Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2003

LICHTUNGEN - 94/XXIV. Jg./2003

Schwerpunkt:
Literatur aus Skopje

Kunstteil:
Christine Winkler

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
94 / XXIV. Jg. / 2003, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Christine Winkler, Graz Natura Vivente


EDITORIAL

ÜBER DIE GRENZEN SPRECHEN...

Seit der 75. Nummer der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN kamen in jeder Ausgabe Stimmen zu Wort, die sich in Form von Essays zum Thema Grenze äußerten. Diese 'Stimmen' waren Gäste, eingeladen von der Stadt Graz, um im Rahmen des Projektes Poetik der Grenze in dieser Stadt über dieses Thema nachzudenken und darüber zu schreiben. Es war daher eine Selbstverständlichkeit, daß dieses Projekt in das Programm von GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS aufgenommen wurde. Über die Internationalität dieses Projektes gab es keinen Zweifel, denn es folgten seit 1998 über zwanzig Persönlichkeiten aus 16 Ländern, gleichsam als writers in residence, der Einladung der Stadt, um bis zu zwei Monate in der heutigen Kulturhauptstadt arbeitend zu verweilen. Es kamen Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur, Theater, Musik, Film, Philoso phie, Soziologie, Anthropologie und Politik. Die Aufgabenstellung für die Gäste war einfach und doch zugleich schwierig: gemäß der jeweiligen Kompetenz über die Grenze der Sprache, die Grenze im Theater, die Grenze in der Musik, über die Grenzen in der Religion, der Wissenschaft und Politik nachzudenken und zu schreiben.
Die Idee zu diesem Projekt stammt vom bosnischen Schriftsteller Dzvevad Karahasan. Der damals amtierende Kulturpolitiker der Stadt Graz, Helmut Strobl, setzte diese Idee sogleich in die Tat um und bestellte Dzvevad Karahasan für über fünf Jahre als Stadt schreiber von Graz, um dieses Projekt begleiten zu können. Gerade dieser bosnische Schriftsteller verkörpert den Typus des Grenzüberschreiters als Kenner verschiedener Kulturlandschaften - als besonderer Kenner des Islams und des Christentums.
Warum solch ein Projekt Poetik der Grenze gerade in der Stadt Graz?
Ausgehend von der Tatsache, daß die Stadt Graz in ihrer wechselvollen Geschichte und heute von vielen Grenzen betroffen war und ist wie z. B. mit Religionsgrenzen in der Zeit der Osmanen, in der teils blutigen Gegenreformation, mit Sprachgrenzen wie Slowenisch und Ungarisch gegenüber Deutsch, mit Grenzen zwischen politischen Systemen wie mit dem ehemaligen Eisernen Vorhang, EU-Grenzen (Schen gen), und auch, wie Dzvevad Karahasan unermüdlich darauf hinweist, mit kulinarischen Grenzen, wie der Grenze zwischen den Bier- und Weinregionen. Primär
zwei Gründe gibt es für ihn, daß sich die Stadt mit dem Phänomen Grenze beschäftigen solle: a) Ein äußerer Grund: Das Bild dieser Stadt ist in den Augen der Anderen, der Fremden mit der Grenze untrennbar verbunden, genauso wie das Bild der Stadt in den Augen der Einheimischen. b) Ein innerer Grund: die Identität dieser Stadt wäre ohne Grenze unvorstellbar, weil diese Identität mit der Grenze zusammenhängt. Philosophisch läßt sich festhalten: Identität ist per definitionem mit der Grenze verknüpft. Grenze verleiht den Erscheinungen ihre Identität, indem sie sich durch Grenzen vollenden.
Mit dieser Ausgabe, nach 20 Nummern der LICHTUNGEN, wird das Projekt Poetik der Grenze abgeschlossen. In diesen Tagen ist ein Sammelband mit dem Titel Poetik der Grenze. Über die Grenzen sprechen - Literarische Brücken für Europa erschienen (bei der Steirischen Verlagsgesellschaft, Graz). Bei der nochmaligen Durchsicht der 30 Essays, bei der Arbeit, diese Essays in eine für das Buch interessante Zusammenstellung zu bringen, wurde wieder offenbar, was vor einiger Zeit an dieser Stelle zum Phänomen Grenze schon gesagt wurde: Das Wort Grenze bewegt die abendländische Philosophie seit der Antike - es sind die beiden Pole Endlichkeit und Unendlichkeit. Die Grenze - was ist das? Wer nach Grenze fragt, ist gezwungen, sprachliche Umschrei bungen anzuwenden, der spricht dann vom Ausge grenzten, vom Umgrenzten oder vom Abgegrenzten, aber nicht davon, woran oder worin oder wozwischen die Grenze verläuft, also nicht von der Grenze selbst. Und dazu verschärft die natürliche Begrenztheit der Sprache diese merkwürdige Unsichtbarkeit der Grenze... Die Zusammenstellung des Buches scheint geglückt. Die 'sprachlichen Umschreibungen' wie Selbstgrenzen, Weltgrenzen, Sprachgrenzen, Körper grenzen, Gesellschaftsgrenzen und Zeitgrenzen deuten nochmals die Brisanz des Themas Grenze an. Mit dieser Zusammenschau aller Essays in der nun vorliegenden Struktur wird das Buch für den Leser sicher spannend. Und es macht vielleicht auch neugierig, sich mit diesem Thema weiterführend zu beschäftigen.
Die Autorinnen und Autoren haben mit ihren Bei trägen zur Poetik der Grenze in der Tat das Ziel erreicht: Es war ein Über die Grenzen sprechen. Und sie haben Literarische Brücken für Europa gebaut. Dafür sei allen gedankt.

