Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2008

115/XXIX. Jg./2008

Schwerpunkt:
Neue Literatur aus der Ukraine / poetry slam

Kunstteil:
Kristina Leko, Klub Zwei, AFRA, Fedo Ertl, Martin Krenn und Anna Kowalska

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
115 / XXIX. Jg. / 2008, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Kristina Leko, Missing Monuments
Klub Zwei und AFRA, Fedo Ertl, Martin Krenn, Anna Kowalska, WIR sind viele. Positionen zum Thema Migration

INHALT

LITERATUR
Ulrike Almut SANDIG
Hush little baby
Rumena BUˇAROVSKA
Zu Mittag Fleisch
Johannes WALLY
Das Etui mit der Goldrandbrille
Jane GIBIAN
Gedichte
Dejan ENEV
Ein Geschenk Gottes
Daniela CHANA
Tremolo

NEUE NAMEN
Daniel BLÜMEL
kein mitleid mit leid
Christian WINKLER
Gedichte

SCHWERPUNKT „Neue Literatur aus der Ukraine“
Nazar HONTSCHAR
So war es einst (Einleitung)

Gedichte
Ivan LUTSCHUK
Halyna KRUK
Mykola MIROSCHNYTSCHENKO
Kostyantyn MOSKALETS'
Nazar FEDORAK
Roman SADLOWS'KYI

Prosa
Ivan LUTSCHUK
Ulyssee / Das Recht auf Fehler in der Poesie
Ksenja CHARTSCHENKO
Die Geschichte
Kostyantyn MOSKALETS'
Der Mensch auf der Eisscholle / Betrachtung eines Kirschbaums
Jurij IZDRYK
Persönlicher Verfolger / Der Poet und sein Leguan
Emma ANDIJEWSKA
Djalapita

SCHWERPUNKT „poetry slam“
Markus KÖHLE
Poetry Slam. Ein neues Veranstaltungsformat bereichert den Literaturbetrieb

Martin FRITZ
so viele fragen/müssen wir uns stellen/denn nur durch fragen/lernen wir uns kennen
Mieze MEDUSA
Positionen ohne sonderliche Anmut
KYN
s'Donauweiberl / Waun ana geht
Stefan ABERMANN
Open Source
Yasmin HAFEDH / Jimi LEND
Wujazzbang
Markus KÖHLE
Thekentalk oder Manifestschrift

LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ 2007
Karl KREINER (3. Preis)
Anders als glücklich

KULTUR MACHT MENSCH
Helwig BRUNNER
KULTUR MACHT MENSCH. Versuch einer Triangulation

KUNST
Werner FENZ
Statements gegen die Monokultur

Kristina LEKO
Missing Monuments
KLUB ZWEI und AFRA / Fedo ERTL / Martin KRENN / Anna KOWALSKA
Wir sind viele. Positionen zum Thema Migration

