Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2008

114/XXIX. Jg./2008

Schwerpunkt:
Junge Lyrik aus Thüringen

Kunstteil:
Flora Neuwirth

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
114 / XXIX. Jg. / 2008, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Flora Neuwirth, SYMBOLISCHES KAPITAL

INHALT

LITERATUR
Julia WOLF
Buffalo
David LERNER
Gedichte
Cay MARCHAL
Nachtzug nach Baden-Baden
Val˛yna MORT
Gedichte
Tadeusz DĄBROWSKI
Gedichte
Richard W. KISLING
Zwei dünne Decken
Nazar HONTSCHAR
Gedichte
Max GAD
Kaiserfeldgasse: Passierte Passage
Undine MATERNI
Gedichte
Lisa FREYDANK
Von den Übeln der Philanthropie
Admiral MAHIČ
Gedichte
Annett KRENDLESBERGER
Trogir
Zija ÇELA
Freilichtkino, Loge

NEUE NAMEN
Robert PROSSER
Tollwut im März
Margit KUCHLER-D'AIELLO
Porträt eines Balkonsitzers (Auszug)

SCHWERPUNKT „Junge Lyrik aus Thüringen“
Kathrin SCHMIDT
Einleitung

Maik LIPPERT
Katrin Marie MERTEN
Anja NIODUSCHEWSKI
Jan Volker RÖHNERT
Daniela DANZ
Dirk ROSE
Ron WINKLER

LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ 2007
Andreas UNTERWEGER (2. Preis)
Grasberg

KUNST
Werner FENZ
Zum Projekt SYMBOLISCHES KAPITAL von Flora Neuwirth
Flora NEUWIRTH
SYMBOLISCHES KAPITAL

ZEITKRITIK / ESSAY
Georg  PICHLER
"Ich werde es im Leben länger als hundert Jahre aushalten" - Zu Aglaja Veteranyi
Georg KOHLER
Die Notwendigkeit, klug zu werden. Oder: Was heißt Innovation?
Egyd GSTÄTTNER
Fußball ausverkauft?

