Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2004

LICHTUNGEN - 100/XXV. Jg./2004

Schwerpunkt:
Die Poesie Europas / Neue Namen

Kunstteil:
Roman Ondak

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
100 / XXV. Jg. / 2004, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Roman Ondak (Bratislava), Antinomaden, Postkartenserie 2000

INHALT  

 

Ilma RAKUSA

POESIE MACHT GLÜCKLICH, AUCH WENN SIE VON UNGLÜCK SPRICHT
Ein Essay

4
     
  DIE POESIE EUROPAS
Sprachenvielfalt eines Kontinents - Eine Auswahl
117 Autorinnen und Autoren aus Europa
6
     
Roman ONDAK ANTINOMADEN
Postkartenserie, 2000
141
     
Werner FENZ Zu Roman Ondaks ANTINOMADEN 141
     
  Biographien zu DIE POESIE EUROPAS 167
     
NEUE NAMEN Eine Standortbestimmung für die Rubrik "Neu vorgestellt" der LICHTUNGEN 179
     
     
  Biographien zu: NEUE NAMEN
214
     
Christian TEISSL VON LICHTUNGEN ZU LICHTUNGEN
Die ersten fünfundzwanzig Jahre einer Zeitschrift
215
     
     
   
INDEX DER LICHTUNGEN, HEFT 1-99  
  Autorinnen und Autoren
228
  Bildende Künstlerinnen und Künstler
239

 


25 JAHRE LICHTUNGEN - 100. NUMMER

Auf Grund der Tatsache, daß eine Literaturzeitschrift 25 Jahre alt ist, sollte keine Nostalgie aufkommen. Vielmehr, und das ist das Genuine der Literatur, ist Literatur immer unterwegs. ‚Mit geschärftem Sinn’ ist ihr das Weghafte eigen, unterwegs sein in einem oft unheimlichen Hier, in einem oft unbekannten, vielleicht erst langsam zu begreifenden Morgen.
Für eine Literaturzeitschrift ist das alte Bild einer Flaschenpost noch immer zutreffend. Gerade in einer Zeit der lauten Bilderflut, manche Denker sprechen vom Terror der Bilderwelt, wird seit 25 Jahren in den LICHTUNGEN Literatur ‚ausgesetzt’.
Hat sie die Leserin, den Leser erreicht, wird sie diese weiterhin finden? Menschen, die bereit sind, in den rätselvollen Kosmos der Sprache, der Poesie einzutreten? Der Leser, die Leserin sind in der heutigen Lebenswelt mit einer bisher unbekannten Beschleunigung, mit einer atemlosen Flüchtigkeit konfrontiert, so daß Michael Hamburger, am Beispiel der Poesie, in seinem Buch „Das Überleben der Lyrik“ überhaupt die Frage der Lesefähigkeit des Menschen in der modernen Kommunikationsgesellschaft aufwirft. Ist die Poesie ein Anachronismus? Ein Sedativum für Betroffene in einer übertechnisierten Welt? Poesie – in einer Informations- oder sogenannten ‚Kommunikationsgesellschaft’ ein Bereich ohne Information? Das Narrative scheint verloren zu gehen. Dazu gibt es einen für unsere Zeit hintergründigen Gedanken für die Unterscheidung von Sprache und Kommunikation: Literatur ist Kommunikationsunterbrechung...
Diesen für die Literatur, für die Poesie wichtigen Fragen geht diese Jubiläumsausgabe der LICHTUNGEN nach. Im großen Schwerpunkt „DIE POESIE EUROPAS - Sprachenvielfalt eines Kontinents“, die nur eine Auswahl sein kann, werden 117 Autorinnen und Autoren Europas versammelt, Ilma Rakusa denkt feinsinnig über das Phänomen Poesie nach, damit wird, auch mit dem Kunstteil, in die vielfältigen Stimmen Europas hineingehorcht, in die Tiefen von menschlichen Landschaften, in den geheimnisvollen Klang von uns unbekannten Sprachen – von Island bis Zypern, von Portugal bis Rußland, von Lappland bis Malta. Mögen sich die Leserin und der Leser in diesem Sprachen- und Geisteskontinent auf Reisen begeben....
Der Teil NEUE NAMEN berichtet mit neuen Texten von jungen steirischen Autorinnen und Autoren, die sich der Flaschenpost LICHTUNGEN anvertraut haben. Sie sind auf dem Weg. Mögen sie literarisch bei den Lesern ankommen!
Die LICHTUNGEN danken für ihr Vertrauen.
Viele haben mitgeholfen, diese Jubiläumsnummer zu gestalten, dafür seien alle bedankt. Für die nächsten 100 Ausgaben gilt weiterhin das dieser Zeitschrift gewidmete Diktum eines bekannten deutschen Politologen: „LICHTUNGEN? – Das ist ein anderes Wort für Aufklärung!“...

Markus Jaroschka


DIE POESIE EUROPAS - Sprachenvielfalt eines Kontinents (eine Auswahl)

Ilma RAKUSA
POESIE MACHT GLÜCKLICH, AUCH WENN SIE VON UNGLÜCK SPRICHT

Wir alle wissen, was Poesie ist. Oder nicht? Aber wie ihr definitorisch beikommen. Ich murmle vor mich hin: Poesie als Flaschenpost, Poesie als Überlebensration, Poesie als Widerspruch, Poesie als Weltsprache, Poesie als Antiware, Poesie als Spurenelement, Poesie als Verdichtetes, Poesie als Lied, poésie pure und poésie engagée, Poesie als Virus, Poesie als die Kunst des Unvorhersagbaren (so Joseph Brodsky), aber auch: Poesie als ein Augenblick humaner Totalität (so Raoul Schrott). Oder, mit den Worten des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish: „Die Poesie führt die Menschen zusammen (...). In ihr spiegeln sich das Erstaunen des ersten Menschen, die Freude über das Universum und die Angst vor Vergänglichkeit. Ihr Anliegen ist es, Widerstand zu leisten gegen alles, was die Freiheit des Menschen oder die Herrlichkeit des Lebens bedroht.“ Darwish, der wegen seiner unbotmäßigen Gedichte mehrmals im Gefängnis saß, weiß, was er sagt.

Poesie ist furchtlos, überraschend und augenöffnend, Poesie ist in ihrer Unberechenbarkeit verrückt und in ihrer Sensibilität unüberbietbar. Wo, wenn nicht in der Poesie, finden sich Sätze wie: „Ich sehe eine Frau, die sich in sich sonnt (...) und den Schlaf jener, die mich gern totlieben möchten...“ (Mahmoud Darwish); finden sich Ausdrücke wie „vierzig Kilometer Nacht“ (Lutz Seiler) oder „Fadensonnen“ und „herzschriftgekrümelte Sichtinsel“ (Paul Celan). Die Poesie wagt sich in Neuland, riskiert semantische Überbelichtungen sowie Verdunkelungen und behält gegen ihre Interpreten allemal recht. Kein Rebus, will sie gelesen und wiedergelesen werden, nach Möglichkeit laut, denn ihre Lautgestalt ist Teil von ihr.

Daß Poesie schwer verständlich sei, behaupten manche Neunmalkluge. Kinder und Russen gehen mit Gedichten ganz selbstverständlich um: sie sagen sie auswendig auf, kauen dabei die Silben und Wörter und haben besten Proviant. Seien wir ehrlich: Gedichte sind die treuesten Begleiter, die intimsten Freunde, sie verzaubern uns so manchen Moment, helfen uns über Durststrecken hinweg. Sie sind unser leichtestes und zugleich gewichtigstes Gepäck, in Extremsituationen können sie zur Überlebensration werden.
Um eines der lyrischen Kleinode zu zitieren:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

„Ein gleiches“ nennt Goethe seinen Achtzeiler, und der Titel könnte treffender nicht sein, da er auch die schwebende Balance dieser Gedichtzeilen meint. Diese sprechen nicht nur von Hauch, sie sind es auch: ein luftiges Wortgebilde, zusammengehalten von Klang, Rhythmus und Reim, das uns sacht an unsere Vergänglichkeit erinnert. Kürzer, schöner, könnte man es nicht sagen, Form und Inhalt sind vollkommen zur Deckung gebracht, und wir staunen über die Worte und über unser Einverständnis mit ihnen. Poesie verfügt über alle Mittel der Verführung: sie weiß aufzuwiegeln und zu versöhnen, zu schockieren und zu besänftigen, sie verbindet Spiel mit Ernst und Wohlklang mit schneidenden Sätzen und sie leistet das Paradox, glücklich zu machen, auch wenn sie von Unglück spricht. Weil Poesie im besten Sinne des Wortes immer über sich hinaus- weist, einen utopischen Horizont eröffnet, hier und jetzt. Über diese wundersame Alchimie ließe sich lange reden, ob sie sich in einem Shakespearschen Sonett ereignet oder in Inger Christensens Schöpfungspoem „Alphabet“. Was zählt, ist die Wirkung: als Leser werden wir weit, wachsen in neue Denk- und Fühlräume hinein. Eine einzige Metapher vermag Bewußtseinstüren aufzustoßen. Und plötzlich ist sie da: die staunende Erfahrung, etwas Unerhörtes entdeckt zu haben, eingebettet in einen spezifischen Sound. Denn die Dichterstimmen und -universen sind verschieden und unverwechselbar.„Jeder hat nur ein Lied“, schrieb Paul Bowles mit Blick auf das Faszinosum dieser Vielfalt.

Der Poesiewanderer durchmißt Welten, immer im Bann der Sprache. Er lernt, was Nuancen und Zwischentöne sind, die Reize eines Enjambements und die Abgründe einer Leerzeile, er tastet die Oberflächen des Klangs ab und sucht nach den Hintergründen eines Vergleichs. Schon ist er zum verfeinerten Leser geworden, hellhörig für schwebende Vieldeutigkeiten. Zumal das Gedicht distinkte Botschaften verweigert. Für Ideologisches bieten sich andere Gattungen an. Oder aber die Poesie biegt ihr Engagement ins Indirekt-Intransitive um, nach dem Muster von Schwitters’ schönem Satz: „Ich liebe dir.“ Dermaßen unzielgerichtet erfüllt Poesie mehr als einen Zweck: nicht zuletzt den einer (menschenverbindenden) Weltsprache.

Sie verstehen sich alle: Emily Dickinson und Friederike Mayröcker, Ossip Mandelstam und Durs Grünbein, Velimir Chlebnikov und Oskar Pastior, Miklós Radnóti und Dane Zajc, Ernst Jandl und Andrea Zanzotto, über alle Zeiten und Räume hinweg. Und ihre Leser tun es auch. Ohne Verschwörergesten, aber mit stiller, insistenter Leidenschaft. „Es zeichnet Poesie sich eben aus / durchs Fehlen einer klaren Grenze“, meinte Joseph Brodsky mit Hinweis darauf, daß Dichtung immer Geschriebenes fortschreibe und als solche ein übergreifendes, übernationales, gleichsam metaphysisches Prinzip verkörpere. Und sagen wir es klipp und klar: das starke dichterische Wort überdauert. Brodsky starb 1996 in New York, der Dialog mit seinem Werk aber reißt nicht ab. Da schlage ich ein Gedicht aus seinem Zyklus „Redeteil“ auf, elegisch und tröstlich zugleich:

In der Ecke ist es warm. Ein Augenschein.
Der Blick prägt sich den Dingen ein.
Das Wasser wirkt hier klar wie Glas.
Der Mensch ist schlimmer als sein Aas.

