Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2004

LICHTUNGEN - 99/XXV. Jg./2004

Schwerpunkt:
Literatur aus Genua

Kunstteil:
Wolfgang Becksteiner

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
99 / XXV. Jg. / 2004, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Wolfgang Becksteiner, Speicherorte 2003/2004

INHALT  

 
LITERATUR    
Andrea SAILER Zeitgedicht: Haltestelle 1
Petra Magdalena KAMMERER Spuren der Mutter (Erzählung, Auszug) 3
Andrea SAILER Gedichte 8
Rodica DRAGHINCESCU Der vierhändige Schatten (Theaterstück) 11
CRAUSS Gedichte 15
Kenka LEKOVICH Ohne Schachtel bitte. (Erzählung) 18
Theo DORGAN Gedichte 22
Eeva PARK Die Falle in der Unendlichkeit (Romanauszug) 25
Ilse TIELSCH Gedichte 32
Joy MARKERT Lina, die Bernsteinaugen, die Reise in den Norden und
der Fisch
34
     
     
NEU VORGESTELLT    
Christian HERZOG Gedichte 40
Andrea GRILL Das Streichholz (Erzählung) 42
Gertrude Maria GROSSEGGER Gedichte 47
     
   
LITERATUR AUS GENUA - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2004  
Auswahl und Großteil der Übersetzungen:  
Primus-Heinz KUCHER, Universität Klagenfurt, und Michaela BÜRGER-KOFTIS,
Universität Genua
 
Luigi SURDICH Einleitung: Eine kleine Landkarte... 52
Dino CAMPANA Genueserin (Gedicht) 55
Camillo SBARBARO Gedichte 56
Edoardo FIRPO Genua nachts von den Bergen herab (Gedicht) 59
Eugenio MONTALE Gedichte 60
Giorgio CAPRONI Gedichte 62
Liana MILLU Hochspannung (Romanauszug) 63
Italo CALVINO Wo Spinnen ihre Nester bauen (Romanauszug) 64
Adriano GUERRINI Der Fluch (Gedicht) 66
Giovanni GIUDICI Gedichte 67
Luciano RONCALLI Illustre Dichter besitzen (Gedicht) 68
Luigi FENGA Piazza della Vittoria (Gedicht) 70
Edoardo SANGUINETI Gedichte 71
Giuseppe CONTE Immer Zukunft (Gedicht) 73
Maurizio MAGGIANI Die schmucklose Königin (Romanauszug) 74
Enrico TESTA Gedicht 76
Camilla SALVAGO RAGGI Die blaue Stunde (Romanauszug) 77
Claudio POZZANI Genua, Saudade & Spleen (Gedicht) 78
Rossana CAMPO Am Anfang war die Unterhose (Romanauszug) 79
Gino PAOLI Das Büro der verlorenen Dinge (Gedicht) 80
Fabrizio DE ANDRÉ Via del Campo (Gedicht) 82
     
   
EINE STEIRISCHE PERSÖNLICHKEIT  
Hedwig WINGLER-TAX Richard Rubinig zum Gedenken (1914 bis 1992) 83
     
     
KUNST    
Werner FENZ Speichern unter... Informationstransfers von Wolfgang
Becksteiner
85-100
Wolfgang BECKSTEINER Speicherorte 2003/2004 85-100
     
     
ZEITKRITIK    
Manfred PRISCHING Kritik der konsumistischen Vernunft 101
     
     
ZU DEN AUTORiNNEN   113

 


LITERATUR AUS GENUA - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS 2004

Auswahl und Großteil der Übersetzungen:
Primus-Heinz KUCHER, Universität Klagenfurt, und Michaela BÜRGER-KOFTIS, Universität Genua.
Dank an die Autorinnen und Autoren sowie an die Verlage für die Erlaubnis des Abdrucks.

Luigi SURDICH
EINLEITUNG: EINE KLEINE LANDKARTE...

Eine seltsame Geschichte, die der italienischen Literatur in jenem Jahrhundert, dem zwanzigsten, das wir wohl nun endgültig das „vergangene Jahrhundert“ zu nennen gezwungen sind. Zwar waren die wichtigsten Zentren des Staatsapparates, der Industrie, der Kultur die Städte Rom, Mailand und Florenz, was auch bedeutete, dass sie über entsprechende Institutionen und Kanäle der Kulturvermittlung und der Kommunikation (Fernsehen, Kino, Presse, Verlagshäuser etc.) verfügten; dennoch müssen wir die wahren literarischen Zentren anderswo orten, an der Peripherie: in den Städten in Randlage nämlich, wie Triest und Genua, mit so herausragenden Figuren wie – für Triest – Italo Svevo in der Prosa und Umberto Saba in der Lyrik, oder für Genua (und mit Genua auch für Ligurien) die Persönlichkeiten, die nun hier in aller Kürze und Knappheit skizziert werden sollen.

