Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2003

LICHTUNGEN - 93/XXIV. Jg./2003

Schwerpunkt:
Literatur aus Amsterdam

Kunstteil:
Edwin Zwakman

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
93 / XXIV. Jg. / 2003, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Edwin Zwakman, Amsterdam, Der Raum als Lebensform. Ein Bildkompendium.
Alle Bilder: Courtesy Galerie Akcinci, Amsterdam.
Umschlagbild: Even Later..., 2001 C-Print 180x320 cm

INHALT  

 
LITERATUR    
Anna ENQUIST Ein Zeitgedicht: Mozarts Aussicht
3
Egyd GSTÄTTNER Sterbende Nichtraucher
4
Krešimir PINTARIC´ wie auch immer - 13 szenen einer ehe
16
Jewgeni POPOW Wechselwind - Eine wahre Geschichte
25
Alexander DUNST Gedichte
27
Lucija STAMAC´ Die Venuspassion (Romanauszug)
30
Bernhard TOCKNER Gedichte
36
Moritz von ARNDT Findung (Erzählung)
38
 
NEU VORGESTELLT  
 
Gerlinde PÖLSLER Und landen, immer wieder / Alle Nacht' umgebracht
46/47
Clemens BERGER Nein - Eine Rettungsfahrt
48
Johanna KÖNIG Al - im Juli 1972 (Romanauszug)
51
 
SATIRE-WETTBEWERB 2002 DER AKADEMIE GRAZ
 
Michael ZIEGELWAGNER 2. Preis: Poulet-vous, Madame? (Auszug)
57
 
LITERATUR AUS AMSTERDAM
 
21. Stadt im Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
 
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
 
Zusammenstellung: Prof. Dr. Herbert van UFFELEN und Mag. Maria Elisabeth WEISSENBÖCK, Wien
 
Verantwortlich für einen Teil der Übersetzungen: Mag. Maria Elisabeth WEISSENBÖCK
 
Herbert van UFFELEN Einleitung: Amsterdam, die Stadt und die Literatur
66
Harry MULISCH Siegfried. Eine schwarze Idylle (Romanauszug)
68
BERNLEF Der Tiergarten (Erzählung)
71
Margriet de MOOR Kreutzersonate. Eine Liebesgeschichte (Auszug)
73
A.F.Th. Bewölkter Gaumen (Romanauszug)
75
Doeschka MEIJSING Schuhe (Romanauszug)
79
Charlotte MUTSAERS Aller guten Dinge sind drei (Kurzprosa)
81
Martin BRIL Beethoven / Gedenktag (Kurzprosa)
82/83
Hans M. van den BRINK Über das Wasser. (Novelle, zwei Auszüge)
84
Jessica DURLACHER Die Tochter (Romanauszug)
87
Thomas ROSENBOOM Vedder Geigen (Romanauszug)
90
Chris KEULEMANS Ein kurzer Spaziergang in den Hügeln (Novelle, Auszug)
92
Joost ZWAGERMAN Kunstlicht (Romanauszug)
94
Anna ENQUIST Mozarts Aussicht (Gedicht)
98
Esther JANSMA Europa (Gedicht)
99
Erik MENKVELD Unterwegs / Gutes Gurren (Gedichte)
100
Mustafa STITOU Gedichte
102
 
EIN REISEESSAY  
 
SAID kairiner miniaturen
105
 
KUNST  
 
Werner FENZ Der Raum als Lebensform. - Ein Bildkompendium von Edwin Zwakman
110,121
Edwin ZWAKMAN Lebensraum, 2003
109-122
 
DIE POETIK DER GRENZE (21./22. Teil)
 
Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
 
Oksana ZABUZHKO Die Gabe der Marginalität
123
Maximilian HENDLER Die Poetik der Grenze
132
 
ZEITKRITIK  
 
Mile BABIC´ Religionen versus moderne politische Ideologien
136
Herbert REITER Verlesungen zur Lage der 'Sicherkeit'
138
 
ZU DEN AUTOREN  
143


SATIRE-WETTBEWERB 2002 DER AKADEMIE GRAZ
Jury: Reinhard P. Gruber, Markus Jaroschka und Bernd Schmidt

2. Preis:

Michael ZIEGELWAGNER
POULET-VOUS, MADAME?

1.
Hühner mit langen Hälsen
durchwandern die Welt!
Sie überwinden sämtliche Berge,
Flüsse und Seen, Felder und Felsen,
sie kommen, euch zu vernichten!
Sie kommen, euch zu richten!
(Die seriöse Wissenschaft
hat das festgestellt.)
Hühner mit langen Hälsen!
Ihre Schwingen sind mächtig,
die mächtigsten, die wir kennen
- es sind überhaupt die mächtigsten aller Hennen -
mit abscheuligen Krallen.
Weißblendend glänzen die Schnäbel,
spitz wie Dolche, geschliffen wie Säbel,
Hühner mit abscheulichen Schwingen!

2.
Die Menschen glaubten das nicht.
Sie sagten: reden wir lieber
von anderen Dingen.
Reden wir über Pferde und Biber,
über Würmer und Lachse, die singen,
doch reden wir nicht über Hühner!
Erst waren die Menschen noch ehrfürchtig,
mit der Zeit aber wurden sie kühner,
und sie wagten noch mehr: wagten Spott!
Sie sagten: wir glauben das nicht!
Nicht an den Fortschritt.
Und nicht an Herrn Gott!
Nicht an Ehre, Moral und an Pflicht!
Und schon gar nicht an dieses wirklich absurd lächerliche Hühnergedicht!
Es gibt keine Hühner mit mächtigen Schwingen!
Es gibt keine Hennen mit blinkenden Schnäbeln,
und Hälsen wie die der Giraffen!
Und wenn schon: wie sollten sie's schaffen,
unsere Zivilisation zu zerstören?
Unsere Hühner? Die unseren Bauern gehören?
Nie ist das möglich!
Sie sind nur erfunden!
Sie sind nur erdacht und ein Schwindel,
erlogen und wieder erlogen!
Dem gelangweilten Dichtergesindel,
unter Einfluss von garstigen Drogen
aus den Fingern gesogen!
Riesige Hühner sind ein Gerücht,
jawohl!

3.
Und so lebten díe Menschen ím Fríeden.
Doch síe lebten zugleìch dekadent.
Und síe kannten nur íhre gewöhnlichen Hühner,
und díeses Federvíeh war so gut wíe níe renítent.
Neín, wírklích nícht.
Díe ríesígen Hühner hatte sích íhrer Meínung nach ein Spínner ausgedacht.
Díe wenígen Hühnerpropheten
wurden belacht
und manchmal ín den Steíß getreten,
weíl keíner gern mít der Vorstellung lebt,
Ríesenhühner könnten seín Haus demolíeren,
und gackern, dass díe Erde erbebt,
und ín den Städten íhre gígantíschen Eíer verlíeren
...beìm Gedanken an austretenden Dotter an eínem wíchtígen Verkehrsknotenpunkt
erschauerte man.
Aber nur heímlích, denn offízíell
war an dem Hühnermärchen níchts dran.
Níemand dachte mehr an díe Hühner.
Außer dem Schreíner.
Aber der war nun beíleíbe nícht eíner,
der abergläubísch war! Neín, neín!
Der war nícht mal katholísch!
Er hatte nur so eíne Ahnung
und gab allen Bürgern díe Warnung:
"Haltet euch ín euren Häusern verborgen!
Denn mít den Hühnern kommen große Sorgen!"
(Síe müssen dem Schreíner verzeíh'n.
Er verstand es nur, Schränke und Bänke zu ríchten,
und hatte nícht díe Gabe, zu díchten. Neín.)

