Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2008

116/XXIX. Jg./2008

Schwerpunkt:
Neue Literatur aus Tschechien

Kunstteil:
schuda/schmeiser

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
116 / XXIX. Jg. / 2008, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
schuda/schmeiser, TEMPELSCHLÄFER, 2008

INHALT

LITERATUR
Gonzalo SOLTERO
Seine Augen sind Feuer
Günther FREITAG
Brendels Fantasie
Christian TEISSL
Gedichte
Bernadette SCHIEFER
Masken / Ascher
Tom SCHULZ
Gedichte
Axel HELBIG / Zsuzsanna GAHSE
Die Genauigkeit muss eine Leichtigkeit haben (Interview)
Zsuzsanna GAHSE
Donauwürfel

NEUE NAMEN
Lisa F. DANULAT
Gedichte
Ulrike SCHÄFER
Reparaturen

SCHWERPUNKT „Neue Literatur aus Tschechien“
Gertraude ZAND
Einleitung

Jan NOVÁK
Die Macht der Mächtigen / Brot
Jonás HÁJEK
Gedichte
Jakuba KATALPA
Kann man Erdreich essen?
Patrik OUREDNÍK
Gedichte
Radka DENEMARKOVÁ
Das Geld von Hitler
David ZÁBRANSKÝ
Schwäche für einen jeden anderen Strand
Vera NOSKOVÁ
Wir nehmen, was kommt
Jiri GRUSA
Gedichte
Petra HULOVÁ
Manches wird geschehen
Marie STASTNÁ
Gedichte
Katerina RUDCENKOVÁ
André
Marek SINDELKA
strychnin

ART.WELTEN.LITERATURWETTBEWERB
Paula CVJETKOVIC
Meine mittlere Tochter und die Spinne

KULTUR MACHT MENSCH
Georg PETZ
Der Weg des Regresses

KUNST
SCHUDA/SCHMEISER
Tempelschläfer

ZEITKRITIK / ESSAY
Sihem BENSEDRINE
Aicha durchbricht die Quarantäne
Wolfgang SCHRÖDER
Über die Unverfügbarkeit der Poesie