JUNGE LYRIK AUS THÜRINGEN
Einleitung
Kathrin SCHMIDT

Denke ich Thüringen, denke ich Muschelkalk, das alles bestimmende Gestein meiner eng begrenzten Herkunftslandschaft Gotha-Waltershausen. Es war der Muschelkalk, der mich prägte: Seine offen daliegenden Schichtungen bahnten das Verständnis von Geschichte als unter Eigengewicht und -hitze gesintertem Übereinander in aller Frühe, und dass daraus zu lesen ist, musste ich nicht lernen. Ich wuchs auf, wo das Thüringer Becken sein südliches Ende fand an den Bruchschollen des Thüringer Waldes, und von meinem geliebten Muschelkalk-Burgberg konnte ich hinübersehen zum Inselsberg. Damals war die Welt klein. Selbst das kleine Thüringen war noch einmal dreigeteilt in die DDR-Bezirke Erfurt, Gera und Suhl. Man verließ den Heimat-Bezirk allenfalls, um einen anderen zu bereisen, selten genug das sozialistische Ausland. Dieses Eingesperrtsein hatte eine Rückseite, die ich nicht so einfach übersehen kann: Zumindest ich wuchs gebunden auf, eingebettet in familiäre Wärme und einen sehr überschaubaren Nah-Raum, den ich mit allen Sinnen erkundete. Vielleicht ist das ein Grund, warum mich die Gedichte Anja Nioduschewskis anziehen wie ein Spinnennetz die Beute. Dreizehn Jahre später als ich und in Sondershausen geboren, am nördlichen Beckenrand, nimmt sie mich ein mit z, mit dem Letzten, wie ich es mir übersetze, und ich sehe die gleiche Landschaft darin wie die meiner Kindheit, nun aber zerfurcht von anderen Brüchen. Von der Logik des Gewerbegebietes, das jener des Kombinates, sei es industrieller Mast oder Elektroinstallation, nun nicht mehr entspricht, aber dennoch dem Doppelsinn des Wortes Aufgabe verhaftet bleibt: Waren es damals die Hühner, die zu mästen waren um der Eier willen, wird heute die Schaffung von Arbeitsplätzen zur Aufgabe erklärt, ehe sich das ganze Unternehmen nach ein paar Jahren zur Aufgabe gezwungen sieht. Ideelle, ideologische Tektonik. Ich fühle große Ähnlichkeit meiner mentalen Geographie mit jener, die sich bei Nioduschewski zu offenbaren scheint, und dass daran Muschelkalk beteiligt ist, so oder so, liegt auf der Hand wie im Gedicht, wo wellenkalk die muscheln/ längst verdichtet hat, ja, muschelkalk/ verschüttet noch jeden beweggrund/mit dem du in den abhang/ diese stadtflucht getrieben hast, kurz vor dem z, dem Letzten, dem Erdrutsch. Das Urbane, Industrielle in Nioduschewskis Texten kommuniziert mit dem Präurbanen, Präindustriellen auf ebenso geheimnisvolle wie offenkundige Art. Den Text PA zum Beispiel lese ich als Pressluft-Atemgerät, als Staubschutzmaske, mit der sich schöne industriezweige/ in die hose gefaltet vielleicht besser ertragen lassen als ohne, aber dennoch werde ich hinter die Vokabeln der Produktionssprache zurückgeführt in die Landschaft, die ich gut kenne und in der die mutter schafgarbe/ und thymian aus den wiesen reißt. Sich der zerklüfteten Empirie der wie auch immer gearteten Heimat zu stellen, bewahrt Anja Nioduschewski nachdrücklich vor jeglichem Provinzialismus. Wenn sie auch unterdessen in Berlin lebt wie ich, glaube ich zumindest in den hier vorzustellenden Texten den thüringischen Wurzelstock deutlich zu spüren.
Bei Daniela Danz hingegen, 1976 in Eisenach geboren, wird nicht aus dem Presssack der Herkunft, sondern von weit – von oben? – auf Details einer Totalität geschaut, die wir Welt nennen. Ob sie sich angesichts von Fotos der Flüchtlinge an der Küste bei Tarifa daran erinnert, mit ihrer kleinen Familie eben dort im Meer gebadet zu haben, oder ob Ovid in Constanta Diskette um Diskette durch einen Jalousienschlitz schiebt – sie findet, dem thüringischen Einschluss entflohen?, den Zugang zu den Dingen aus der Entfernung. Ein ebenso legitimes Verfahren wie das Nioduschewskis. Die dritte Frau im Bunde, Katrin Marie Merten, als Jüngste erst 1982 in Jena geboren, nimmt Sprachmaterial auseinander und fügt die einzelnen Partikel erneut zusammen, sie glaubt verblichenen stoffen die jahre, an rändern/ sich lösenden fäden die enden, und beginnt da, wo sie hinsieht, in kleinen Schritten die Sinnblasen der Worte auszuwandern und gemeinsame Schnittmengen zwischen ihnen zu markieren. In dem, was sie sich zutraut, übernimmt sie sich dabei nicht, sondern geht vorsichtig mit immer neuen Verrückungen zu Werke. Das ist gut zu lesen.
Auch Dirk Rose bleibt bei seinem Leisten. Er wurde 1976 in Apfelstädt geboren, einem kleinen Dorf im Landkreis Gotha. Der Titel »Nach der Postmoderne« ist durchaus programmatisch zu verstehen. In seinen Texten wird das Heterogene nicht ausgegrenzt, aber doch aus einem verpflichtenden Blickwinkel betrachtet. Er duzt den Mohn des Asphalts als Morphin des Vergessens, das seinem Versprechen nicht nachkommt, den jungen Bettler auf der Friedrichstraße auszublenden. Stattdessen kommt der dem Autor näher und näher, der ihm am Ende wohl etwas gibt. Denn: Mit Mitleid bezahlt man Gedichte – etwas, wovon auch der 1966 in Kleinfahner bei Erfurt geborene Maik Lippert mit Sicherheit ein nicht sehr fröhliches Lied zu singen weiß. In den frühen Neunzigern lernte ich ihn in diversen Schreibwerkstätten kennen. Seine Texte verfolgen meist eine Idee, die sich nicht ausspricht. Zum Beispiel grüßt ihn allmorgendlich beim Verlassen des Hauses eine leere Pilsatorflasche auf der Briefkastenreihe seines Hauses. Kehrt er abends zurück, ist sie weg. Es bleibt uns überlassen, uns das Verschwinden vorzustellen – ein Vorgang, der im Text ausgespart bleibt und Raum lässt. Womit er gefüllt wird, steht in den schönen Sternen der Intuition des Lesers.
Intuition ist auch die Sache von Jan Volker Röhnert. Mit sicherem Intellekt überlässt er ein Wort dem anderen, bis sie in langen Bögen assoziative Kurven beschreiben und zum Ausgangspunkt zurückkehren, zum Vorspann, der mit der friedlichen Katze, du/ erinnerst dich, unter einem blühenden Kirschzweig beginnt, während die Filmrollen womöglich vertauscht und deshalb die Jahre und Lebenszeiten durcheinandergewürfelt wurden wie im Text Comtessa Belvedere. Röhnert wurde 1976 in Gera geboren und lebt heute in Weimar, hat also seinen Lebenszirkel nicht verlassen, seine Texte aber laufen in bewegten Schlaufen über große, auch geographische Distanzen.
Jene von Ron Winkler, gleichen Jahrgangs wie Röhnert und in Jena gebürtig, finden oft in der frappanten Montage phosphoreszierender und autochthoner Worte und Wortbestandteile zu selbstbestimmtem Leben. Da führen mittlere Balzvorfälle/ zwischen Animierwesen und Boykottdrohnen zum feinen Film aus Lust/ und Aussterbegeräusch, während nostrifizierte Einwurfbehälter aus Fleisch/ so screen dafür sorgen, dass unsere Phosphordogge dem gegenüber fast still bleibt. Als würden Ur-Elemente der Dichtung – Liebe und Paarung, der Lauf der Jahreszeiten wie der Wolken am Himmel – allein durch den Kortex in Synthese mit apparativer Begrifflichkeit gebracht. Neues, gepresstes Material von großer Festigkeit entsteht, das aber in flexiblen poetischen Strukturen verbaut wird.
Die Geologie Thüringens ist vielgestaltig. Vulkanite des Rotliegenden erheben sich zu den höchsten Bergen des Thüringer Waldes, während Zechstein- und Triaslandschaften das Thüringer Becken prägen. Im Quartär wurden Teile des Landes von der Eiszeit überzogen, schöne Flußniederungen entstanden. Ebenso unterschiedlich mutet die Dichtung der Thüringer Protagonisten an, deren verbindendes Lasso vielleicht nicht viel mehr als der Geburtszeitraum in der zweiten Hälfte der DDR ist. Aber eine stete Biegsamkeit scheint ihnen allen eigen, mit der sie geschmeidig in der Lage sind, unterschiedlichste Perspektiven einzunehmen.


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