Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2005

LICHTUNGEN - 101/XXVI. Jg./2005

Schwerpunkt:

Kunstteil:
Josef Taucher

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
101 / XXVI. Jg. / 2005, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Josef Taucher

INHALT  

 
     
EDITORIAL Markus JAROSCHKA, Helwig BRUNNER 3
     
   
FESTREDE ZUR 100. AUSGABE DER LICHTUNGEN  
Erich PRUNC Botschaften aus Babel 4
     
     
LITERATUR    
Herbert HINDRINGER still stehen 7
Edith DÜHL Alfredo 10
Wolfgang POLLANZ Gedichte aus der Fremde 18
Robert RIEDL Das himmlische Spiel 22
Philipp WEISS du mit dem verlernen der welt 28
Sylvia GEIST Jerichokaleidoskop 32
Anja TUCKERMANN Mekka 36
Katharina TIWALD Mit Julia, schwanger, in Sankt Petersburg 40
     
     
NEUE NAMEN    
Stefan SCHMITZER kobalt und bestimmung 48
Roman SENKL schwarz 50
     
TON_SATZ    
Schnittstellen zwischen
Literatur und Musik
Ein Grazer Kunstprojekt 52
Sonja HARTER & Charris EFTHIMIOU morgen das licht / wir sind verschwunden worden /
dein blick ins weite / deine augen
53
     
   
LITERATURWETTBEWERB DER AKADEMIE GRAZ  
1. Preis    
Georg PETZ Cellular Life 60
     
     
BILDENDE KUNST    
Werner FENZ Der Berg ruft! Zur Bildgrammatik von Josef Tauchers Natur 75, 90
Josef TAUCHER Quarzzwillinge aus dem Basaltsteinbruch Weitendorf bei
Wildon, Steiermark, Österreich
76-89
     
     
ZEITKRITIK / ESSAYS    
Carlos A. AGUILERA Kakanien. Ein Wintermärchen 92
Ulrich HORSTMANN Einwurf. Ansichten eines Spielballs 94
     
     
ZU DEN AUTORiNNEN   101

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Es wird Ihnen nicht entgangen sein: Die LICHTUNGEN sind dreistellig geworden.

Die 100. Ausgabe war hinsichtlich ihres Inhalts und ihres Umfangs ein Ausnahmeheft, dessen Erscheinen von zwei sehr gut besuchten Veranstaltungen an den beiden wichtigsten Grazer Literaturorten, dem Kulturzentrum bei den Minoriten und dem Literaturhaus, begleitet wurde. Mit der zu diesem Anlass gehaltenen Festrede von Erich Pruncv, die wir im vorliegenden Heft abdrucken, blicken wir noch einmal gerne auf dieses Jubiläum zurück.

Nun wird die Dreistelligkeit zum Normalfall, die zweiten hundert LICHTUNGEN stehen bevor. Die 101. Ausgabe ist nicht nur Anlass zu einer redaktionsinternen Standort- und Richtungsbestimmung; wir wollen auch unsere Leserinnen und Leser über diese Orientierung informieren.

Das Rad, das 100 Ausgaben lang gut und zunehmend besser gerollt ist – siehe hierzu auch den Rückblick des Germanisten Christian Teissl im Heft 100 –, brauchen wir nicht neu zu erfinden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Das Rad rollt weiter. Wir setzen also auf eine kontinuierliche Weiterarbeit, worunter wir einerseits die Beibehaltung des in den letzten Jahren gewonnenen Profils, andererseits aber auch laufende Fortentwicklungen im Inhalt und Erscheinungsbild der Zeitschrift verstehen.

