Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2007

LICHTUNGEN - 111/XXVIII. Jg./2007

Schwerpunkt:
Writing Acts

Kunstteil:
alien productions

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
111 / XXVIII. Jg. / 2007, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
alien productions, gedankenprojektor

INHALT

LITERATUR
Manfred MIXNER
Hannas Liebhaber
Rüdiger VAN DEN BOOM
Kein Weg zurück
Ulrike Almut SANDIG
Vatertod
Sylvia GEIST
Gedichte
Isabel Fargo COLE
Der Kalif von Bagdad
Benita BERGE
Das Leben der anderen
Clemens J. SETZ
Wie ein Kondukt

NEUE NAMEN
Isabella BREIER
Besessen, ein bisschen
Roland STEINER
Die Jarowisation (Romanauszug)
Veronika BECI
An der Grenze

WRITING ACTS
Edith DRAXL, Haiko PFOST
Einleitung
EMT / John BIRKE
Vorne-Mitte-Hinten
Steffen SCHMIDT
Mega-Ego und Wir(r)sal. Zu EMT/Birkes ICH - Vier Stimmen
Ole FRAHM (LIGNA)
Anmerkungen zur Intermedialität des performativen Hörspiels
Bernadette SCHIEFER
nur ein herbst
Monika RINCK
Extended Remix. SIE WERDEN GELIEBT. Und eine Düte Kirschen
Volker PANTENBURG
kirschen essen
Claudia BOSSE und Robert WOELFL im Gespräch mit Peter STAMER
Robert WOELFL
YAMO YAMO

LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ 2006
Robert RIEDL
Kaum größer als die Welt. Ein europäisches Märchen
(3. Preis)

KUNST
Werner FENZ
Gedanken zum Gedankenprojektor von alien productions
ALIEN PRODUCTIONS
Gedankenprojektor

ZEITKRITIK/ESSAY
Ismail KADARE
Der Ring an der Klaue des Adlers
Georg PETZ
Stairway to Heaven