Markus Jaroschka

INHALT  

 
LITERATUR    
Zoran ANCvEVSKI Ein Zeitgedicht: Zwischen zwei Welten
3
Chris KEULEMANS Amsterdam 1981 (Romanauszug)
4
Walter THÜMLER Zwei Gedichte
8
Mike MARKART Calcata (Romanauszug)
14
Ales RASANAU Die Dinge (Gedichtzyklus)
21
Radoslav PETKOVIC´ Christus über Zemun (Erzählung)
26
René HAMANN Gedichte
29
Sabine KORDAN Paula (Erzählung)
31
   
 
NEU VORGESTELLT  
 
Edith DÜHL Es wäre jetzt
36
Ron WINKLER Gedichte
40
     
LITERATUR AUS SKOPJE  
22. Stadt im Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"  
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS  
Zusammenstellung: Prof. Kata K´ULAVKOVA, Skopje, und Prof. Klaus Detlef OLOF, Klagenfurt  
Verantwortlich für den Hauptteil der Übersetzungen: Prof. Klaus Detlef OLOF, Klagenfurt  
Gane TODOROVSK Transparentes Lied für einen Mann mit transparenter Haut (Monologe)
44
Ante POPOVSKI Der Meister und die Brücke / Hadrians letzter Befehl (Gedichte)
46
Vlada UROSvEVIK In Skopje am 6. Januar 1392 / Ansichtskarte von Skopje (Gedichte)
48
Petre M. ANDREEVSKI Das Erscheinen der Schlange / Die Geburt der Welt (Gedichte)
49
Bogomil G´UZEL Ende der Olympiade / In Kavafis Bejahung und andere Gedichte
51
Luan STAROVA Zeit der Ziegen (Romanauszug)
55
Ferid MUHIC Zwei Tunnel (Erzählung)
60
Mitko MADZvUNKOV Teras Nächte (Erzählung)
64
Kata K´ULAVKOVA Begehrte Mittel / Das heiße Blut (Gedichte)
69
Dragi MIHAJLOVSKI Der Pilzfreund (Erzählung)
71
Liljana DIRJAN Gedichte
75
Aleksandar PROKOPIEV Die Mädchen vom ,Gorbi' (Erzählung)
78
Zoran ANCvEVSKI Balkan / Lesen / Schicksal / Dasein (Gedichte)
80
Kim MEHMETI Das Haus am Ende des Dorfes (Erzählung)
83
Venko ANDONOVSKI Der Tod des Evtihij (Erzählung)
88
Natasva AVRAMOVSKA Die Täfelchen der Hera (Erzählung)
91
Lidija DIMKOVSKA Ein anständiges Mädchen / Poem vom Anfang (Gedichte)
97
Ana PEJCvINOVA Hände / Das zweite Leben des Kriegers (Gedichte)
99
Goce SMILEVSKI Der Tod des Hermann Broch (Erzählung)
100
     
EIN LITERATURESSAY  
Wolfgang SCHRÖDER Über gewisse anti-literarische Neigungen im Gebiet der Literatur
102
   
 
KUNST  
 
Werner FENZ Natura Vivente - Christine Winklers Minikosmos als Beitrag
 
  zum globalen Bilderatlas
109
Christine WINKLER Natura Vivente
110-122
   
 
DIE POETIK DER GRENZE (23./24. Teil/Abschluss)
 
Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit GRAZ 2003 - KULTURHAUTPSTADT EUROPAS
 
Peter von BECKER Prosperos Buch
123
Tymofij HAVRYLIV Eine mitteleuropäische Liebe
126
   
 
ZEITKRITIK  
 
Manfred PRISCHING Bilder der Wissensgesellschaft
130
Martin A. HAINZ Vom Heimkommen
146
   
 
ZU DEN AUTOREN  
149

 


22. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

22. STADT: LITERATUR AUS SKOPJE

Zusammenstellung: Prof. Kata K´ULAVKOVA, Skopje, und Prof. Klaus Detlef OLOF, Klagenfurt,
unter Mitarbeit von Dr. Markus JAROSCHKA.
Hauptteil der Übersetzungen: Prof. Klaus Detlef OLOF unter Mitarbeit von Joachim RÖHM,
Roberto MANTOVANI, Norbert RANDOW, Petar RAU, Sabine FAHL und Michael PFISTER.
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.
Diese Ausgabe wird durch KULTUR KONTAKT AUSTRIA besonders gefördert.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001
16. Stadt: LITERATUR AUS BORDEAUX, LICHTUNGEN 88/2001
17. Stadt: LITERATUR AUS BERLIN, LICHTUNGEN 89/2002
18. Stadt: LITERATUR AUS GLASGOW, LICHTUNGEN 90/2002
19. Stadt: LITERATUR AUS PLOVDIV, LICHTUNGEN 91/2002
20. Stadt: LITERATUR AUS BEOGRAD/BELGRAD, LICHTUNGEN 92/2002
21. Stadt: LITERATUR AUS AMSTERDAM, LICHTUNGEN 93/2003

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen

Die Redaktion

Zoran ANCvEVSKI

ZWISCHEN ZWEI WELTEN

Zwischen zwei Welten umherirrend
die eine tot -
die andere noch zu schwach um Gestalt anzunehmen
haben wir weder Stirn
noch Nacken

so wenig Gehirn blieb uns
'per capita'
so wenig Vernunft
umgeben von aschgrauen Mauern
und Dürrejahren

Ohne Stirn
doch als Führer von Eunuchen und kleinen Seelen
sagt jemand: "Der Acheron liegt vor uns" -
tief wie das Leben
Wir übernachten im Lager irgendwelcher vor uns dagewesener Elenden
voller Schafkötel und Quecksilberabfall
und jeder in der Gruppensünde sich gehenlassend
warten wir auf den Bootsmann
dass er uns ohne Geld übersetzt
an das neblige Ufer
an das ersehnte Ziel
zum Heiland
der ein endlicher Abgrund ist
An das Ende
das uns der Heiland ist
nicht ist
?
!
.