Das internationale Städte-Projekt TransLOKAL, das die Zeitschrift während der letzten Jahre nachhaltig geprägt hat, ist beendet und wurde in Heft 100 mit der vielsprachigen europäischen Lyriksammlung DIE POESIE EUROPAS nochmals in den Blick genommen. Internationalität und Vielsprachigkeit wollen wir auch in Zukunft pflegen; in loser Folge erscheinende Auslands- beziehungsweise Städteschwerpunkte bleiben ein Charakteristikum der LICHTUNGEN. Daneben wird es neue thematische Schwerpunkte geben, etwa beginnend mit dieser Ausgabe das spartenübergreifende Grazer Kunstprojekt TON_SATZ, mit dem wir die LICHTUNGEN zur Musik beziehungsweise Komposition hin öffnen wollen. Fortsetzen werden wir auch die Zusammenarbeit mit Werner Fenz, der dankenswerter Weise seit etlichen Jahren den bildenden Kunstteil der LICHTUNGEN kuratiert, und dem als neuer Partner hinzugekommenen Kunsthaus mit Peter Pakesch. Eine offene Position der Literatur im Spektrum künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten ist uns ein inhaltliches (und nicht nur oberflächenästhetisches) Anliegen.

Insgesamt werden wir, im allgemeinen finanziellen Windschatten nach 2003, uns freilich weniger als zuletzt auf anthologische Großprojekte stützen können, sondern wieder verstärkt auf unserer Meinung nach besonders qualitätvolle Einzeltexte bauen. Damit wird der Umfang der Hefte, der in letzter Zeit stark zugenommen hat, wieder etwas reduziert werden. Um dem hohen Niveau der Texte und den Entwicklungen des Literaturbetriebs Rechnung zu tragen, werden wir für abgedruckte Beiträge künftig – wenn auch nur kleine – Honorare bezahlen.

In der Rubrik NEUE NAMEN (bisher „Neu vorgestellt“) werden wir weiterhin Autorinnen und Autoren ohne oder mit bis dato geringen Publikationserfahrungen vorstellen und dabei besonderes Augenmerk auf die regionale Szene legen. In den letzten Jahren haben viele junge Schreibende in den LICHTUNGEN erstmals publiziert, von denen etliche die in sie gesetzten Erwartungen mittlerweile voll erfüllt haben. In dieses Feld der Förderung junger Literatur gehört auch die Präsentation der Siegertexte der bereits zur fixen Institution gewordenen Literaturwettbewerbe der Akademie Graz.

Das Team der LICHTUNGEN hat sich verjüngt. Helwig Brunner, seit 2000 Redaktionsmitglied, wird künftig an der Seite von Markus Jaroschka als Mitherausgeber fungieren. Sonja Harter und Hannes Luxbacher sind seit Heft 98 Redaktionsmitglieder. Sonja Harter übernimmt auch im administrativen Bereich verschiedene Aufgaben. Friederike Schwab wird ihre bewährte redaktionelle Mitarbeit fortsetzen. Aus der Redaktion ausgeschieden sind indessen Herbert Zinkl und Hans Putzer, denen wir an dieser Stelle herzlich für ihr langjähriges Engagement danken.

Markus Jaroschka / Helwig Brunner

Erich PRUNC
Botschaft aus Babel

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Und sie sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.“

So lautet – leicht gekürzt – die Luthersche Übersetzung der Erzählung vom Turmbau zu Babel, des Mythos vom Mythos, wie ihn Jacques Derrida nannte. So spiegelt also Luther die Narration des alttestamentarischen Erzählers vom zornigen und rachsüchtigen Gott wider, in der von einem patriarchalisch totalitären Geist auch ein totalitärer Gott konstruiert wird, der die Herrschaft über die Welt gewährleistet sähe, wenn es nur „einerlei Volk und einerlei Sprache“ gäbe. Seinen Wunschtraum von der Gestaltung einer uniformen und deshalb (all)mächtigen Gesellschaft projiziert der alttestamentarische Erzähler in einen Albtraum Gottes, der ihn, den totalitär konstruierten Gott, systemimmanent zum Handeln herausfordern muss, wenn er seinen Totalitätsanspruch aufrecht erhalten will. Denn, so die zugespitzte Kernaussage in der Widerspiegelung der Herderbibel: „Siehe, sie sind ein Volk und sprechen eine Sprache. Das ist erst der Anfang ihres Tuns. Fortan wird für sie nichts mehr unausführbar sein“.