4.
Was bleibt noch zu sagen?
Kamen die Hühner?
Vernichteten sie das Land kreatürlich?
Die Lösung der eben gestellten Fragen,
erfahren Sie natürlich.
Ob der Schreiner recht hatte, auch.

5.
Ich hoffe, mit dieser Bemerkung am Rand
ein wenig vom Tatbestand abzulenken.
Ich hab mich da leider in etwas verrannt
brauche Zeit, mir die Fortsetzung auszudenken.

6.
Zurück zu den blöden Hühnern.

7.
Der Schreiner lebte ohne Frau, ohne Kind,
in einer schmutzigen Hütte.
Sie war schmutziger, als Hütten normalerweis' sind;
Aber seine war halt ein besonderes Loch.
Sie glauben mir nicht? Sie war's aber.
Doch.
Besagter Schreiner kam aus alter Hellseherfamilie.
Und wie's in Hellseherfamilien Brauch,
kannte er die Zukunft.
(Die Vergangenheit auch.
Aber das ist ja nichts besonderes.
Es hat damit, dass er Hellseher war, genau so viel oder wenig zu tun wie der Umstand, dass er seit fast vier Monaten auf seine zwölfjährige Nachbarstochter scharf war oder das Faktum, dass seinen Kopf der Speckspiegel einer beginnenden Glatze zu zieren im Begriff war. Jetzt war auch schon länger kein Reim, aber die Geschmacklosigkeit mit der Nachbarstochter hat davon exzellent abgelenkt. Sie sehen, nichts geschieht zufällig.)

8.
Eines Tags, Ende Juli oder Anfang August,
da packte den Schreiner ganz plötzlich die Lust,
wieder prophetisch zu handeln und wirken.
So begab er sich stracks an den Heiligen Ort,
an dem es am hellsten zu seh'n war, doch dort,
standen leider mittig drei Birken.
Er sprach: "Wer benahm sich blasphemisch-vermessen allhier,
in meinem ureigenen Hellsehrevier
drei Bäume und in Folge den Schreiner zu pflanzen?
Es wird mir satanische Freude bereiten,
auf des Täters zufriedenem Leibe zu tanzen!
Wenn ich fertig bin, braucht er bestimmt einen neuen!
Nie mehr lässt er dann sich zum Pflanzen verleiten:
Du Frevler, du Gärtner, dich will ich verbläuen!
Ich steig dir ins Rückgrat; dein übles Verbrechen,
das sollst du am Kreuze bereuen!
Das Brechen der Wirbel wird würdig mich rächen,
und sind erst die Knochen zu Splittern zerbrochen:
Ich werd sie am Heiligen Orte verstreuen!"

A.
(Um üwa des Ridduöe a Woat dsum falian:
Des is in ääsgraua Fuazäät eafundn wurn.
Des foegende kennt wichtich sää, ääso schbizdz de Uan:
Waouma an Gegna daschlookd, und ma zmeaschad eam des Hiian
Daunn is fua oim aans essenziedl: eam gschääd zum Beschdodtn.
Zeaschd heepd ma a Gruam aous, daunn grobd ma eam ää,
meagds ääch ans: schbrechds eam a Gebeet ollawäu!
Daunn kaafts eam a uandliche Groobschdaabloodtn.
Und featich! Des gaounze is ned füü zum Duan,
und ees hobds a Rua foa dem Dohdn sän Zuan!)

9.
Mit heißer Stirn marschierte der Schreiner
dahin. Doch er hatte noch nicht mit der Süche
nach dem Pflanzer begonnen, als ES ihn überkam:
es war ihm, als leuchteten Tausende Sonnen
und seinen Lippen entrangen sich Flüche:
Denn er sah plötzlich grellbunte Bilder von Hühnern,
die riesig, gackernd und schnabelwetzend
mit geflügeltem Hintern auf Autos sich setzend,
und unruhiger werdend, gefährlicher, wilder,
die Menschen zerpickten.
Die Frau Bürgermeister und ihre Stadträte sah er,
die verzweifelt die Feuerwehr schickten...
...dann war die Vision vorbei.

10.
Der Schreiner stürzte ins Gasthaus
und packte den Wirt an der Schürze.
Der jammerte ärgerlich: "Lasst aus!"
"Ich muss was erzählen!" schrie weinend der Schreiner,
"Dann macht's kurz!" rief der Wirt, "ich bevorzuge Kürze!"

11.
"Ich hatte grad eine - Ihr wisst - Deja-vu!
Ein Traumbild von riesigen Hühnern!"
"Zu so was sag besser ich gar nichts dazu,"
sprach der Wirt, "kostet lieber das Tagesmenu!
Roter Kohl. Oder wollt Ihr den grünern?"
(Deja-vu ist französisch und endet auf "û".)

B.
Zum Trick in Strophe 11: er geht
nur, wenn Französisch man versteht.
Wer frankophob, kann's nicht kapieren.
Ein Beispiel mag dies illustrieren:
Reimt sich die saftige Orange,
anschmiegsam auf die zarte Wange?
Ihr seht nun, Freund, des Verses Tücke?
Verkleistert rasch die Bildungslücke.
Ein Tip: Orangen stets entkernen.
Ein zweiter Tip: Französisch lernen.
Drum sei am Ende noch empfohlen,
sich anderweitig Stoff zu holen:
Jaques Brel, Piaf, Boris Vian.
Sieh da. So reimt es sich genau.
(Des Reimes Fluss nicht unterbrechen-
Ich bitt', "genau" nasal zu sprechen.)

12.
Als der Schreiner das Unverständnis bemerkte,
mit dem ihm der Wirt begegnete
und angesichts der Gefahr ruhig im Wirtshause werkte,
egal, ob es hagelte, regnete,
ob's stürmte oder gleißend die Sonne brannte,
ob man den Wetterbericht überhaupt nicht kannte,
ob Orkane, Taifune, die Häuser zerstörten,
ob politisch' Skandale die Bürger empörten,
ob Attentat, Raub oder Serienkiller,
Wiederauferstehung von Klopstock und Schiller,
ob Orgien auf dem Gehsteig, ob Kriege,
eine Sonnenanbeterin nackt in der Liege,
ob eventuelle andre Insekten,
ob spielende Kinder, die Kampfhunde neckten,
auch nicht Blitz oder Donner von schweren Gewittern,
brachten den stubbornen Wirten zum Zittern.
Es ist wohl nicht extra von mir zu betonen,
dass Lächerlichkeiten (wie Explosionen),
im Besonderen Flutkatastrophen, Vulkane,
das Sterben der letzten Kommoden-Warane,
Inflationen, Vergreisung, die gräulichen Seuchen,
ein Leben im Koma an Nadeln und Schläuchen,
der Gene Veränderung Risken und Schrecken,
Lustmörder, die sich hinter Ecken verstecken,
Schiffsuntergänge, Akneprobleme,
Bedrohung durch rechte und linke Extreme,
Karzinogene in Luft und in Speisen,
die tägliche U-Bahn-Fahrt, Afrikareisen,
Ebola, Cholera, Pest, Leukämie,
Inzest und als Folge die Idiotie,
mit Bomben bestückte verrückte Despoten,
niveauloses Fernsehen mit sehr vielen Quoten,
Neurosen, Komplexe und psychische Schäden,
das Ende der niedlichen Greißlerläden,
die Technik, der Fortschritt, Konkurse und Pleiten,
Impotenz und Erektionsschwierigkeiten,
Drogen für Kinder und Arbeitsplatzsorgen,
die Sehnsucht nach Gestern, die Angst vor dem Morgen,
die Strahlung von schlechten Mobiltelefonen,
Überfremdung, Welthunger, die Scheu vor dem Klonen,
bezahlter Sex, der mit ungedeckten
Schecks bezahlt wird, die Herrschaft der Sekten,
die Angst vor Blamage, vor Aufzügen, Spinnen,
vorm Verlieren im Lotto (ab und zu vorm Gewinnen)
- Bandwürmer, Zecken, Kopfläuse, Flöhe,
Angst vor der Enge, Angst vor der Höhe,
Muttermale, die plötzlich mutieren,
Schmerzen im Magen, im Darm, in den Nieren,
auch Panikattacken im Allgemeinen,
die Frage: gibt's Gott? Oder gibt es keinen?
Ist er tot? Oder ist ihm die Menschheit entglitten?
Hat ihn bei der Schöpfung der Teufel geritten?
- All das war dem Gastwirte herzlich egal.
Sein Wahlspruch war stets: So ist es nun mal.