Aus dem Mazedonischen von Norbert RANDOW
(Weitere Gedichte des Autors Seite 80 - 82)

 


"DIE POETIK DER GRENZE" (23./24. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik. Zum Abschluss des Projektes werden die Essays in einem Buch publiziert.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Peter von BECKER
PROSPEROS BUCH

Eine Skizze - auf der Grenze
Eine der Äolischen Inseln.
Heute beginnt die zwölfte Woche, es ist der 28. September. Noch besitze ich meine Uhr, einen Fern seher, das Radio. Und habe geträumt, das Radio mit der Telefonleitung zu koppeln, daraus einen Sender zu erfinden, ich, der noch nie einen Computer angelangt hat, dessen Hirn und Hände keiner geisterhaften Technik gewachsen sind. Das Telefon ist natürlich tot. Seit 99 Tagen.
Als ich erwachte, war es zu spät gewesen. Ich hatte über den Mittag hinausgeschlafen, in der Sommer hitze, wunderte mich: der Kopf, verquerer als nach den grausamsten Weinräuschen. Es dauerte, bis ich begriff.
Das Zimmer hat eine Gegensprechanlage. So wird mir das Essen angekündigt. Eine Tür führt auf die Dach terrasse, dort endet der Lift, den schon F., der römische Filmregisseur und Vorbesitzer des Hauses, an den Turm gebaut hatte, auf der dem Meer abgewandten Seite. Fischern, die in der Abendröte ausfahren, leuchtet der Turm als bunter Spiegel, er trägt in seinem Verputz tausendfach Splitter aus farbigem Glas, rot, blau, türkis und golden. Wie oft habe ich von hier den Booten gewunken, habe am Fenster eine Lampe geschwenkt, mit dem Lichtschalter gespielt, an und aus, kurzkurzlang, langlangkurz, in allen mir vorstellbaren Varianten eines Notrufalphabets. Fuchtelnd, winkend schaute ich gegen die untergehende Sonne und blinkend bis tief in die Nacht sah ich nur die reglosen Schiffsleuchten, kaum mehr zu unterscheiden von den Gestirnen am Horizont. Keines der Boote hatte sich je auf Rufweite genähert, so hat das Rauschen der See all meine lächerlichen Schreie verschluckt.
Manchmal phantasiere ich mir ein Ende dieses Rauschens, dann bin ich dem ers ten Wahnsinn nah; doch zumeist beruhigt mich der große Einton, ich schlafe schon ohne meine Wachspfröpfchen in den Ohren, Wind und Meer sind meine Helfer gegen das Halspulsen, Kopfsausen, diese unsichtbare Jagd. Nichts macht mehr Angst als das eigene Herz.
Ein schönes Studio. Mit Bad. Die weißgekalkten Wände zwei Zimmer hoch und Deckenbalken aus Olivenholz, noch jede Hitze frisst sich hier auf halbem Wege satt in den Mauern. Einstmals ein Wehrbau, quadratisch aufgetürmt als Zuflucht vor Piraten und zu hoch, um aus einem der Fenster, um von der Terrasse in den Weingarten oder aufs Dach des angrenzenden Hauses zu springen. Die Tür zur Wendeltreppe im Turm ist mit Eisen verschlossen. Wenn eine bauernschwarz gekleidete Frau die Räume putzt, meine Bettwäsche wechselt, werde ich von zwei, manchmal drei Wächtern unter einen Sonnen schirm auf die Terrasse geführt. Seit ich einen von ihnen, die mir mit dem Lift das Essen bringen, am Arm verletzt habe, bekomme ich nur noch Löffel für die Pasta und das Gemüse; Schalentiere serviert man mir bereits geknackt und zerlegt, das Fleisch immer vorgeschnitten; Salat esse ich mit den Händen.
Bis heute grüble ich über den Lift. Er lässt sich nur von unten steuern, von meiner Bodenstation, und ich stelle mir vor, dass dort nicht Tag und Nacht am Fuße des Turms jemand wacht. Vermutlich existiert jedoch eine elektrische Sicherung, gibt es einen Alarmknopf. Außer mit dem Messer - dilettantisch, in jäher Ver zweiflung - habe ich es schon mit Bestechung versucht. Leider spreche ich zu schlecht Italienisch, und diese Diener und Wächter wissen nicht, wer ich bin. Obwohl mein Buch auch in Italien ein furioser Erfolg war. Nur nicht unter äolischen Bauern. Als ich einmal "100 000 Euro per voi!" auf einen Zettel schrieb, hat der Größte von ihnen, ein kurzgeschorener Basket baller typ, dessen tintendunkle Augenringe mir jedesmal wie eine Tätowierung erscheinen, das Stück Papier einfach durchgerissen. Ohne Hohn, mit einem Lächeln. Und den nächsten Tag gab es kein Essen. Ich hatte es des Klimas wegen, und weil man mich um fast alle körperliche Bewegung gebracht hat, nicht vermisst.
Überhaupt fürchte ich, fett zu werden, zu fett und nach giebig. Oder ich schmecke mein Essen nach Giften ab, glaube, Drogen zu riechen. Verrückt. Der Verleger, ein Mann, der so weit vorausschaut, braucht mich noch immer lebend. Mein Gefängnis: komfortabel und ausbruchsicher. Ein Ort vielleicht für gestürzte Diktatoren oder verurteilte Mafiabosse (nicht der ersten Kategorie). Jedes Abendrot ist ein Himmel bluten, dann lehne ich an den Zinnen und starre hinaus in das atmende Rund, das sich doch, für mich unerreichbar, nur hinter den Augen wölbt. Der Gefan gene träumt sich Flügel und beim Erwachen verflucht er nicht mehr die Mauern; es ist der eigene Körper, in dem er festhängt, sein Kopf, der ihn umzingelt, unfähig, diesen Spuk mit einem Wimpernschlag oder rettenden Gedanken fortzuwischen. So beginnt man, sich selber als den Grund zu sehen, tauft das Ver hängnis auf den eigenen Namen, Schuld hat ein wie vom Zufall hergekehrtes Häufchen Ich. Das keinen anderen dort draußen schert.