Im Nirgendwo; ein Winterabend, weingetränkt.
Die Veranda wird vom Weidgestrüpp bedrängt.
Auf den Ellenbogen ist der Körper abgestützt
gleich der Moräne, die vorm Gletscher sitzt.

Nach tausend Jahren wird man in der Vorhangfalte
noch ein Weichtier finden, in der Stoffbahn
jenen Abdruck eines Munds, der, als er eben „gute
Nacht“ zu sagen suchte, plötzlich einhielt, ruhte.

(Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold)

Im Schmelztiegel der dichterischen Arbeit hat sich ein Alltagsmoment in etwas Zeitloses verwandelt, wobei das Gedicht eine enorme geistige Strecke zurücklegt und gleichsam in eine Epiphanie mündet. So etwas vermag nur die Poesie. Auf knappstem Raum, mit einem Maximum an Ökonomie, ohne viel Aufhebens. Brodsky hat sie wiederholt als die „höchste Form menschlicher Rede in jeder Kultur“ bezeichnet, auch weil„das Lied vor der Geschichte“ da war. An der ausgeprägt individualistischen Kunst der Lyrik können wir die Entwicklung unserer Zivilisation nachvollziehen, aber auch den Zustand der Gegenwart ablesen. Lyrik, so fährt Brodsky fort, sei außerdem „die einzig verfügbare Versicherung gegen die Vulgarität des menschlichen Herzens“ und müßte darum als Gebrauchsgut gelten. Wie recht er hat.


Christian TEISSL
VON LICHTUNG ZU LICHTUNG

Wie jene Personen, die sie gestalten und ihr einen bestimmten Charakter verleihen, durchläuft eine Literaturzeitschrift ebenso krisenhafte Phasen wie Phasen der Euphorie und des Aufschwungs, gelangt unterwegs immer wieder in Sackgassen, aber auch an große Kreuzungen, an denen sich unweigerlich die Frage stellt, in welche Richtung sie ihren Weg fortsetzen soll. Manches von dem, was sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte aus einer Zeitschrift wie den „Lichtungen“ entwickelt hat, ist glücklichen Fügungen und äußeren Umständen, der überwiegende Teil aber der Beharrlichkeit und dem langjährigen Engagement einzelner Personen zu verdanken. Die Wandlungen und Veränderungen, welche die Zeitschrift von ihren Anfängen bis zur Gegenwart vollzogen hat, folgen einer eigenen Dynamik, die meist erst in der Rückschau einigermaßen erkennbar wird. Ein Vierteljahrhundert ist zweifellos als Zeitraum groß genug, um dem Wildwuchs von Legenden ausreichend Platz zu geben. In dem folgenden Beitrag, einem Streifzug durch die 25-jährige Geschichte der „Lichtungen“, habe ich es mir allerdings weder zur Aufgabe gemacht, der Verbreitung von Legenden zu dienen, noch vorhandene Legenden aufzuspüren und mit der vermeintlichen„Wahrheit“ zu konfrontieren. Was ich hier versuchen möchte, ist vielmehr, die Entwicklung der Zeitschrift skizzenhaft nachzuzeichnen, an ihre bereits in Vergessenheit geratenen Ursprünge zu erinnern und den weiten Weg, den sie bis heute zurückgelegt hat, mit einigen wenigen Markierungen aufzuzeigen. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch einer kritischen Analyse, sondern den eines Portraits, und wie in jedem Portrait, so dürften auch hier die weißen Stellen bisweilen ebenso aufschlussreich sein wie die mit Farben ausgefüllten Flächen.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bei Otto Eggenreich und Markus Jaroschka, die in ausführlichen Gesprächen auf meine Fragen geduldig Antwort gegeben und mir damit geholfen haben, im Dickicht von nahezu hundert Heften immer wieder eine aufmunternde Lichtung zu finden.

1.) Drei Gegenwelten: das „Nebelhorn“, der „Sterz“ und die „Lichtungen“
In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, zu einer Zeit, als die „manuskripte“ längst im gesamten deutschen Sprachraum großes Echo gefunden und das Grazer Forum Stadtpark den Zenit seiner Bedeutung erreicht hatte, wurden in der Steiermark drei neue Literaturzeitschriften gegründet. Den Anfang machte 1976 das „Nebelhorn“, ins Leben gerufen von einer Studentengruppe an der Grazer Universität; es folgte ein Jahr später, zunächst noch an der weststeirischen Peripherie, der „Sterz“, der sich alsbald zu einem Kulturmagazin von großer Reichweite entwickelte und bis zum heutigen Tag eine eigene Linie verfolgt. Im November 1979 schließlich erschien, unscheinbar in seiner Art, doch sorgfältig in seiner Gestaltung, das erste Heft der „Lichtungen“, herausgegeben vom Steirischen Schriftstellerbund mit Unterstützung der Firma Humanic, in einer Auflage von 500 Stück und einem Umfang von 31 Seiten, mit Texten von Ernst M. Binder, Otto Eggenreich, Johannes Felfer, Ernst Hammer, Gerda Klimek, Rose Nager, Karl E. Trauttmansdorf und Herbert Zinkl. Die Schreibweise des Titels war damals noch „L i c h t ungen“, die erste Silbe in gesperrter Schrift, vielleicht, um dem Optimismus, den man mit diesem Titel assoziiert wissen wollte, besonderen Nachdruck zu verleihen.1
Diese drei neuen Zeitschriften entstanden zwar in derselben literarischen Landschaft, waren in Haltung, Konzept und Ausrichtung aber grundverschieden; gemeinsam war ihnen lediglich eines: ihre prinzipielle, mehr oder weniger offen zur Schau getragene Opposition zum Forum Stadtpark und der dort beheimateten „Grazer Gruppe“, die damals in zunehmendem Maß die Gestalt eines lebendigen Mythos annahm und dadurch zu erstarren drohte.
Es handelt sich bei den drei genannten Zeitschriften um mehr oder weniger deutlich voneinander abgrenzbare kulturelle Nischen und – unter regionalem Gesichtspunkt betrachtet – auch um Gegenwelten zu den „manuskripten“. Am deutlichsten wird dieser Gegenwelt-Charakter bei der ersten Neugründung, dem „Nebelhorn“, das sich voll und ganz einer systemkritischen, engagierten, eingreifenden Literatur verschrieben hatte und somit dem von der „Grazer Gruppe“ damals verfolgten Kurs diametral entgegengesetzt war. Die in ihrer äußeren Aufmachung überaus puristische Zeitschrift erschien nur vier Jahre lang und war das Organ eines Kollektivs, das in seiner Programmatik der Wiener „wespennest“-Gruppe auffallend nahe war. Die Autoren dieses Kollektivs bemühten sich redlich, nicht als weltfremde Nachwuchsdichter zu figurieren, sondern vielmehr als kämpferische, junge Literaturproduzenten, die sich dem Kniefall vor den heimischen Größen standhaft verweigerten und jedem, der seine Herkunft aus dem Establishment nicht verbergen konnte, die im Zorn geballte Faust entgegenstreckten. – Die „Gruppe Nebelhorn“, wie sie sich nannte, brachte es sogar zu einem eigenen Manifest. Es steht am Beginn einer der letzten Nummern; in angemessen unverschämtem Tonfall wird darin unter anderem Folgendes verkündet:
„Wir, die wir uns als Literaturmacher verstehen, weil wir es nicht mehr verantworten können, das ‚lyrische Ich’ in uns zu melken, haben uns folglich mit dem zu beschäftigen, womit uns die Realität beschäftigt. (…)
Ob das, was wir machen, in den Rüsseln der Kulturbrunzer Literatur ist, kann uns völlig wurscht sein. Denn ihre Kriterien treiben die Literatur schon seit Jahrzehnten in einen Käfig elitärer Abgeschiedenheit. (…)“ 2
Gegen das Forum Stadtpark, die „manuskripte“ und insbesondere gegen deren spiritus rector Alfred Kolleritsch wurde im „Nebelhorn“ mit großem rhetorischem Aufwand polemisiert; federführend waren hierbei Walter Grond und Wolfgang Siegmund;3 unter den Mitbegründern und Beiträgern der Zeitschrift war aber auch der Grazer Autor Harald W. Vetter, der später zeitweilig Redakteur der „Lichtungen“ wurde, sich von ihnen aber, aufgrund schwerwiegender Differenzen, Ende der achtziger Jahre getrennt hat.
Das „Nebelhorn“ stellte mit der Doppelnummer 16/17 vom Spätherbst 1980 sein Erscheinen ein; es war in seinen besten Momenten ein Kind des „sozialdemokratischen Jahrzehnts“ gewesen, und so erscheint es nur konsequent, dass es zu existieren aufhörte, als diese Dekade zu Ende ging. Rein chronologisch betrachtet, lösten die „Lichtungen“ das „Nebelhorn“ ab, sie speisten sich aber aus gänzlich anderen Quellen und widmeten sich zunächst völlig anderen literarischen Strömungen. Auch die Polemik gegen das Forum Stadtpark und die „manuskripte“, die für das „Nebelhorn“ wesentlich und für die Gruppierung, die sich mit ihm Gehör zu verschaffen suchte, wohl auch identitätsstiftend war, fand in den „Lichtungen“ keinerlei Fortsetzung: Deren ganzes Erscheinungsbild und geistige Ausrichtung schufen von vornherein genügend Abstand zu der damals führenden österreichischen Literaturzeitschrift, sodass eine polemische Auseinandersetzung mit ihr weder notwendig noch möglich erschien. Lediglich in der einen oder anderen Randnotiz oder Rezension verlieh man seiner großen Skepsis gegenüber einzelnen Vertretern der „Grazer Gruppe“ vorsichtig Ausdruck. Ein recht aussagekräftiges Beispiel hierfür ist eine Besprechung von Wolfgang Bauers Gedichtband „Das Herz“ (1981), die sich in einem der frühen Hefte der „Lichtungen“ findet. Der damalige Herausgeber Otto Eggenreich, der diese Besprechung verfasst hat, ist darin sichtlich um ein differenziertes Urteil bemüht; er gehört, wie sich zeigt, keineswegs zu jenen, die in Bauers Literatur eine Bedrohung für das Abendland zu erkennen meinen, allerdings hält er sie, in ästhetischer Hinsicht, für eine Sackgasse:
„Die Rockmusik ist bei seinen [= Bauers] Gedichten Pate gestanden, die Pop-art der Malerei, der Konsumfetischismus der Sechzigerjahre ist in seinem Lebensgefühl zu spüren, Spontaneität ist das große Schlagwort, das ihn beherrscht, aber meistens erbricht sich bei ihm die Spontaneität, Gedichte werden bei ihm ausgespuckt statt erschaffen. Im Vergleich zu den Gedichten Arthur Rimbauds, den man als geistigen Vorfahren Bauers betrachten kann, sind die Gedichte Wolfgang Bauers kunstlos; in keinem Gedicht reicht er an die sprachliche Magie des Franzosen heran.“4
Damit war eine Grenze gezogen, eine (ohnehin unübersehbare) Distanz artikuliert, die lange Jahre bestehen blieb. Allerdings sollte darüber keineswegs die Tatsache vergessen werden, dass bereits zu jener Zeit vereinzelt Forum-Autoren in den „Lichtungen“ aufscheinen: so Helmut Eisendle in Heft 7/8, Bernhard Hüttenegger mit einem Vorabdruck aus seinem 1982 bei Rowohlt erschienenen Roman „Die sanften Wölfe“ in Heft 9 und Wolfgang Pollanz (der 1977 übrigens einer der Initiatoren des „Sterz“ gewesen war) in Heft 10.5 – Gleichzeitig allerdings gab es in diesen frühen Heften der Zeitschrift auch regelmäßige Verbeugungen vor heute weitgehend (und vielfach zurecht) vergessenen steirischen Dichtern wie Hans Kloepfer, Rudolf List, Kurt Hildebrand Matzak, Karl Adolf Mayer, Max Mell und Julius Franz Schütz, teils in Form von Werkproben, teils in der Gestalt von kurzen biographischen Artikeln, die Heribert Schwarzbauer, aber auch andere dem Schriftstellerbund nahe stehende Autoren beisteuerten; dabei handelt es sich um Würdigungen, in denen die Verstrickung des größten Teils dieser Autoren in den Nationalsozialismus und in dessen Propaganda konsequent verschwiegen oder allenfalls in vorsichtigen Umschreibungen angedeutet wird.6 Bereits eine kursorische Durchsicht zeigt, dass in den ersten sieben Jahren ihres Bestehens die „Lichtungen“ eine zunehmend in sich gespaltene Zeitschrift waren: Gespickt mit Reminiszenzen an die heimische Tradition, die man im Steirischen Schriftstellerbund, bei aller Bemühung um eine Öffnung, vollauf bejahte, präsentierte sie zugleich und mit wachsender Intensität Arbeiten einer ganzen Riege junger Autorinnen und Autoren, wobei die Redaktion, unter der Ägide Otto Eggenreichs (bis H. 12) und Markus Jaroschkas (ab H. 13), in den meisten Fällen eine glückliche Hand bewies. So scheinen in den ersten Jahrgängen mehrfach Namen auf, die inzwischen in den Ohren von Literaturkundigen einigen Klang besitzen, etwa Joachim Gunter Hammer, Mike Markart, Sybille Schleicher und Andrea Wolfmayr, um nur einige stellvertretend zu nennen. Auch der heute als Theaterregisseur international bekannte und gefragte Martin Kuzej hat in jungen Jahren Eingang in die „Lichtungen“ gefunden (im zwölften Heft finden sich Verse des damals 21-jährigen Germanistik-Studenten), und die heute im gesamten deutschen Sprachraum bekannte Romanschriftstellerin Lilian Faschinger trat ebenfalls durch die „Lichtungen“ erstmals an die Öffentlichkeit; ihr Debüt – eine Handvoll Gedichte – findet sich in der 15. Ausgabe der Zeitschrift (1983). In derselben Nummer debütierte auch Fritz Krenn, der seither als Prosaist konsequent einen eigenen Weg gegangen ist und zunehmend Beachtung gefunden hat. An diesem frühen Heft der „Lichtungen“ übrigens erweist sich geradezu exemplarisch der bereits erwähnte Zwiespalt, in dem sich die Zeitschrift damals befand: Neben den Arbeiten von Faschinger und Krenn findet sich darin nämlich auch ein von Erwin Klauber redaktionell betreuter Teil mit Mundartdichtungen: ein Nebeneinander, das leicht zum Gegeneinander gerät.
Was hier, aber auch in den folgenden Nummern versucht wurde, das war nicht weniger als eine Quadratur des Kreises: die heimische, stark katholisch gefärbte Literaturtradition zu pflegen und sich gleichzeitig möglichst vorurteilslos junger Autorinnen und Autoren anzunehmen, ihnen Spielraum zu geben. – Betrachtet man die „Lichtungen“ jener frühen Jahre aus der gegebenen zeitlichen Distanz, so erkennt man in ihnen einen literarischen Januskopf, der sich mit dem einen Gesicht der Vergangenheit, mit dem anderen der Zukunft zuwendet. Die Ursachen für diesen ihren eigentümlichen Charakter liegen wohl in der Vorgeschichte der Zeitschrift, in den Umständen, denen sie ihr Entstehen verdankt.

