Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2005

LICHTUNGEN - 103/XXVI. Jg./2005

Schwerpunkt:
Junge albanische AutorInnen / Virtuelles Havanna

Kunstteil:
Ruth Anderwald / Leonhard Grond

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
103 / XXVI. Jg. / 2005, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Ruth Anderwald / Leonhard Grond
Versuche über Dominanz und Heiligkeit, Farbfotos 2005


INHALT  

 
LITERATUR  
 
Maruša KRESE Wünsche, Schizophrenien, Albträume. Eine Selbstbefragung
4
  Faro. Gedichte
6
Manfred MIXNER Oswalds Bilder. Erzählung
12
Ales RASANAU Eisen. Epikzyklus (Teil I)
20
Marcus POETTLER levitation. Gedichte
26
Felicitas FERDER Sommertage. Erzählung
30
Donal McLAUGHLIN Tapetenwechsel. Erzählung
34
 
NEUE NAMEN  
 
Annett KRENDLESBERGER Der Ausflug. Erzählung
39
 
TON_SATZ  
 
Schnittstellen zwischen Literatur und Musik
 
Olga FLOR / Elisabeth HARNIK Kugelstein. Musiktheater (Auszug)
41
 
JUNGE ALBANISCHE AUTORiNNEN / AUTORË TË RINJ SHQIPTARË
 
Die Zeitschrift ALEPH – Revista letrare ALEPH
 
Joachim RÖHM Ein kurzer Überblick über die albanische Literatur des Nachkommunismus
49
Virion GRAÇI  
52
Agron TUFA  
59
Ervin HATIBI  
65
Ilir BELLIU  
70
Ledia DUSHI  
72
Romeo ÇOLLAKU  
74
Arian LEKA  
76
Lindita AHMETI  
79
Gentian ÇOÇOLI  
81
 
 
HAVANNA VIRTUELL
 
Projekt im steirischen herbst
 
Carlos A. AGUILERA Virtuelles Havanna
84
Rolando Sánchez MEJÍAS Gedichte
86
Alessandra MOLINA Gedichte
90
Nestor Díaz de VILLEGAS Gedichte
94
Victor FOWLER Gedichte
97
Omar PÉREZ Gedichte
100
Carlos A. AGUILERA /
José Aníbal CAMPOS
Patria, Heimat, Vaterland – eine Auseinandersetzung
105
 
LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ 2004
 
Ulrike KOTZINA (3. Preis) Etwas, das fehlt. Erzählung
109
 
 
BILDENDE KUNST  
 
Werner FENZ  
 
  Spuren einer transparenten Realität.
 
  Zu den Körperposen von Ruth Anderwald und Leonhard Grond
115-130
Ruth ANDERWALD /
Leonhard GROND
Versuche über Dominanz und Heiligkeit, Farbfotos 2005
116-129
 
ZEITKRITIK / ESSAY  
 
SAID Die Erzählung
131
 
ZU DEN AUTORiNNEN  
 
   
136

 

JUNGE ALBANISCHE AUTORINNEN
Die Zeitschrift ALEPH

Auswahl und Übersetzungen aus dem Albanischen von Joachim RÖHM, Stuttgart
Unterstützt von KulturKontakt Austria.

SHQIPËRIA

Shqipëria është më e madhe se toka e saj,
Se qielli i shtrirë pingul.
Ajo është ëndërr e thinjur anije –
Jaht që greminat puth.

Me krahë rreh plagët–gjak t’i mbyllë
Tek përpëlitet përgjysmuar.
Ajo s’është pjesë planeti, por yll, –
Loti që Zotit i pati pikuar.

ALBANIEN

Albanien ist größer als seine erde,
als der senkrecht ausgestreckte himmel.
Es ist der ergraute traum eines schiffes –
Eine jacht, die den abgrund küsst.

Zweigeteilt in schmerzen sich windend
Schließt es mit flügelschlägen die blutenden wunden.
Es ist nicht teil des planeten, sondern ein stern –
Die von Gott vergossene träne.

