Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2006

LICHTUNGEN - 108/XXVII. Jg./2006

Schwerpunkt:
Literatur aus Wei▀russland

Kunstteil:
Christian Eisenberger

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
108 / XXVII. Jg. / 2006, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Christian Eisenberger, U-R-E-X, 2005/2006


INHALT 

 
LITERATUR
 
Thomas BALLHAUSEN
Ostrakismos
3
Sonja HARTER
geh zu fuß nach istanbul
fünf gedichte über das reisen
8
Inger-Maria MAHLKE
ABC-Kinder
10
Marcus JENSEN
Aus dem Kästchen
13
Christian TEISSL
Sieben Gedichte
19
Thomas FRAHM
Fotoapparat
21
Wolfgang POLLANZ
Die Spiegelung
26
Semier INSAYIF
selbst innen gegen über (Gedichte)
28
 
 
NEUE NAMEN
 
Bernadette SCHIEFER
anna und ich
33
Mira MIXNER
We gonna look pretty good
38
LITERATUR AUS WEISSRUSSLAND
Iryna SCHAŬLJAKOWA
Eine Anthologie der Wunder. Eine Einleitung
41
Teil 1: Prosa
 
Leanid HALUBOWITSCH
Themenentwürfe aus der linken Westentasche
46
Anatol KUDRAWETZ
Der Vater
52
Barys PJATROWITSCH
Der Himmel unter den Füßen und ringsum
57
Iwan KLIMJANKOŬ
Saubeton
65
Jury STANKEWITSCH
Smaragdgrüne Fliegen
69
Andrej FEDARENKA
Verdammtnochmal
78
Ihar SIDARUK
Karawaitschik-34
85
Alhierd BAKHAREVICV
Das absolute Gehör
92
Teil 2: Lyrik
 
Ales RASANAU
97
Jaryna DASCHYNA
100
Nina MATZJASCH
102
Leanid HALUBOWITSCH
104
Ihar BABKOŬ
106
 
 
KUNST
 
Werner FENZ
 
Der prächtige Schmetterling der Kunst
Über Christian Eisenberger nachgedach
115
Christian EISENBERGER
U-R-E-X 2005/2006
116-130
 
 
ZEITKRITIK / ESSAY
 
Peter STRASSER
Ist Patriotismus eine Untugend?
131
Alessandra MOLINA
Tür, Öffnung, Riegel und andere Elemente eines Exils
141
 
 
ZU DEN AUTORiNNEN
144

 

EINE ANTHOLOGIE der WUNDER
Iryna SCHAULJAKOWA

Der belarussischen Wortdichtung mangelte es für die Dauer ihres ganzen Bestehens an Vielem, doch nie hat es ihr an Alleinsein/Einsamkeit sowie an Wundern/Wunderlichkeiten jeder Art gemangelt. Dafür gab es Gründe – sowohl objektive (das war vor allem der diskrete Charakter der Entwicklung der belarussischen Tradition als Folge der periodisch-permanenten Angriffe auf die belarussische Sprache), wie auch sozusagen subjektive (wenn man als solche gewisse Besonderheiten des nationalen Charakters betrachtet wie Besonnenheit, Duldsamkeit, Toleranz, Arbeitseifer, Nichtaggressivität etc., die allerdings dazu neigen, unter bestimmten Bedingungen zu entgegengesetzten Eigenschaften zu entarten).