Blicke von meiner Insel auf der Insel; in der Tiefe wächst der Malvasier, blühen mir unbekannte Sträu cher. Mit Zitronen und Feigen übe ich immer wieder, bis über die Klippen zu werfen. Doch würde eine Flaschenpost jemals unzerschellt aus dem Strudeln und gischtigen Schwappen um die Felskämme und vorgelagerten Riffs hinaus aufs freie Meer gelangen? Frei und verloren - zwischen Europa und Afrika? Wäre ich in einer Wüste oder im Dschungel, längst hätte ich alle Hoffnung aufgegeben. Aber ich glaube ans Wasser, ich liebe das Meer, seit ich der Kindheit in den Alpen entkam. Mein Verleger weiß das, darum hatte er mich nach Panarea verlockt. Kommen Sie für drei, vier Wochen in mein Haus, im Juni, spannen Sie dort aus! Die große Hängematte. Ich musste von nichts ausspannen; dennoch war ich der Einladung gefolgt. Später wollte ich nach Sizilien weiterreisen, in diesen mir bis heute fast unbekannten Erdteil. Ich ging baden, fischen, nahm das Schiff zu den benachbarten Inseln, wanderte durch die vulkanischen Hügel. Schrieb keine Zeile. Bis der letzte Anruf kam, mein Gastgeber in Deutschland; ich erzählte ihm von den Tagen der Freude, und er sagte, bitte machen Sie auch mir eine Freude. Ich möchte wieder ein Buch von Ihnen. Ihr Lebenswerk. Mein Lebenswerk?, ich lachte, er lachte zurück. Sie sind jetzt am richtigen Ort. Seitdem werden mir Anrufe des Verlegers über die Sprechanlage vermittelt. Bisweilen unheimlich. Ich denke, er ruft nicht aus Deutschland an, er sitzt hier irgendwo unten, am Fuß des Turms. Oder schon im Turm, ein, zwei Stockwerke unter mir.
Zur Fingerübung Gedichte, ein paar Zeitungs ge schichten, zwei Entwürfe für ein Drehbuch, viel mehr habe ich nicht geschrieben in meinem Leben. Bis auf den einen Roman, vor sieben Jahren, der kein Aas zu interessieren schien, in den Kritiken grauer Missmut und Hohn, bis der Schriftsteller B., mit seinen aphoristischen Traktaten eine der Galionsfiguren meines Ver lages, das Buch einem Kollegen in Paris empfahl - und die französische Übersetzung wurde dreihundert- tausendmal verkauft; es folgten die englischen, spa ni schen, italienischen Ausgaben, auch in Deutsch land hatte das Geschäft so verspätet zu blühen begonnen, mit mir, der inländischen Auslands legende.
Ein junger Mann geht zu einer Wahrsagerin, es ist nur ein Spaß, eine Wette mit Freunden, die Frau sagt, er werde binnen dreier Jahre töten, was er am meisten liebe. Und der junge Mann verliebt sich wie noch nie. Was er auch angreift, es gelingt ihm, aus dem Spaßvogel wird ein Glückskind, ein Beseelter, und im dritten Jahr … Sie kennen die Geschichte. Wenn nicht, sie heißt "Der glückliche Hiob", bald wird es noch eine Verfilmung geben, Hiob's Happiness …
Mehr Geld, als ich mit diesem Buch verdient habe, ja immer weiter verdiene, mehr brauche ich nicht für mein Leben. Ich bin allein, eine Halbschwester in Kanada, ich nehme nicht teil an irgendwelchen Umtrieben, keine Fotos, keine Journalisten, ich habe meine Schlüssel für Zimmer, für kleine Wohnungen in London, in Lissabon und Triest, meine Geschäfte und Konten verwaltet ein Freund; er ist Anwalt in München und ist es gewohnt, dass ich mich über Monate hin oder auch länger nicht melde. Ich bin ein Taucher.
Man versucht, mich bei Laune zu halten. Ab und an ein Packen deutscher Zeitungen (nichts darin über einen vermissten Schriftsteller), VHS-Cassetten mit deutschen Nachrichten, internationalen Filmen, mit Sport. Einmal, ich hatte es erst nicht verstanden, kam auch eine Frau. Ohne ein Wort zeigte sie mir ihre Brüs te, begann sich auszuziehen. Sie war taubstumm, und mich erschreckte dieser sprachlose, heftige Atem.
Gestern hat der Verleger wieder angerufen. Seine Stimme in der Wand fragte nach Fortschritten. Ob ich noch Bücher oder andere Materialien brauche.
Ich kann nicht schreiben. - O doch. - Sie sind übergeschnappt. Das alles ist nur ein Spiel, ein Trick, ein Abenteuerurlaub! Er antwortete, es ist ein Spiel für Sie. Lieber, Sie werden schreiben, ich weiß es. Sie sind mein Gast, es wird unser … ungewöhnlichstes Buch. Oder nicht? Sein Lachen in der Wand: Ich kenne meine Autoren.
Soll ich dagegen immerfort beteuern, mir falle nichts ein? Oder meine letzten unverzichtbaren Notizen lägen in London oder in - er ließe sie, wenn es sie gäbe, besorgen. Ob eine Erzählung ihm reiche, oder Gedichte? - Eine Erzählung, ein Roman. Lieber, ich gebe Ihnen die Zeit für ein fertiges Buch. Das Buch, Sie verstehen?
Nichts. Ich verstand nichts. Und verstehe es doch. Jede Weigerung verlängert hier meine Haft. Sich frei schreiben! Allein, falls mir ein neuer Text gelänge, in ein paar Monaten eine Prosa: Würde ich dann entlassen? Oder umgebracht? Zwar erschienen die Umstände spektakulär, Verleger entführt Bestseller autor, der Roman eines Geiselschreibers - ich könnte den Fall gleich zum Thema der Geschichte machen; das wäre verkaufsfördernd. Vielleicht ist eben dies die Absicht des Verlegers. Und er wird selbst eine Figur der Dichtung, der Autor setzt ihm sein Denkmal. Ein Literaturkrimi. Aber er könnte ihn auch ins Gefängnis bringen. Oder mich, er ist ein einflussreicher Mann, ins Irrenhaus.