ZU DEN AUTORiNNEN

WRITING ACTS
Einleitung
Edith DRAXL & Haiko PFOST

Writing Acts - ein Prozess von fast zwei Jahren - begann mit der Frage, welche Arbeitszusammenhänge für Autor/innen, jenseits bekannter Schreibwerkstätten und –wettbewerbe, interessant und herausfordernd sein könnten. Immer wieder – gerade auch in der Geschichte des steirischen herbstes – wurde die Literatur geprägt von anderen Künsten, von Performance, bildender Kunst, Musik: Kollaborativ beteiligten sich Künstlerinnen und Künstler aller Medien an der Auflösung eines klassischen Werkbegriffs. In den letzten Jahren scheint diese Auseinandersetzung ins Stocken geraten zu sein: Viele Autorinnen und Autoren ziehen sich an ihren Schreibtisch zurück; für die anderen Künste haben literarische Impulse an Bedeutung verloren. Zugleich ist das Verhältnis von Performance und Literatur in steter Bewegung: schreibende Performer, performende Schreiber, performatives Schreiben und Performance als Text. Welche Rolle also spielen der Autor, die Autorin, wo heute ohnehin jeder sein eigener Autor ist und die Begriffe ,Text’ und ,Autor’ in der Kulturwissenschaft längst alles meinen und nichts. Deshalb müssen die Relationen zwischen den Medien immer wieder neu verhandelt werden.
Ausgehend von diesem ersten Auftrag nahm das Projekt nach und nach Gestalt an. Intermedialität rückte in den Focus der Aufmerksamkeit, ein schnell verwendeter, aber sehr komplizierter Begriff, wie die langen Literaturlisten von Theoretikern, die von Beginn an in das Projekt involviert waren, belegten.
Wir widerstanden der Versuchung ihn einzugrenzen und verfolgten die Idee, ihn in den jeweiligen Arbeitssituationen in verschiedener Weise konkret werden zu lassen. Deshalb wurden für dieses intermediale Projekt Schriftsteller/innen, Regisseur/innen, Komponist/innen, Performer/innen und bildende Künstler/innen in einen sich wechselseitig beeinflussenden Forschungs- und Produktionsprozess verwickelt. Während mehrerer Arbeitstreffen sollten Positionen bezogen und diskutiert, die Funktionen von Text in performativen Vorgängen untersucht und seine Veränderungen durch Übersetzung in Bild und Ton hinterfragt werden. Im Mittelpunkt standen Möglichkeiten der Kollaboration, der gemeinsamen Autorschaft und der produktiven, notwendigen Abgrenzung der einzelnen Medien.
Im Jänner 2006 fand das erste Treffen mit den von uns eingeladenen Künstler/innen und einem Theoretiker in Graz statt: drei Tage, zwei Räume, diskutieren, rauchen, miteinander essen. Graz als Ort für ein Blind-Date. Vierzehn Arbeitspositionen wurden vorgestellt, besprochen, fanden Zustimmung und Ablehnung, erste Allianzen entstanden.
In Aussicht genommen wurde ein zweites Treffen, diesmal in der Südsteiermark. Kollaborationen festigten sich, Projektideen wurden entwickelt, verworfen
und erneut diskutiert – nur das Künstlerkollektiv LIGnA suchte noch immer einen passenden Autor.
Eine gemeinsame Voraussetzung in diesem Projekt war, dass der Text nicht vorgängig entsteht und dann umgesetzt wird, sondern dass gemeinsame Arbeitsstrukturen entwickelt werden und sich die einzelnen Positionen dadurch wechselweise beeinflussen können. Deutlich wurde, dass jede Gruppe diesen Auftrag anders aufgriff und in der konkreten Kollaboration dem Begriff Intermedialität eine eigene Deutung gab. Von der Begegnung der Künste, die oszillieren und aufeinander wirken, bis hin zu ihrer Verfransung spannte sich der Bogen.
Jede Gruppe wurde im letzen Arbeitsschritt von einem Wissenschaftler als „Theoriepartner“ begleitet. Die entwickelten Arbeiten wurden langsam konkreter, eine gemeinsame Arbeitswoche in Graz markierte das vorläufige Ende dieser außergewöhnlichen Bewegung.
Dann folgte die Präsentation: Erneut Diskussionen, diesmal über das gemeinsame Ergebnis, über die Konkretisierung, die der Begriff Intermedialität erfahren hat. Die Ergebnisse waren ein Format des modernen Musiktheaters von EMT und John Birke, ein performatives Hörspiel von LIGnA und Bernadette Schiefer, eine Text/Video-Installation von Claudia Bosse und Robert Woelfl und eine Performance für einen Zuschauer von Alexander Schellow, David Weber-Krebs und Monika Rinck.
Und nun die Dokumentation, ein Jahr später, ein weiterer Spezialfall der Intermedialität. Wir haben ihn gelöst, indem wir denjenigen, die die Präsentation von Writing Acts nicht gesehen haben, mit Hilfe einer beigelegten DVD einen Einblick zu geben versuchen. Dazu gibt es persönliche Reflexionen der Kollaboration und Theoriearbeiten, die die Leitbegriffe der jeweiligen Arbeitsprozesse aufgreifen.
Was es nicht gibt, ist ein Abdruck der Texte, die entstanden sind. Vielleicht ungewöhnlich – vor allem da eine Literaturzeitung das Forum der Dokumentation ist – aber konsequent. Die literarischen Texte aus ihren jeweiligen künstlerischen Arbeiten zu lösen, hieße sie in ihrer Bedeutung und ihren Bezügen zu beschneiden und sie damit maßgeblich zu verändern. Der Sinn der Dokumentation ist es, zu zeigen, wie vielfältig „Staging“ von Texten sein kann, die Strategien
der einzelnen Arbeiten deutlich zu machen und die Begegnung der beiden Welten zu reflektieren.
Das Ergebnis: vier sehr unterschiedliche, außergewöhnliche Arbeiten und zwei weiterführende Kollaborationen. Konkret arbeiten EMT und John Birke an einer weiteren gemeinsamen Produktion, die im Frühjahr 2008 auch in Wien zu sehen sein wird. Und auch der bildende Künstler Alexander Schellow, der Regisseur David Weber-Krebs und die Autorin Monika Rinck planen ein weiteres gemeinsames Projekt.


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