13.
Während ich vom Wirten sprach
kam ich leider sehr ins Plaudern.
Weiter jetzt mit dem Gedicht!
Nur kein Zimpern, Zögern, Zaudern!
Durch mein elendes Geplapper
wird die Zeit mir knapp und knapper.

14.
Ich lass mich trotzdem nicht erweichen
ein Wort von Strophe 12 zu streichen!

15.
Szenenwechsel. Wüster Ort.
Land: zerklüftet. Geier: fett.
Dürre Sträucher, da wie dort.
Menschen: einer. Form: Skelett.
Plötzlich: Gackern. Mächtig. Laut.
Da: ein Huhn. Es flattert rege.
Zupft am magren Wüstenkraut.
Freiheit ohne Drahtgehege.
Auftritt vieler andrer Hennen.
Lärm. Gepicke. Flügelschlagen.
Nun: Begreifen. Schock. Erkennen.
Griff an Kopf. "Das gibt's nicht!" sagen.
Hühner nämlich riesengroß.
Fluchtversuch. Doch ohne Sinn.
Hinterrücks: ein Schnabelstoß.
Stolpern. Landen. Blut am Kinn.
Zittern. Angst vor scharfen Krallen.
Hühner in der nächsten Nähe.
Gackern. Riesenschatten fallen.
Wehe -

16.
Als der Schreinermeister bei Nacht schreiend erwachte,
merkte, dass er alles geträumt hatte und erleichtert lachte,
auf sein Herz hörte, das noch aufgeregt pochte,
er aufstand und einen Kaffee sich kochte,
noch einmal leis über den Alptraum fluchte,
und dann, sich beruhigend, zu denken versuchte,
da kam er darauf, dass, betrachtet bei Lichte,
die ganze Hühner- und Hellsehgeschichte
die ihn verfolgt hatte sieben Nächte
sich heute erfüllte, wenn's käm', wie er dächte.

17.
Am anderen Morgen
da trat der Hellseherschreiner gemütlich aus seiner Wohnung,
er grüßte den Briefträger mit "Habe die Ehre"
und legte auf das erste E in Ehre eine seltsame, rumänisch anmutende Betonung,
er pfiff, als er auf die Straße trat
eine lustige Volksweise aus dem wilden kaschubischen Kalifat.
Nach wenigen Schritten an der frischen Morgenluft
drückte er an einem bestimmten Hause die Klingel
und wartete auf ein Klappern vom Fensterladen
inzwischen mit architektonischem Kennerblick
die Fassaden
der umliegenden Häuser studierend.
Wieder klingelnd (die Sache wurde verwirrend),
da: das runde Gesicht der Haushälterin.
Ihr Mund fragte: "Was führt Sie hierher ?"
Der Schreiner: "Deine Herrin zu sehen; das ist mein Begehr!"
Der Mund: "Die Frau Bürgermeister? Die ist gestern verreist!"
Der Schreiner: "Sprich lauter! Versteh nur, wenn du schreist!"
Der Mund: "Ich erklär's Ihnen. Treten Sie ein!"
Eine Hand schloss das Fenster. Zwei Beine schritten kurz danach
aus der Villa und geleiteten den Schreiner hinein,
sie führten ihn in ein Schlafgemach,
wo ihm wieder der Mund knapp erklärte,
warum ihm seine Besitzerin das Gespräch mit der Frau Bürgermeister verwehrte.
Sie sei verreist. Da gäbe es nichts dran zu rütteln.
Der Schreiner sagte danke, verabschiedete sich,
nahm den Arm, ihn zum Abschied zu schütteln
ging und grinste.
Als er das Grundstück verlassen hatte,
war er sicher,
die Bürgermeisterin wusste von der Gefahr.
Auch sie fürchtete die Hühnerviecher.
Und weil sie nicht mehr anwesend war,
hieß das, sie war geflohen.
Sie saß wahrscheinlich auf einem ihrer beiden Privatzufluchttürme, wobei es egal war, ob auf dem niedrigen oder auf dem hohen.

18.
Zu Mittag war eines dem Schreiner klar:
Alle Verantwortlichen hatten die Stadt verlassen.
Übrig waren nur die Bürger
und neunzig Schüler aus vier Unterrichtsklassen.
Es gab nur mehr eine Chance für die Stadt.
Am Abend würden die Hühner erscheinen.
Der Schreiner musste den Techniker einweihen,
seine Hellsehkraft musste sich mit dessen Genie vereinen.
Man musste eine geheime Waffe entwickeln,
um die Hühner zu vernichten, zersprengen, zerstückeln!

19.
Der Techniker, ein älterer Herr ohne Flügel
mit Bart und zerbrochenem Brillenbügel,
mit Schuppen im Haar und mit schleimigem Husten,
ein Kettenraucher, dem sie entfernen mussten:
die Milz mit zwölf Jahren, die Mandeln mit dreißig,
die Leber mit vierzig (er trank auch sehr fleißig),
acht Jahre später die rechte Hand,
aus Magen und Lungen
Ablagerungen
von Sand,
die Beine mit einundsechzig, den Rest letztes Jahr,
bis dass der Techniker ganz und gar Prothese war.

20.
Er empfing den Schreiner erfreut.
Er begrüßte ihn, grüßte erneut,
und fragte ihn dann:
"Womit, mein Herr, kann
ich Ihnen, mein Bester, behilflich sein?
Ich bin nur ein einfacher Denker; allein,
mein Hirn ist vom Mückstein, von einem Genie,
ihm entfernten sie's und er bemerkte es nie."
Der Schreiner machte ernste Miene.
"Ich brauche eine Waffe, Meister,
um Riesenhühner zu vernichten,
so in die Richtung Guillotine.
Doch besser noch, das Ding kann schießen,
und Bombenwerfen unverdrossen.
Ich brauch, was sonst Ihr niemals baut!
Nicht mal den Waffen-Lobby-Bossen!"
Der Techniker legte die Stirne in Falten,
zog auf einmal eine Tafel hervor,
gestaltete Skizzen, skizzierte Gestalten,
plante hier einen Motor und dort noch ein Rohr;
nach sechs Minuten Arbeit rief er: "Fertig!"
kraulte sein Kinn (wie erwähnt, war es bärtig).
Der Schreiner saß sprachlos vor dem Plan.
Dann tippte den Meister am Arme er an:
"Es liegt wahrlich mir fern, gegen die Technik zu meutern...
doch bitte: könnten Sie mir Ihre Skizze erläutern?"

21.
"Es ist nicht gerade einfach, lieber Gast!
Ich erkläre nun, drum macht Euch drauf gefasst!
Also: das Zahnrad verbindet den Draht
mit dem Schlauch um die Kurve von grad 90°
wenn zu Bestzeiten bis zu 100%
der Energie durch das Kabel dort rennt
dann wird, wenn es rattert, poltert und funkt
der Motor betrieben. Und dann:
Dann leuchtet die Lampe und dreht sich dazu
(mit elektrischem Strom)
Denn die Formel 1,16x Pi #*
spaltet im Innern Atome im Kern
und arbeitet leise, fast ohne Ton.
Um es deutlich zu sagen;
Der Apparat macht Hühner zu blutigen Leichen.
Sie glauben mir nicht, lieber Gast?
Das Werk wird den Meister zweifellos loben,
am Abend."