Agron TUFA
(weitere Texte S. 59-64)

Joachim RÖHM
Ein kurzer Überblick über die albanische Literatur des Nachkommunismus

Als 1992 (mit einer gewissen Verspätung, wie es meistens ist in Albanien) dem kommunistischen Regime trotz seiner Versuche, vermittels oberflächlicher Zugeständnisse und kosmetischer Korrekturen seine Macht zu erhalten, durch Massenproteste vollends der Garaus gemacht wurde, bewirkte dies vermutlich tiefere Einschnitte auch im literarischen Leben als in anderen osteuropäischen Ländern. Von der staatlichen Kulturpolizei, welche die Ein- und Reinhaltung der Doktrin des Sozialistischen Realismus zu garantieren gehabt hatte, waren die Künstler am ganz kurzen Gängelband gehalten worden. In einer Mischung aus Akribie und Paranoia wurde angeblichen ideologischen Abweichungen nachgespürt. Wer sich plötzlich und oft völlig überraschend als „Wegbereiter westlicher Dekadenz” gebrandmarkt sah, hatte mit „Umerziehung”, Haft, Internierung oder manchmal noch Schlimmerem zu rechnen.

Dennoch darf man sich die albanische Literaturszene in den fünfzig Jahren der Herrschaft des Hoxha-Clans nicht als kulturrevolutionäre Wüste vorstellen. Richtig wäre es, von staatlich verordneter und überwachter Mediokrität zu sprechen. Aus dem allgemeinen Mittelmaß ragte kraft seines Talents und geschützt durch sein früh erworbenes internationales Renomee nur Ismail Kadare hervor. Bis heute wirkt die sehr effektiv betriebene Abschottung von den literarischen Bewegungen, den ästhetischen Diskursen im Rest der kulturellen Welt negativ nach. Zwar zirkulierten unter der Hand auch Bücher in fremden Sprachen, doch bei nüchterner Betrachtung ergibt sich, daß die Auswahl zu eng begrenzt und außerdem zu zufällig war, um einen wirklichen Kontakt zu begründen. Bis heute ist die Kenntnis der Weltliteratur oder auch nur ihrer wichtigsten Strömungen auch in den literarischen Kreisen Albaniens sehr begrenzt.

Doch die allmächtige Kulturbürokratie hielt auch mancherlei Vergünstigungen für die Schriftsteller bereit. Die Kulturpresse druckte junge Schriftsteller, soweit sie sich an die Regeln hielten, bereitwillig ab, und der Staatsverlag brachte ihre Bücher, wenn sie sich einen gewissen Ruf verschafft hatten, in vergleichsweise recht hohen Auflagen auf den Markt. Direkt oder vermittels des gleichgeschalteten Schriftstellerverbandes wurden die Schreibenden, soweit sie nicht aneckten, großzügig mit viel Freiraum bietenden Arbeitsplätzen oder Arbeitsstipendien oder beidem bedacht.

So gab es, als das kommunistische System 1992 zusammenbrach, eine im Vergleich zur Bevölkerung ungewöhnlich große Zahl von mehr oder weniger bekannten und materiell relativ gut abgesicherten Poeten (vor allem Poeten!), Romanciers, Theaterund Drehbuchautoren. Am Rande sei angemerkt, daß die Literaturschaffenden in erstaunlich geringem Maße Triebkraft der demokratischen Veränderung waren. Daß die hohen Erwartungen, welche die Menschen mit dem Ende des Kommunismus verbanden, nicht sofort erfüllt wurden, hat Albanien mit anderen Ländern Osteuropas gemeinsam. Allerdings zieht sich die chaotische „Übergangszeit” in Albanien inzwischen bereits übermäßig lange, nämlich anderthalb Jahrzehnte hin, und ein Ende ist nicht wirklich in Sicht. Es herrschen die Sitten, die den Manchester- Kapitalismus in rosigem Licht erscheinen lassen, brutaler Materialismus und hemmungslose Bereicherungssucht regieren, jede Zelle des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ist von Korruption zernagt, die Kriminalität gehört zum politischen System. Kultur und Literatur spielen unter diesen Verhältnissen weniger als eine Nebenrolle. Zwar hat sich inzwischen ein freies Verlagswesen etabliert, doch paradoxerweise behindert es die Entwicklung der albanischen Literatur mehr als es sie fördert.