Glühend war dieser Tag, eine Nachgeburt des verwünschten Sommers. Erträglich nur hinter den dickleibigen Mauern. Ich habe jetzt nachgedacht. Er will mein Lebenswerk. Wie aber rettet das Werk mein Leben? Vor einigen Jahren bereits soll W., ein hoffnungenerweckender Autor desselben Verlags, auf sonderbare Weise in Indonesien, Sumatra, vielleicht auch Borneo verschollen sein. Ein anderer, hochgerühmter Dichter, U., gilt seit einem halben Lebensalter als "verstummt". Wer aber hat U., von dem immer wieder einmal das Gerücht geht, er arbeite gerade in völliger Abgeschiedenheit an einer ungeheuerlichen, alle Zeiten des Menschengeschlechts verdichtenden Novelle, wer hat U. denn in den letzten zwanzig Jahren je zu Gesicht bekommen?
Zwischen Europa und Afrika, Kalabrien und Sizilien, jeder Fischer, jeder Bauer kann mein freundlicher Mörder sein. So lange ich schreibe, lebe ich - die Erkenntnis des Philosophen gilt wider Willen nun auch für mich. Allein das Schreiben gewährt mir noch einen Rest Sicherheit… Ich will nicht mein Ende, also muss ich eine Geschichte ohne Ende schreiben. Nur diese Zweifel: Ein geschickter Lektor vermag in jedem Manuskript auch einen Schluss zu finden, oder es ließe das Werk sich als "Fragment" ausgeben. Überhaupt gab's all die unendlichen Geschichten schon früher, ach … nein, auf den ganzen Escher-Treppen droht man doch irgendwann gegen eine Wand zu rennen. Besser, eine Geschichte ohne Anfang zu schreiben. Vom offenen Ende her nach vorne zu erzählen, ein Puzzle, alle Figuren sind selbst Fragmente, eine Schulter der Heldin sucht ihre Hand, lauter in sich und mit sich Zerfallene unterwegs zu ihrem Ursprung, vorwärts in die Vergangenheit, das ließe sich als Erinnerung an die Zukunft umdeuten oder als Relativitätspoesie, eine Geschichte der Unzeit … Ich darf das Ende, nein, den nie zu erhaschenden Beginn nicht wissen, muss jeden geglückten, dann doch finalen Moment vergessen.
Vergessenmüssen. Das dreht dem Schriftsteller den Kopf auf den Rücken. In meinem Rücken sehe ich den Verleger. Lächelnder Fallensteller. Er will das unerhörte, das unmögliche Buch möglich machen - mit diesem Gedanken fühle auch ich mich … durchschaut. Aber er gibt mir die Kraft, jetzt weiterzuschreiben. Ja, ich spüre schon eine vor Jahren einmal gekannte Lust. Augenblicklich, auf der Terrasse des Turms, war mir dazu ein Titel eingefallen, ein Anfang, mit dem ich ende, als überwältigter Gast. Und zwischen den Zeilen der Wind.
In den letzten Zeitungen las ich von einem gerade in Norditalien verstorbenen Milliardär, der zeitlebens, obwohl er Autos baute, ein Mann des Wassers war, ein Segler, der sagte, ich liebe den Wind, weil man ihn nicht kaufen kann. Andere hassen den Wind, weil sie ihn nicht kaufen, nicht einsperren können. Auch hier oben weht nur der Wind über meine Grenzen hinaus.
Überall - fliegende Blätter.