Letztendlich hatte der Ehebund der unüberwindlichen Einsamkeit und der unerträglichen Wunderlichkeit des heimatlichen Seins zur Folge, dass die Dichtkunst unserer Heimat, deren größte Nachteile (nach Ansicht derer, die sie schufen, d.h. der Dichter selbst) bis vor kurzem Provinzialismus und Voraussagbarkeit waren, sich „plötzlich“ eine ihr bis dato nicht eigene Paradoxie aneignete. Kurz gesagt, erinnert die belarussische schöngeistige Literatur heute an das von Lewis Carroll beschriebene Wunderland: alles, was vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus unlogisch bzw. unrichtig erscheint, ist aus der Sicht unseres gesunden Verstandes logisch und richtig. Die anderen assoziieren mit dem „Territorium des Stiers“, über das Hemingway in der „Fiesta“ erzählt: gemeint ist der Teil der Arena, wo der Stierkämpfer, der die imaginäre Grenze der relativen Sicherheit überschreitet und somit in die nächste Nähe des Nichtseins gelangt. Im Lichte der „Vertikalisierung“ des neuesten belarussischen soziokulturellen Raums muss die „Paradoxierung“ des dichterischen Wortes unbedingt als Gefahr betrachtet werden: wer wird es schon fertig bringen, ein Wunderland zu regieren, Pläne seiner Entwicklung zu erarbeiten und die allgemeine Unterstützung seitens des wundersamen Volkes zu erringen suchen?!

Bereits eine Interpretation der Einsamkeit, in der die Weltempfindung des überwiegend größten Teils der belarussischen Schriftsteller verwurzelt ist (man darf sie nicht mit den Schriftstellern von Belarus verwechseln – das, was für einen außenstehenden Betrachter ein Wortspiel sein mag, ist für den Dichter hierzulande eine ohne Scherz ontologische Definition), jener Einsamkeit, die das Wurzelwerk und zugleich die Krone des heimatlichen literarischkünstlerischen „Baumes“ darstellt (gerade da ist die Poetik der Welt in der Poetik des Textes im buchstäblichen Sinne widergespiegelt), ist ohne (neo)barocke Metaphern unmöglich. Es handelt sich ja dabei um ein „Konzept“, das sich mit den Mitteln einer anderen Sprache schwer wiederherstellen und in Bestandteile praktisch gar nicht gliedern lässt, was die geruhsame Besonnenheit der Tradition mit den cholerischen Exercicen der „Post“-Klassik vereint, die Verschärfung des nationalen Dünkels mit den Anfällen des Kosmopolitismus synthesiert, apokalyptische Visionen und märchenhafte Hoffnungen zu einer Meta-Realität verschmelzen lässt. „Der große Inka war weiß. ‚Weiß’ bedeutet ‚Europäer’. Es gibt zahlreiche Hypothesen über seine Herkunft, von denen keine endgültig nachgewiesen ist. Ich schlage... eine neue Hypothese vor: der Inka war ein Belarusse. Das soll mein bescheidener Beitrag zum Schatz unserer Wiedergeburt werden“, sagt der Schriftsteller Barys Pjatrowitsch ohne jegliches Pathos in einem seiner „Träume (Versionen 20)“ im Buch „Das Glück zu SEIN...“.

