Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2005

LICHTUNGEN - 102/XXVI. Jg./2005

Schwerpunkt:
Lyrik aus Ungarn

Kunstteil:
Kurt Stadler

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
102 / XXVI. Jg. / 2005, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Kurt Stadler, moondrawing 26.12.2004 01h11m24s

INHALT  

 
LITERATUR    
D˛evad KARAHASAN Gastmahl. Handlungen aus Liebe in acht Gängen und einem Vorspiel 3
Marietta BÖNING Fehler im Betriebssystem (Erzählung) 12
Ute ECKENFELDER Schöne Hand, sage ich (Gedichte) 18
Kenka LEKOVICH Kalter Schweiß Komödie in drei Aufzügen (Auszug) 22
Max GAD Hinein Gelesen Heraus Gefunden (Prosa) 27
Moritz SENARCLENS DE GRANCY Haus mit Fenster (Erzählung) 28
Admiral MAHIC An der Grenze (Gedichte) 34
Friederike SCHWAB In Gedanken laufen (Erzählung) 38
Florian VOSS Kurze Nachricht (Gedichte) 42
Marlen SCHACHINGER Leben! (Textauszüge) 44
     
NEUE NAMEN    
Sabine IMHOF Straße ohne Namen (Gedichte) 51
Horst BARWINEK Miau! Ein surrealistisches Übungsstück (Erzählung) 54
     
     
     
LYRIK AUS UNGARN    
(zum 100. Geburtstag von Attila József)  
Attila JÓZSEF Curriculum vitae 58
  Gedichte 61
Sófia BALLA Gedichte 68
Zoltán HALASI Gedichte 72
Anna T. SZABÓ Gedichte 77
     
TON_SATZ    
   
Schnittstellen zwischen Literatur und Musik Ein Grazer Kunstprojekt  
Christian TEISSL / Anselm SCHAUFLER Verregnete Zeilen 80
     
   
LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ 2004  
Elke PAPP (2. Preis) Heiße Luft (Erzählung) 88
     
     
BILDENDE KUNST    
Werner FENZ Ein Rendezvous mit dem Mond, dem Licht und der  
  Fotografie Kurt Stadlers Spurensetzung am Nachthimmel 101
Kurt STADLER moondrawings, 26. 12. 2004 102
     
     
ZEITKRITIK / ESSAY    
Peter STRASSER Vernunft und menschliche Würde 117
     
     
ZU DEN AUTORiNNEN   126

 

Lyrik aus Ungarn
Zum 100. Geburtstag von Attila József

LICHTUNGEN würdigen mit dem nachfolgenden Heftschwerpunkt den ungarischen Lyriker Attila József (1905–1937). Wir bringen einen autobiographischen Lebensbericht und eine kleine Auswahl von Gedichten des „wortmächtigen Plebejers“ (Michael Braun). Weiters stellen wir drei VertreterInnen der jüngeren Literatur Ungarns vor, deren Texten der prägende Einfluss Józsefs anzumerken ist.

Die Gedichte Józsefs und das von ihm selbst verfasste Curriculum vitae sind dem umfangreichen Auswahlband „Ein wilder Apfelbaum will ich werden, Gedichte 1916 – 1937“ (Herausgeber und Übersetzung aus dem Ungarischen: Daniel Muth) entnommen, der anlässlich des hundertsten Geburtstags des Autors 2005 im Ammann Verlag, Zürich, erschienen ist. Der Abdruck erfolgt hier mit freundlicher Genehmigung des Ammann Verlags. Es bleibt anzumerken, dass die Übersetzungen Daniel Muths in diesem Band von Rezensenten teilweise kritisch besprochen wurden. Die von uns ausgewählten Gedichte scheinen uns jedoch auch in der deutschen Fassung geeignet, den markanten poetischen Tonfall Józsefs zu vermitteln und den sozialen und politischen Hintergrund seiner Gedichte sichtbar zu machen.

Die Übersetzungen der Gedichte von Sófia Balla, Zoltán Halasi und Anna T.Szabó stammen von György Buda, Wien.