22.
Mit einem Male erkannte der Schreiner das Genie
des Technikers und er fiel auf die Knie
und dankte Barbíttyuítt (den er anbetete)
dafür, ihm den Techniker zu senden.
Natürlich dankte er mit gefalteten Händen.

23.
Eine sehr kurze Erklärung des Barbíttyuítt
Barbíttyuítt ist die Kraft, es handelt sich bei ihm um die drittgrößte Religion
und ist in der Stadt des Schreiners eigentlich verboten.
Es ist eine einzige Blasphemie gegen den eigenen Gott namens Barbíttyuítt. Schon
die Barbíttyuítt-Bibel steckt voller Comics und niveauloser Zoten.
Doch man vergesse niemals dieser Religion stärkstes Getriebe!
Denn obwohl Gottspott gewünscht wird, so betet man ihn doch an,
und man liebt die Gemeinde, auch dem Prediger begegnet man mit Liebe,
wenn man ihn auch verhöhnt und kitzelt, wann immer man kann.
Der Unterschied zu den anderen Religionen liegt darin: es gibt keinen Respekt,
die oberste Autorität des Gottes bleibt nach innen zwar gewahrt; es wird an ihn geglaubt,
jedoch: der Spott, er ist ein Schutz, der den Glauben nach außen hin verdeckt,
so ähnlich wie in einer Diktatur, die Kritikern zu kritisiern erlaubt.
Das Lächerlichmachen des Glaubens dient damit
dem Glauben selbst. Das ist Barbíttyuítt.

µ.
Schon seit elf Strophen keine kursive Schrift!
Seien Sie ehrlich: haben Sie die kursive Schrift schon vermisst?
Ich vermisse Sie ständig. Natürlich, wenn man sich so selten trifft...
Versprechen Sie mir, mich öfter zu lesen, ich bitte Sie (wie der Schreiner) auf Knien!
Wozu die kursiven Einschübe?
Dies muss eine Erklärung nach sich ziehen...

24.
Nervös stand der Schreiner am Fensterbrett und trommelte darauf herum.
Immer wieder bedachte er den Techniker mit Seitenblicken.
Dieser schraubte und hämmerte an seiner Maschine.
"Ist sie bald fertig?" rief der Schreiner aus und machte eine angespannte Miene.
"Nur Geduld," sagte der Techniker einfach, und der Schreiner
war sich nicht einmal sicher, ob die Zunge, die das gesagt,
des Technikers echte war oder ebenfalls einstmals verpflanzt.
"Beeile Dich," erwiderte er trotzdem, und setzte milder hinzu: "Wenn Du kannst."
Doch die Uhr an der Wand, sie tickte und hörte nicht auf zu ticken,
und der Schreiner hörte nicht auf mit seinen Seitenblicken,
und er dachte nochmals an die verpflanzte Zunge und plötzlich an die verpflanzten Birken,
und beim Gedanken daran wurde er rot vor Zorn.
Dann fing er wieder an zu blicken, aber diesmal sandte er dem Techniker die Blicke von vorn.
Die Uhr tickte weiter und tickte und tackte.
Des Technikers Bohrmaschine surrte.
Sein Schraubenzieher schraubte, sein künstliches Hüftgelenk knackte,
Der Schreiner sagte wieder "Beeil Dich" und "Die Sonne steht tief,"
und der Techniker surrte und klackerte weiter an seiner Maschine, pfiff eine Melodie,
nach deren Rhythmus trommelte der Schreiner wieder auf das Fensterbrett.
Die Konzentration war spürbar, man roch des Technikers Schweiß intensiv.
Und die Uhr tickte, tickte schneller, so schnell wie sonst nie.
Der Techniker sah kurz auf, sagte "Komisch" und hämmerte weiter.
Schon wurde es finstrer. Die Uhr tickte rasend. Der Schreiner fuhr fort, zu trommeln.
Er dachte wieder an die Zunge und die Birken und spürte kaltes Entsetzen.
Doch der Techniker hämmerte schraubte und pfiff ungestört und heiter.
Da drehte sich der Schreiner plötzlich um, die Geduld hatte er verloren
und schrie den Meister an: "Wann sind Sie endlich soweit? Beim Einbruch der Dunkelheit
werden die Hühner das Land erobern! Wir werden krepieren!"
Der Techniker war bleich geworden. "Entschuldige. Ich dachte, es sei noch Zeit genug,
das Maschinchen violett zu lackieren."
Und er legte die Lackdose zur Seite, und der Schreiner atmete auf.
"Ihr seid soweit? Das ist gut. Nehmt den Apparat. Wir gehen."
Nach diesem seinem letzten Wort vernahm man ein fernes Krähen.

D.
Und wieso, verdammt, einmal links, einmal rechts?

25.
Sie traten heraus.
Die Hühnervernichtungsmaschine trug der Techniker in seinem starken Arm.
Sie erschauderten.
Am Horizonte, wo die Sonne grad versank, war ein Gackern zu hören. Nicht ohne Charme.
Doch das war nicht alles.
Vor Schreck wurde heiß ihnen, kalt ihnen, warm.
Ein Hahn, doppelt so groß wie die Hühner, war dabei.
"Damit hat niemand gerechnet!" stöhnte der Schrei-
ner.

26.
"Die Gefahr ist größer, Techniker, als ich vermutete!"
rief der Schreiner, der nervös aus der Nase blutete.
"Ein Hahn lässt die Sache ganz anders aussehen.
Ein Hahn lässt unsere Chancen wie Vanilleeis in der Mittagssonne zergehen!"
Worauf der Techniker der Zeigefinger hob:
"Zum Glück sind Sie Schreiner, kein Dichter, gottlob!
Abgesehen davon, dass Ihr Versmaß nicht stimmt,
sind Gedichte mit Reimen schrecklich atavistisch!
Der moderne Poet dichtet, wie es aus ihm fließt,
und möglichst unverständlich.
Ein Beispiel..."

27.
Des Technikers Dichttechnik

auch heute keine milch

auch heute keine milch
sprach er
auch heute nicht
man muss schon von weitweither kommen
um
ein wenig
milch zu ergattern
nein sagte sie nein nein das verstehst du falsch
nein -
und sie reckte sich in unbändiger lust und schlang ihre arme um ihn
ihre beine
bist du durstig fragte ihr körper
bist du durstig
bist du hungrig
hast du schmerzen
schmerzen: schmerzen...
ihr körper fraß ihn...
saft?
saft! saft!
saft!
saft!
!!!:
ihr gesicht schmeckte nach silber das im keller gelegen hatte
und ihr nacken nach einem hellen tag am mittwoch...
auch heute keine milch sprach er
auch heute nicht
ver
dur
ste
te

28.
"Das soll ein Gedicht sein?" fragte der Schreiner entsetzt.
"Solch eine unverständliche Kaskade?
Die eines Menschen religiöse Gefühle verletzt?
Ha! Genug der entarteten Maskerade!
Ich zeige Dir, Elender, meisterhaft' Werk,
Du lächerlicher Asphaltpoet!
Du kulturloser geistiger Zwerg - Du Prolet!"

29.
Des Schreiners Dichtkunst

Das kleine Bächlein

Was gluckert und sprudelt so lustig einher?
Ein Bächlein! Ein Bächlein am Waldesrand!
Ein blaues, ein fröhliches silbernes Band!
Hinaus in das Meer! Hinaus in das Meer!

