ein Europa der Regionen sein. Denn es scheint, daß nur solch eine Form dem modernen Europäer gewährleisten kann, zu einem Zentrum zu finden, in dem er sich verwurzelt fühlt, das ihn in seiner Andersartigkeit definiert und ihm gleichzeitig eine Teilnahme an den Angelegenheiten der Welt, am Allgemeinen, ermöglicht.
Was ist ein Europa der Regionen? Es ist eine Kugel, deren Mitte überall und deren Grenze nirgends ist. Diese besondere Definition Gottes, in einer hermetischen Tradition formuliert und dank der Mystiker des Mittelalters vom Christentum angeeignet, erscheint auch in bezug auf unsere Überlegungen sehr treffend. Die Entstehung kleiner und größerer Regionen in Europa bedeutet die Entstehung authentischer Zentren, die dem Menschen nahe sind und ihn in möglichst großem Maß ausdrücken können. Dieser Prozeß ist unabdingbar in der Entstehung der Europäischen Union, unabdingbar für ihr Gleichgewicht. Die Öffnung oder Aufhebung der Grenzen bewirkt eine starke Absonderung der unterschiedlichen, verschiedenartigen Gruppen, die sich gegen die Unifizierung wehren. Und das ist ein natürliches Phänomen. So entsteht die Einheit in der Vielfalt, die der europäischen Erfahrung ja nicht fremd ist. Die Entstehung von Regionen ist, auf der Suche nach einer Mitte, ein Streben nach innen. Gleichzeitig öffnet ein stark ausstrahlendes Zentrum die Grenzen, dämpft unsere Furcht vor Öffnung und Vermischung und vergrößert daher die Chancen, die Idee der Europäischen Gemeinschaft zu verwirklichen.
Die Behauptung, in dem Bestreben der Europäer nach Verwurzelung in kleinen Regionen verberge sich die Gefahr einer Vorherrschaft partikulärer Ziele, die Gefahr der Fremdenfeindlichkeit und des Nationalismus, ist falsch. Der Nationalismus kam aus der Peripherie. Er entstand unter Menschen, die vom Zentrum weit entfernt waren, die Komplexe bezüglich des Zentrums hatten, die vom Zentrum ausgebeutet wurden. In diesem Sinne ist der Nationalismus das Kind einer Zeit, in der eine immense Disproportion zwischen dem politisch-kulturellen Zentrum und der regionalethnischen Provinz herrschte. Ein reales Gegengewicht dazu kann ein Europa bringen, das an der Peripherie Zentren schafft und dessen Mitte überall sein wird.
Natürlich wird ein Europa der Regionen, das Verschiedenheit und Vielfalt als Reichtümer verteidigt, die es entscheidend definieren, nicht danach streben, bestehende kulturelle, nationale oder religiöse Grenzen zu verwischen. Die Existenz starker regionaler Zentren wird diese Grenzen bewahren und unterscheiden. Darin liegt kein Widerspruch, denn die ursprüngliche Bedeutung des Wortes »Grenze«, des lateinischen »finis« (und damit verwandt »finitimus« - angrenzend) verbindet sich eher mit dem Begriff naher Nachbarschaft als mit dem absoluter Isolierung. Das ist spezifisch für eine Region, die man Grenzregion nennen könnte, also für eine Region, deren Grenzen sich innerhalb und nicht außerhalb des uns umgebenden Raums befinden. Die Existenz eines lebendigen Zentrums schwächt nur die Grenzen, die außerhalb liegen, die isolieren und abschotten, dagegen stärkt ein solches Zentrum auf natürliche Weise die innen verlaufenden, eine Region konstituierenden Grenzen.
Die Existenz und die Entwicklung von Grenzregionen, von denen im jetzigen, multikulturellen Europa ja immer mehr entstehen werden, ist ungemein wichtig für den Prozeß der europäischen Vereinigung. Gerade in solchen Regionen gibt es die größten Chancen für die Entstehung einer authentischen Gemeinschaft, die aus dem Ringen starker verschiedenartiger Gruppen hervorgeht. Hier werden die deutlich abgesteckten Grenzen in einem universalen Zentrum zusammenlaufen. So wird ein Europa der Mitte entstehen. Vielleicht wird uns dann die Kunst gelingen, ein Dach über unserem Kopf zu bauen, das den Himmel nicht verdeckt.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall


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