Genua, das im Jahr 2004 Europäische Kulturhauptstadt ist, ist auch die Stadt, die im 20. Jahrhundert völlig zu Recht als Hauptstadt der italienischen Lyrik galt: Montale, Sbarbaro, Sanguineti sind Namen, die schon an sich die Gültigkeit einer solchen Vorrangstellung unbestreitbar rechtfertigen. Aber es ist überhaupt die gesamte literarische Atmosphäre, die man in Genua und in Ligurien atmete, die eine solche einzigartige Erscheinung erst möglich machte. Und so verständigte man sich auf eine umfassende Etikette, die sogenannte „linea ligustica“, um diesem Phänomen ein in jedem Sinne organisches Antlitz zu geben und darunter das Werk von AutorInnen, die im 20. Jh. in Ligurien geboren wurden und/oder in Ligurien lebten, zu versammeln.

Die oft bemerkenswerten Unterschiede zwischen den einzelnen DichterInnen lassen sich sowohl hinsichtlich ihrer Persönlichkeit als auch mit Blick auf ihre Produktion nicht auf eine einfache Formel reduzieren. Und daher erweist sich als fruchtbarer nicht die Verfolgung der Spur einer wohl nicht wirklich existierenden „linea ligustica“, sondern die Betrachtung eines recht unterschiedlichen Gesamtbildes, welches im übrigen in der hier vorliegenden Anthologie zur Erscheinung kommt: nicht eine Linie also, sondern eine Landkarte. Eine Karte, die einmal sowohl Lyrik als auch Prosa umfasst, und die, wie Landkarten das eben tun, Gipfel und Gefälle, Höhen und mittlere Lagen registriert, und die schließlich in ihrer Qualität als Karte vom reisenden Leser durch das Einfügen nicht angezeigter, nicht aufgeführter Personen ergänzt werden kann. Hier würde ich als eine erste Anfügung den Namen Francesco Biamonti nennen, der als Pendant zu Maurizio Maggiani platziert werden kann. Beide sind Romanciers des 20. Jh. (Biamonti leider vor drei Jahren verstorben, Maggiani Gott sei Dank am Leben und schriftstellerisch intensiv tätig), beide gehören den äußersten Punkten dieses langen Regenbogens an, der Ligurien heißt: von San Biagio della Cima, fast an der französischen Grenze, der Heimat von Biamonti, dessen Erstlingswerk L’angelo di Avrigue mit einem Vorwort seines Landsmannes und Entdeckers, des großen Italo Calvino, erschien, bis hin zu Castelnuovo Magra in der Provinz La Spezia, dem Geburtsort von Maggiani. Auch ihr narrativer Ansatz ist völlig entgegengesetzt: Biamonti ist der Autor von vier mit nur leichten, kaum wahrnehmbaren internen Variationen aufeinander folgenden Romanen, die sich einer vorwiegend lyrischen Prosa verschreiben, Maggiani ist der leidenschaftliche, einfallsreiche Fabulierer, der Schöpfer vielfältiger Geschichten und mitreißender Erzähltexturen