Es glitzert und plätschert mit launigem Spiel,
mit wogendem Wall und mit deftigem Drall,
hinan nur, hinan an den Wasserfall:
denn dies ist sein Ziel, ist sein Ziel!

Und die Wehmut des Dichters greift hart an mein Herz,
und ich denke ans menschliche Streben.
Wie das Bächlein, so fließt auch das menschliche Leben,
in den Abgrund, durch Lust und durch Schmerz!

30.
"Mir kommen die Tränen," spottete der Techniker des klassischen Gedichtes wegen,
und er versuchte sich in einer Parodie:
"Die Tränen," seufzte er mit Schmelz in der Stimme, "fallen wie ein weicher Regen..."
Doch da rief der Schreiner: "Genug!
Ihr modernen Kreativen haltet doch alles für Kunst!
Wenn ein Mensch sich entleert, wie ein Schwein dabei grunzt,
wenn ein Maler die Leinwand mit Blut dekoriert,
ein Objektkünstler Obszönitäten gebiert,
wenn Fäkalien als Produkt eines Schaffenden gelten,
wenn Theater die Zuschauer schimpfen und schelten,
Literaten nur im Drogenrausch dichten:
Wo bleiben die Goethes? Die Schillers? Die Fichten?
Die Lessinge, Schellinge, Grillparzer, Schlegeln,
Alliterationen, poetischen Regeln?
Couplets, Cabarets, Manets und Monets,
(ich verzicht auf Max Ernste, Hans Arps und Paul Klees) -
doch die Maler der frühen und Spätrenaissance?
Gebt der KUNST endlich die ihr gebührende Chance!
Ästhetisches rein - Ferkelkunst raus!"
"Reaktionäre Brut," zischte der Techniker leise,
"Braune Proleten! Ewiggestrige Greise!
Wenn verbäte man jedes moderne Gedicht?
Es gäbe - zett-Be - ,Poulet-vous, madame?' nicht!
Das heißt, Sie, Idiot, wären niemals entstanden!
's wär' auch besser, Sie kämen der Dichtung abhanden!"

E.
Die Wahrheit
Die kursive Schrift betrachtet sich selbst als Satire
und als Mittel, Sie in den Verfolgungswahn zu treiben.
Gestehen Sie es: Sie sind dem Hühnergedicht nicht treu.
Sie lassen sich dazwischen von allerhand Prosa ablenken.
Diese Zeilen sind das beste Beispiel dafür.
So, wie Ihre aufdringliche Umwelt Sie belästigt,
so geht Ihnen auch die kursive Schrift auf die Nerven,
die nun wirklich nichts mit dem übrigen Text zu tun hat.

Ach ja: lesen Sie nur weiter.
Wenn Sie sich noch konzentrieren können.

31.
Natürlich dachten die Hühner nicht daran,
während des kleinen Disputes stille zu stehen.
Im Gegenteil: sie verstummten und kamen leise näher,
ganz ohne zu krähen.
(Hönnen
können
nicht krähen, nur Hähne.
Doch weder Schnabeltiere noch Rehe.)
Als sie bereits in unmittelbarer Nähe waren,
da pickten sie auf die Stadtgebäude los.
Und plötzlich bemerkten die streitenden Dichter:
Alle Menschen außer ihnen hatten die Stadt verlassen!
In Massen!
Sie konnten's nicht fassen:
Sie waren allein in der Stadt.
Und das Sichbewußtwerden des Denhühnernausgeliefertseins machte die beiden erschöpft und matt.

32.
"SCHNELL! DIE WAFFE!" brüllte der Schreinersmann.
"ZIEL NICH AUF DIE BLÖDEN HENNEN - ZIEL AUFM HAHN!"
FLASH! machte die schreckliche Kanone
- aber schadete sie dem Federvieh? Nicht die Bohne!
Im Gegenteil! Sie brachte das Kroppzeug immer weiter auf Trab,
und sie rissen mit ihren gottverdammten Krallen Teile von Häusern ab.
WOSH! ging des Technikers Bude in Stücke.
CRASH! bröselte wie 'n alter Keks eine Brücke.
Der Techniker krakeelte: "WIR MÜSSN SIE PULVERISIERN!"
Darauf sein Kumpel: "ZERMANSCH IHNEN DAS HIRN!"
Die Jungs schossen noch mal, aber denkste, es klappte?
Das Ergebnis war nur, das n Huhn nach ihnen schnappte.
Und jetzt begannen sie die Lage mal schön langsam zu realisiern:
Was hatte das fürn Nutzen, hier den Arsch zu riskiern?
"WIR ZIEHN LEINE!" schrie der Schreiner, "WIR MACHN NE FLIEGE!
PFEIF AUFS DORF UND DIE BÜRGERMEISTERINZIEGE!"

33.
Bitte entschuldigen Sie der vorigen Strophe vulgären Stil:
niveaulos, effekthaschend. Infantil.

Nun, um die weiteren Ereignisse zusammenzufassen:
Die Hühner wurden in der Stadt gelassen,
die beiden Helden flohen gen Westen,
um einmal das dortige Klima zu testen.
Nur schwer konnten sie von der Heimat sich trennen,
doch hofften sie, später einst gegen die Hennen,
mit vereinter Kraft einen Sieg zu erringen.
Zwölf Jahre und zwanzig Minuten vergingen.

34.
Es ist auf unsrer Erde wohl der schönste Platz zu siedeln,
wo Fische zirpen und des Nachts Piraten ihre Weisen fiedeln.
Wo Wellenschlag bei Tage um den Schiffsrumpf spült,
und, steckt man folgende hinein, die nackten Zehen kühlt,
wo in des Mittags Hitze sich die Möwe mit dem Reiher zankt,
und wo man hin und wieder an der Seekrankheit erkrankt,
das ist der Ort, an den es Techniker und Schreiner hinverschlug:
an ein Piratenschiff mit Namen: "Brunnens Krug".
Der Kapitän, der sie vor Jahren heuerte,
war seltsam, weil er selber gern das Schiffdeck scheuerte.
Es war ein ältrer Herr, der jedoch Fische hasste
und gegen sie Polemiken verfasste.
Die beiden hatten - außer ihm - nie jemanden an Bord getroffen,
wies man ihn darauf hin, so knurrte er lakonisch bloß: "Ersoffen!"
Ja, seine ganze Mannschaft war im Lauf der Zeit verstorben,
er hatte mangels Nachwuchs nie eine neue sich erworben.
Dies war makaber, doch makabrer war: er sprach noch mit den Toten,
schrie ihnen nächtens zu: "Hart backbord! Sechzehn Knoten!"
Rief sie beim Namen. Gab von Zeit zu Zeit Befehle.
Ansonsten goss er Erdnussschnaps in seine Kehle.
Dies war sein einzig Laster, seine Leidenschaft
und gab dem alten Seebär'n stets von neuem Energie.

35.
War mal ein regenkalter Tag an Bord,
ein nasser trüber Tag 12 Jahre später,
da sprach der Schreiner zu dem Techniker:
"Denkst Du, mein Mitpirat, ans Land der Väter?

Erinnerst Du Dich an das schmucke Dorf,
in dem wir einstens hausten, wir zwei beide?
Oh! Wehmut zwingt mich, dass ich alle Sehnsucht dran
aufs tunlichste und pingligste vermeide!"

Entgegnete der Techniker: "Ach Heimat!
Du bist von Hühnern ganz und gar verseucht.
Sie haben uns im Kampfe, Schreiner, Lieber,
trotz unsres harten Widerstands verscheucht!"