Es ist die dritte Geschichte in der Narration über die Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Menschen, die im fundamentalistischen Weltbild des alttestamentarischen Erzählers für die Menschheit tragisch enden musste: Die erste, als er vom Baum der Erkenntnis aß, und deshalb seine paradiesische Unschuld, seine Harmonie mit Natur und Umwelt verlor, die zweite, als er sich andere Götter und andere Wahrheiten suchte, und deshalb durch die Sintflut physisch ausgelöscht werden sollte, die dritte nun, zu Babel, da er sich einen „Namen machen“ will, einen Namen in der einen universalen Sprache, um nicht als Namenloser über die „ganze Welt zerstreut zu werden“, wie Derrida den Mythos paraphrasiert. Denn das Recht, den Dingen, den Anderen und sich selbst Namen zu geben und damit in die Welt des Seins zu setzen, hat der Gott der Totalität sich selbst vorbehalten. Er allein bestimmt, was einen Namen, eine Bezeichnung hat und deshalb sein darf.

Das Babylonische an Babel ist die menschliche Usurpation des Totalitätsanspruchs. In seinem fundamentalistischen Eifern und Geifern nach einer Sprache, einem Volk und einer Wahrheit hat der alttestamentarische Erzähler allerdings übersehen, dass er selbst bereits im Prozess der Konstruktion der Geschichte (un)glücklicher Gefangener seiner eigenen Sprache war. Die Stadt, der die Geschichte zugeordnet wird, führt den deutungsoffenen Namen „Babel“. Das Hebräische – und nur das Hebräische – erlaubte es dem Erzähler, zwischen dem akkadischen Namenszeichen bab-ilu/bab-ilani, ‚Tor Gottes/Tor der Götter’, und dem hebräischen Verbum bala, balbila, ,vermischen, verwirren’, eine sinnstiftende Brücke zu schlagen, um so den historischen Stadtnamen mit der intendierten Bedeutung ‚Verwirrung’ zu kontaminieren. Dem totalitären Konstrukt der machtvollen Eindeutigkeit einer gottgewollten Einheitssprache wird also durch das hybride Realprodukt zweier Sprachen die Flanke für eine subversive, polytheistisch motivierte Interpretation des Stadtnamens als Stadt der Götter aufgerissen, und somit die monotheistische Sinnstiftung vom Text her dekonstruiert.

Es ist die trostreiche ideologiekritische Botschaft von Babel, dass totalitäre Konstrukte aufgrund ihrer Rigidität langfristig an der Realität des Faktischen zerschellen müssen.

Durch den Erzähltext wird Babel zum Gleichnis für die Unmöglichkeit des menschlichen Vollendens und Totalisierens und zur Metapher für die Aufgabe der ideologisch postulierten Einheit von Welt und Wort. An ihre Stelle tritt nun die Willkürlichkeit der Beziehung zwischen Signifikanten und Signifikaten, zwischen Wortkörper und Wortsinn. Der Mensch ist nicht mehr zum einfältigen Gleichschritt der Totalität verdammt, sondern der beängstigenden und beglückenden Vielfalt der Freiheit preisgegeben, da er nun selbst Zuordnungen von Worten zu Welten und Werten, von Sätzen zu Wahrheiten vornehmen, selbst Welt durch Sprache schaffen kann. Die graue Scheinobjektivität der Einheitssprache muss der kreativ-chaotischen Mannigfaltigkeit von Sichtweisen weichen, die in Sprachen ausgedrückt und durch Sprachen und Texte konstruiert werden. Dafür ist nun nicht mehr ein abstrakt allmächtiger Geist zuständig, der Mensch selbst wird durch seine gesellschaftlichen und ideologischen Konstruktionen von Sprachen für deren kreative, belebende und heilende, deren kränkende und tödliche Wirkung verantwortlich.

Es ist die ethische Botschaft von Babel, dass die Einheit von Welt, Wert und Wort nicht von einem ewigen Geist geschaffen, sondern vom sterblichen Menschen selbst zu gestalten und zu verantworten ist.