Die große geographische Distanz dieser beiden Autoren innerhalb des ausgedehnten Küstenstreifens Ligurien schlägt nur eine von vielen Arten vor, wie diese literarische Landkarte zu benutzen wäre, auf den Spuren der Dichter nämlich von einem Ende Liguriens zum anderen. Ein zweiter solcher Weg führt uns von Giuseppe Conte aus Imperia auf die andere Seite zu Giovanni Giudici, der in Le Grazie nahe Portovenere am Golf von La Spezia, dem sogenannten golfo dei poeti, geboren wurde. Und der Übergang von Conte zu Giudici bedeutet in poetischer Hinsicht den Übergang von einer Lyrik, die nicht frei von Verzahnungen mit dem orphischen Zweck einer poetischen Übung ist, zu einer Lyrik, die aus dem Alltäglichen die Antriebskräfte für die Darstellung „sublimer“ Details holt. Aber man könnte auch einen anderen Weg vorschlagen: Jenen, der sich in chronologischer Richtung bewegt, von dem Autor, der aufgrund seines Geburtsjahrs der entfernteste in der Zeit ist, zum jüngsten, in diesem Fall zur jüngsten Autorin. Dieser Weg führte von Camillo Sbarbaro (geb. 1888), einem Dichter, der in seiner Sammlung Pianissimo (1914) ein prosaisches Register anwendet, um existenzielle Benommenheit und Kälte auszudrücken, hin zu Rossana Campo (geb. 1963), die mit unbekümmerter Lebendigkeit auf den Seiten ihrer Romane den Sprachton der Jugend anschlägt. Und Rossana Campo ist eine der zahlreichen weiblichen Stimmen, die in der Literatur des 20. Jh. in Ligurien von sich hören ließen. Wir rufen wenigstens zwei Schriftstellerinnen in Erinnerung, auf unterschiedliche Weise repräsentativ sowohl was den Schreibanlass als auch was die formale Umsetzung betrifft: Liana Millu mit dem Zeugnis von ihrer dramatischen Erfahrung als Deportierte in einem Konzentrationslager und Camilla Salvago Raggi, die als raffinierte Interpretin in Memoiren aristokratisches Ambiente wieder auferstehen lässt.
Etwas weiter oben ließ ich mich in Bezug auf das chronologische Kriterium zu einer Ungenauigkeit hinreißen, denn früher noch als Sbarbaro wurde Dino Campana (1885) geboren, allerdings nicht in Ligurien, sondern in Marradi, im toskanisch-emilianischen Apennin. Dennoch darf Campana aus gutem Grund dem ligurischen Territorium zugeschrieben werden, bedenkt man die zentrale Rolle, die Genua in seinem gequälten und dramatischen Dasein spielte, was nicht zuletzt in dem Genova übertitelten Gedicht zum Ausdruck kommt, das wohl als bedeutendster Text seiner Canti orfici (1914) gelten darf. Campana könnte also der erste derjenigen Dichter sein, die nicht Genuesen durch Geburt, sondern sozusagen Wahlgenuesen sind. Wie auch der aus den Marken stammende Luciano Roncalli (Arzt und Dichter ebenso wie Luigi Fenga) und wie einer der absolut Größten der italienischen Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts, Giorgio Caproni, aus Livorno gebürtig, der zwar lange Zeit in Rom lebte, aber in Gedanken so eng mit Genua verbunden war, dass er sie als die Stadt seiner Seele bezeichnete: „Genova di tutta la vita“. Aber auch Adriano Guerrini, der wohl einen Großteil seines Lebens in Genua verbrachte, stammte eigentlich aus Alfonsine, in der Provinz Ferrara (dem Ort des neoklassischen Dichters Vincenzo Monti). In Genua war Guerrini äußerst aktiv bei der Gründung und Herausgabe von Zeitschriften („Diogene“, „Resine“) und übte über Jahre seinen Beruf als Gymnasialprofessor für Philosophie und Geschichte aus. Aber Guerrini ist durchaus nicht der einzige Dichter- Professor unter den Autoren, die hier vorgestellt werden. Ebenfalls Professor, aber an der Universität Genua, war Edoardo Sanguineti, dessen Beitrag als Dichter, Gelehrter, Literaturkritiker, Essayist die engen regionalen Grenzen, seit der Zeit als er bei der Gründung der poetischen Avantgarde durch die „Gruppe 63“ eine bedeutende Rolle spielte, überschreitet. Und Professor ist auch Enrico Testa, der zur Zeit Geschichte der italienischen Sprache an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Genua lehrt. Sein dichterisches Schreiben positioniert sich zwischen dem Zaudern des Wartens und der Abweichung durch eine Unterbrechung und übersetzt die Schwere der existenziellen Mühsal in scheinbar leichte Rhythmen.
Meine Hinweise zu einigen Benutzerkriterien - gänzlich zufällig und extemporierend, so weit, dass sie bisweilen wie Ausflüchte erscheinen mögen -, mit deren Hilfe man sich auf das faszinierende Territorium, das die vorliegende Anthologie hier absteckt, begeben könnte, könnten hier enden. Und sie enden auch hier. Eine Anmerkung wäre allerdings noch zu machen: Zum Genua der zweiten Hälfte des 20. Jh. gehören auch die „cantautori“(1). Eine wie so oft voreilige Kritik, die mit dem unglücklichen Vorsatz agiert, immer alles in homogene Gruppen und kompakte Kategorien einteilen zu wollen, ist sogar so weit gegangen, von einer „Genueser Schule“ der cantautori (Tenco, Bindi, Lauzi, etc.) zu sprechen. Nichts unangemessener als das. Es gibt Sänger, die die Texte ihrer Lieder selbst schreiben und jene, die sie aufführen, sie singen: jeder mit seiner Sensibilität, in völliger Autonomie und Unabhängigkeit, ohne irgendwelche Programme oder Manifeste einer „Schule“. Die anthologische Auswahl bringt zwei davon: Fabrizio De André und Gino Paoli.
Nun schließlich fühle ich mich der notariellen Unparteilichkeit enthoben, mit der ich versuchte, mich den herausragenden Figuren in der literarischen Landschaft Liguriens zu nähern, ohne Bewertungen vorzunehmen (es sei denn solche, die durch die öffentliche Anerkennung entsprechend abgestützt sind), und ich beabsichtige doch, hier eine Meinung vorzubringen. Einmal will ich doch Partei ergreifen: Und im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Vorliebe zu Gunsten von Fabrizio De André bekunde ich hiermit meine Vorliebe für Gino Paoli, ohne allerdings die Gründe dafür näher zu erläutern. Es ist nur eine Geschmacksfrage. Und überhaupt, „sono solo canzonette...“(2)

Anmerkungen:
1 Wörtl.: „singende Autoren“, Barden, Liedermacher (Anm. d. Übersetzerin).
2 Wörtl.: „es sind doch bloß Lieder“, bekannter italienischer Schlagertitel, der als geflügeltes Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist, mit der Bedeutung von „egal“, „nicht der Rede wert“. (Anm. d. Übersetzerin).

Ins Deutsche übertragen von Michaela BÜRGERKOFTIS, Genua


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