Antwortete der Schreiner, Fäuste ballend:
"Oh Zeit! Dahin! Die Zeit kommt nimmermehr!
Wir sind zwölf Jahre älter. Niemals wieder,
werden vernichten wir das dreiste Hühnerheer."

Sprach drauf der Techniker: "Du alter Narr!
Du bist ein älterer Herr, doch längst kein Greis!
Mit einundsechzig Jahren ist dein Haupthaar licht
die Stoppeln Deines Bartes sind teils weiß...

Und trotzdem! Kämpfen fiele Dir nicht schwer,
du bist ein zäher Knabe, resch und fit.
Was hältst Du davon? Zeigen wirs den Hennen?
Wir rächen uns! Na los! Mach mit!"

Hob Schreiner seine rechte Augenbraue:
"Du weißt, mein Freund, um meine einz'gen Gaben:
ich war prophetisch, sah die spätre Zeit,
wodurch wir damals unsren Kampf begonnen haben...

Und Du? Du selbst? Du bist, ich denk, bald achtzig.
Verlierst schon langsam Deine Einzelteile.
Was blüht im Dorfe Dir? Nur Ärger.
Doch hier? Gesegnet-biedre Langeweile.

Entscheide selbst, was besser ist! Ich bleibe da.
Nichts in der Welt gereicht, mich umzustimmen.
Ich sterb am Schiffe. Aus, Schluss, Bastard.
Ich will nur angeln, schlafen und ein wenig schwimmen."

36.
Der Techniker gab nach, das war das Ende.
Sie kehrten nicht ins Heimatdorf zurück.
Die Hühner pflückten meisterlich die Pfände,
und rätselten am reisigfeuchten Stück.

 

Gewidmet Roland Mückstein

25. 4. 1998
überarbeitet am 20. 1. 1995
Autor an Überarbeitung verstorben

Sämtliche Anspielungen in diesem Gedicht sind misslungen.
Tätärä-tä-tää


21. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

21. STADT: LITERATUR AUS AMSTERDAM

Zusammenstellung: Prof. Dr. Herbert van UFFELEN und Mag. Maria Elisabeth WEISSENBÖCK, Wien
Verantwortlich für einen Teil der Übersetzungen: Mag. Maria Elisabeth WEISSENBÖCK
Redaktionelle Mitarbeit: Karin und Markus JAROSCHKA, Graz
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001
16. Stadt: LITERATUR AUS BORDEAUX, LICHTUNGEN 88/2001
17. Stadt: LITERATUR AUS BERLIN, LICHTUNGEN 89/2002
18. Stadt: LITERATUR AUS GLASGOW, LICHTUNGEN 90/2002
19. Stadt: LITERATUR AUS PLOVDIV, LICHTUNGEN 91/2002
20. Stadt: LITERATUR AUS BEOGRAD/BELGRAD 92/2002

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen

Die Redaktion

Herbert van UFFELEN
AMSTERDAM, DIE STADT UND DIE LITERATUR

Es gibt wohl kaum eine andere Stadt, die für die Literatur in den Niederlanden eine so wichtige Rolle gespielt hat wie das Venedig des Nordens, Amster dam. Schon im 17. Jahrhundert war Amsterdam ein sehr belebtes und belebendes Zentrum. Darüber hinaus war es - was in den unruhigen Zeiten des sogenannten 'goldenen Jahrhunderts' von nicht zu unterschätzender Bedeutung war - ein vergleichbar sicheres Zentrum.

Auch heute noch ist Amsterdam das literarische Zentrum der Niederlande. Eine ganze Reihe, um nicht zu sagen, die meisten großen Verlage haben ihren Sitz in Amsterdam, fast täglich finden literarische Veran staltungen statt, Buchhandlungen und Antiquariate gibt es zuhauf, und eine Reihe von großen niederländischen Autoren haben ihren Wohnsitz in Amsterdam.

Von Amsterdam aus wurde der modernen niederländischen Literatur immer wieder ein neues revolutionäres Gesicht verliehen. Zum ersten Mal Ende des 19. Jahrhunderts. Damals rechneten die 'Achtziger', wie Willem Kloos, Herman Gorter, Frederik Van Eeden und der durch seine Freundschaft mit Stefan George auch im deutschen Sprachraum nicht unbekannte Albert Verwey, mit der traditionalistischen und hausbackenen Poesie ihrer Vorgänger ab, die sie disqualifizierend als 'Pfaffenpoesie' bezeichneten. Es ist die Zeit des Sensitivismus, Lodewijk Van Deyssels hyper-impressionistische Weiterentwicklung des Naturalismus, mit dem er der niederländischen Litera tur zu breiter Anerkennung in ganz Europa verhelfen wollte. Erfolgreich war er dabei allerdings nicht. Die Achtziger blieben, bis auf wenige Ausnahmen, außerhalb der Grenzen des niederländischsprachigen Sprach raums weitgehend unbekannt, und der Sensitivismus wurde im Ausland eher belächelt.

Mitte des 20. Jahrhunderts schien sich die Geschichte zu wiederholen. Diesmal waren es Dichter, die unter der Bezeichnung 'Fünfziger' in die Literaturge schichte eingegangen sind, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Amsterdam aus die niederländische Literatur zu erneuern versuchten. Für sie waren die Niederlande wiederum nichts anderes als ein 'rosa Pfirsichgarten' mit einer 'hohlen' Kultur. Mit Krea tivität und Spontaneität und sehr körperlicher Poesie stellten sie sich gegen die Tradition und vor allem gegen das, was als 'Diktatur des abstrakten Denkens' bezeichnet wurde.

Die Fünfziger haben die literarische Landschaft in den Niederlanden nachhaltig verändert. Das Experiment, das ihre Poesie prägte, ist inzwischen, wie in den meisten europäischen Literaturen, zwar weitgehend aus der literarischen Landschaft verschwunden, aber mit ihrem Bestreben, in und mit der Literatur nicht zu interpretieren, sondern vielmehr der Wirklichkeit Stimme zu verleihen, haben sie sich durchgesetzt.

Die moderne niederländische Literatur hat viele postmoderne Züge: sie ist bewusst ungewollt, spielt mit Themen und Genres und scheint alles in Frage zu stellen, aber sie ist nicht destruktiv. In Anlehnung an das Bestreben der Fünfziger wird das Erzählen über ein Geschehen ersetzt durch das Schaffen eines Raumes für das Geschehen. Moderne niederländische Litera tur ist, wie die Poesie der Fünfziger, sehr sinnlich, körperlich. Grenzen werden nicht deutlich gezogen, sie scheinen, und das gilt sogar für den eher modernistischen, philosophierenden Autor Harry Mulisch, fortwährend ineinander zu verlaufen. Es ist kein Zu fall, und auch nicht nur eine bloße Folge allgemeiner Entwicklungen unserer Mediengesellschaft, dass in den Niederlanden zur Zeit Poesie wieder von 'performing poets' gesungen, gespielt, gemalt, gerappt wird. Es geht nicht nur bei den jüngsten Dichtern, sondern in der neueren niederländischen Literatur im Allgemeinen vor allem um den Raum, in dem das Geschehen nicht an erster Stelle nacherzählt, sondern als geschehend erfahrbar gemacht werden kann.