2) Aufbruch im Niemandsland.
Der Steirische Schriftstellerbund und die Vorgeschichte der „Lichtungen“

Die Idee der „Lichtungen“ wurde im Steirischen Schriftstellerbund geboren. Diese Autorenvereinigung, die sich vor vierzehn Jahren aufgelöst hat, reicht mit ihren Anfängen zurück in die Zwischenkriegszeit und hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Der Mühe, diese Geschichte aufzuschreiben, hat sich bislang niemand unterzogen, lediglich über die Jahre von 1928 bis 1938 gibt eine Dissertation von Gerhard Bertha7 detailliert Auskunft; was indessen die Entwicklung des Vereins nach 1945 anbelangt, ist man auf verstreute, in der Ablehnung wie in der Affirmation oft einseitige und verzerrende Darstellungen angewiesen, vor allem aber auf die Aussagen der wenigen noch lebenden Autoren, die sich an diesem Verein beteiligt haben.
In den ersten fünfzehn Jahren nach dem Krieg war der Schriftstellerbund die einzige bedeutende Autorenvereinigung in der Steiermark gewesen, streng an der heimischen, vor allem von Rosegger hergeleiteten Tradition orientiert und von der Moderne dementsprechend unangefochten. – Die umstrittene These des Salzburger Germanisten Karl Müller, wonach das Jahr 1945 im österreichischen Literaturbetrieb in nur sehr bescheidenem Maß eine Zäsur setzen konnte und allenthalben unselige Kontinuitäten vorherrschten8, wird durch die Geschichte des Steirischen Schriftstellerbundes bestätigt: Diese Vereinigung erwies sich in den Jahren nach dem Krieg schließlich als weitgehend unfähig, mit der Blut-und- Boden-Ideologie, die in der Steiermark immer noch stark und lebendig war, endgültig zu brechen und einen radikalen Neubeginn zu wagen. Nichtsdestoweniger aber gelang es ihr, junge Autoren an sich zu binden, etwa Rudolf Stibill (1924-95), Alois Hergouth (1925-2002) und Ernst Hammer (1924-90), um nur die bekanntesten Namen zu nennen.9 Die Geschicke des Vereins lenkte damals, in den fünfziger Jahren, als geschäftsführende Vizepräsidentin die heute vergessene Grazer Schriftstellerin und Journalistin Grete Scheuer (1900-1988), deren Name später auch noch in den ersten zehn Jahrgängen der „Lichtungen“ regelmäßig aufscheint.
Ende der fünfziger Jahre war – was aus heutiger Sicht überraschen mag – der Schriftstellerbund einer der drei Trägervereine der „Aktion Forum Stadtpark“; allerdings sollte es nicht lange dauern, bis Autoren wie Otto Hofmann-Wellenhof (der SSB-Präsident), Grete Scheuer und Wolfgang Arnold, die sich anfänglich, als von „Experimenten“ und „Avantgarde“ noch keine Rede gewesen war, für dieses Projekt engagiert hatten, ihm enttäuscht und verärgert ihre Sympathien aufkündigten. Alois Hergouth, einer der geistigen Väter des „Forum“ und am Anfang wohl dessen eifrigster Herold10, harrte von allen traditionell orientierten Schriftstellern am längsten aus, allerdings gab auch er bereits 1963 das Literaturreferat, das er zwei Jahre lang betreut hatte, an Alfred Kolleritsch ab und entfremdete sich zunehmend vom literarischen Geschehen rund um die „manuskripte“.
Der Schriftstellerbund wurde in den folgenden zehn Jahren, nach der aus seiner Sicht gescheiterten „Aktion Forum Stadtpark“, zu einem hermetisch abgeriegelten Rückzugsgebiet, einem literarischen Niemandsland; er glitt zudem, unter der Ägide von Josef Otto Lämmel (1891-1980), der sich bereits in der Vorgängervereinigung, zwischen 1928 und 38, engagiert hatte, mehr und mehr in den Dilettantismus ab und verlor kontinuierlich an Bedeutung. Der Mitbegründer der „Lichtungen“ und letzte Präsident des Vereins, Otto Eggenreich, erinnert sich folgendermaßen an die damalige Situation:
„Lämmel war, als er 1965 geschäftsführender Vizepräsident geworden ist, bereits 74 Jahre alt, als er zurücktrat, war er 83. Er hat die Gewohnheit gehabt, einfach Bekannte von sich zu Lesungen einzuladen, Leute also, die gar keine Autoren waren, und das hat viele andere abgeschreckt.“11
Erst in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre kam es, wenn auch in bescheidenem Maß, zu einem neuen Aufschwung des Schriftstellerbundes. Auslöser dafür war, wie dies so oft ist, eine Krise: Nach der Landesausstellung 1976, die der Literatur in der Steiermark gewidmet war, kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem damals geschäftsführenden Vizepräsidenten Alfred Seebacher-Mesaritsch und dem Vizepräsidenten Walther Zitzenbacher, der für die Gestaltung der Landesausstellung mit verantwortlich gezeichnet hatte. Diesem wurde nun von Seebacher-Mesaritsch vorgeworfen, sich zu wenig für die Autoren des SSB und für deren Präsenz bei der Landesausstellung engagiert zu haben. Es kam zum Zerwürfnis, und kurioserweise legten daraufhin beide ihre Funktionen nieder. Anfang 1977 wurde daher ein neuer Vorstand gewählt12; der damals 45-jährige Lyriker Otto Eggenreich, der im Brotberuf als Programmierer in der Gratkorner Papierfabrik Leykam tätig war, übernahm die Funktion des geschäftsführenden Vizepräsidenten. 13 Seine Intention war es von Anfang an, den weitgehend isolierten Schriftstellerbund vorsichtig zu öffnen und fortan auch Autorinnen und Autoren, die anderen Richtungen angehörten, regelmäßig zu Lesungen und Veranstaltungen des Vereins einzuladen. Die dringlichste Aufgabe aber, vor die sich der neue Vorstand des Vereins gestellt sah, bestand darin, ein Publikationsorgan zu schaffen, das nicht allein unter Mitgliedern zirkulieren, sondern weit darüber hinaus auf Resonanz stoßen würde. Allerdings war zum damaligen Zeitpunkt ein vereinseigenes Periodikum bereits vorhanden; es erschien unter dem Allerweltstitel „Blickpunkte“, und man darf es mit einigem Recht als unmittelbaren Vorläufer der „Lichtungen“ betrachten14. Von Josef Otto Lämmel 1968 ins Leben gerufen, waren die „Blickpunkte“ von Anfang an ein sehr schlicht gestaltetes Mitteilungsblatt des Vereins und somit weitgehend frei von der Ambition, eine literarische Zeitschrift zu sein, wenngleich in jedem der acht bis zwölf Seiten starken Hefte in bescheidenem Ausmaß Textproben von Mitgliedern abgedruckt wurden.
Otto Eggenreich übernahm mit der Geschäftsführung des Vereins auch die „Blickpunkte“ und führte sie noch zwei Jahre als verantwortlicher Redakteur weiter, wobei für ihn wie für alle Beteiligten unübersehbar war, dass diese Mitteilungsblätter nicht dazu geeignet sein konnten, nach außen, über den Verein hinaus, zu wirken. Um daher eine sinnvolle und einigermaßen attraktive Ergänzung zu schaffen, ging man daran, ein literarisches Jahrbuch herauszugeben. 15 Es erschien 1978, redigiert von Eggenreich, im Grazer Verlag Leykam unter dem Titel „ausblick“ und versammelt Texte von 26 Mitgliedern des Schriftstellerbundes, darunter Emil Breisach, Martin Gutl, Ernst Hammer, Theo Herbst, Alois Hergouth, Ivo Hirschler, Willi Kandlbauer, Gerda Klimek, Grete Scheuer, Hannelore Valencak und Herbert Zinkl, allesamt Autoren, die in den frühen Jahrgängen der „Lichtungen“ mehr oder weniger regelmäßig vertreten sind und zum Teil auch redaktionell an der Zeitschrift mitgearbeitet haben.
Der Band „ausblick“ ist eine auch heute noch aufschlussreiche Dokumentation jener steirischen Autorinnen und Autoren, die sich einer radikalen Moderne weitgehend verschlossen haben; er zeigt darüber hinaus aber auch ein Problem auf, an dem der „Schriftstellerbund“ letzten Endes gescheitert ist: das weitgehende Fehlen eines Autorennachwuchses. Die meisten SchriftstellerInnen, die zum „ausblick“ beigetragen haben, sind in der Ersten Republik geboren, manche noch in der Zeit der Monarchie; nur zwei Autoren des Bandes waren damals jünger als Dreißig.
Junge Autoren an sich zu binden gelang dem Verein allenfalls in Einzelfällen und auch dann kaum für längere Zeit. Dies lag zum einen wohl an seiner stark traditionalistischen Ausrichtung, zum anderen aber sicherlich auch an seinem mangelnden Einfluss auf den heimischen Literaturbetrieb: Der Schriftstellerbund konnte jungen Autorinnen und Autoren zwar die Möglichkeit einer Lesung bieten, verfügte aber zu dieser Zeit über keinerlei Verlagskontakte. Die „Lichtungen“ hingegen sollten, wie bereits skizziert, diesbezüglich einen anderen Weg einschlagen; denn sie wurden, langsam zwar, aber doch mit einiger Konsequenz zu einem Forum der Jungen und haben in dieser Eigenschaft die „manuskripte“ längst abgelöst, die sich in den letzten zehn Jahren kaum mehr der gezielten Förderung junger Talente gewidmet haben. Im Verlauf der achtziger Jahre entglitten die „Lichtungen“ zunehmend dem Einfluss des Schriftstellerbundes, und bereits in den letzten drei Jahren vor seiner Auflösung (Ende 1990) fungierten sie kaum mehr als dessen Sprachrohr und Forum. Dieser langsame Abschied, den die Zeitschrift von ihren Ursprüngen genommen hat, deutete sich bereits in einer Zwischenbilanz leise an, die Otto Eggenreich im Editorial der zwanzigsten Nummer (vom Herbst 1984) gezogen hat; darin heißt es:
„Fünf Jahre Lichtungen haben viele Schwierigkeiten, viele Probleme innerhalb des Steirischen Schriftstellerbundes gebracht. Sie haben aber letztlich auch dazu geführt, unsere Substanz und unsere Position zu stärken. Für manche junge Mitglieder war unsere Zeitschrift zu wenig ‚modern’, sie haben sich von ihr und vom Steirischen Schriftstellerbund getrennt. Bei manchen älteren Mitgliedern war es gerade umgekehrt: sie fanden keine Beziehung zu den Texten junger Autoren, fühlten sich übergangen und traten gleichfalls aus dem Steirischen Schriftstellerbund aus. Ich meine, wir haben eine Entwicklungsphase durchgemacht, an deren Ende wir nun angelangt sind: Es führt kein Weg zurück zur Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit früherer Jahre (…)“
Vom „ausblick“ und den frühen „Lichtungen“ schlichtweg als den letzten Ausläufern der steirischen Antimoderne zu sprechen, mag wohl nur aus einem sehr beschränkten Blickwinkel sinnvoll erscheinen; denn im Grunde genommen ist das Gros der hier versammeltem Autorinnen und Autoren – von Erscheinungen wie Paula Grogger einmal abgesehen – ebenso wenig „antimodern“wie die Autoren des Forum Stadtpark jemals Avantgardisten waren, und einige von ihnen, wie etwa Ernst Hammer16oder die heuer im Frühjahr verstorbene Hannelore Valencak17 haben Texte geschrieben, die auf ihre Weise die Errungenschaften der literarischen Moderne verarbeiten und dadurch auch heute noch lesbar und lesenswert sind. Freilich darf hier ebenso wenig verschwiegen werden, dass manche der im Schriftstellerbund versammelten Autoren einer Ästhetik verpflichtet waren, die im Wesentlichen dem Standard der Zwischenkriegszeit entsprach, und auch davon findet man einige Spuren im„ausblick“ wie auch noch in den frühen „Lichtungen“.