NEUE LITERATUR AUS TSCHECHIEN
Einleitung
Gertraude ZAND

Die tschechische Literatur nach 1989 gliedert sich chronologisch klar in zwei Abschnitte: die erste Dekade nach der „Samtenen Revolution“ könnte man als große Zeit des Nebeneinanders von Generationen, Traditionen, Strömungen und Stilen bezeichnen. Publiziert wurde alles, was von der kommunistischen Kulturpolitik unterdrückt worden war; und das reichte von ganzen Epochen wie der barocken Literatur über persönliche und intime Texte von KlassikerInnen des 19. Jahrhunderts bis hin zu all jenen modernen Strömungen, die den ideologischen Anforderungen des Sozialismus nicht genügt hatten – von Dekadenz, Expressionismus und Existentialismus über die Poesie des Alltags und die konkrete Poesie bis hin zur Postmoderne. Das Schaffen von zwei EmigrantInnen- und DissidentInnengenerationen (nach 1948 bzw. nach 1968), bisher nur im Exil oder im Samizdat zugänglich, wurde ebenso neu veröffentlicht, wie die Texte der jüngsten AutorInnen, die sich in den siebziger und achtziger Jahren im Untergrund eingerichtet hatten. In diesem dichten Netz von Publikationen war es für DebütantInnen nicht immer leicht, einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zu erobern.
In der zweiten Dekade hat man die literarischen „Altlasten“ großteils aufgearbeitet, die Verhältnisse haben sich normalisiert und stabilisiert. Allerdings verliert nun die tschechische Literatur ihren traditionell hohen gesellschaftlichen Stellenwert: sie tritt mit vielen neuen Kulturangeboten in Konkurrenz, und die allgemeine Kommerzialisierung erfaßt auch den literarischen Bereich. Trotzdem entsteht eine bunte und lebendige Szene: das Jahr 1989, von Jáchym Topol in seinem Roman Die Schwester als „Explosion der Zeit“ bezeichnet, hat auch in der Literatur viele neue Impulse gegeben. Gerade in den letzten Jahren lassen sich dabei einige deutliche thematische Schwerpunkte ausmachen.
Aufarbeitung der Vergangenheit
Mit den dunklen, unbewältigten Kapiteln der tschechischen Geschichte beschäftigt sich besonders die aktuelle Prosa. Radka Denemarková thematisiert in Geld von Hitler den Holocaust und die Vertreibung der Deutschen: sie schildert das Schicksal einer Frau, die als Jüdin nach Theresienstadt deportiert wird, den Holocaust überlebt und nach ihrer Rückkehr als Deutsche vertrieben wird. Nach dem Fall des Kommunismus bemüht sie sich um die Restitution ihres Besitzes und stößt dabei auf die alten Ressentiments und auf neue, unlautere Methoden der Entrechtung und Entwürdigung. Ein zweites Thema ist der bewaffnete antistalinistische Widerstand der Mašín-Brüder, der Jan Nováks Roman So weit, so gut zugrunde liegt. Seine Rechtmäßgikeit ist bis heute umstritten, weil er auch vor der Vernichtung von Menschenleben nicht haltgemacht hat – zu einer Zeit allerdings, als bereits Dutzende vom kommunistischen Regime hingerichtet worden waren. Den Alltag der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts stellt Věra Nosková in Wir nehmen, was kommt aus der Sicht eines jungen Mädchens dar, das aus den engen Verhältnissen einer tschechischen Kleinstadt ausbrechen möchte.
Blick in die Welt
Die tschechische Gegenwartsliteratur richtet ihren Blick nicht nur in die Vergangenheit zurück, sondern auch in die weite Welt hinaus. Der in der französischen Emigration lebende Patrik Ouředník führt mit seinen gesammelten Gedichten Das Haus des Barfüßigen in ein Labyrinth, aus dessen Ecken und Enden Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart, aus verschiedenen Kulturen und Milieus wie aus allen erdenklichen Sprachschichten dringen. Petra Hůlová, die mit einem in der Mongolei spielenden Roman bekannt geworden ist, begibt sich in Manches wird geschehen in die bunte Welt der New Yorker Migrantenszene, die mit dem geheimnisvollen Fernen Osten und dem Prag unserer Zeit konfrontiert wird. Eine neue Definition des tschechischen Menschen in der Begegnung zwischen Ost und West sucht auch David Zábranský in Schwäche für jeden anderen Strand. Seine Geschichte spielt zur Gänze in Europa, und sein Held schließt sich allem an, was als cool und trendig gilt. Für vorliegendes Heft wurde übrigens eine „Wiener“ Passage ausgewählt.
Suche nach einer weiblichen Identität
Österreichische Schauplätze gibt es auch in Kateřina Rudčenkovás Erzählband Nächte, Nächte, zum Beispiel Wien und die Wachau. Bei Rudčenková geht es aber weniger um die Orientierung in der Welt, sondern um die Auseinandersetzung mit sich selbst, die sich bis zum egomanischen Narzißmus steigert. Noch mehr als Rudčenková, die vielfach mit der konventionellen Rolle der Frau bricht, schockierte Jakuba Katalpa mit ihrem Erstlingswerk Kann man Erdreich essen? die tschechischen Leser. Katalpa, die schon durch ihr Pseudonym einer geschlechtlichen Festlegung entgegenarbeitet, beschreibt freizügig sexuelle Szenen – auch lesbische. Damit bricht sie eines der stärksten Tabus der in dieser Hinsicht recht prüden tschechischen Gesellschaft; von den VertreterInnen der Gender studies wird sie intensiv rezipiert. Marie Šťastná stellt in gewisser Weise ein lyrisches Pendant zu Katalpa dar: auch sie nimmt sich in den Sammlungen Landschaft mit Ofelia und Akte kein Blatt vor den Mund, auch hier sind Sinnlichkeit und Erotik wichtige Elemente auf der Suche nach einer spezifisch weiblichen Identität. Das lyrische Ich versucht, sich in einem großen, magischen Spiegel in allen Details zu erkennen – und ignoriert dabei den Umstand, daß in der postmodernen Welt das Individuelle ohnehin längst durch das Virtuelle ersetzt worden ist.
Abkehr von der Welt
Aus der unauthentischen, virtuell globalisierten Gegenwart flüchten auch die jüngsten Dichter des vorliegenden Bandes: Jonáš Hájek kehrt in den lyrischen Miniaturen der Sammlung Schutt an einen Ort der Stille zurück, an dem Elementares wie Natur, Einsamkeit und Rituale eine Rolle spielen. Und Marek Šindelka wählt in seinem ersten Lyrikband, Strychnin und andere Gedichte, ebenfalls eine Art Abkehr, wenn er sich in seine Kindheit zurückversetzt und versucht, diese entfernte, in Nebel gehüllte Welt mitsamt ihren bitteren und brutalen Seiten wieder zum Leben zu erwecken.
Typisch tschechisch?
Selbstverständlich kann man auch in der Gegenwartsliteratur jenen Traditionen wiederbegegnen, die als typisch tschechisch gelten – zum Beispiel der Position der moralischen und politischen Verantwortung, die besonders in DissidentInnenkreisen gepflegt worden war. Jiří Gruša kommentiert in seiner Gedichtsammlung Wacht am Rhein oder das Wanderghetto das ästhetische, moralische und historische Chaos unserer Zeit. Der Dichter ist ein Wissender, aber auch Wachender.
Die tschechische Literatur des letzten Jahrzehnts ist reich an Themen und künstlerischen Zugängen. Man findet die leichte, humorvolle Erzählung und eine artifizielle, experimentelle Prosa; eine philosophisch-komplexe und eine elementare, einfache Sprache; einen sachlichen, nüchternen und einen witzig-verspielten Stil. Ein großer internationaler Star wie Bohumil Hrabal oder Milan Kundera ist gegenwärtig allerdings nicht auszumachen. Vielleicht stellt das für die aktuelle literarische Szene gar keinen Nachteil dar: der Blick bleibt frei für die große Vielfalt an literarischen Begabungen.


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