In der Regel hat ein albanischer Verleger sein Geld schon verdient, ehe das betreffende Buch überhaupt auf dem Markt erscheint. Ein Autor (oder auch Übersetzer) benützt sein Erspartes oder seine Beziehungen zu irgendeiner der (oft recht kriterienlos) fördernden internationalen Organisationen oder Stiftungen und bezahlt den Verlag für die Veröffentlichung, dazu nicht selten auch noch ein paar Rezensenten. Ob ein Buch verkauft wird und Leser findet, spielt in diesem System eine nebengeordnete Rolle. Es gibt Buchhandlungen, aber kein geregeltes Vertriebssystem. Etwas zu veröffentlichen, dient in „gebildeten Kreisen” der Hebung des Sozialprestiges, und „übersetzt zu sein” gilt unabhängig von der Resonanz beim ausländischen Publikum (wenn die Übersetzung überhaupt irgendwo abgedruckt wurde) als wesentliche Bereicherung der Autorenbiographie. Es lassen sich keine scharfen Grenzen zwischen Dilettantismus und ernst zu nehmendem literarischem Schaffen ziehen. Unter solchen Verhältnissen ist es für einen veranlagten jungen Autor wahrscheinlich schwerer, sich durchzusetzen, als im so viel gescholtenen markt- und erfolgsorientierten Verlagssystem der westlichen Welt.

In Parenthese: Das freie Verlagswesen hat immerhin zu einem deutlichen Anstieg von Übersetzungen aus der Weltliteratur geführt. Viele Bücher in den Buchhandlungen tragen die Namen bedeutender Autoren aus aller Herren Länder. Doch der erste Anschein trügt. Die Auswahl der Werke ist willkürlich und unsystematisch, je nach Lust und Laune den jeweiligen Übersetzern überlassen, die in der Regel über wenig literarischen Überblick und noch weniger professionelle Fähigkeiten verfügen. So sind die Ergebnisse oft von erschütternder Kläglichkeit. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis Albanien einen geregelten Austausch mit dem Rest der literarischen Welt pflegt, was allerdings ebenso wie die Schaffung eines seriösen Verlagswesens eine Voraussetzung für die Weiterentwicklung der albanischen Literatur ist.

Ein starkes Jahrzehnt nach der politischen Wende läßt sich feststellen, daß die politischen Veränderungen in Albanien auf die verschiedenen enerationen albanischer Schriftsteller unterschiedliche Auswirkungen hatten.

Die ältere Generation, also jene Autoren, die in der Zeit des sozialistischen Realismus das literarische Leben dominierten, spielt mit wenigen Ausnahmen keine Rolle mehr. Das liegt nicht etwa an einer öffentlichen Abrechnung mit dem von ihnen verkörperten sozialistischen Realismus, so etwas hat es in Albanien kaum gegeben. Es gehört zu den Paradoxien Albaniens, daß gerade Ismail Kadare, dessen literarische Integrität für alle Welt überprüfbar ist, die übelsten Attacken über sich ergehen lassen mußte, während die entschlossenen Verfechter der nationalkommunistischen Arbeiter-und-Bauern- Literatur von öffentlicher Häme fast völlig verschont blieben. Daß die alten Barden heute im literarischen Leben keine Rolle mehr spielen, liegt wohl schlicht daran, daß sie unter und zu den neuen Verhältnissen nicht mehr viel zu sagen haben. Die mittlere Generation der nun über vierzig Jahre alten Autoren, die sich ihre ersten literarischen Sporen (wenn man es so nennen will) noch während der etwas liberaleren Endphase des kommunistischen Regimes erwarben, hat sich in den Jahren der „Übergangszeit” erstaunlich wenig literarische Geltung verschaffen können. Das mag daran liegen, daß ein Großteil dieser recht gut gebildeten und Fremdsprachen sprechenden Intellektuellen nach 1992 bei den albanischen Niederlassungen internationaler Organisationen oder NGOs sowie den kulturellen Institutionen unterkam, bzw. ins Geschäftsleben oder in die Politik ging. Auch wenn sie nebenher noch schreiben, die Literaturszene des Landes vermögen sie nicht mehr wesentlich zu prägen.