3) „Den Menschen erreichen“
Die humanistische Tradition in den „Lichtungen“

Alles in allem genommen, steckt der „ausblick“ genau jenes Feld ab, auf dem sich später die ersten Nummern der „Lichtungen“ bewegen; dieses Jahrbuch war allerdings nicht als Einzelpublikation geplant gewesen, sondern als der erste Band einer ganzen Reihe. Da sich dieses Vorhaben aber als zu teuer erwies, beschloss der Vorstand des Schriftstellerbundes, fortan statt eines literarischen Jahrbuchs eine eigene Literaturzeitschrift herauszugeben. Das war in der Geschichte des Vereins ein Novum; man konnte damit an keinerlei früheres Beispiel anknüpfen, sondern musste ganz von vorne beginnen. Dabei dachte man an eine Zeitschrift, die den Schriftstellerbund mühelos nach außen zu repräsentieren vermochte und die im Wesentlichen zwei Funktionen erfüllen sollte: zum einen jene einer Plattform, auf der neue Arbeiten der Vereinsmitglieder und, soweit es möglich war, auch anderer Autorinnen und Autoren der Öffentlichkeit präsentiert werden konnten; zum anderen jene eines Organs für Rezensionen und Kommentare zum „literarischen Leben“ (womit die „Lichtungen“ auch einen Teil jener Aufgaben übernehmen sollten, denen sich bis dahin die „Blickpunkte“ gewidmet hatten). Diese Doppelfunktion erfüllte die Zeitschrift freilich von Anfang an nur sehr bedingt; spätestens mit der Übernahme der Chefredaktion durch Markus Jaroschka (also ab dem Heft 13/1983) dominiert eindeutig der literarische Teil und die Rezensionen – vornehmlich solche von Büchern einzelner Mitglieder – verschwanden im Verlauf der achtziger Jahre gänzlich aus der Zeitschrift.
Betrachtet man die ersten fünf Nummern der Zeitschrift, so wird einem der starke Kontrast nicht entgehen, der zwischen dem Layout der Hefte einerseits und ihrem literarischen Inhalt andererseits besteht. Der Bildteil wirkt bereits in der ersten Nummer durchaus unkonventionell und steckt voller Überraschungen, die Texte indessen bewegen sich alles in allem in traditionellen Bahnen. Der bildenden Kunst freilich war in der ursprünglichen Konzeption der Zeitschrift kein besonderer Stellenwert zugemessen worden, sie war eine Zutat von Horst Gerhard Haberl, und die äußere Gestalt der ersten „Lichtungen“ trägt ganz dessen Handschrift. Haberl, der später, in den frühen neunziger Jahren, Intendant des „steirischen herbstes“ war, spielte bei der Gründung der „Lichtungen“ eine entscheidende Rolle, wie sich ihr Mit-Initiator, Otto Eggenreich erinnert:
„Ich habe den Horst Gerhard Haberl nicht gekannt, erst Gerda Klimek [damals Vizepräsidentin des Schriftstellerbundes, Anm.] hat den Kontakt zu ihm hergestellt, und wir sind dann alle gemeinsam zu Humanic hingegangen, wo Haberl damals die Werbeabteilung geleitet hat, und er hat sich bereit erklärt, für die Finanzierung und den Druck zu sorgen. Die Firma Humanic hat dann die ersten fünf Hefte finanziert, das waren immerhin 100 000 Schilling.“

Die Kluft zwischen den ästhetischen Vorstellungen und Vorlieben Haberls und den Zielsetzungen des Schriftstellerbundes erwies sich aber bald als zu groß, und so kam es schließlich zum Bruch; Anlass dafür war die fünfte Nummer, die weitgehend dem Gedenken an den Wahlsteirer Hans Leifhelm18, einen der wesentlichen Lyriker der Zwischenkriegszeit, gewidmet war. Das Heft bestand zum großen Teil aus Reprints von Texten Leifhelms und der Wiedergabe eines Kapitels aus dem Erinnerungsbuch „Schattenreise“ des mit Leifhelm befreundeten Autors und Journalisten Franz Taucher. Das aber war Haberl viel zu museal, und so kündigte er dem Schriftstellerbund seine weitere Unterstützung auf. Im Gegensatz zum oben bereits erwähnten „Nebelhorn“ fehlte den „Lichtungen“ von Anfang an ein klar formuliertes Programm, und ein solches stellte bei einer Vereinszeitschrift wohl auch keine Notwendigkeit dar.
Lediglich im Editorial der ersten Nummer – es stammt aus der gemeinsamen Feder von Otto Eggenreich und Herbert Zinkl – finden sich, in groben Umrissen, programmatische Festschreibungen; da heißt es etwa:
„Wir wollen mit unseren Aussagen den Menschen in unserem Lande erreichen, den Menschen – und nicht den zufälligen Angehörigen irgendeiner Berufssparte. ‚Der Mensch ist sich selbst das rätselhafteste Ding der Natur’, sagt Pascal, also gilt es, sich primär mit dem Menschen zu beschäftigen.“
Was hier anklingt, das hat die Linie der Zeitschrift bis in die späten achtziger Jahre hinein ganz wesentlich mitgeprägt: Es ist dies eine grundsätzlich humanistische Kultur- und Literaturauffassung, der zufolge die Hauptaufgabe des Schriftstellers wie des schöpferischen Menschen überhaupt darin besteht, sich mit „Allgemein-Menschlichem“, mit dem Wesen der menschlichen Existenz, dem Bleibenden und Beständigen auseinanderzusetzen und Kritik an den herrschenden Zuständen ausschließlich im Blick auf dieses Bleibende, der Zeit Enthobene zu üben. Eine vergleichbare Position hat in seinen späten Jahren Oskar Kokoschka in einem Interview, in dem er sich gegen die Abstrakte Kunst ereiferte, folgendermaßen bündig zusammengefasst: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Wer mit anderem Maß misst, der misst falsch.“
Dieses Diktum des österreichischen Jahrhundertkünstlers könnte man als ein passendes Motto über die „Lichtungen“ stellen, und dies, trotz mancher Brüche, Neuorientierungen und (unvermeidbaren) Inkonsequenzen, über alle 25 Jahrgänge. – Die Hefte der ersten zehn Jahre verfolgen diese streng humanistische Linie wesentlich rigoroser als die späteren Jahrgänge, um den Preis freilich einer gewissen Einseitigkeit und ästhetischen Monotonie, die bisweilen nicht von der Hand zu weisen ist. Die Nummern bis zur Mitte der achtziger Jahre sind über weite Strecken von solchen Autoren und Künstlern gestaltet und dominiert, denen die überlieferte humanistische Wertehierarchie noch etwas Verbindliches ist. Tradition stellt in dieser Hierarchie einen der höchsten Werte dar, und jegliches Experiment, jegliche künstlerische Innovation sind für die damit verbundene Weltanschauung dann und nur dann akzeptabel, wenn sie die Tradition nicht radikal in Frage stellen.
Dieser Humanismus, der hierzulande meist in einem katholischen, bisweilen aber auch in einem sozialdemokratischen Gewand in Erscheinung getreten ist und heute höchstens noch in verwässerter Form vertreten wird, geht von einem großen kulturellen Kontinuum aus, das es um jeden Preis zu bewahren und gleichsam organisch fortzusetzen gilt. Aus einer solchen Position heraus sind die „Lichtungen“ in der Tat lange Zeit eine betont konservative Zeitschrift gewesen, nicht aber in einem vordergründig politischen Sinne.
Die von den „Lichtungen“ getragenen Großprojekte der letzten Jahre, die literarische Erkundungsreise „Translokal“ oder das von D˛evad Karahasan gemeinsam mit Markus Jaroschka initiierte und betreute Projekt „Poetik der Grenze“, haben der Zeitschrift eine gänzlich neue Richtung und auch neues Gewicht gegeben; nichtsdestoweniger schreiben auch diese Unternehmungen die oben skizzierte humanistische Linie, unter geänderten Bedingungen, in anderen Dimensionen und vor allem auf einem anderen Reflexionsniveau, fort. Dies wird recht deutlich in den folgenden programmatischen Sätzen aus der Projektbeschreibung von „Translokal“: „(…)eine wichtige Erfahrung aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir in das neue mit: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen Inhumanität. Auch und vor allem die Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für Weltöffnung sein …“19