Soeben erschienen in: "Poetik der Grenze. Über die Grenzen sprechen - Literarische Brücken für Europa". Herausgeber: Dzvevad KARAHA SAN/
Markus JAROSCHKA. Steirische Verlagsgesell schaft, Graz, Juni 2003.

 

Tymofij HAVRYLIV
EINE MITTELEUROPÄISCHE LIEBE

1

In einer Liebesgeschichte den ersten Satz zu sagen ist ungleich leichter, als den Schlusspunkt zu setzen. Jener wird immer gleich klingen, während dieser - bei aller tödlichen Anspruchslosigkeit der Form - ein ganzes Universum von Konnotationen enthält. Ein Außenstehender, den das Gravitationsfeld der Liebe nicht erfasst hat, wird Verliebte mit demselben Blick ansehen, wie ich irgendeinen drogensüchtigen Bekannten oder jenen freundlichen, nicht mehr jungen Wiener Alkoholiker mit der Adresse Südbahnhof, der sieht, wie jämmerlich ich mich mit meinen beiden Koffern abschleppe, und mir, ohne zu zögern, zu Hilfe stürzt. Wenn auch "zu Hilfe stürzt" etwas grob ausgedrückt ist. Er gleitet durch die Luft, jenen Zustand berührend, wo in die Banalität eines gewöhnlichen Augenblicks Engelhaftes einbricht, ein Chor körperloser Knaben ihm sein himmlisches Tedeum singt, in dem die lateinischen Worte spiritus und sanctus in immer gleicher Verbindung alliterieren. Er lächelt mir zu, während ich den Refrain höre, Ausfluss einer göttlichen Klangdestillation. Gerührt von seinen fließenden Bewegungen, die den Regeln einer anderen, höheren Koordination gehorchen, ihn um seine Fähigkeit beneidend, sich über das Gesetz, zumindest das Gravitationsgesetz, hinwegzusetzen, entgeht mir, wie mein nach schlafloser Nacht im Zug ermattetes Hirn von einem elektrischen Reiz durchzuckt wird, der, würde man ihn beim Austritt aus dem Gehirn aus der Sprache der Elektrizität in die Sprache der Buchstaben übersetzen, etwa bedeutete: Warum ich? Warum stürzt er gerade mir zu Hilfe, und nicht etwa dieser ihrem Alter ausgelieferten Frau mit den zitternden Händen und dem hin- und herwackelnden Kopf? War es mein Blick? Als ich ihm dankbar ein paar Euro zustecken will, ist er beleidigt, und sofort erfasse ich die Unangemessenheit der Situation, ihre ganze dumme Absurdität, und korrigiere mich auf der Stelle - ich korrigiere mich immer auf der Stelle - und wir gehen auf ein Bier, leeren jeder eine Flasche Ottakringer; und da, wie aus dem Nichts, rammt er mir, er, dessen Reden die ganze Zeit vom melodiösen Auf und Ab eines auf das Wesentliche reduzierten Wiener Dialekts geprägt waren, zum Abschied erbarmungslos das Messer in den Rücken: "Paká bratók"1. - "Auch du, Brutus", kommt ein letztes Röcheln über meine Lippen, seinem bis zur Unkenntlichkeit entstellten Russisch entgegen, plötzlich aber lächle ich unwillkürlich, um ihn nicht zu enttäuschen, wo er doch all seine sprachlichen Fähigkeiten ausbreitet, um mir eine Freude zu machen, sich an die Volksschule erinnert, die er hasste und aus der er schließlich mitten im Unterricht, vor den Augen der erschrockenen Lehrerin und der erstarrten Klasse, durch einen Sprung aus dem Fenster auf das Blumenbeet floh. Er floh in die "weite Welt", in den "Strudel des Lebens", in das Becken der Stereotypen und Stereotöne, in den Krieg aller gegen alle, in den Krieg für my home is my castle2, für das tägliche Brot, für Lebensraum, für den Gang durch Feuer und Wasser, für Kornkammer und Luftwaffe und Luftschlösser, dawáj, dawáj, paschóll, und natürlich auch für die Mädchen. Wie auch immer, er hatte sich durch das Fenster katapultiert, um am Abgrund zu landen, um auf einer Bank unter der Brücke über den Kanal zu schlafen, um sich als Sandler auf Bahnhöfen durchzuschlagen, um niemandes Schuldner und niemandes Gläubiger zu sein, und so dem Spinnennetz zu entkommen, noch bevor man sich darin mit Haut und Haar verstricken konnte.
Ich sehe seine Schule, den wohlbehüteten Schulhof, das geometrisch exakte Blumenbeet mit der geometrisch exakten Farbverteilung der geometrisch exakten Blumen, deren geometrisch exakte Blütenblätter und deren Stengel in Einheitslänge - wie er hineinspringt, in dieses rettende Sprungtuch, den weichen Kreis ohne Trampolin-Effekt, der den Anordnungen des Direktors gemäß angelegt worden war. Nach der Flucht wird der Direktor das Beet asphaltieren lassen, das Öffnen der Fenster während des Unterrichts verbieten und die Lehrer verpflichten, die Türen der Klassen während der Pausen zu versperren. Ich sehe seine Schule, die in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone liegt, einen Häuserblock von der Villa des NKWD (vielleicht auch des SMERSCH?3) entfernt, der die Jagd auf "ukrainische bürgerliche Nationalisten" und "Kollaboranten" organisierte (diese modernste Form der Jagd mit Jahrhunderte alten Traditionen, dieses Karma von Raub und Verschleppung, dieses Zerfleischen der Beute unter Kannibalen und Hippokephalen, diese unerklärte und unerbetene Liebe), des NKWD, der sich dann, um das Jahr fünfundfünfzig, zurückzog, und dabei seine Geheimdienst-Residentur zurückließ (auch in der so spezifischen und zu Unrecht vernachlässigten Form der Residentur der Sprache), welche mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder in Schwung kam und über Europa, über all diese fragilen Städte und Stunden, eine Armee neuer Agenten-Residenten mit der gefälligen sizilianischen Bezeichnung "russische Mafia" ausspie. Er war damals höchstens elf, und den neuen Gegenstand Russisch zu unterrichten kam die junge Frau eines Hauptmanns, der im Gebäude einen Block weiter arbeitete. Nein, nicht während der Russisch stunde war er geflohen, es konnte eine Arithmetik- oder Schönschreibstunde gewesen sein. Wahrschein lich war es eine Arithmetik- oder Schön schreibstunde. Die junge Lehrerin der neuen Fremd sprache rief in ihm, so lässt sich wohl sagen, Sym pathie gefühle hervor, und das Ganze wäre womöglich zu einer Liebesgeschichte ausgeartet, die ihn als "Volksfeind" (welchen Volkes - des österreichischen?) oder "ukrainischen bürgerlichen Nationa listen" (kein Problem) nicht auf den Südbahnhof, sondern nach Magadan hätte bringen können, wäre er als Elfjähriger nicht durch das sperrangelweit offene Fenster gesprungen.
Gerne akzeptiere ich aber auch die These, dass es vielleicht gar keinen Satz gegeben hat, dass es ganz anders, einfacher begann, und der Satz erst später auftauchte, infolge der explosionsgefährlichen Diffusion von Astronomie und Brauwesen, was einen halluzinogenen Adrinalinausstoß auslöste. Vielleicht hat es dieses mein déjà vu nur darauf angelegt, mich wieder einmal in eine Sackgasse zu treiben?