Die Unausbleiblichkeit (und in diesem Sinne eine besondere Monumentalität) der Einsamkeit, die aus der Metaphysik abstakter Kategorien (ein Gefühl, das den Geist einer jeden „Umbruchs“zeit zum Ausdruck bringt) unerzwungen in die Physik neuester literarischer Werke („den Textkörper“) überfließt, ist ein weiteres Argument für die Vorstellung von der Paradoxie der Materialisierung weltweiter künstlerischer Trends (Erscheinungen, Phänomena, Gesetzmäßigkeiten etc.) im belarussischen kulturellen Kontext. Die belarussische Literatur der Jahrtausendwende erscheint nämlich nicht sosehr als ein Modell der experimentalen Welterschließung (was im postmodernen Raum als determinierender Grundsatz verstanden wird), sondern vielmehr als ein Versuch, die „verrenkte“ Wirklichkeit möglichst transparent zu zeigen, eine Wirklichkeit, in der der „Hiesige“ existieren muss, – einen Inbegriff von den Hiesigen hat Janka Kupala, der Klassiker der nationalen Literatur, mit der Hauptfigur seiner gleichnamigen Tragikomödie aus dem Jahr 1924 geschaffen. Doch das, was dem Mikola Snossak, dieser Person, zur Last gelegt wurde, – eine „Biegsamkeit“ der Überzeugung, Konjunkturritterei, Kosmopolitismus in dessen lumpenhafter, grotesk-absurder Form, – wird von den heutigen Schriftstellern als ein historischer Zwang, ein Schicksal, das nicht das Sein des einzelnen Menschen, sondern das des ganzen Volkes, des vom Zugwind der Geschichte durchwehten Landes prägt. Eigentlich ist die belarussische Geschichte gleichsam zwischen die Zeilen der Weltchronik geschrieben; die belarussischen Schriftsteller reagieren darauf mit Bitterkeit: das Philosophem des Zwischen-den-Zeilen-Seins, des Sich-in-der-Mitte-Befindens, der Zwischenzeitlichkeit verdinglicht sich in einer Vielfalt von Varianten. Doch als Grundstock, als sinntragender Kern, bleibt bei all diesen Varianten die Unumgänglichkeit der Einsamkeit des belarussischen Weges und Schicksals.

Ein Denkmal für die mehrfach erwähnte, deswegen jedoch nicht minder spukhafte Einsamkeit könnte das „Vergraben der Namen“ werden (darüber hat der Philosoph und Dichter Ales Rasanau in seinem Poem der roten Stricke geschrieben), das in ein gesamtnationales Ritual verwandelt wurde. Worüber die belarussischen Autoren auch schreiben mögen über den Krieg (der 1945 – in der Tat! – nicht zu Ende war), über die erste Liebe, über die Biberbuchten oder die Taten der Jünger Jesu, – sie schreiben stets über Belarus, dessen Bild heute ungestüm „virtualisiert“ wird, an Stofflichkeit verliert, aus dem Garn der Inspiration des Autors herausschlüpft, um nicht in das Blickfeld zu kommen... In das Blickfeld des einfachen belarussischen Lesers.

Die belarussische Literatur ist bereits durch die Spezifik des heimatlichen sozial-kulturellen Kontextes zu einer Hermetik der Existenz verurteilt, was besonders bei einer Gegenüberstellung von stimmungsmäßigen Bildern, Leitmotiven, dem Pathos der literarischen Werke und der gleichen Eigenschaften der journalistischen Texte auffällt. Das ist keinesfalls so zu verstehen, als ob die belarussischen Schriftsteller mürrisch und boshaft wären, als ob sie ihre Heimat nicht lieben würden und ihnen deshalb nichts gefiele, während die Journalisten der Republik Belarus durch und durch vom Glauben an die Zukunft und die Perspektiven des Staatsaufbaus beflügelte Optimisten und Patrioten wären. Es geht dabei eher darum, dass der „Blick“ des belarussischen Literaten und der des belarussischen Journalisten verschieden fokussiert sind, dass beide mit dem Auditorium in verschiedenen Sprachen sprechen. Und da die Sprache in gleichem Maße vom Denken abhängt, wie das Denken durch die jeweilige konkrete Sprache geprägt ist, die ein eigenständiges nationales Klassifizierungssystem besitzt, was seinerseits die Weltanschauung der diese Sprache sprechenden Menschen prägt und ihr Weltbild gestaltet (was schon Wilhelm Humboldt überzeugend nachgewiesen hat), ist es gar nicht verwunderlich, dass sie beim Anblick desselben Dinges absolut Unähnliches sehen.