Aus diesem Grunde haben wir uns bei der Auswahl der SchriftstellerInnen, die alle, sei es durch Geburts- oder Wohnort oder durch ihre Thematik irgendeine Beziehung zu Amsterdam haben, nicht darauf fixiert, irgendein Bild von Amsterdam als Stadt zu präsentieren. Auf welches Amsterdam hätten wir uns konzentrieren sollen? Auf das Amsterdam des typischen Holländers Harry Mulisch etwa, der einmal scherzhaft von sich behauptete, dass er keinen Erfolg im Ausland brauchte, weil er in den Niederlanden schon lange weltberühmt sei, oder auf das Amsterdam des Marokkaners Mustafa Stitou? Amsterdam hat so viele Gesichter! Wenn wir gewollt hätten, hätten wir uns ausschließlich auf den Grachtengürtel konzentrieren können. Es gibt eine Reihe von Texten über die Welt der literarischen Verleger, die an den Grachten angesiedelt sind. Und wir hätten uns auch auf die AutorIn nen, die dort wohnen oder darüber schreiben, richten können - mit als prominentestem Vertreter wiederum Harry Mulisch. Sicherlich wäre dann auch der deutsche Schriftsteller Wolfgang Frommel, der während des Zweiten Weltkrieges an der Herengracht untergetaucht war, und die Rolle der niederländischen Verlage für die deutsche Literatur im Exil zur Sprache gekommen. Andererseits hätten wir uns auf Texte richten können, in denen der Zweite Weltkrieg eine Rolle spielt, denn das Thema des Zweiten Weltkrieges prägt noch immer das Bild der niederländischen Literatur. Dann wären wir wiederum nicht ohne Zitat aus dem Tagebuch der vielleicht immer noch bekanntesten 'niederländischen' Schriftstellerin Anne Frank ausgekommen. Und schließlich hat es uns auch gereizt, einmal ein schwarzes Bild von Amsterdam zu zeichnen. Einmal nicht das dynamische, kreative Amsterdam mit großer traditioneller Vergangenheit, einmal nicht das Amsterdam von Freiheit und Toleranz, sondern das kurzsichtige Amsterdam, das zum Beispiel Autoren wie den auch im deutschen Sprachraum bekannten Gerard Reve veranlasste, zu schreiben: 'Ich würde lieber sterben, als je noch in Amsterdam wohnen zu müssen'.

Aber, wie gesagt, bestimmte Themen, bestimmte Perspek tiven auf Amsterdam, sollten nur am Rande zur Sprache kommen. Uns ging es um die literarischen Qualitäten der präsentierten Texte, um den literarischen Raum und, im Sinne der Lichtungen, um die Art und Weise, wie die Autoren mit Grenzen umgehen.

Es gibt momentan keine großen Gruppen oder Richtungen in der Literatur aus den Niederlanden. Vielmehr scheint alles möglich. Aber in all der Unterschiedlichkeit vermögen wir doch einige gemeinsame Züge zu entdecken. Das Geschehene, das, was sich ereignet hat, rückt in der Literatur in den Niederlanden - und dies gilt auch für die niederländischsprachige Literatur aus Belgien (Flandern), die hier in Anbetracht des Schwerpunktes nicht zur Sprache kommt - immer mehr in den Hintergrund zugunsten des Erzählens selber. Es werden immer weniger klare Grenzen gezogen. Vielmehr steht der paradoxe Charakter der Gegensätze zentral, versucht man Grenzen aufscheinen zu lassen, indem man immer wieder neue Situationen, Unterschiede erzeugt.

Moderne niederländische AutorInnen zeigen die Wirklichkeit in ihrer Präsenz, als ein sich fortwährend änderndes Sein im Augenblick, das durch die Stimme des Autors erfahrbar gemacht wird. Was uns gezeigt wird, sind fortwährend ineinander und übereinander gleitende Facetten. Mit großer Empfindsamkeit und bemerkenswerter Sinnlichkeit lösen die modernen niederländischen AutorInnen scheinbar absolute Gegensätze auf. Dennoch halten sie uns einen klaren Spiegel vor. Weniger indem sie wie ihre Kollegen aus den sechziger Jahren anklagen, sondern indem sie immer wieder andere Grenzen aufzeigen, diesem Raum Körper und Atem verleihen und so die stumme Wirklichkeit zum Sprechen bringen.

Bei der Auswahl der AutorInnen haben wir uns von ihrer Bedeutung für die Literatur aus den Nieder landen und von ihrem Stellenwert im deutschen Sprach raum leiten lassen. Vertreten ist sowohl die ältere als auch die jüngere Generation; berücksichtigt wurden sowohl AutorInnen, die bereits im deutschen Sprach raum bekannt sind, als auch solche, die unserer Mei nung nach durchaus mehr Anerkennung im Ausland verdienen. Darüber hinaus haben wir danach getrachtet, dort wo dies möglich ist, auch Fäden nach Österreich und Deutschland zu knüpfen. Denn dort, wo in den Texten Beziehungen zum deutschen Sprachraum gelegt werden, scheinen Grenzen auf, auf die man hier besonders empfindsam reagiert. Diesen Genuss wollten wir den Lesern der Lichtungen nicht vorenthalten.

Einige Texte wurden extra für diese Ausgabe der Lichtungen übersetzt. Wir, Maria Elisabeth Weissen böck und ich, die dieses Schwerpunktheft 'Literatur aus Amsterdam' gemeinsam konzipiert und realisiert haben, danken den Übersetzerinnen für ihre Mitarbeit. Meinerseits möchte ich meiner Kollegin nicht nur für die Unterstützung danken, sondern auch dafür, dass sie keine Zeit und Mühe gescheut hat, die Qualität der neuen Übersetzungen zu fördern und zu verbessern.


"DIE POETIK DER GRENZE" (21. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik. Zum Abschluss des Projektes werden die Essays in einem Buch publiziert.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Oksana ZABUZHKO
DIE GABE DER MARGINALITÄT