4) Der Weg nach Europa und in die Welt
An die Stelle der Idee vom „humanistischen Abendland“ ist in den letzten fünfzehn Jahren die Realität des neuen, freien Europa getreten. Die „Lichtungen“, die 1979 als ein regionales Periodikum angetreten waren, haben sich dieser Realität ohne lange zu zögern gestellt, sie auf ihre Möglichkeiten hin befragt und sich infolgedessen im Verlauf der neunziger Jahre konsequent zur Welt hin geöffnet: Aus der einstigen Vereinszeitschrift eher traditionalistischen Zuschnitts ist somit eine internationale Literatur- und Kunstzeitschrift geworden. Dieser Verwandlungsprozess, der langsam, Schritt für Schritt, vonstatten gegangen ist und den Charakter der Zeitschrift stark verändert hat, ist vor allem die Leistung und das Verdienst Markus Jaroschkas, der seit dem ersten Heft des Jahres 1991, seit dem Heft 45, als allein verantwortlicher Herausgeber fungiert. Unterstützt wurde (und wird) er bei seiner Arbeit von einem kundigen Redaktionskollegium, dessen Zusammensetzung sich im Lauf der Jahre immer wieder geändert hat. In den frühen neunziger Jahren gehörten ihm fallweise der Grazer Romancier Gabriel Loidolt und die beiden Lyriker Joachim Gunter Hammer und Maximilian Kostajnšek an. Ab der Mitte der neunziger Jahre bis herauf in die Gegenwart beteiligten sich an der redaktionellen Arbeit die Autorin und bildende Künstlerin Friederike Schwab20 (die auch in schöner Regelmäßigkeit mit eigenen Beiträgen in der Zeitschrift vertreten ist), der Bibliothekar Hans Putzer und der Schriftsteller Herbert Zinkl; sie bildeten über Jahre hin den engeren Kreis der „Lichtungen“, dem für einige Zeit auch der von Jaroschka geförderte, inzwischen als Lyriker leider wieder verstummte Bernhard Murauer, als Vertreter des literarischen Nachwuchses, angehörte. Derzeit setzt sich die Redaktion aus Helwig Brunner (Redakteur seit der Nummer 81), Sonja Harter, Hannes Luxbacher und Friederike Schwab zusammen – der Generationswechsel hat, wie man an dieser Liste ersehen kann, nicht allein innerhalb der Stammautorenschaft, sondern auch innerhalb der Redaktion der Zeitschrift stattgefunden. Herbert Zinkl ist mit dem ersten Heft des Jahrganges 2004 aus der Redaktion ausgeschieden; er verkörpert wie kein anderer die Kontinuität innerhalb der Zeitschrift, hat er sich doch vom ersten Heft an für die „Lichtungen“, als Autor wie als Redakteur, engagiert. Von den Gründervätern der Zeitschrift ist er der einzige, der ihr bis zur Gegenwart eng verbunden geblieben ist. 21

Seit dem Heft 49 (1992) ist als Lektor der Germanist Herbert Piwonka für die „Lichtungen“ tätig; vor ihm besorgten zuerst Sigrid Lutz, dann Harald Haslmayr zeitweilig diese Arbeit, die, aufgrund des ständig wachsenden Umfangs der Zeitschrift in den letzten Jahren immer wichtiger und unverzichtbarer geworden ist. Eng verbunden war und ist den „Lichtungen“ vor allem auch Heinz Hartwig, der von 1984 bis 2003 der Literaturabteilung des Landesstudios Steiermark vorstand. Hartwig war es auch, der die 1980 von Emil Breisach ins Leben gerufene Kleinbuchreihe des Leykam-Verlages ab den späten achtziger Jahren weiterführte und darüber hinaus das gesamte literarische Programm des Leykam-Verlages betreute, in dem vornehmlich solche Autorinnen und Autoren aufscheinen, die den „Lichtungen“ damals nahe standen (und zum Teil nach wie vor nahe stehen), vor allem aber auch solche, die in den „Lichtungen“ ihren Weg begonnen hatten, wie Lilian Faschinger22 oder Monika Wogrolly23.

Die erwähnte Buchreihe, die 1999 eingestellt worden ist und die vor allem der Lyrik gewidmet war, stand zu den „Lichtungen“ von Anfang an in einem engen Zusammenhang, sie wirkt geradezu wie eine komplementäre Ergänzung zur Zeitschrift.24 – Hartwig besorgte zudem auch die Zusammenstellung zweier Jubiläumsnummern (der Hefte 50 und 75) wie auch der Ende des vorigen Jahres erschienenen 97. Ausgabe, in der „Literatur aus Graz“ präsentiert wurde und mit der das „Translokal“-Projekt seinen Abschluss fand.

Am Erfolg und der kontinuierlichen Weiterentwicklung der „Lichtungen“ haben viele ihren Anteil; niemand aber wird heute so sehr mit der Zeitschrift assoziiert wie Markus Jaroschka. Der lange Weg, den er mit ihr gemeinsam zurückgelegt hat, ist wohl eine Geschichte für sich, und es bleibt fraglich, ob er sie jemals aufschreiben wird. Aus seiner Feder gibt es nur sehr spärliche programmatische Aussagen und Reflexionen zu seiner Arbeit als Herausgeber; hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang ein Text, den Jaroschka vor knapp zehn Jahren veröffentlicht hat. Darin äußert er sich dezidiert „[ü]ber Beweggründe eine Literaturzeitschrift herauszugeben“ und betont dabei, wie dünn der Boden geworden ist, auf dem wir uns bewegen und wie leicht man überhört wird, wenn man keinerlei Slogans und Schlagworte anzubieten hat, um schließlich doch dafür zu plädieren, sich nicht in gefälligem Kulturpessimismus zu ergehen, sondern die literarische Suche nach Orten, nach Überlebensräumen, ohne Unterlass fortzusetzen:
„Woher kommt (…) der Mut, könnte man fragen, in der Wörterflut unserer Tage eine Literaturzeitschrift mit dem Titel LICHTUNGEN herauszugeben, das Wort dem übermächtigen Bild entgegenzusetzen. Die Flut der eingehenden Texte weist jedoch auf eine Tiefenschicht hin, auf die Sehnsucht ‚die Welt festzumachen’, um darin überleben zu können. Es geht hier nicht um die Frage des therapeutischen Schreibens oder um die vieldiskutierte Fragestellung in der zeitgenössischen Literatur nach der ‚Neuen Subjektivität’, sondern um die grundlegende Frage in einer übertechnisierten Welt, wie Kunst in Zukunft aussehen wird. (…)

Nachdenken und Schreiben sind ein permanentes Selbstgespräch über die Orte und Nicht-Orte des Seins, über die ‚Ich-Einsamkeiten’, sind ein Aufzeigen der Differenz zwischen bloßem Geschwätz und dem zeitlosen Gespräch mit der Welt, ein Suchen nach mehr Humanität inmitten der Barbarei in uns und draußen in der ‚Welt’. (…)

Eine Literaturzeitschrift vermag vielleicht ein wenig beizutragen, mit geschärftem Sinn das Wissen um eine humanere Welt weiterzutragen. Nach dem Religionsverlust ist die Kunst vielleicht noch der einzige Ort menschlicher Geburtsräume, wo das grundlegende Prinzip unseres Da-Seins darin begründet scheint, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt, dass Leben ‚zur Welt kommen – zur Sprache kommen’ heißt.“ 25