Der Spruch Cujus regio, ejus lingua lässt sich aus dem Lateinischen wörtlich folgenderweise übersetzen: Wessen Land, dessen Sprache. Die Sprache bestimmt die Spezifik des nationalen Mythos – der Art und Weise, wie die Welt organisiert und harmonisiert wird. Im heutigen Belarus haben sich in verschiedenem Grad mindestens drei mythologische Systeme abgezeichnet – nach der Zahl der „legitimierten“ Sprachen, des Russischen und des Belarussischen de jure und des sogenannten Trassjanka (typologisch handelt es sich dabei um eine Art „Kreolisch“, ein wundersames Gemisch aus beiden oben genannten Sprachsystemen) de facto. Die belarussische Sprache selbst hat sich in ein wahrhaftes Mythologem der neuesten Literatur verwandelt, sowohl der eigentlichen Belletristik (am öftesten wenden sich dem „Problem der Muttersprache“ Figuren der historischen Prosa der Neoromantiker zu sowie die einsamen Intellektuellen, die im Dorf auf dem Heuboden eingeschlafen und auf dem Asphalt in der Stadt erwacht sind) als auch die der Prosa non fiction. Für den heutigen belarussischen Dichter wird der Begriff „des breiten Leserauditoriums“ zu einem Phantom; die realistischen Leser sind zwar nicht so zahlreich, aber in der Regel stimmen sie selbst durch ihr Interesse für das belarussische Buch mit dem Autor im Wichtigsten, in ihrem Belarussischtum, überein und werden so zu echten Mitautoren.

Die allmähliche, jedoch, wie es heute scheint, unumkehrbare Hermetisierung des belarussischen Literaturgeschehens führt zu radikalen Veränderungen sowohl im Rahmen des gesamten heimatlichen Literaturraumes als auch auf den einzelnen Textebenen. So können die prototypischen Gestalten, die Inbegriffe von Figuren, am Eichmaß der konventionellen „Etalonhelden“ dieser oder jener Generation gemessen, trotz all ihrer Unähnlichkeit ihre Abstammung vom Belarussen nicht verbergen, der sich schon im Moment des Bewusstwerdens seiner nationalen Selbstheit für die Rolle und das Leben „des Fremdlings“, „des Außenseiters“, „des offiziell Wahnsinnigen“ entscheidet. „Ich bin Belarusse. Nichts zu machen, das ist eben mein Schicksal...“, erklärte im Jahre 1998 der Dichter und Kritiker Leanid Halubowitsch trübsinnig, jedoch nicht ohne eine gewisse Koketterie.

Etwas Ähnliches könnte auch der „vereinte“ Held der neuesten Autoren sagen, derjenigen jungen belarussischen Schriftsteller, die die ästhetische Revolution vor der ästhetischen Evolution bevorzugen; sie schildern einen „spielenden Menschen“, wobei die Spiele ausgesprochen „kreativ“ sind; davon zeugen schon die Titel ihrer Bücher: „Praktische Anleitung zum Ruinieren der Städte“ von Alhierd Bacharewitsch (2002), „Eine Gangway für die Zieselmaus, oder Nekrophile Untersuchung einer Art von Nagetieren“ von Zmicier Vischniou (2002), „Praktikum zur Tierausstopfung“ von Zmicier Pljan, „Das Wunder der konfiszierten Kindheit“ von Vika Trenas (2005) u. a. m. (Übrigens ist ihr Radikalismus gewissermaßen von der Autorität der gestandenen Künstler erhellt, des Kulturosophen Valjantzin Akudowitsch mit seinem Buch „Paris zerstören“ (2004) und der Kritikerin Hanna Kislitzyna, die ihr 2003 geschriebenes Buch „Blond Attack“ betitelte.)