2

In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Geist Mitteleuropas herausgefordert. Erinnern Sie sich an Hamlet? Ich schlage meinen Shakespeare auf als phantastische Kollektion der grundlegenden europäischen Leidenschaften. Hier lässt sich lernen, was Jung mit seinen Archetypen meinte. Immerhin wurde diese Herausforderung kein Massenspektakel. Es mag daran liegen, dass Mittel europa alles, nur kein Massenphänomen, ist. Es ist ein Phänomen der Antimasse, das auf seinen Anti-Canetti wartet. Eingezwängt zwischen dem "noch mittleren" Europa, das man seit dem Kalten Krieg üblicherweise zu Westeuropa zählt, und "Asien" (Mitteleuropa wird fälschlicherweise Osteuropa genannt), fiel es als Verkörperung des Partikularen im Laufe der letzten hundert Jahre zweimal der Masse zum Opfer: einmal vom Westen her, einmal vom Osten.
Vereinzelt irren Intellektuelle durch seine Gassen, zeternd oder poetisierend, auf der Suche nach Reizen, die ihre einzuschlummern drohende Nostalgie wach rütteln sollen, Städte und Städtl sammelnd, Grenz übergänge und Eisenbahnstationen, häufiger Städtl und seltener Städte, da Mitteleuropa im Großen und Ganzen doch eine Konfiguration von Kleinstädten ist. Es gelang nicht, Mitteleuropa "groß herauszubringen", es reichte gerade für das eine oder andere Pro jekt, zwei, drei Konferenzen, ein, zwei Gipfeltreffen, und basta. Etwas für Feinschmecker. Man zieht es ein wie Marihuana. Es ist das, was nicht existiert, worüber man jedoch spricht, als existierte es. Es ist der Boden, auf dem ein Bruno Schulz und ein Witold Gombrowicz gediehen, es brachte seinen eigenen Don Quichotte hervor, den braven Soldaten Schwejk, auch wenn dieser eher an Sancho Pansa erinnert. Wenn es den Aposteln Mitteleuropas dann aufgeht, dass nichts zu holen ist, wenden sie sich allmählich ab, steigen nach und nach in Züge anderer Destination um, und nur Idealisten glauben weiter an seine Existenz, seinem wankenden Phantom nach- und entgegenreisend. Es sind dies die bescheidene Genossenschaft der Väter der mitteleuropäischen Verständigung und ihrer jungen Freunde.
Mitteleuropa erinnert an einen Reigen, der Elemente der Polka und des Csárdás, der Cioca rlia und der Husitschka, des Koletschko und der Kolomyjka aufnimmt, und im Wesentlichen darin besteht, dass die Tänzer von verschiedenen Eckpunkten des abgegrenzten Raumes aus aufeinander zutanzen, in die goldene Mitte, auf einen einzigen Punkt hin, in medias res, ihre Richtung jedoch, sobald sie sich zu treffen und zu kreuzen drohen, abrupt ändern, um in die entgegengesetzte Richtung zu tanzen, zurück in die Ausgangspositionen.
Das zwanzigste Jahrhundert kannte mehrere Ver sionen der mitteleuropäischen Liebe: die monarchistische, kaiser-königliche, die erlosch, noch bevor sie richtig entflammen konnte, und totalitäre, darunter die kommunistische, die lange hielt. Ihr zuliebe rollten die Panzerraupen über die Pflastersteine des gotischen Prag. Mit der Absicht - wie man sagt - ihr zu entgehen, verhängte Jaruzelski das Kriegsrecht. Mir scheint, Mitteleuropa scheut vor allem Mitteleuro päischen in sich zurück, möchte das alles so rasch wie möglich loswerden, weil es darin die mit dem Metall der Theorien aufgenagelten Sohlen Halbeuropas zu erkennen meint. Mitteleuropa strebt danach, einfach Europa zu werden. Inzest- und Inzuchtübungen interessieren es nicht mehr. Leise, aber unbeirrbar hat es sich auf die Reise nach Westen gemacht, wozu es Rohatyn und Chust, Brody und Drohobycz, Cvernivcy und sogar Cernaut,i4 verleugnet. Ballast, der nicht nur überflüssig und gefährlich, sondern auch, würde ich sogar sagen, kompromittierend ist.

3

Fort mit den Theorien, diesen Früchten von Phobien und Einbildung, die Europa in einem nicht-geografischen Sinn am rechten Donauufer und am linken Oder ufer, bisweilen auch, in den waghalsigsten (zumeist mitteleuropäischen) Phantasien, an der Grenze zur Krajina U.5 enden lassen, mit deren Überschreitung ja meine mitteleuropäische love story eigentlich beginnt.
Wieder einmal reißt Radau mich aus dem Schlaf, in den zu versinken ich mich gerade wieder einmal beinahe mit Erfolg anschicke, ein heftiges Zerren an der Abteiltür, nachlässiges Blättern in meinem Reisepass, und - ja, ja! - die Frage, die Hohe Frage, die Frage aller Fragen, das Hohelied: "Kudá jédjesch"6. Die von der miserablen Aussprache (Warum hat man es ihm nicht besser beigebracht? Warum konnte man es ihm nicht besser beibringen? Wie schade, dass man es ihm nicht besser beibringen konnte!) unflätig klingende Direktheit der russischen Frage eröffnet Abgründe negativer semantischer Nuancen. Eine schlecht verhüllte Drohung schwingt mit: "Hier ist Europa! Hier hast du nichts verloren! Am besten machst du gleich kehrt. Woher nimmst du überhaupt die Unver schämtheit, hier aufzukreuzen?" Dahinter steckt eine weitere Drohung, tiefer noch und brutaler: "Europa, das bin ich", was in meinem genetischen und sonstigen Gedächtnis eine Kettenreaktion auslöst. Ich sehe vor mir den Proletarier, den roten Unter suchungs richter in der Lederjacke, dessen Stimme sich überschlägt, als er im Jahre 1941 den greisen und halb bewusstlosen Agatangel Krymskij, den berühmten ukrainischen Orientalisten und Kenner Dutzender Sprachen, anbrüllt: "Das Proletariat, Hegemon des Volkes, das bin ich!" Gewiss, auch du bist ein Hegemon. Als Arschloch, das du auch bist, siehst du natürlich genau mein Schengen-Visum, aber du hast es zum Hegemon ja erst kürzlich gebracht, etwas rascher als ich mit meinem zusammengekleisterten Land U., wo der Kleister noch nicht einmal ordentlich trocken ist. Dir ist das schneller gelungen, eine Frage der Geografie, deren Launen alles entscheiden.
Wo auch immer ich eine Grenze passiere - der Gerechtigkeit halber sei erwähnt, dass Polen da eher eine Ausnahme bildet - ertönt unweigerlich die Frage in der unweigerlich schlechten Aussprache, auf dich blicken die Gesichter der heutigen Schwejks. Wie sehr sich doch die Zeiten seit Hašek, und mit ihnen die
Schwejks, verändert haben! Wann wird eine Gene ration heranwachsen, die diese beiden bis zur Obszönität verunstalteten Worte nicht einmal in schlechter Aussprache mehr über die Lippen bringt, deren Stimmmuskeln eine Elastizität anderer Art, ja überhaupt erst einmal Elastizität, erwerben werden? Ich fürchte, sie wird nie heranwachsen. Mehr noch, über kurz oder lang, wenn die EU-Ostgrenze mit der Westgrenze des Landes U. zusammenfallen wird, wird mich dort das groteske Geschrei eines Zwanzig jährigen aus dem Anjou oder der Pfalz, oder auch eines südländisch gut aussehenden Milchbarts aus Malaga aus dem sanften Schlummer reißen: "Kuda jedjesch?" - und das wird dann das endgültige Aus sein, Höhepunkt und Ende. Ein Revolver kann streiken, ein Schuss nicht losgehen, aber die Resi dentur der Sprache wird sich keinen Fehler leisten.