In der entmystifizierten und ent-totalisierten postbabylonischen Welt wird nach Wittgenstein die Grenze der Sprache zur Grenze der Welt. Nur über Sprachen führt nun der Weg zur Wahrheit, Wahrheit und Sein werden durch Sprechen konstituiert. Durch Sprachen werden soziale Ordnungen geschaffen, durch Sprachbilder und Metaphern soziale Realitäten diskursiv konstruiert. Durch unterschiedliche An- und Abwesenheit von Bezeichnungen in Wort-Schätzen und Sprachstrukturen werden unterschiedliche Kosmen und Ontologien gestaltet, Weltschein und Scheinwelten durch Wortsein und Wortwelten erzeugt. Durch die Wahl von Bezeichnungen, den Ausbau oder die Reduktion morphologischer und syntaktischer Strukturen werden zum Beispiel Frauen in Textwelten nach Belieben sichtbar und unsichtbar gemacht, wird etwa durch die Patchworkmetapher nicht nur die Nomadisierung und Fragmentierung des zwangsglobalisierten Menschen widergespiegelt, sondern mit Wortschöpfungen wie Patchworkfamilie, Patchworkbeziehung und Patchworkidentität werden auch soziale Identifikations- und Ordnungsmodelle angeboten. Durch die Zuschreibung von Signifikanten werden Freundund Feindbilder erzeugt: Asylwerber werden zu Asylanten, Arbeitslose zu Sozialschmarotzern und kritische Bürger zu Nestbeschmutzern. Soziale Randgruppen wie Behinderte und Minderheiten werden als Gehörlose, Volksgruppen, Migranten und Saisonarbeitskräfte bald in die Gesellschaft einbezogen, bald als Taubstumme, Windische, Tschuschen, Zigeuner und Katzelmacher ausgegrenzt. Durch Sätze und Setzungen werden normabweichende Verhaltensweisen wie die Homosexualität als alternativ akzeptiert, als Deviation bezeichnet oder als monströse psychische Abnormalität stigmatisiert. So wird Sprache zum Vehikel der Emanzipation der Schwachen und Marginalisierten, aber auch zur willfährigen Komplizin und Hetäre der Mächtigen.

Die moralische Botschaft Babels ortet die Notwendigkeit der Sensibilisierung für die Manipulation durch Sprache, ruft zum Widerstand gegen ihren Missbrauch durch Ideologen und Demagogen, durch selbstberufene Weltordner und Erlöser auf und spricht den Mut zu, an der Utopie einer gewalt-, repressions- und hegemoniefreien Gesellschaft festzuhalten.

Als Gefäße des individuellen und des kollektiven Gedächtnisses erzählen Sprachen nicht nur Geschichten von individuellen und kollektiven Phantasien, Träumen und Handlungen, sondern materialisieren in ihren Sprachzeichen auch die Geschichte der Gemeinschaften mit ihren Sonn- und Schattenseiten. So ist in deutschen Wörtern wie ausradieren, artfremd und arttreu, gottgläubig, Rasse und Volkswohlfahrt, Arbeitsbeschaffung und Aussiedlung unauslöschbar – wie die Tätowierungen auf den Armen der KZ-Häftlinge – das Kainszeichen des Rassen- und Volkswahns eingeprägt, haftet Phrasen wie durch den Rost fallen und Arbeit macht frei der Geruch von Krematorien an.

Babels felix culpa liegt schließlich darin, die Menschen auf ihre Sprachen als unerschöpfliche Quelle der Vielfalt verwiesen zu haben. Im kulturellen Kontext manifestiert sich die Botschaft von Babel als Unlust, im Einheitsgrau einer verflachten und nivellierenden Weltsprache zu paradieren, sich vom Einheitsbrei des Eurospeak zu ernähren, in der Lust, das Anderssein der anderen zu verspüren, ihre Sprachen zu erschließen und sie so als Leitern zum Sein und zu den Welten der anderen – um eine Metapher Wittgensteins zu verwenden – stets von Neuem zu entdecken und zu erklimmen, ja, in der Wollust, in ihren Laut- und Bilderwelten zu baden. Die Totalität des mythischen Babel wird durch die irreduktible Vielfalt der Sprachen als Häusern der Phantasie überwunden und findet in der Dichtung ihre letzte Antithese. In ihren Steinbrüchen werden neue Formen und Figuren aus Sprache gemeißelt, Fremdes und Eigenes im kreativen Akt verschmolzen und so wird die Schöpfung alternativer Welten vollzogen.