Dagegen schreiben die Dichter, die zur Generation der Vierzigjährigen gehören, – die, im Unterschied zu den heutigen Neuesten, Ex-„Neuesten“ – über den „Menschen-mit-dem-gespielt-wird“ (den Menschen, mit dem das Schicksal, die Geschichte, das Leben spielt). Die Schriftsteller der mittleren Generation träumten, als sie nach ihrem Alter noch zur literarischen Jugend gehörten (Mitte der 1980er Jahre), davon, den literarischen Raum mit dem Belarussischtum zu füllen; wie der Literaturwissenschaftler, Dramatiker und Prosaist Pjatro Wassjutschenka (der selbst zu dieser Generation gehört) behauptet, „hatten sie die Kraft, das zu tun, haben es aber nicht gemacht; sie spürten, dass das nötig sei, waren aber der Meinung, dass das Schreiben von Krimis und sonstigen Schmökern ein Versuch sei, den Leser zum Belarussischtum heranzuführen“. Heute siedeln sie ihre Romane und Poeme, Novellen und Theaterstücke, Gedichte und Essays mit Helden an, die ihre Geistigkeit als ihr Kreuz, als eine heilige Verdammnis wahrnehmen.

Und schließlich suchen die Patriarchen der Literatur ihre Helden entweder in der weit (und sehr weit) zurückliegenden Vergangenheit, oder sie... konstatieren, dass es in der Gegenwart keine Helden gibt: sie glauben, dass unser lichtes Heute eine Unterkunft vor allem für Schatten (von Menschen und Ereignissen) ist; ein Schatten kann handelnde Person sein, ist aber nicht fähig, ein eigenes Leben zu leben, nicht einmal in einer erdachten Welt. So hat z. B. der Prosaist Anatol Kudrawetz (1936 geboren) im Jahre 1992 den Sammelband „Der Tod des Nationalisten“ veröffentlicht. In der gleichnamigen Erzählung versucht der Autor zu klären, ob der Mensch imstande sei, die Schwere eines doppelten Verlustes zu ertragen – des Verlustes des Glaubens an die Heimat und des Traums vom trauten Heim. Und er hat es geklärt: man ist es nicht fähig. Der „Nationalist“ Viktar Matzjuschonak wird von seinen Mitbürgern aus dem Leben quasi als Verrückter „ausgeschlossen“: das Urteil wird von einem jungen Milizhauptmann auf Russisch ausgesprochen: „Kann etwa ein normaler Mensch provokante Verslein vor dem Publikum vortragen?!“

Die heutigen Personen der belarussischen Literaturwerke sind an unvergänglicher Schuld krank – den Angehörigen oder den Geliebten, dem Volk oder der Geschichte gegenüber, jedoch ein besonders heftiges Schuldgefühl verspüren sie vor dem eigenen Ich – wegen der eigenen Einsamkeit, „die zu töten, bedeutet, sich selbst zu töten“ (Barys Pjatrowitsch). Die Figuren bei vielen Schriftstellern werden ungewollt in eine spezifisch belarussische Form der „Revolte“, in eine kollektive Emigration, hineingezogen. In einigen Fällen ist das eine „Emigration“ in das Nichtsein, in den anderen in das eigene Ich. In den Texten belarussischer Schrifsteller der Zeit der reifen (nach der Ansicht einiger Denker der veralteten, der morschen) Postmoderne tritt der verallgemeinerte Held als Träger der Einsamkeit als idée fixe auf, einer Einsamkeit, die eine Vielfalt von Schattierungen und äußeren Erscheinungen (von der hemmungslosen Reflexion bis zur Misanthropie) in sich aufnimmt.