Markus Jaroschka wird bisweilen wohl allzu sehr auf seine Rolle als Herausgeber der „Lichtungen“ festgelegt; dabei sind die Tätigkeiten, denen er in seinem bisherigen Leben nachgegangen ist, ebenso zahlreich wie verschieden: gelernter Koch und Bäcker, studierte er, nach dem „zweiten Bildungsweg“, Philosophie und Mathematik in Graz. 1976 promovierte er, 34-jährig, mit einer Arbeit über das „Problem des Erkenntnis- und Wissenschaftsfortschritts in der Mathematik“ zum Doktor der Philosophie. Lange Jahre danach war er in der Erwachsenenbildung, später, für Land und Stadt, zunehmend als Berater in literarischen Belangen tätig und wurde so ohne Absicht zu einem „Kulturmanager“. Vor allem aber ist Jaroschka Lyriker und Erzähler. Sein bislang publiziertes Werk, dessen Anfänge in die siebziger Jahre zurückreichen, ist schmal; es umfasst vier Lyrikbände und einen Band Erzählungen, „Die Grenze des Gesichts“ (1990); etliches davon wurde übersetzt, vor allem ins Kroatische.26 In jüngster Zeit sind, von ihm gemeinsam mit anderen herausgegeben, ein Reader über Graz (in der Wieser-Reihe „Europa erlesen“) und ein Sammelband „Poetik der Grenze“ erschienen, der die Erträge des erwähnten Projekts zusammenfasst, das Teil des offiziellen Programms der Kulturhauptstadt 2003 war. Festzuhalten ist, dass Jaroschka weder in der Zeit, als er noch mit dem Schriftstellerbund gemeinsam die „Lichtungen“ herausbrachte, noch in den Jahren seither die Zeitschrift jemals als Sprachrohr zur Verkündigung seiner eigenen Meinungen und Standpunkte benutzt hat. Auch mit eigenen Beiträgen war er, all die Jahre über, äußerst zurückhaltend. Ein regelmäßiges Editorial aus seiner Feder gibt es erst seit wenigen Jahren, erst seit dem Heft 81 (2000).
Wie bereits skizziert wurde, ist er an der Gründung der „Lichtungen“ nicht beteiligt gewesen; er trat erst 1981 in die Redaktion der Zeitschrift ein, und dies gleichsam per Zufall. Wie und unter welchen Umständen er zur Zeitschrift gekommen ist, schildert Jaroschka, der damals am Bildungshaus Retzhof bei Leibnitz tätig war, folgendermaßen:
Eines Tages hat mich Manfred Mixner, der damals noch in Graz Literaturchef des Landesstudios Steiermark war, angerufen und hat gesagt: „Sie, Jaroschka, da gibt es eine Literaturzeitschrift, die ist gerade erst gegründet worden; es sind erst fünf Nummern herausgegeben worden, von Haberl und Eggenreich, die können aber miteinander nicht mehr, und es sieht ganz danach aus, als würde die Zeitschrift eingestellt werden. Das könnten doch Sie machen, am Retzhof.“ Darauf hab’ ich erwidert: „Sie, ich versteh’ von Literatur nichts; ich schreib zwar ein bissel, aber das heißt noch lange nicht – und Geld haben wir auch nicht. Darauf er: „Aber eine Hausdruckerei habt ihr dort.“ – Und dann haben wir das wirklich übernommen in dem Sinne, dass die Zeitschrift am Retzhof gedruckt worden ist, für mehrere Jahre. Die Hauptfederführung hat aber weiterhin der Schriftstellerbund gehabt.27
Eine etwas andere Version weiß Otto Eggenreich, der damalige Herausgeber der Zeitschrift, zu erzählen: Wir haben [1981, nach dem Bruch mit Haberl und Humanic, Anm.] nach einer Möglichkeit gesucht, wie wir die „Lichtungen“ weiterführen konnten. Wir wollten ja nicht, dass die Zeitschrift mit der fünften Nummer schon aufhört. Und da habe ich mit Alois Hergouth darüber gesprochen, und Hergouth hat mich anlässlich einer Lesung mit dem Markus Jaroschka zusammengebracht und ihn mir vorgestellt, und der war dann eigentlich, was die Zeitschrift betraf, ziemlich Feuer und Flamme. Dann sind wir zum Retzhof hinunter und haben mit dem damaligen Leiter Filek-Wittinghausen gesprochen und der war auch einverstanden damit. Wir [= der Schriftstellerbund, Anm..] haben aus unserem Budget nicht unerhebliche Mittel zur Verfügung gestellt, und am Retzhof ist die Zeitschrift gedruckt worden und es hat auch längere Zeit jemand von dort das Layout gemacht, bis wir dann auf den Werner Stöckl gestoßen sind, der Layouter bei der „Kleinen Zeitung“ war, und der hat dann ab der 12. Nummer das Layout gemacht.28
Die erste Ausgabe der „Lichtungen“, für die Markus Jaroschka als leitender Redakteur verantwortlich zeichnete, ist das Heft 13, mit dem der Jahrgang 1983 eröffnet wurde. Das Heft ist 47 Seiten stark und enthält, neben Texten der beiden SSB-Autoren Ernst Hammer und G.J.A. Bertha und neben Gedichten des damals 22-jährigen Mike Markart einen kleinen Slowenien-Schwerpunkt, mit Proben von Tone Partljic, Slavko Jug und Drago Jančar. Es zeugt von einer schönen Kontinuität, dass Jančar, der inzwischen zu einem der bekanntesten slowenischen Gegenwartsautoren avanciert ist, sich zwei Jahrzehnte später am Projekt „Translokal“ beteiligt hat, das, von Jaroschka für die „Lichtungen“ adaptiert, in den letzten Jahren die Zeitschrift dominiert und ihr Gesicht stark verändert hat.

„TRANSLOKAL – LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN
STÄDTEN“ (so der vollständige Titel) war ein Literaturprojekt von großen, von gesamteuropäischen Dimensionen, das sich in seinen Anfängen noch verhältnismäßig bescheiden gestaltet hatte: Nicht nur der Name, auch die Grundidee geht auf eine Ausstellung zurück; von ihr erhielt Markus Jaroschka den entscheidenden Impuls: „Neun Städte im Netz 1848-1918“ waren es in dieser vom Mitteleuropa-Gedanken inspirierten Ausstellung gewesen, die im Sommer 1996 im Grazer Stadtmuseum, unter der Ägide des Cultural City Networks (CCN) gezeigt worden war. Der ursprüngliche Plan hatte darin bestanden, die Literatur dieser neun „vernetzten“ Städte Mitteleuropas in Form von Schwerpunkten zu präsentieren. Schließlich aber sind es 25 Städte geworden, die bis zum Ende des Jahres 2003, bis zum Abschluss des Projekts, in den „Lichtungen“, von Heft zu Heft, in einigermaßen kompakten Autorenanthologien, vorgestellt wurden. Bereits in den Jahren vorher gab es, wie darüber nicht vergessen werden darf, in den „Lichtungen“ immer wieder und in sehr fundierter Form Länderschwerpunkte29– das große Städteprojekt, das kontinuierlich durch Autorenlesungen in Graz begleitet worden ist und dann mit einem internationalen Autorenfest im November 2003 seinen Abschluss gefunden hat, weist dem gegenüber aber ein neues, qualitativ anderes Konzept auf. Zwei Elemente sind es vor allem, die m. E. diese neue Qualität ausmachen und bestimmen: Zum einen die Auffassung von Literatur als einem vornehmlich urbanen Element (was ja der gegenwärtigen Realität immer mehr entspricht), zum anderen die an sich keineswegs neue und viel diskutierte Auffassung, dass ein literarischer Diskurs, der über die Grenzen hinweg stattfinden soll, einzelne Literaturen zur Voraussetzung hat, die ihrerseits fest verortet sind. Alles, was zur Weltliteratur gehört, ist mehr oder weniger regional verortbar und hat seinen konkreten Raum; eine Literatur hingegen, die keinen Ort hat, die ihre Herkunft aus einer bestimmten Atmosphäre gar nicht kennt oder sie gewaltsam abstreift, ist zumeist eine Allerweltsliteratur, sie wirkt, um ein Wort Herbert Eisenreichs aufzugreifen, im Original bereits so, als wäre sie eine Übersetzung. Das Städteprojekt der „Lichtungen“ hat bewiesen, dass die Internationalität der Literatur auch heute noch, in der Epoche der Globalisierung, konkrete, lokal gewachsene Traditionen zur Voraussetzung hat, nicht aber in einer Sprachen und Länder übergreifenden Uniformität besteht. – In diese Richtung weist Markus Jaroschkas Editorial zu einem Heft des Jahrgangs 2000, in dem mit der „Literatur aus Dublin“ bereits das neunte Städteportrait präsentiert worden ist. – Jaroschka spricht bereits im Titel dieses Editorials programmatisch von der
„Suche nach den ‚literarischen Orten’“, und er hält darin einen Befund fest, auf den er in den letzten Jahren immer wieder zurückgekommen ist: „Die alten sozialen, kulturellen, emotionalen Orte werden von Nicht-Orten in einem riesigen ökonomisch-technischen Universum ersetzt, das nur noch Passanten, Vorbeigehende, keine Bleibenden mehr kennt. Wer kennt nicht die Uniformität von Flugplätzen, Autobahnen, Stadteinfahrten, Hotels in aller Welt. Es sind Räume von Nicht-Orten, die austauschbar sind. Sie bringen Einsamkeit hervor, begleitet von einem weiteren wichtigen Charakteristikum: Sie haben nur Gegenwart. Anthropologische Orte dagegen schaffen organische, soziale Räume, die überschaubar sind. Sie haben ihre Geschichte.“30
Wer im Wechsel der Zeit einen Ort hat und sich der spezifischen Problematik dieses Ortes bewusst ist, der hat auch ein Bewusstsein von Geschichte, und dieses Geschichtsbewusstsein wiederum erfährt seinen unmittelbaren Niederschlag in der Literatur, in literarischen Formen und Gestalten unterschiedlichster Art. Dies ist wohl der Leitgedanke, der hinter dem Translokal-Projekt gestanden und in ihm sichtbar geworden ist, einem Projekt, das einiges Aufsehen erregt hat und in seiner Art sicher nicht wiederholbar ist, das aber internationale Vernetzungen geschaffen hat, deren Bedeutung in der nächsten Zeit noch wachsen wird.

5) Eine Geschichte in fünf Kapiteln
Wollte jemand die Geschichte der Zeitschrift chronologisch erzählen, er wäre gut beraten, die folgende Kapiteleinteilung zu treffen:
1. Die Frühphase (H. 1-5; 1979/80)
2. Die „Retzhof-Phase“ (H. 6-28; 1981-86)
3. Die „Neuen Lichtungen“: Urania und Schriftstellerbund
(H. 29-44; 1987-90)
4. „Literaturkreis Lichtungen“ (H. 45-67; 1991-96)
5. Translokal – die Internationalisierung der Zeitschrift
(H. 68 bis 99; 1996-2004)

Aus Platzgründen kann ich hier nicht Kapitel für Kapitel abhandeln; nur einige wesentliche Linien sowie die wichtigsten Zäsuren sollen im Folgenden kurz beleuchtet werden: Mit dem ersten Heft der „Retzhof-Phase“ bereits trat ein Gestaltungsprinzip in Kraft, das im Wesentlichen bis heute beibehalten worden ist: in jeder Nummer der Zeitschrift auch eine bildende Künstlerin oder einen bildenden Künstler vorzustellen. Das waren anfangs vor allem namhafte Vertreter der steirischen Gegenwartskunst wie Gottfried Fabian, Elga Maly, Franz Motschnig, Wolfgang Schaukal, Hannes Schwarz, Gregor Traversa und Günter Waldorf, etwas später Fritz Aduatz, Gerald Brettschuh und Heinrich J. Pölzl, immer wieder aber auch Künstler aus anderen Breiten. Mit dem Heft 69 (1996) schließlich übernahm der Kunsthistoriker Werner Fenz, damals Leiter der Neuen Galerie in Graz, die Aufgabe, der Bildenden Kunst in den „Lichtungen“ eine neue, einheitliche Linie zu geben und sie fortan kommentierend zu begleiten. Er führte den Kunstteil der Zeitschrift in den Jahren seither konsequent auf neues Terrain. Stets aktuelle internationale Entwicklungen im Blick, war er von Anfang an vornehmlich darum bemüht, Werke junger Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren, wobei er besonderes Augenmerk auf die Fotographie und auf verschiedenste Formen der konzeptuellen Kunst legte. Der Standortwechsel, den die „Lichtungen“ dadurch auf dem Sektor der Bildenden Kunst in den letzten acht Jahren vollzogen haben, ist ebenso unübersehbar wie radikal. Das Jahr 1996 markiert somit in zweierlei Hinsicht einen deutlichen Einschnitt in der jüngeren Entwicklung der Zeitschrift: Von diesem Jahr an war ihr äußeres Erscheinungsbild ein anderes als zuvor, gleichzeitig erfuhr sie auch inhaltlich – ab dem Heft 68, das mit Krakau den ersten „Translokal“-Städteschwerpunkt präsentierte – eine wesentliche Ausweitung und Anreicherung: In der Folgezeit gewannen die Hefte immer mehr an Umfang und ihr inhaltliches Spektrum, im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2003, verbreiterte sich beträchtlich. Die Nummern der letzten Jahre enthalten in der Regel Textmengen, die insgesamt dem durchschnittlichen Umfang eines Romans entsprechen.