Diese Rolle spielen heute am ehesten die Autoren um die fünfunddreißig, die Vertreter der „Generation Null” der nachkommunistischen Literatur in Albanien. Sie standen am Anfang ihres Schaffens, als die Diktatur ihr Ende fand, was sie als Befreiung erlebten, zugleich aber auch als Zusammenbruch eines Wertesystems. Der vielbeschworene Aufbruch in eine Epoche der Demokratie und des Wohlstands erwies sich schnell als desillusionierender Siegeszug eines primitiven Räuberkapitalismus, der anstatt neue Werte zu verankern das Wertevakuum noch schlimmer machte. Immerhin war die kulturelle Isolation zu Ende, und die jungen Literaten nützten die Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit den Strömungen der Weltliteratur im zwanzigsten Jahrhundert. Man experimentiert gern und viel. Doch wenn man von den Entwicklungen des Geisteslebens auf der Welt so lange abgeschnitten gewesen ist, fällt es nicht leicht, sich zu orientieren, und vieles von dem, was im letzten Jahrzehnt in Albanien geschrieben und gedruckt wurde, trägt den Stempel des Eklektischen. Das Spektrum der Versuche ist weit, es reicht von amateurhaftem, oberflächlich effekthascherischem Pseudoavantgardismus bis zu den allerseriösesten Bestrebungen, mit Blick auf die (allerdings nicht vielen) akzeptierten Vorbilder aus der eigenen Literaturgeschichte ein tragfähiges literarisches Koordinatensystem zu entwickeln. Die verständliche Allergie gegen den sozialistischen Realismus hat sich leider nachteilig für alle Formen des realistischen Schreibens ausgewirkt. Einig sind sich die Besten in ihrem hohen Anspruch an Sprache und Form, doch ist bisweilen ein gewisser Hang zum Ästhetizismus und zu beliebiger Verspieltheit nicht zu übersehen. Wo ein Teil der Autoren bei aller Acht für die Form doch anknüpft an den (gesellschaftlichen, politischen, kulturellen) Dilemmata des albanischen Alltags, ist sich ein anderer Teil der eigenen Elitehaftigkeit so sicher, daß er Gefahr läuft, das lebenswichtige Gebot der Zwiesprache mit dem Leser aus dem Auge zu verlieren, wo immer sich dieser auch befindet. Auf dörflichem Grund gebaut, sind Elfenbeintürme oft besonders unbeständig.

Die junge albanische Literatur hat mehrere Epizentren, die untereinander böse zerstritten sind. (Streit, sagt Franz Kafka, sei ein Merkmal der kleinen Literaturen.) Als das wichtigste dieser Epizentren kann die Literatur- und Kulturzeitschrift „Aleph” gelten. (In Anbetracht der angesprochenen Zerstrittenheit wird dieses Urteil unvermeidlich Widerspruch auslösen.) Sie bemüht sich seit Jahren auf hohem Niveau, nicht nur jungen albanischen Autoren eine Plattform zu geben, sondern den Lesern in Albanien auch die ausländische Literatur zugänglich zu machen. Die hier in den LICHTUNGEN abgedruckten Texte sind zum größten Teil den Nummern von „Aleph” entnommen. Die Zeitschrift erscheint aus finanziellen Gründen nur in unregelmäßigen Abständen, ist gar in ihrem Bestand gefährdet, denn staatliche Mittel fließen in Albanien anderen Verwendern zu als der freien Literaturszene. Möge dies eine Ermunterung für die Macher von „Aleph” sein, trotz aller Schwierigkeiten nicht aufzugeben.

 

Das Projekt „Havanna virtuell“ versammelt Beiträge kubanischer AutorInnen, ausgewählt von Carlos A. AGUILERA (Dresden, Graz) und übersetzt von Udo KAWASSER (Wien). Projekt und Mitwirkende werden am 21. und 22. Oktober 2005 im Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten im Rahmen des steirischen herbstes vorgestellt; es handelt sich um eine Kooperationsveranstaltung des steirischen herbstes mit dem Kulturzentrum bei den Minoriten, dem Internationalen Haus der Autoren Graz (IHAG) und der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.