Die Postmoderne als eine besondere Weltempfindung wird im soziokulturellen Bereich des heutigen Belarus erstaunlich vollständig, wenn auch außerordentlich wundersam verkörpert: so bekommt das Prinzip der „epistemologischen Unsicherheit“ den Status des Kernbegriffes sowohl im Bereich der Sinnes- als auch in dem der Formschöpfung. Dafür wird aber die künstlerische Würde und der Mut eines hiesigen Literaten – noch ein Paradoxon! – an dessen realistischer Art gemessen; gewissermaßen werden heute ein „Neophyt“ und ein „Klassiker“ hierzulande am Realismus erprobt. Die realistische Art wird dabei als Empfindung des Seins in seiner Nacktheit, „Nicht-Geschmücktheit“ verstanden, wenn die Hoffnung auf unbedingte Ewigkeit das Wissen um die unerträgliche Zerbrechlichkeit der uns umgebenden Welt nicht leichter macht. Übrigens empfinden viele Schriftsteller, die verschiedenen Generationen angehören und sich von verschiedenen ästhetischen Orientierungsmomenten leiten lassen, das Chaos als einen Faktor des Alltags: Unglaubliches tritt als Gewohntes auf, und wir empfinden ein „Gefühl der Intimität“ von der peinlichen Verwunderlichkeit des eigenen Seins. Von einer totalen Tragik der künstlerischen Weltempfindung, die in den Werken der gegenwärtigen belarussischen Schriftsteller verkörpert wäre, kann allerdings keine Rede sein. Das tragische bzw. heroische Pathos verwandelt sich manchmal ungezwungen in eine Tragikomik, ja Tragifarce, die sich ihrerseits, infolge von barocken „Abbruchumkehrungen“, in ein aufrichtiges – kindliches – Lachen umbilden können; bezeichnend sind in diesem Sinne die Novellen über das Soldatenleben „Die Abenteuer eines Einfaltspinsels“ von Pjatro Wassjutschenka und Antony Wyrwitsch, das ironische Gleichnis „Das Land der Chlunder“ von Aleh Minkin und Ihar Sidaruk – an Beispielen mangelt es nicht.

Die Verbindung des Interesses für die „realistische“ Problematik mit der Suche nach einer anspruchsvollen Form für deren Verwirklichung prägt in hohem Grade die Spezifik unserer Literatur. Mit anderen Worten, handelt es sich dabei um das Bestreben, einen „traditionellen“ (hier – einen für die Dauer der ganzen Geschichte ontologisch wichtigen und heute hoch brisanten) Inhalt, jenen moralischen Wertekomplex, auf dem das belarussische Weltgebäude begründet ist, in eine ästhetische Form gießen, die dem „Zeitgeist“ adäquat wäre und der experimentatorischen Ausgerichtetheit der modernen Kunst entsprechen würde. Andererseits wird kaum jemand eine gewisse „Entfremdung“ des heimatlichen kulturellen Gebiets vom Kontext der Umgebung bestreiten; diese Entfremdung ist es, die den besonderen Charakter der Materialisierung der weltweiten literarischen Ereignisse, Prozesse, Trends usw. in der belarussischen schöngeistigen Literatur des letzten Drittels des 20. und des Beginns des 21. Jahrhunderts prädeterminiert. So hat sich z. B. „die postmodernistische Dekonstruktion“ auf unsere Literatur nicht in ihrer ganzen Macht ausgewirkt. Gerade dadurch lässt sich die Tatsache erklären, dass in der Belletristik der genannten Periode eine Reihe von Themen und Sujets gänzlich fehlen, die schon zu der Zeit als tabuisiert empfunden wurden, wo alles Suchen und alle Errungenschaften der nationalen Literatur durch die Generallinie „des sozialistischen Realismus“ determiniert waren. Seit 1989 ist bei uns z. B. kein einziges Werk entstanden, das wenigstens indirekt das Thema der sexuellen Minderheiten behandeln würde. Was die Hervorhebung einer mehr oder weniger ausgestalteten „kulturellen Minderheit“ als Trägerin eines besonderen Typs des Kulturschaffens betrifft, so kann die Rede höchstens von der Opposition „Traditionalismus“/„Avantgardismus“ als künstlerische Strategien sein, wobei beide im Ergebnis als konkrete Interpretationen ein und desselben Konzeptes erscheinen, des Konzeptes des Belarussischtums.