Die größte und wichtigste Zäsur in der gesamten inhaltlichen und konzeptuellen Entwicklung der Zeitschrift ist jedoch viel früher anzusetzen: nach dem Ende der „Retzhof-Phase“, mit dem Jahr 1987. Dies bestätigt auch Otto Eggenreich, der Mitbegründer der „Lichtungen“, im Gespräch31, wenn er bemerkt, dass sich mit dem Wechsel Markus Jaroschkas vom Retzhof an die Spitze der Steirischen Urania in Graz, ein merklicher Bruch innerhalb der Gestaltung der Zeitschrift vollzogen hat. Bereits einem kurzen vergleichenden Blick auf die Hefte 28 und 29 wird der Kontrast nicht entgehen: Man verpasste damals der Zeitschrift ein völlig neues Layout, das in den folgenden zehn Jahren, nach einigen Modifikationen vor allem im Satz, beibehalten werden sollte, und führte die heute gängige Schreibung des Titels ein. Die bedeutendste inhaltliche Neuerung war die Installierung eines eigenen „Zeitkritik“- Teils, der in Heft 29 erstmals aufscheint. Von dieser Nummer an bis zur Gegenwart sind die Lichtungen eine Zeitschrift geblieben, deren Inhalt im Wesentlichen drei Fächer umspannt: jenes der Literatur (mit einer starken Akzentuierung vor allem der Lyrik), jenes der zeitgenössischen bildenden Kunst und jenes einer im weitesten Sinne zeitkritischen Essayistik, die zum größeren Teil wissenschaftliche, zum geringeren Teil feuilletonistische Züge trägt. Beiträge zur Zeitkritik haben über die Jahre hin so unterschiedliche Autorinnen und Autoren wie Karl Acham, Rigo Baladur, Moritz Csáky, Krzysztof Czyz.ewski, Iring Fetscher, Ulrich Horstmann, Konrad Paul Liessmann, Elisabeth List, Hermann Lübbe, Frank- Michael Orthey und Manfred Prisching geliefert, wobei der deutsche Philosoph Lübbe (* 1926) mit einer besonders großen Zahl von Aufsätzen vertreten ist. Eine „Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik“ nennen sich die „Lichtungen“ also erst seit 1987, seit dem ersten im Rahmen der Grazer Urania gestalteten Heft. Es hatte somit acht Jahre gedauert, bis in gemeinsamer Anstrengung jene breite Basis erarbeitet war, auf der das komplexe Gefüge errichtet werden konnte, das die Zeitschrift heute ist: ein Ineinander von Regionalem und Überseeischem, von Gegenwartskunst und philosophischen Reflexionen, von Texten und Übersetzungen, von Neuentdeckungen und Altbewährtem. Die Einführung des Zeitkritik-Teils war ein unmittelbarer Effekt des Standortwechsels, den die Zeitschrift im achten Jahr ihres Bestehens vollzogen hat: Von nun an war sie Teil einer Volksbildungsinstitution mit großer Tradition und sie ist es bis heute geblieben, auch wenn sie sich in den letzten Jahren vollständig von ihr emanzipiert hat.

Dass im Übergang von den achtziger in die neunziger Jahre sich die Autorenschaft der Zeitschrift stark verändert hat, beweist ein Vergleich zwischen den Nummern 40 und 50. – Erstere erschien 1989 und bietet eine letzte Anthologie von Autorinnen und Autoren des Schriftstellerbundes, gleichsam als Schwanengesang, in den noch einmal alle einstimmten. Das Heft versammelt Lyrik und Prosa von Grete Scheuer, Alois Hergouth, Ernst Hammer, Ingomar Hartner, Regine Dadois, Otto Eggenreich, Matthias Mander, Harald W. Vetter, Gerda Klimek, Erwin Klauber, Karl Ernst Trauttmansdorf, Maximilian Kostajnšek, Otto Hans Ressler, Willi Kandlbauer, Herbert Zinkl, Titus Lantos, Helga Schwarzbauer, Hannelore Valencak, Elfriede Detzlhofer, Rudolf Jouanne, Ruth Barg, August Schober und Markus Jaroschka. Diese Nummer wirkt nahezu wie ein wehmütiger Rekurs auf den „ausblick“ und die daran anknüpfenden ersten Jahrgänge der Zeitschrift. Schlägt man das Heft 50 (von 1992) auf, so findet man abermals eine – von Heinz Hartwig zusammengestellte – Autorenanthologie, allerdings mit der Überschrift „Literaturkreis Lichtungen“: Unter diesem Sammeltitel (der nie für eine Literaturgruppe stand, sondern lediglich für eine lose Autorenvereinigung) sind die folgenden Autorinnen und Autoren zusammengefasst: Hergouth, E. Hammer, Friederike Schwab, M. Konstajnšek, Gero Jenner, Wilfried Ohms, Rudolf Egger, Gabriel Loidolt, Wolfgang Pollanz, Monika Wogrolly, Herbert Zinkl, Gloria Kaiser, Bernhard Murauer und Harald Gordon. Nicht nur eine Umschichtung, sondern auch eine Verjüngung der Stammautorenschaft hatte sich inzwischen, wie an dieser Liste von Autoren deutlich ablesbar ist, vollzogen, nur drei Autoren sind es, die aus der in Heft 40 präsentierten SSBRiege in den „Literaturkreis Lichtungen“ übernommen wurden: Hergouth, Konstajnšek und Zinkl (der Beitrag von Ernst Hammer in Heft 50 war bereits eine posthume Hommage). – Unter den in der Jubiläumsnummer von 1992 vertretenen Autoren finden sich einige, die inzwischen längst überregionale Bekanntheit erlangt haben: Monika Wogrolly (* 1967) etwa hat in den Jahren, die seither verstrichen sind, fünf Romane im Wiener Deuticke-Verlag veröffentlicht, und Gabriel Loidolt (*1953), gilt heute als einer der wichtigsten Prosaschriftsteller seiner Generation. Im Verlauf der neunziger Jahre stießen viele weitere junge Autorinnen und Autoren zur Zeitschrift, etliche davon als Debütanten. Für literarische Debüts war ab Heft 29, die Rubrik „Neu vorgestellt“ als ständige Sparte reserviert: Helwig Brunner, Olga Flor32, Thomas Glavinic33, Egyd Gstättner34, Anna Nöst35, Richard Obermayr36, Wilfried Ohms37, Thomas Raab38, Andrea Sailer39 und Robert Wolf40 – um nur einige der bekannteren Namen zu nennen – sind allesamt im Laufe der letzten zehn Jahre in den „Lichtungen“ neu vorgestellt worden und zum Teil als Beiträger der Zeitschrift verbunden geblieben. Der Lyriker Helwig Brunner41, der zwar nicht in den „Lichtungen“ debütiert, in ihnen aber seit dem Jahr 1993 eine verhältnismäßig große Anzahl von Texten veröffentlicht hat, wird ab dem nächsten Jahr Mitherausgeber der Zeitschrift.

Fünf Kapitel sind bis jetzt geschrieben worden: Die Protagonisten des ersten haben sich inzwischen längst aus dieser Geschichte zurückgezogen, andere Akteure sind aufgetreten. Neue Kapitel wird, so bleibt zu hoffen, die Zukunft schreiben.

Anmerkungen:

1 Die besondere Markierung des im Titelwort enthaltenen „Lichts“ wurde bis zum Heft 28 beibehalten, erst 1987, als man mit der Zeitschrift an einem Wendepunkt angelangt war und diese von Grund auf neu gestaltete, ging man folgerichtig zur heute gängigen Schreibung über. – Otto Eggenreich bemerkt dazu, im Tonbandgespräch mit dem Verf. vom 15. 9. 2004, dass der Titel der Zeitschrift von Harald W. Vetter stamme (der im Impressum der zweiten Nummer bereits als Redaktionsmitglied aufscheint und später, 1987/88 neben Markus Jaroschka zweiter Chefredakteur war), die ursprüngliche Schreibweise des Titels jedoch auf Horst Gerhard Haberl zurückgehe; dieser habe damals die Ansicht vertreten, mit einem solchen Logo mehr Aufsehen zu erregen.

2 [Anonym:] Manifest Gruppe Nebelhorn. In: Nebelhorn 10 (1978), S. 5f.

3 Vgl. dazu vor allem das Heft 6 vom Juni 1977; darin findet sich eine Gemeinschaftsarbeit von Walter Grond, Harald C. Kollegger und Wolfgang Siegmund, eine Standortsbestimmung unter dem Titel „Junge Literatur oder Die Notwendigkeit von Emanzipation“, mit einem einschlägigen, „der grazer literatenhimmel“ überschriebenen Abschnitt; im selben Heft außerdem ein fiktiver Briefwechsel zwischen einem „Jungschreiber Karli“ und Alfred Kolleritsch und allerlei andere polemische Aperçus.

4 Otto Eggenreich: Wolfgang Bauer: Das Herz. [Rez.]. In: Lichtungen 9 (1982), S. 48.

5 Wolfgang Pollanz allerdings scheint bereits in der Nummer 4 der „Lichtungen“ auf, als einer der vier Preisträger des vom SSB im Jahr 1980 ausgeschriebenen Paula Grogger- Erzählwettbewerbes (die vier preisgekrönten Arbeiten, darunter auch ein Text von Evelyn Schlag, wurden in dieser Nummer vorgestellt). – Pollanz wie Eisendle waren auch später immer wieder mit Beiträgen in den „Lichtungen“ vertreten, zuletzt im Heft 97/2004.

6 Vgl. etwa Alfred Seebacher-Mesaritsch: Rudolf List zum Gedenken. In: Lichtungen 2 (1980), S. 33f.; Heribert Schwarzbauer: Erinnerung an Julius Franz Schütz. In: Lichtungen 7/8 (1981), S. 60f.; Otto Hofmann-Wellenhof: Nachruf für Kurt Hildebrand Matzak. In: Lichtungen 9 (1982), S. 45f.; Heribert Schwarzbauer: Karl Adolf Mayer. In: Lichtungen 10 (1982), S. 41f., ders.: Max Mell – ein großes ‚Licht aus der Stille’. In: Lichtungen 11 (1982), S. 48. Alle diese Autoren – mit Ausnahme von Julius Franz Schütz – scheinen in einschlägigen NS-Publikationen auf.

7 Vgl. Gerhard Bertha: Der steirische Schriftstellerbund 1928 bis 1938. Ein Autorenverband in der Provinz. Phil Diss. Graz 1985.