Im literarischen Text, dieser fiktiv realen, vollendet unvollendeten und orpheisch offenen Ganzheit, in ihrer antitotalitären Totalität, ihrem Schweigen und ihrem Sprechen ist dialektisch die ästhetische Dimension der Sprachwerdung zu Babel eingeschrieben.

In den 99 Heften und der Sondernummer 100 der Lichtungen wurden die ästhetische und die ethische Botschaft von Babel in einem einmaligen kulturellen Diskurs umgesetzt. Auf Tausenden von Seiten wurden neben deutschen Originaltexten auch Übersetzungen aus 67 Sprachen publiziert, die in einem dynamischen Fortschreiben der Ideen der Poesie der Grenze und des trans-LOKAL ausgewählt wurden, wurden Schneisen in das Dickicht der Zugänge zum Sein geschlagen und die Lichtungen der Literatur ausgeweitet. Anhand einer Auswahl aus 42 Sprachen wird heute auf der CD auch der sinnliche Kontakt zu den Sprachen, die sie repräsentieren, sichergestellt. Ihre babylonische Botschaft ist die nachhaltige Einladung, die eigenen und fremden Sprachleitern nicht wegzuwerfen, sondern eine Pyramide zu bauen, aus den Lust-, Schmerz- und Liebesleitern zum Sein, auf denen die Leser hinauf und hinabklettern können zu sich selbst und zu den anderen: eine Pyramide, von der aus sich ein weiter Blick auf die polyformen Landschaften der Kulturen, ihre Sprach- und Literaturwelten, ihre Differenzen und Diskontinuitäten eröffnet. Dieser babylonisch breite Blick scheint heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, da sowohl im nationalen als auch im internationalen Rahmen die uniformen und uniformierten Götzen der Totalität und des Fundamentalismus zum Krieg der Kulturen aufrufen und rüsten, mehr denn je notwendig zu sein. In diesem Kontext gerinnt die Botschaft aus Babel zur 100. Nummer der Lichtungen zum Aufruf, sich mit Sprachgewalt den Sprachen der Gewalt zu widersetzen, gegen Hegemonismen Widerstand zu leisten und sie zu untergraben durch einen beharrlichen Dialog zwischen den Sprachen und den Menschen, die sich in den bunten sprachgeformten Häusern ihres Seins niedergelassen haben.

Festrede zu „25 Jahre LICHTUNGEN – 100. Nummer LICHTUNGEN“, gehalten am 19. November 2004 im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz.

Carlos A. AGUILERA
Kakanien. Ein Wintermärchen

Das Erste, was an Österreich auffällt, ist die Landschaft. Nicht etwa weil es eine Landschaft voller Löcher wäre, wie wir es von den Fotografien aus Ex-Jugoslawien gewohnt waren, überall durchlöchert und mit Fassaden alter Häuser, die die Zerstörung überlebt haben. Oder eine Landschaft unter sengendem Himmel, wie man die tropischen Gebiete bezeichnen könnte, in denen man jahrein, jahraus mit Temperaturen über 30 Grad zu kämpfen hat. Nein, vielmehr deswegen, weil die österreichische Landschaft die ganze Zeit irreal wirkt und nur dazu da zu sein scheint, uns zu überraschen. Ungefähr so, als ob der bekannte chinesische Maler, von dem Borges spricht (um nicht von Caspar David Friedrich zu sprechen) zehn Jahre gebraucht hätte, um sich alles auszudenken und es dann in einem Zug auszuführen.