Bezeichnend ist, dass die Experimente sowie Entdeckungen im Bereich der Formschöpfung selbst im eigentlichen literarischen Kreis als ein „Spiel Spielen“ qualifiziert werden. Sogar Vertreter der Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen beurteilen die Versuche, das Wesen und die Perspektiven des heimatlichen Avantgardismus nicht ohne Skepsis. „Sub specie aeternitatis, der revolutionäre Charakter der belarussischen Avantgarde ist bedingt – zeit- und situationsbedingt, und erweist sich im Grunde genommen als pseudorevolutinär, er ist lediglich ein Spiel, ein Surrogat des revolutionären Charakters. Es ist natürlich interessant, dieses Spiel zu spielen, aber das von außen zu beobachten ist nicht allzu erbaulich...“, stellt Max Stschur fest, dessen Name stets bei der Aufzählung der „Pioniere“ des neuesten „Radikalismus“ in der belarussischen Literatur genannt wird. Der Dichter, Übersetzer und Essayist Andrej Chadanowitsch streitet seinerseits das Vorhandensein einer „postmodernen Situation“ in unserer Literatur nicht ab, allerdings findet er hierzulande keine „postmoderne Literatur“ (jedenfalls in dem Sinne nicht, in dem der Begriff „Postmodernismus“ in der übrigen – nichtunserer – Welt gebraucht wird): „Allmählich hat sich der Rummel um die ersten aufregenden Auftritte und Performances junger Literaten gelegt, und plötzlich stellte sich heraus, dass es keine Revolution in der Literatur gegeben hat“. Also, der recht originelle Textraum, der in den 1990er und Anfang der 2000er Jahre durch die Zeitschriften „Krynitza“, „Fragmente“, „Arche“, „Pamisch“ geschaffen und durch die Aktionen der avantgardistischen Bewegung „BumBamLit“ sowie die Projekte der „Zweiten Front der Künste“ verstärkt wurde, wird von der literarischen Mehrheit und der nebenliterarischen Öffentlichkeit als ein Fremdkörper, eine reine zufällige Episode des Radikalismus in der makellosen Geschichte Unseres Heimatlichen, Hiesigen Traditionalismus betrachtet!

Und zuletzt das Paradoxon, mit dem das (bei weitem nicht abgeschlossene!) Verzeichnis der Wunderlichkeiten unserer schönen Literatur gekrönt werden könnte. Die heutigen belarussischen Schriftsteller (und in erster Linie die sogenannte „mittlere“ Generation – die Mittegeneration!–, die besonders oft und ungerecht des Mangels an Patriotismus, des morbiden Pessimismus etc. beschuldigt wird) legen einen glänzenden Erfindergeist an den Tag, wenn es um die Umkehrung der „Nachteile“ (oder zumindest strittiger Eigenschaften) des nationalen Charakters in die Grundlage der nationalen Würde geht. Reift doch gerade in den tiefstgelegenen Schichten der belarussischen Textschöpfung die Überzeugung heran: „Wir werden durch die Rolle rehabilitiert, die seit jeher jeder überzeugte Belarusse zu spielen hatte, um den Fakt des realen Belarussischtums in der traditionell ungünstigen Umgebung zu bestätigen, wobei die wichtigsten Attribute der Entfremdung unumgänglich erneuert werden...“ (Iwan Afanasjeŭ). Anders ausgedrückt: gerade die Tatsache, dass der Belarusse, der sich seines Belarussischtums in der Gesamtheit von dessen Faktoren (vom ersten Wort bis zur letzten Tat) bewusst ist, als eine Abnormität der kulturellen Landschaft der Heimat angesehen wird, ist die unbedingte Voraussetzung zukünftiger Triumphe der nationalen Selbstheit. Nach dieser – hochkünstlerischen! – Logik wird die „Minderheit“ unumgänglich zur „Mehrheit“ werden. Also ist das, was für jemand anderen ein Grund zur Verzweiflung werden könnte, für den belarussischen Schriftsteller eine Garantie der Triumphe. Allerdings zu... aussichtsreicher Triumphe


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