Die Redaktion

CURRICULUM VITAE

Ich bin 1905 in Budapest geboren, bin griechisch-orthodoxen Bekenntnisses.
Mein Vater, Áron József, wanderte aus, als ich drei Jahre alt war; mich brachte dafür die Landesliga für Kinderschutz bei Zieheltern in Öcsöd unter. Dort lebte ich bis zu meinem siebenten Lebensjahr. Ich arbeitete bereits damals – wie es unter armen Dorfkindern üblich ist – als Schweinehirt. In meinem siebenten Lebensjahr brachte mich meine Mutter, Borbála Pőcze, nach Budapest zurück und schrieb mich in die zweite Klasse der Hauptschule ein. Unseren Unterhalt – meinen und den meiner beiden Schwestern – schaffte meine Mutter durch Wäsche- und Putzarbeiten herbei. Sie arbeitete in Häusern, verblieb dort von früh bis spät; ich aber schwänzte mittlerweile – ohne elterliche Aufsicht – die Schule und erging mich in lausbübischen Späßen. Im Lesebuch für die dritte Klasse fand ich interessante Geschichten über den König Attila und verlegte mich gleich aufs Lesen. Die Geschichten über den Hunnenkönig Attila interessierten mich nicht nur deswegen, weil ich auch Attila heiße, sondern auch deswegen, weil meine Zieheltern in Öcsöd mich als Pista angeredet hatten. Sie stellten nach der Beratung mit den Nachbarn fest – ich war dabei Ohrenzeuge –, daß es den Namen Attila gar nicht gebe. Das erschütterte mich sehr, ich hatte den Eindruck, daß sie mein Dasein in Zweifel zogen. Die Entdeckung der Sagen über König Attila, glaube ich, prägte von da an entscheidend all mein Streben, letzten Endes führte mich vielleicht gerade dieses Erlebnis zur Literatur. Dieses Erlebnis machte mich zum Denker, zu einem Menschen, der die Meinungen anderer zwar anhört, sie aber in sich selbst überprüft; machte mich zu dem, der so lange auf den Namen Pista hört, bis nicht erwiesen wird – was er selber denkt –, daß er nämlich Attila heißt.

In meinem neunten Lebensjahr brach der Weltkrieg aus, es ging uns immer ärger. Ich hatte meinen Anteil am Herumstehen vor den Läden; es kam vor, daß ich mich abends um neun Uhr in der Schlange anstellte, die vor der Lebensmittelfabrik wartete, und als ich dann, um halb acht morgens, endlich an die Reihe gekommen wäre, wurde vor meiner Nase verkündet, das Fett sei ausgegangen. Ich half meiner Mutter, so gut ich konnte. Bot im Kino Világ (Welt) Wasser an. Stahl Holz und Kohle vom Franzenstädter Bahnhof, damit wir was zum Heizen hatten. Bastelte buntscheckige Windrädchen und verhökerte sie an Kinder aus besseren Häusern. Trug Körbe, Ballen und so weiter in der Markthalle. Im Sommer 191 8 erholte ich mich in Abbazia, dank der Kinderferienaktion »König Karl«. Meine Mutter war schon kränklich, es entstand bei ihr ein Gebärmuttertumor, und da meldete ich mich selbst bei der Kinderschutzliga; so verschlug es mich für kurze Zeit nach Monor. Nach Budapest zurückgekehrt war ich Zeitungsverkäufer, handelte mit Briefmarken, dann mit blauem, weißem Geld und Postgeld wie ein kleiner Bankier. Unter der rumänischen Besetzung war ich Brotjunge im Café Emke.
Zwischendurch – nach fünf Klassen Hauptschule – besuchte ich die Bürgerschule.