Dieser Kontrast ist noch stärker, wenn man mit dem Zug aus Deutschland kommt. Aus der deutschen Ebene gerät man plötzlich in die österreichischen Alpen und von diesem Moment an kommt der Zug nicht mehr voran (ich meine, in gerader Richtung): nur mehr Kurven, schwindelerregend hohe Spitzen und wieder Kurven. Das ist etwas Furchtbares, wenn du die Züge hasst und dein Magen alles andere als dazu gemacht ist, durch die Welt zu kurven. Ab einem bestimmten Augenblick wünschst du dir nur noch, dass der Zug in die Luft geht.

Dasselbe bei den Dörfchen...

Deutschland, das außer im Süden eine ziemlich stabile Landschaft hat, bietet seine Bergdörfer dem Blick beinahe auf Fensterhöhe, wie es an vielen Orten normal ist. Österreich aber nicht. Österreich hat viele seiner Dörfchen unterhalb der Bahnlinie platziert, und ich nehme an, dass diese Tatsache für einen Freund der Fotografie höchst gefährlich sein kann. Er muss nämlich Hände und Kopf aus dem Zug hinaus stecken, wenn er ein gutes Foto machen will, kann also nicht „die Landschaft“ im Abteil sitzend an sich vorüberziehen lassen.

Für einen regelmäßigen Bernhard-Leser, aber ohne Vorkenntnisse der „kakanischen Topographie“, erscheinen diese auf perverse Art verschneiten Wege und diese Talschluchten, in denen sich 15 oder 20 Häuser aneinander drängen, aus denen sich Rauch kringelt, beinahe wie Folklore. Eine Art Erfindung, um den Faschismus wieder zu errichten, in den die Figuren eingefügt werden. Das gleiche geschieht bei Broch, Jelinek oder Hans Lebert. Es sind immer Dörfer mit einer urtümlichen Brutalität, in denen es keine andere Wahl gibt, als die Menschen auszulöschen. Es läuft immer auf das Gleiche hinaus, Zerstörung..

Dennoch, wenn wir in Havanna einige dieser Bücher von Hand zu Hand weiterreichten, konnten wir neben dem Lächeln, das jede extreme Situation verursacht, eine Art Angst nicht verhehlen. Vielleicht ist es in Wirklichkeit gar nicht so, dachten wir, obwohl... Als man mir dann sagte, dass ich von Bonn nach Graz gehen soll, nahm ich das einfach hin. Ich rechnete weniger mit einer fast mediterranen Stadt, als die ich Graz dann kennen lernte, sondern stellte mir ein kleines Tal mit kleinen Häusern und kleinen Menschen vor, die sich mit ihren kleinen Hämmern von einem Ende zum anderen jagen. Mit winzigen Hämmern, zweifellos, aber dennoch „bereit“, jedem X-beliebigen den Schädel einzuschlagen. Und ich in ihrer Mitte gefangen, wie jene Figur in Die Verzauberung von Broch, sehnsüchtig darauf wartend, dass alle schlafen gehen, um entkommen zu können.

So kam ich beinahe krank nach Österreich und in den ersten Tagen wollte ich der Güte der Leute von der Kulturvermittlung nicht trauen. Ich sagte zu mir: Bleib auf der Hut, im nächsten Moment holen sie den Hammer aus der Tasche. Zum Glück ist das nicht der Fall gewesen. Die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe und noch immer arbeite, sind äußerst freundlich zu mir gewesen und diese Art grenzenloser Punkt, wie man Graz bezeichnen könnte, war weniger ein abgeschlossenes, künstliches Gebiet, mit Zwergen, die dich aus den Augenwinkeln ansehen, sondern wurde zu meinem Glück zu einem richtigen Kampfplatz, an dem man die Beziehung zwischen seiner eigenen Kraft und der Macht ausloten kann. Oder was dasselbe ist, zwischen den Kulturinstitutionen und den Möglichkeiten, sich in sie einzufügen. Dieser Schritt will genau bedacht sein, vor allem für einen, der aus einem Land kommt, in dem die Gänge der Literatur direkt ins Gefängnis führen können.