ZEITKRITIK / ESSAY
Leopold FEDERMAIR
In der großen Kalau

NEUE LITERATUR AUS DER UKRAINE
So war es einst
Nazar HONTSCHAR

„So war es einst…“ so beginnt das Gedicht von Ivan Lutschuk „Geschichte der Lyrik“. So möchte auch ich die Geschichte dieser Anthologie in die Wege leiten. Ich habe eine Schwäche für die Zusammenstellung von Anthologien. Nun… ich mag das, aber ich mach´ das nicht. Was eigentlich heißt: ich mache Versuche, aber die sind, erstens, imaginär und, zweitens, irgendwie sonderbar. Wie zum Beispiel „Gott, d.h. Loch“ oder „High-way, Kohelet!”
So habe ich mich über die Einladung von Markus Jaroschka gefreut, die für mich eine Gelegenheit bedeutete, endlich einmal eine kleine, dafür aber eine Anthologie der aktuellen ukrainischen Literatur wirklich zusammenzustellen. Ich freute mich darüber und war zugleich betrübt, weil die Qual der Wahl mit dem Problem der Übersetzungen gepaart war. Eigentlich sind beide Probleme aufs engste miteinander verbunden. Einerseits stand mir die Auswahl der anspruchsvollen und obendrein übersetzbaren Texte bevor, die ohne nennenswerte Verluste ins Deutsche transportiert würden. Andererseits musste ich nach qualifizierten Übersetzerinnen und Übersetzern fahnden. Denn, wenn auch ihre Zahl in der letzten Zeit langsam aber sicher gewachsen ist, so wagen sich nur vereinzelte an die Poesie heran. Außerdem sind einige aktiv in eigenen Projekten engagiert, sodass sie kaum Zeit für die von mir ausgewählten Werke finden könnten. Das Gesagte bedeutet natürlich nicht, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer, die mir zusagten, gerade nichts zu tun hatten. Ich möchte mich hier bei ihnen für die Zeit, die sie für meine Autoren und Autorinnen aufgebracht haben, sehr herzlich bedanken. Ich hoffe, dass keiner der Übersetzerinnen und Übersetzer (wie auch der Leserinnen und Leser) sich über die aufgebrachte Zeit beschweren wird.
Neben der Zusammenstellung der Anthologie fiel mir noch die verzwickte Aufgabe zu, eine Einleitung zur zeitgenössischen ukrainischen Literatur zu verfassen. Zuerst wollte ich diese Aufgabe an kompetente Fachpersonen delegieren, einen Saschko Bojtschenko etwa oder einen Mykola Rjabtschuk. Das würde aber einige argumentierte Erklärungen meinerseits verursachen, warum gerade diese Autoren in der Anthologie erscheinen und andere fehlen. Ich habe neun von „diesen“ Autoren ausgewählt, könnte aber weitere neunzig von den „anderen“ hinzufügen. Ihre Namen, auf die jede, aber auch jede Anthologie stolz wäre, könnten dann in meiner Anthologie eine Art Begleit- oder Anhängselrolle spielen. Was aber echt seltsam wäre, weil die lange Liste der Namen, denen keine, auch minimale, Charakteristik beigefügt wäre, eher an ein Massengrab erinnern könnte. Würde man aber eine Liste mit Charakteristiken beilegen, fiele das Ganze viel zu bunt und mosaikartig aus. Und – nicht zu vergessen! – ich hatte Angst, jemanden, einen einundneunzigsten Autor zu vergessen. In der Gruppe der Autoren, die in meiner Anthologie keinen Platz gefunden haben – wie sehr ich sie auch schätze und liebe –, befinden sich einige (das habe ich im voraus gewusst), die sich bei dem deutschsprachigen Leser bereits ohne meine Befürwortung einen Namen gemacht haben. Wie etwa Jurij Andruchowytsch, von dem ja – erstmals in Österreich – in den LICHTUNGEN mehrmals Lyrik und Prosatexte erschienen waren; Andruchowytsch hat mir (übrigens nicht nur mir und nicht nur im deutschsprachigen Raum) öfters mit seinen Referenzen geholfen. Bei dieser Gelegenheit will ich ihm, dem „Dampfross“ der ukrainischen Literatur im europäischen Kontext, meinen Dank sagen.
Die moderne ukrainische Literatur ist durchaus „konkurrenzfähig“, wenn es um die ihr immanenten literarischen Eigenschaften wie Themenvielfalt, Problemestellung oder Gattungen- und Stilevertretung geht. In dieser Hinsicht ist die Lyrik tonangebend. Die ukrainische Dramatik spielt bedauerlicherweise – obwohl inzwischen schon einige interessante Theaterstücke geschrieben wurden – noch keine bemerkbare Rolle auf der Bühne.