8 Vgl. Karl Müller: Zäsuren ohne Folgen. Das lange Leben der literarischen Antimoderne Österreichs seit den 30er Jahren. Salzburg: Müller 1990; darin finden sich, auf den Seiten 287-312, detaillierte Ausführungen zur Position Max Mells im Dritten Reich.

9 Vgl. dazu den 1952 bei Stiasny, Graz, vom damaligen SSBPräsidenten Hofmann-Wellenhof herausgegebenen „Steiri226 schen Dichteralmanach“, der einerseits Texte von überaus belasteten Autoren wie z. B. Bruno Brehm, P.A. Keller, Rudolf List, Kurt Hildebrand Matzak und Margarete Weinhandl, andererseits aber auch Beiträge von Ernst Hammer, Alois Hergouth, Alfred Mikesch, Rudolf Stibill und Herbert Zand enthält.

10 Vgl. dazu Alois Hergouth: Forum Stadtpark. Junge Künstler und Wissenschaftler bauen ein Haus für ihre Arbeit. In: Wort in der Zeit VI (1960), H. 11, S. 39-42.

11 Tonbandgespräch mit Otto Eggenreich, 15. 9. 2004. – Zur Biographie Josef Otto Lämmels vgl. Bolbecher/Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien: Deuticke 2000, S. 420. – Lämmel flüchtete 1938 in die Schweiz und emigrierte von dort im Jahr darauf nach England, wo er bis zum Jahr 1962 blieb.

12 Vgl. dazu den Bericht „Neuwahl des Vorstandes des Steirischen Schriftstellerbundes“. In: Blickpunkte 90 (März 1977), S. 1f.

13 Otto Eggenreich debütierte 1954 als einer von „Vier jungen Kapfenbergern“ (gemeinsam mit Willi Kandlbauer, Hannelore Valencak und Herbert Zinkl) in einem so betitelten Buch, das bei Stiasny, in der Kleinbuchreihe „Steirische Autoren“, erschienen ist. 1969 veröffentlichte er den Gedichtband „Von Wort zu Wort“ im Grazer Imago-Verlag, 1981 den Band „Schonzeit“ bei Leykam. 1998 erschien, ebenfalls bei Leykam, eine von ihm gestaltete Anthologie „Lyrik in der Steiermark 1947-97“.

14 Im von Eggenreich und Zinkl verfassten Editorial der ersten Nummer vom November 1979 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die „Lichtungen“ die Nachfolge der „Blickpunkte“ antreten.

15 Der SSB hatte in der Nachkriegszeit bereits Ähnliches unternommen, wenn auch in wesentlich bescheideneren Maßen; auch damals blieb es übrigens bei einer Einzelpublikation, vgl. In dieser Minute. Jahrbüchlein des Steirischen Schriftstellerbundes. Hg. von Otto Hofmann-Wellenhof. Graz, Wien, München: Stiasny 1954. – Die meisten darin vertretenen Autoren sind heute vergessen.

16 Vgl. Christian Teissl: Österreichisches Alphabet – Ernst Hammer (1924-1990). In: Literatur und Kritik 363/64 (2002), 103-110.

17 Vgl. Evelyn Polt-Heinzl: „Rüstzeug für das Weiterleben“. Ein Nachruf auf die Schriftstellerin Hannelore Valencak. In: Wiener Zeitung (Extra) vom 23. 4. 2004, S. 4.

18 Hans Leifhelm, 1891-1947, ist ein heute leider vergessener Lyriker und Prosaist, der aus Mönchengladbach stammte und in der Zwischenkriegszeit als Berufsberater in Graz lebte. 1938 verließ er die Stadt und übernahm als Nachfolger Felix Brauns eine Professur in Padua, was man als Ausdruck seiner Distanz zum nationalsozialistischen Regime werten kann, von dem er nichtsdestoweniger vereinnahmt worden ist. – 1933/34 war Leifhelm übrigens als einer der wenigen Autoren aus den Bundesländern Mitglied des Wiener Verbandes Sozialistischer Schriftsteller gewesen. Seine Gedichte stehen in der Tradition romantischer Naturlyrik, kommen aber bisweilen dem Realismus eines Theodor Kramer nahe, ohne dessen soziales Engagement zu teilen. Nach dem Krieg kamen seine Gesammelten Werke bei Otto Müller heraus, die letzte Ausgabe seiner Lyrik erschien 1991 bei ADEVA, Graz. Zu Leifhelm vgl. Hans Heinz Hahnl: Vergessene Literaten. Wien: ÖBV 1984, S. 167-70 sowie Andreas Okopenko: Drossel und Dreschmaschine. Zur Lyrik Hans Leifhelms. In: Literatur und Kritik 3 (1968), S. 613-15. Biographisches findet sich im Lexikon der österreichischen Exilliteratur, S. 434. - Die „Lichtungen“ übrigens haben Leifhelm auch späterhin die Treue gehalten: in den Heften 31 (1987) und 45 (1991) finden sich Leifhelm-Gedichte.

19 Markus Jaroschka: Europas Literatur in Graz. In: Steiermark Innovation 2004. Hg. von Manfred Prisching et al. Graz: Leykam 2004, S. 58f.

20 Friederike Schwab (* 1941) veröffentlichte bisher zwei Prosabücher (die „Briefe an Van Gogh“ und den Roman „Indianerliebe“) im Verlag Leykam sowie, in der Steirischen Verlagsgesellschaft, den Gedichtband „so reise ich täglich“ (2001). Im Heft 64 der Lichtungen (1995) findet sich ein Bilderzyklus von ihr. Ihr erster literarischer Beitrag zur Zeitschrift war die Erzählung „Der andere Großvater“, in Heft 33 (1988), S. 19-28.

21 Zinkl (* 1929) ist gelernter Metalldreher, war später lange Jahre als Journalist für die Grazer „Neue Zeit“ tätig und hat eine ganze Reihe von Büchern publiziert: Lyrik („Asyl bei den Ikonen“, 1982), Jugendbücher („Alle Träume dampfen südwärts“, 1978) Romane („Der letzte Gast trank nicht“, 1993) Reiseberichte („Im Koffer Fernweh“, 1998).

22 Vgl. Lilian Faschinger: selbstauslöser. Lyrik und prosa. Graz: Leykam 1983.

23 Vgl. Monika Wogrolly: Sturzflug ins Schwebende. Prosa. Graz: Leykam 1987.

24 Sie begann übrigens mit Markus Jaroschkas Band „sprachwechsel“, und in der Folgezeit präsentierte sie Lyrik von Otto Eggenreich, Herbert Zinkl, Joachim Gunter Hammer und anderen.

25 Markus Jaroschka: Lichtungen im steirischen Kulturwald. Über Beweggründe eine Literaturzeitschrift herauszugeben. In: politikum 67 (1995), S. 37f.

26 Zu Jaroschkas Lyrik vgl.: Sead Muhamedagic: Markus Jaroschka – Das Ringen um eine eigene Sprachästhetik. In: Zagreber Germanistische Beiträge. Beiheft 3 (1996), S. 97- 103.

27 Tonbandgespräch des Verfassers mit Markus Jaroschka vom 15. 4. 2004.

28 Tonbandgespräch des Verfassers mit Otto Eggenreich vom 15. 9. 2004. – Wie immer die Rolle von Alois Hergouth damals gewesen sein mag, fest steht, dass er für die Zeitschrift über lange Zeit von großer Bedeutung war: Bereits im zweiten Heft (1980) finden sich einige Gedichte von ihm, und auch später war er immer wieder mit Beiträgen vertreten. Das Heft 61 (1995) schließlich steht ganz im Zeichen von Hergouths 70. Geburtstag und als er, Anfang 2002, verstarb, widmete Markus Jaroschka ihm einige Zeilen, vgl. Lichtungen 89 (2002), S. 45.

29 Heft 52 (1992) präsentiert schwerpunktartig „Literatur aus Slowenien“, Heft 54 (1993) „Frauenlyrik aus Bulgarien“, die Hefte 56 (1993) und 58 (1994) in zwei Portionen „Literatur aus Frankreich“, Heft 62 (1995) „Literatur und Malerei aus Ostafrika“, Heft 63 (1995) „Literatur aus Spanien“, Heft 64 (1995) „Literatur aus der Türkei“ und Heft 65 (1996) „Literatur aus Bosnien-Herzegowina“. Diese Länderschwerpunkte sind als direkte Vorläufer der späteren Translokal-Städteportraits zu sehen; es wurden bereits damals Kontakte aufgebaut, die später für Translokal genützt werden konnten.

30 Markus Jaroschka: Auf der Suche nach den „literarischen Orten“. In: Lichtungen 82 (2000), S. 1.

31 Vgl. Tonbandgespräch mit Otto Eggenreich vom 15. 9. 2004.

32 Vgl. Olga Flor: Martha. In: Lichtungen 81 (2000), S. 92-98. 227

33 Vgl. Thomas Glavinic: Die Kinder der Stumm-Arbeiter/ Spuren. Zwei Erzählungen. In: Lichtungen 67 (1996), S. 53-59.

34 Vgl. Egyd Gstättner: Kurzprosa. In: Lichtungen 46 (1991), S. 53f.

35 Vgl. Anna Nöst: Gefühle. In: Lichtungen 59 (1994), S. 56- 60.

36 Vgl. Richard Obermayr: „Flor, Hy, Fisola“. In: Lichtungen 47 (1991), S. 43-48.

37 Vgl. Wilfried Ohms: Der Brückenwärter. In: Lichtungen 43 (1990), S. 5-11.

38 Vgl. Thomas Raab: Taub Ludwig Stumm. In: Lichtungen 64 (1995), S. 30-32.

39 Vgl. Alexandra [sic!] Sailer: Gedichte. In: Lichtungen 54 (1993), S. 82-86.

40 Vgl. Robert Wolf: Der Entropist. In: Lichtungen 73 (1998), S. 33-47, sowie im vorliegenden Heft.

41 Helwig Brunner (*1967) veröffentlichte bisher eine ganze Reihe von Gedichtbänden („Gelebter Granit“, „Auf der Zunge das Fremde“, „Aufzug oder Treppe“, „gehen schauen sagen“, „grazer partituren“) und erhielt für seine Lyrik bereits etliche Preise.

Christian Teissl
Geb. 1979, lebt in Graz und Kitzeck/Steiermark; studierte Germanistik und Philosophie, arbeitet, nach Ableistung des Zivildiensts, an einer germanistischen Dissertation; veröffentlichte bislang Lyrik, Prosa und literaturkritische Essays in Zeitschriften (v. a. „Lichtungen“, „Literatur und Kritik“, „Zwischenwelt“, „Bücherschau“), in der „Wiener Zeitung“ und im ORF (u. a. in der Ö1-Reihe „Texte – Neue Literatur aus Österreich“). 1999 erhielt er den Literaturförderungspreis der Stadt Graz. Buchveröffentlichungen: Entwurf einer Landschaft. Gedichte (Graz: Steirische Verlagsgesellschaft 2001); (Hg.:) Elf – Jahrbuch für Literatur 2003 (Klagenfurt, Wien: Kitab 2003); (Hg.:) Max Hölzer: Frau und Vogel. Ausgewählte Gedichte (Klagenfurt, Wien: Kitab 2004).


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