Ich erinnere mich, dass einer der schönsten Momente vor meiner Abreise aus Kuba sich eines Tages in einem Dorf in der Nähe von Havanna ergab, als ich mich dort von einigen Freunden verabschiedete und in der Kirche die Goldberg- Variationen hörte, die von einem Schwachsinnigen gespielt wurden. Ein Schwachsinniger, der im Jugendgefängnis der Stadt eingesperrt war, weil er seine Mutter und seine Schwester vor einigen Jahren umgebracht hatte. (Der Schwachsinnige war ein fanatischer Anhänger von Muhammed Ali, erzählten sie mir, und es scheint, dass er sich bei einem Wutanfall vorgestellt hatte, mitten in einem Weltmeisterschaftskampf zu stehen.) Schon seit einiger Zeit erhielt er Klavierstunden in der Kirche, um seine überschüssige Energie in andere Kanäle zu leiten. Und das schien auch gelungen zu sein.

Ich erzähle das, weil diese „völlig wahre“ Anekdote eine Metapher dafür ist, wie sich von einem Moment zum anderen das Leben einer Person verändern kann und wie bestimmte Umgebungen und Institutionen dabei behilflich sein können. Graz, die Stadt, die ich zuerst als eine jener Höllen „sah“, die die beste österreichische Literatur so oft darstellte, hat mich auf diesen Weg gebracht. Ich habe gelernt, dass die Grenzen in den meisten Fällen eher geistige Atavismen sind als solche des zivilen Umgangs. (Dass man von Graz aus in zwei oder drei Stunden in Kroatien, Italien oder Slowenien ist, erscheint mir immer noch unglaublich.) Und ich habe gelernt, dass es auch möglich ist, ohne Angst zu denken. Zumindest ohne diesen Weg von der Literatur ins Gefängnis zu betreten, von dem ich vorher sprach. Und für einen Intellektuellen, der das „Denken gegen sich selbst“ praktiziert, von dem Sartre spricht, ist das wichtig. Ein Denken, das jede Mauer oder Grenze überschreitet. Denken...

Hat dieses Denken mit dem Exil, in dem ich mich befinde, etwas zu tun?
Ich würde „ja“ sagen und betonen, dass das die einzig mögliche Existenzweise des Intellektuellen ist. Ein Exil nicht nur vom Ort, an dem man geboren wurde und den wir in einem bestimmten Moment unserer Bewusstseinsentwicklung fliehen wollen. Sondern Exil von den Gemeinplätzen und den Vorstellungen, die nirgendwohin führen, die schon zu lange im Dienste der Unterdrückung und der Utopien gestanden sind, wenn die beiden nicht sowieso das Gleiche bedeuten. Exil von einer simplen Literaturauffassung, vom Stereotyp, von der politischen Epik, vom Pathos. Exil auch von der Sprache. Zumindest von der, die wir täglich und zu jeder Stunde zerstören, und auch von der, die sich rein wähnt, als ob es noch etwas Unberührtes gäbe. Exil von der Sprache der Ideologie.

Um das zu lernen, musste ich Kuba verlassen, nach Bonn gehen und dann nach Graz, wie ein verrückt gewordener Chinese, der es nicht mehr lange an einem Ort aushält. Nicht nur, weil ich lernen musste, mit lächerlichen Situationen umzugehen, und das in einer Sprache, in der ich mir wie eine Mischung aus Mann ohne Eigenschaften und bravem Soldaten Schwejk vorkomme. Sondern weil in extremen Situationen die Sprache oder die eigene Sprache noch privater und heimlicher wird. Und wie schon Brodsky in einem seiner besten Essays schrieb, ist dieses Geheimnis (man könnte auch sagen, diese Ironie) das Einzige, was ein Schriftsteller besitzt, sein „kleiner Hammer“. Alles Weitere ist – wie wir schon gehört haben – nur ein Wintermärchen. Nichts weiter.

Übersetzung von Udo Kawasser, Wien

Dieser Text wurde anlässlich des Events „fünf-zehn-plus-eins“ der Kulturvermittlung Steiermark am 9. Dezember 2004 im Kulturzentrum bei den Minoriten vorgetragen.


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