Wenn das Gespräch auf die wichtigen Faktoren des ukrainischen Literaturmarkts kommt, wird ein ganzes Gefüge der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwickelungen sichtbar, die sich unter anderem aus der aktuellen politischen Situation herleiten, die wiederum ihrerseits tief historisch verwurzelt ist. Über all das kurz und sachlich zu sprechen ist schlicht unmöglich. Versucht man aber, die Sache gründlicher ans Licht zu bringen, läuft man Gefahr, das Ganze noch komplizierter verwirrt darzustellen. (Die Ukrainer, und insbesondere die ukrainischen Politiker, sollten den Missständen der Unabhängigkeit erst selbst auf den Grund gehen, um mindestens die postkolonialen Ausgeburten im postsowjetischen Raum und die „brüderlichen“ Umarmungen des russischen Bären loszuwerden und die inneren Ausschreitungen im Land sowie Vorurteile der Welt, die durch den banalen Informationsmangel bedingt sind, zu überwinden.)
Nun genug der politischen Randbemerkungen und zurück zu der Anthologie und den Personen darin.
Mag sein, dass ich nicht immer die für die vorgestellten Autoren markantesten Werke gewählt habe, aber so war halt meine beinahe instinktive Haltung – der ich wie der Fügung Gottes gefolgt bin. Ich würde nie an der Stelle eines Literaturkritikers sein wollen, der ja dazu verurteilt ist, zu analysieren, zu charakterisieren, zu deuten und auf diese Weise die Magie zu simplifizieren, die in der Kunst des Wortes paradoxerweise nicht in den Worten selbst, sondern irgendwo zwischen den Worten steckt. Auch ein schlichtes ungeschnörkeltes Gedicht kann faszinierend wirken, auch eine komplette Unsinnigkeit und Abwegigkeit können zur Offenbarung werden. Dafür beneide ich die kongenialen Übersetzerinnen und Übersetzer, die über die Fähigkeit verfügen, das gesamte Original mit allen seinen Feinheiten (zu denen auch bewusste Fehler und Ungereimtheiten gehören können) zu sehen und wahrzunehmen und mit den Mitteln einer anderen Sprache wiederzugeben…
In meiner Anthologie finden sich die Autoren, die zu meinen Freunden geworden sind, weil mich ihr Schaffen so fasziniert hat. Abermals in diesem Leben haben mich ihr Wortzauber, die Einzigartigkeit ihrer dichterischen Wahrnehmung inspiriert. Etwas Privates oder sogar Intimes verbindet mich mit jedem von ihnen oder es bildet sich sogar eine Art Verwandtschaft. Man könnte meinen, es ist leichter eine solche Person zu charakterisieren, doch in Wirklichkeit fällt es mir umso schwerer. Zu den schwierigsten Fällen gehören diejenigen, zu denen ich eine besondere Beziehung habe: meine literarische „Familie“, meine Freunde aus der poetischen Dreiergruppe „LuHoSad“ (dieser Name, der aus den ersten Silben unserer Familiennamen zusammengestellt ist, könnte ins Deutsche als „Augarten“ übersetzt werden). Die Lyrik meiner beiden „Brüder in Lyrik“ soll mir nun behilflich sein.
Ivan Lutschuk, der die schönsten Anthologien zusammenstellt und der viel besser als ich über die mit ihm befreundeten Dichter schreiben kann, erklärt den Begriff des Augartens der Lyrik:

DREI WALFISCHE

Die Welt ist gemeinsamer
Traum der drei Gebrüder.

Im trockenen Brunnen versteckt sich der Sturm –
jener Traum bleibt tief im Gedächtnis.

Schrubbt man die Lampe – schon ist der Dschinn heraus –
so leicht kriegt man den Traum zurück.

Der Gebrüder Traum ist aber ewig,
er ist nämlich die Welt.

Roman Sadlows'kyi soll bei der Bewertung meines Begleitworts behilflich sein:

...ich hatte mich selbst exerziert
in den krieg geschickt
das gewehr aber hab ich vergessen
...gott sei dank...

Das Zitat ist dem Gedicht „Der Text“ entnommen,das mit folgender Zeile endet:
...schon wieder hab ich nichts erklären können…


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