Carlos A. AGUILERA
Virtuelles Havanna

Obwohl die in diesem Dossier vorgestellten AutorInnen mehr oder weniger der gleichen Generation angehören, nämlich jener, die in der ersten Hälfte der Neunziger zu publizieren begann, bringt jede/r von ihnen eine eigene Stimme in das zeitgenössischen Panaroma der kubanischen Dichtung ein. Nicht nur deswegen, weil ihre Texte zu einem bestimmten Zeitpunkt Anlass zu Diskussion und Auseinandersetzung gaben, eine Dialektik, die sich immer einstellt, wenn eine bis dahin unbekannte Gruppe von Schriftstellern ans Licht der Öffentlichkeit tritt, sondern weil sie selbst von den damaligen Gesetzen der „literarischen Realität“, die man mit Deleuze, der Postmoderne, Derrida, Benjamin etc. umreißen könnte, geprägt waren und als „Kriegsmaschinen“ gegen alles was in ihrem Umkreis lag, anzukämpfen versuchten, manchmal sogar gegen ihre eigene Art zu schreiben. Dies belegen zum Beispiel die Gedichte von Rolando Sánchez Mejías, vielleicht einer der beständigsten Autoren der vergangenen Jahre. Seine Texte sind vielmehr von Ironie als von Pathos oder einem ontologischen Verständnis von Dichtung, wie das die vorangegangenen Generationen praktiziert haben, geprägt. Sie zeugen eher von einem persönlichen Scheitern (des Lebens, der Erfahrung, des Politischen) als von einer Hochschätzung der Gattungen, ihren Gesetzen ...

Die trockene Poesie einer Alessandra Molina hat ihre von einer sehr persönlichen, weiblichen Reflexion ausgehenden Gedichte mit einer Art engagierten Ironie durchwirkt und ist eng verbunden mit den Werken von Marianne Moore oder Adrianne Rich, um nur zwei der großen nordamerikanischen Dichterinnen zu nennen, die auf der Insel am bekanntesten sind. Eine trockene Poesie, die ihre größte Wirkung erreicht, wenn es ihr gelingt, eine humorvolle Situation (vergleiche „An einem bestimmten Tag“) mit der Intensität oder Verkürzung bestimmter Worte zu verbinden, wobei man letztere im Sinne Richard Rortys als abschließendes Vokabular bezeichnen könnte.
Die Sonette von Nestor Díaz de Villegas, dem skrupellosesten und „heftigsten“ der derzeitigen kubanischen Dichter, der seine eschatologische, hysterische, „unanständige“ Bilderwelt mit den klassischen Normen verschränkt, zeugen von einer ungewöhnlichen, sadistisch zu nennenden Unbeirrtheit, die in der spanischsprachigen Dichtkunst der vergangenen Jahre ihresgleichen sucht. Eine Unbeirrtheit, die man sonst in den Werken von Severo Sarduy oder Virgilio Piñera findet, wenn man sie mit jemandem oder etwas in Verbindung bringen möchte.
Der Essentialismus eines Victor Fowlers, der vielleicht der Traditionellste der hier versammelten ist, zeigt sich in düsteren, ontologischen Texten, die manchmal zur Ironie oder Karikatur tendieren, die sich aber immer durch eine Zerrissenheit, einen Schmerz auszeichnen, wie sie auch in den hier abgedruckten Dialogen mit der Mutter, Gott, dem Scheitern... zum Ausdruck kommen.

Die Metagedichte von Omar Pérez stellen ein wahres Esperanto der Wörter, Laute, Lieder, Sprachen... dar, die sich selbst befragen und von brechtschen Breiten (jenem Brecht, der die soziale Thematik mit Volksweisen kombinierte) ausgehend bis zu Zonen vorstoßen, die nach der „Wahrheit“ des Buddhismus fragen, in denen „der Gebrauch des Stocks“ gelehrt wird, wie ihn die Jünger Deshimarus anstreben..., Zonen, die sich als Politiken in einem Territorium versuchen, in dem alles Platz hat und sich fügt.
Diesen Texten steht im Dossier ein Dialog gegenüber, in dem zwei kubanische Schriftsteller ihre unterschiedlichen Auffassungen des Begriffs „patria“, der im Deutschen zwei Entsprechungen hat: Heimat und Vaterland, diskutieren. Dieser Dialog könnte im derzeitigen großen österreichischen „Jubiläumsjahr“ auch als Beitrag zur Ausweitung der hiesigen Diskussion gelten, zeichnet es sich doch gerade jetzt ab, dass die international bekanntesten AutorInnen Österreichs jene sind, die sich am „unpatriotischsten“ zeigten und zeigen, wie Kraus, Broch, Lebert, Bernhard, Jelinek ..., und sie auf ihre Weise das Antlitz der zeitgenössischen kakanischen Literatur prägen. Denn wir leben in einer Zeit, in der der Populismus nicht nur in Mitteleuropa erstarkt und die Auseinandersetzung mit diesem Thema, sei es in Havanna, Kairo, Caracas oder Timbuktu, immer mehr zu einer (literarischen) Notwendigkeit wird.


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