Zu Weihnachten 1919 starb meine Mutter. Zu meinem Vormund bestellte das Waisenamt meinen Schwager, Dr. Ödön Makai, – er ist jetzt unlängst gestorben. Ich diente einen Frühling und einen Sommer lang auf den Schleppdampfern namens Vihar (Sturm), Török (Türke) und Tatár (Tatar) der Atlantica-Seeschiffahrts-AG. Zu dieser Zeit legte ich, auf privatem Weg, die Prüfungen der vierten Bürgerklasse ab. Danach schickten mich mein Vormund und Dr. Sándor Giesswein zu den Salesianern nach Nyergesújfalu; ich sollte Priesterzögling werden.
Dort verbrachte ich lediglich zwei Wochen, da ich griechisch-orthodoxen Glaubens und kein Katholik bin. Von da verschlug es mich nach Makó, ins Internat Demke, wo mir bald ein Freiplatz zugebilligt wurde. Im Sommer gab ich Unterricht – für Kost und Quartier – in Mezőhegyes. Die sechste Gymnasialklasse absolvierte ich mit lauter Vorzüglich, obwohl ich wegen Pubertätsstörungen mehrere Male Selbstmordversuche beging; weder damals noch vorher war mir jemand als aufklärender Freund beigestanden. Damals erschienen bereits meine ersten Dichtungen; die Zeitschrift Nyugat veröffentlichte meine Gedichte, die ich im Alter von siebzehn Jahren verfaßte. Man hielt mich für ein Wunderkind, wobei ich nur Waise war.

Nach der sechsten Klasse kehrte ich dem Gymnasium und Internat den Rücken, da ich mich in meiner Verlassenheit sehr untätig fühlte: ich lernte nicht, weil ich mir schon nach den Erklärungen der Lehrer die Lektion merkte, dafür war mitunter mein vorzügliches Zeugnis ein Beweis. Ich ging nach Kiszombor, sollte Flurhüter im Maisfeld und Tagelöhner bei Feldarbeiten werden; letzlich verdingte ich mich als Hauslehrer. Nach Zureden von zwei meiner lieben Lehrer entschloß ich mich doch zu maturieren. Aus dem Stoff für die siebte und achte Klasse legte ich eine Gesamtprüfung ab, und so beendete ich die Schule ein Jahr früher als meine einstigen Mitschüler. Fürs Leben standen mir aber insgesamt drei Monate zur Verfügung, und so kam es dann, daß ich für die siebte Klasse mit lauter Gut, und für die achte Klasse mit lauter Genügend benotet wurde. Mein Reifezeugnis ist schon besser als mein Ergebnis für die achte Klasse: Nur in Ungarisch und Geschichte bekam ich Genügend. Zu dieser Zeit wurde mir bereits wegen Gotteslästerung, die ich in einem meiner Gedichte begangen haben sollte, der Prozeß gemacht. Der Oberste Gerichtshof sprach mich frei.

Dann war ich eine Weile Bücheragent hier in Budapest; sodann – zu der Zeit der Inflation – Angestellter im Privatbankhaus Mauthner. Nach der Einführung des Hintz-Systems teilte man mich da der Buchhaltung zu, und wenig später übernahm ich, zum Ärger meiner älteren Kollegen, die Kontrolle über die Wertpapiere, die an Kassentagen in Umlauf gebracht werden durften. Mein Eifer wurde einigermaßen dadurch gedämpft, daß meine älteren Kollegen mir – zusätzlich zu meiner eigenen Arbeit – auch einen Teil ihrer Sachen aufgehalst hatten, und sie versäumten auch ansonsten nicht, mich wegen meiner Gedichte, die in den Blättern erschienen, zu ärgern. »In dem Alter hab ich auch Gedichte geschrieben«, beteuerten sie alle. Das Bankhaus ging später pleite.