4

Ich nehme gerne den Eurocity-Anschluss. Etwas aufgeregt steige ich aus dem Waggon, der mich von daheim hierher gebracht hat, einen Koffer nehme ich in die Hand, der andere hat Räder, und so ziehe ich ihn hinter mir über den Bahnsteig, schneller und schneller, ich ertappe mich, wie ich ihn schneller ziehe, zuvor schon habe ich zurückgesehen, auf den Zug, mit dem ich angekommen war, als ob von dort irgendeine unbegreifliche und unsichtbare Gefahr auf mich lauerte. Ich gehe überflüssigerweise absichtlich zickzack durch die Bahnhofshalle, verschwinde in der U-Bahn, mische mich unter die Fahrgäste, es ist noch früh, viele sind unterwegs, konzentriert, die Krawatten gelockert, es ist ja Juli, sogar in der Früh und sogar in der U-Bahn ist die Luft stickig, trotz des Luftzugs, einzelne Teenager, Hofratswitwen auf dem Weg in die Konditorei, Aktenkoffer von Managern, ich kämpfe mich in die Tiefe des Wagens durch, was mit zwei Koffern gar nicht einfach ist, keine Ahnung, warum ich das tue, ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass ich es tue, weil ich viele Stationen zu fahren habe, ruhig werde ich erst in dem Moment, in dem der Eurocity die Bremsen lockert, Geschwindigkeit zulegt, und das Bahnhofsgebäude im Stil des sozialistischen Realismus aus meinem Blickfeld verschwindet.
Ich gleite dahin, das metallene Amphibium saust durch die Maisfelder, wo es Hasen und Wachteln aufscheucht, mit mir im Abteil drei Fahrgäste, ein stattlicher Herr, eine Dame mittleren Alters mit Sonnen brillen, die sie kein einziges Mal abnimmt, ein junger Mann, der mit den Beatles aufgewachsen ist, jetzt aber einen adretten Haarschnitt und ein aufgekrempeltes Hemd von Cardin, oder wenn nicht von Cardin, so zumindest vom Kleiderbauer, trägt: Immobilien - Baufinanzierung - Versicherungen - Investment. Ich lese "Ferdydurke", und als ich Pause mache und das Buch zur Seite lege, schielt die Dame durch die Sonnenbrille auf den Umschlag, wo sie einen menschlichen Penis auszumachen versucht, ein Fragment aus Salvador Dalis "Thunfischfang", jenes unübertroffenen Meisters steif abstehender wie schlaff hängender Penisse. Sie bemerkt jedoch nicht nur den Penis, sie bemerkt auch die kyrillischen Buchstaben und verrät sich, indem sie unwillkürlich zurückzuckt. Der Deutsche dagegen lächelt freundlich. "Ich konnte ein bisschen Russisch. A bisserl", macht er sich lachend über die österreichische Aussprache lustig, "ich habe es in der Schule gelernt. Jetzt schaffe ich es nicht mehr. Vielleicht lesen tu ich noch, verstehen aber bestimmt nicht." Ich stülpe mir die kugelsichere Maske lächelnder Höflichkeit über: "Das hier ist die Übersetzung ins Ukrainische. Ein polnischer Kafka", setze ich ungefragt hinzu. Er beeilt sich, den Namen des polnischen Kafka zu notieren, sei es unter dem Druck der in der Kindheit eingeimpften political correctness, sei es, weil er vielleicht wirklich gerne liest und Kafka mag. Natürlich fragt er, woher ich komme, und als ich sage, aus Lviv, laufen für einen Augenblick feine Konzentrationsfalten über sein Gesicht: Wo ist das? Ich wiederhole Lemberg, er kommt in Fahrt und erzählt mir etwas vom Kaiser und von den Kronländern, und natürlich von der Kornkammer. Ich höre aufmerksam zu, ich habe es seinerzeit gelernt, aufmerksam zuzuhören, und mein Gesicht bewahrt sogar dann, wenn ich in meinen Träumen schon weit weg bin, den Ausdruck des aufmerksamen Zuhörers.
Unser geopolitischer Flirt nimmt ein abruptes Ende, als aus heiterem Himmel das Wort "Ural" fällt, und unsere Reisegefährtin, die, wie sich zeigt, Deutsch versteht und zweifellos das ganze Gespräch mitangehört hat, plötzlich mit leichtem Akzent und einer Geste, die die Zustimmung des stattlichen Herrn erheischt, in meine Richtung einwirft: "Das ist, wo Sie herkommen". Der schweigsame stattliche Herr lacht lautlos in seinen grauen, sorgfältig gestutzten Oberlippenbart, und da bahnt sich zwischen ihm und der Dame ein vertrautes Gespräch an. Bis zum Westbahnhof sind es noch eineinhalb Stunden. Mein Anschluss, der Intercity, verlässt den Südbahnhof in genau zwei Stunden.

Aus dem Ukrainischen von Harald FLEISCHMANN, Graz

Soeben erschienen in: "Poetik der Grenze. Über die Grenzen sprechen - Literarische Brücken für Europa". Herausgeber: Dzvevad KARAHA SAN/
Markus JAROSCHKA. Steirische Verlagsgesell schaft, Graz, Juni 2003.

Anmerkungen:

Russischer Gruß, frei ins Wienerische übersetzt: "Bis daun, Oida" (Diese und alle weiteren Anmerkungen stammen vom Übersetzer; die Akzente auf den russischen Originalzitaten markieren die betonten Silben.)
Kursive Stellen im ukrainischen Original fremdsprachig (deutsch, englisch, russisch).
Berüchtigte Sondereinheit, deren Bezeichnung abgekürzt "Tod den Spionen" bedeutet.
Ukrainischer und rumänischer Name der Stadt Czernowitz.
"Krajina" = ukr. "Land", daher: "krajina U." = "Land U." bzw. "U-kraine".
Russ.: "Wohin fährst du?


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