Ich beschloß endgültig, Schriftsteller zu werden und mir auch einen bürgerlichen Beruf zuzulegen, der eng mit der Literatur zusammenhängt. Ich ließ mich an der philosophischen Fakultät der Szegediner Universität einschreiben; Fächer: Ungarisch, Französisch und Philosophie. Ich belegte wöchentlich 52 Stunden, und für 20 Stunden bestand ich meine Kolloquien vorzüglich. Ich hatte Freitisch in verschiedenen Häusern, bezahlte meine Wohnung vom Honorar meiner Gedichte. Es machte mich sehr stolz, daß mein Professor Lajos Dézsi mich für fähig hielt, selbständig zu forschen. Doch vollends vergällte mir die Freude, daß mich Professor Antal Horger, bei dem ich die Prüfung in ungarischer Linguistik abzulegen gehabt hätte, zu sich rief und vor zwei Zeugen - mir blieben sie beide bis heute namentlich in Erinnerung, sie sind schon Mittelschullehrer - erklärte, daß, solange er lebe, aus mir nie und nimmer ein Gymnasiallehrer werde, da »wir die Erziehung der nächsten Generationen nicht einem Menschen anvertrauen können, der solche Verse schreibt« - und damit schob er mir eine Nummer der Zeitung Szegedin unter die Nase. Oft spricht man von der Ironie des Schicksals, und hier ist tatsächlich davon die Rede: Jenes Gedicht, »Reinen Herzens« betitelt, wurde recht bekannt, es wurden sieben Artikel darüber verfaßt, Lajos Hatvany erklärte es, nicht nur einmal, zum Dokument der ganzen Nachkriegsgeneration »für spätere Zeiten«, und Ignotus »liebkoste, streichelte, murmelte und raunte es in sich«, dieses »wunderschöne « Gedicht, wie er es in der Zeitschrift Nyugat beschrieb; er machte dieses Gedicht in seiner Ars poetica zum Musterstück der neuen Poesie.

Im nächsten Jahr - ich war damals zwanzig - ging ich nach Wien, schrieb mich an der Universität ein und lebte davon, daß ich beim Eingang des Rathauskellers Zeitungen verkaufte und die Räumlichkeiten Räumlichkeiten der Ungarnakademiker in Wien saubermachte.
Als Direktor Antal Lábán davon Kenntnis erlangte, machte er dem ein Ende, gab mir Mittagessen im Collegium Hungaricum und verhalf mir zu Schülern: Ich unterrichtete die beiden Söhne von Zoltan Hajdú, Generaldirektor der Britisch- Österreichischen Bank. Aus Wien – einem furchtbaren Elendsquartier, wo ich vier Monate lang nicht einmal Laken hatte – gelangte ich als Gast direkt ins Hatvany-Schloß nach Hatvan; hier versah mich dann die Hausherrin, die Frau von Albert Hirsch, mit Reisegeld, worauf ich also, Ende des Sommers, nach Paris aufbrach. Ich schrieb mich an der Sorbonne ein. Den Sommer verbrachte ich in einem Fischerdorf an der südfranzösischen Küste.

Dann kam ich nach Pest und verbrachte zwei Semester an der Pester Universität. Die Lehrerprüfung legte ich aber trotzdem nicht ab, weil ich mir – der Drohung Antal Horgers eingedenk – dachte, ein Lehramt würde ich sowieso nicht bekommen.
Danach stellte mich bei seiner Gründung das Außenhandelsinstitut als Korrespondenten für Ungarisch und Französisch an; mit Referenz kann, glaube ich, Herr Sándor Kóródi, mein ehemaliger Generaldirektor, gerne aufwarten. Es trafen mich aber so unerwartete Schläge, daß ich es – so sehr mich das Leben durch die Mangel drehte – nicht mehr aushielt. Die Sozialversicherung wies mich zunächst in ein Sanatorium ein und versetzte mich dann in den Krankenstand mit Neurasthenia gravis.
Ich verabschiedete mich also von meiner Stelle; sah ein, daß ich mich nicht als Klotz am Bein eines jungen Institutes binden darf. Seitdem lebe ich von meinem Schreiben. Ich bin Redakteur bei der literarischen und kritischen Zeitschrift Szép Szó. Außer meiner ungarischen Muttersprache schreibe und lese ich französisch und deutsch, korrespondiere ungarisch und französisch und bin perfekt im Maschinschreiben.
Ich konnte auch stenographieren – in einem Monat Übung könnte ich mein Wissen auffrischen.
Ich verstehe einiges von der Drucktechnik der Presse, kann präzise formulieren. Ich halte mich für redlich; ich glaube, daß mein Auffassungsvermögen rasch ist und daß ich in der Arbeit zäh bin.


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