I.
Auf allen Reisen, von Kindheit an, war mir stets fast am liebsten der Tag vor der Abreise. Der Tag des Packens, der Tag des Abschieds, bevor man endgültig die Behausung verließ, in der man ein Stück Leben durchlebt hatte, gleichgültig ob eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, ob es nun ein Hotelzimmer war, eine möblierte Mietwohnung oder der geborgte Komfort von Schriftstellerkolonien (housing & lodging provided), der kurze Halt, die beim Umblättern in der Luft hängende Seite, die melancholische Unterbrechung im zähen und kompakten Fluss der Lebenszeit, wie wenn unhörbare Musik eingeschaltet würde und du mit einem Telefonhörer dastündest, der endlos 'please don't hang up, we'll be right back with you' wiederholt, nur dass du, solange man dich nicht wieder mit dem ungehinderten Strom der Zeit verbindet (solange das zum Flughafen bestellte Taxi nicht kommt), noch aufräumen musst, noch ein ganzes form loses, bebendes Stück Leben, das unsichtbar wie eine Schneckenspur an diesen Wänden klebt, zusammenpacken und hineinstopfen musst… in die Koffer und Schubladen deiner Erinnerung; in diesen Minuten vibriert alles noch, wirken noch das schrille, nervöse Läuten des Telefons nach, Erinnerungen, die noch nicht erkaltet sind, chaotische, vor den Augen tanzende Bilder, Gesprächsfetzen, die wie Essensreste zwischen den Zähnen im Bewusstsein hängenbleiben, und das alles musst du jetzt umdrehen, in Ordung bringen, zusammenkratzen, die Dekorationen deines Lebens abnehmen und die Wände nackt und unpersönlich zurücklassen, bereit für den nächsten Gast, dem du auch schon durch gar nichts deine An wesen heit noch gestern zu erkennen geben wirst: Partir, hatte ein Franzose (aus der rein französischen Vor liebe, jedes Gefühl bis zur Konsistenz eines Aphoris mus auszutrocknen) bemerkt, c'est mourir un peu. Und das ist wahr, es ist tatsächlich so, jede Abreise ist im Grunde eine kleine Probe des Todes, mit einem Unterschied nur: der Tod - welcher Tod auch immer - gibt uns nie eine so barmherzige Gelegenheit, hinter uns aufzuräumen. Ein ganzes Leben mit demselben Maß ästhetischer Vollkommenheit (ich rede nicht von Sinnhaftigkeit!) zu sichten und zu ordnen, mit dem man dessen im Raum auf Tage und Monate verteilte Fragmente ordnen kann (das immerhin lässt sich machen!), ist ein Anspruch, der gewöhnlich die Kräfte des Menschen übersteigt.
Es bleibt nichts übrig, als sich mit Fragmenten zufrieden zu geben. Mit Proben.
Ich liebe die innere Unaufgeregtheit dieser Stunden (Kundera würde vermutlich sagen - lenteur), trotz ihrer augenscheinlichen Überfülltheit mit tausend Einzelheiten, die man gleichzeitig im Kopf behalten muss. Vielleicht liegt es an einer geänderten Optik in der Sicht der Dinge: Du bist noch "hier", noch in dieser Phase deines Lebens, betrachtest sie aber schon von der Seite, mit distanziertem Blick, in Kinozeit lupe - Tjutschew meint, "so blicken die Seelen von oben auf den Körper, den sie verlassen" - und wunderst dich wieder einmal, wie schnell du an jedem neuen Ort, als wärst du eine fest im Boden sitzende Weide, unzählige weitverzweigte Wurzeln aus eng verflochtenen Anlässen und Verpflichtungen schlägst. Den Fußboden bedeckt ein Papierwirbelwind aus Rechnungen, Adressen, Notizen, Ausweisen, ausgefüllten und unausgefüllten Formularen und wer weiß was noch allem. Vor deinen Augen liegt die sichtbar gemachte und ertastbare Faktur des in der Zwischen zeit - einer Woche, einem Monat oder einem Jahr - unmerklich gewebten Netzes sozialer Beziehungen, das dein Leben noch gestern in Schwung hielt; jetzt, wo du die Beine aus diesem Mycelium wickelst, dich diesem provisorischen Boden entreißt, um wieder einmal umgepflanzt zu werden, wirfst du die meisten Attribute deines Eingeschriebenseins ins "Hier-und-Jetzt" ohne Bedauern in den Mistkübel, bündelweise, wie dürres Laub, wie eine abgeworfene Schlangen haut, morgen brauchst du sie nicht mehr, nie mehr wirst du sie brauchen, mit dem Wechsel der Zeit- und Raumkoordinaten entweicht ihnen jeglicher Sinn, der Quittung aus der Putzerei, dem Metroplan, dem Exemplar einer Petition der lokalen "Grünen" (von dir ohne Zögern unterschrieben!), den Telefonnummern von Menschen, deren Namen dir in einem halben Jahr oder Jahr nichts mehr sagen werden, wenn du ungläubig auf ihre Visitkarten starren wirst: Wer war das doch?… Eine kleine Probe des Todes eben, ein Wunder mittel gegen deinen aufgeblasenen Stolz (der von unserer ganzen Zivilisation nach Kräften kultiviert wird!): man kann sich ja ohne weiteres vorstellen, wie jemand eines Tages - des Tages, an dem du unter keiner Nummer mehr erreichbar sein wirst, da du weder "hier" noch "dort" noch sonstwo unter diesem Himmel sein wirst - ebenso geschäftig langlebige Attribute deiner irdischen Existenz in den Mistkübel oder sonstwohin entsorgen wird: Mitschrif ten aus der Studienzeit, Liebesbriefe, Photos dir lieber Menschen (wobei dieser Jemand womöglich genauso verwundert einen Augenblick lang die Brauen hochziehen wird: Wer war das doch mal?)… Was wird also nach deinem Leben bleiben - und wird überhaupt etwas bleiben?
Solange du beharrlich inmitten des Stromes schwimmst, wie eine Robbe Luft holst und schnaubst, fehlt dir die elementare physische Kraft, um dich mit diesen Dingen aufzuhalten. Man kann sich nicht selbst an den Haaren in die Höhe ziehen. Man braucht den Halt, das Einhalten und Herausfallen aus dem Strom. Das Verweilen an der Grenze zwischen "Nicht-mehr-hier" und "Noch-nicht-dort". Diese Grenze aber, schmal und schwer erkennbar, wie es sich für eine Grenze gehört, muss man erst einmal fühlen, und nicht bloß überspringen.
Kurz gesagt: nötig ist die Gabe der Marginalität.

II.
Deutlich erinnere ich mich an den Augenblick meiner frühen Kindheit, als mich Papa mitten auf dem Krestschatik, der wichtigsten und lautesten Straße Kiews, auf die Schultern nahm, und es mir vor Überraschung den Atem verschlug, wie ich da, anstelle eines undurchdringlichen Waldes von Beinen, vor mir ein endloses - soweit das Auge reicht - Meer wogender menschlicher Köpfe erblickte. Aus dieser Position blicken die Diktatoren auf die Masse, nur gehen Diktatoren nie in der Masse auf, und werden sich daher ihrer selbst nicht als Einzelner unter vielen bewusst, während sich für mich Vierjährige durch diesen plötzlichen Bildwechsel die Menge aus einer gesichtslosen, von überall bedrängten und an der Fortbewegung gehinderten Gesamtheit von Körpern in einem einzigen Augenblick in etwas gänzlich Entgegengesetztes verwandelte, in "viele-viele-MENSCHEN", von denen jeder, wie auch wir mit Papa, irgendwohin eilte, seine Sorgen und sein nur ihm bekanntes Ziel hatte; dadurch, dass ich nur für einen Augenblick aus diesem Strom herausgenommen, herausgezogen wurde, hatte ich, noch bevor man mich wieder auf den Gehsteig, auf Knie- und Wadenhöhe absetzte, mit einer durchdringenden, abgrundtiefen Evidenz (einem Gefühl, das der Erschütterung durch die astronomische Idee der Unendlichkeit nahekommt), nein, nicht verstanden (das Alter, in dem der Intellekt erwacht, beginnt erst später), aber ein- für allemal gesehen: Die Welt ist nicht um mich als Mittelpunkt zentriert! - eine Entdeckung, die jedes "denkende Schilfrohr" früher oder später macht, ein erstes Rühren an eines der größten Weltgeheimnisse, das Geheimnis der Souveränität fremder Existenz.
Vielleicht (der Psychoanalytiker würde es für möglich halten) hat mich gerade diese erste, noch vor-bewuss te Erfahrung des Stehens (oder, genau gesagt, Sitzens) auf der Grenze - auf den väterlichen Schultern über den Köpfen der Menschenansammlung - für das ganze Leben mit dem unstillbaren Wunsch infiziert, festgefügte Lebenssituationen aufzubrechen. Hart näckig, auf Küken-Art, jedes schützende Ei aufzuhacken, und das mit einem einzigen meschuggenen Ziel: den Kopf nach draußen zu schieben. Etwas ähnliches kommt, so sagt man, unter Bergsteigern vor, oder denen, die im Krieg waren: Wer einmal den scharfen, narkotisierenden Trank der tödlichen Gefahr und der sie begleitenden blitzschnellen Anspannung aller inneren Reserven gekostet hat, spürt nicht mehr den Geschmack eines ausgeglichenen, normal-sicheren Lebens. Es schmeckt ihm zu fade, und so quält er
sich und sehnt sich insgeheim nach einer neuen Ration Drogen.
Meine "Droge" war, wie sich zeigen sollte, um nichts weniger kräftig. Mit dem noch unbewussten und unverständigen Instinkt hatte ich etwas erfasst, was dann Jahrzehnte an Bildung und Berge an gelesenen Büchern bestätigten: Nur die Grenze, der schmale Zwischenraum zwischen "hier" und "dort", kann eine "andere Sicht" bringen, eine vielleicht kurze und vorübergehende, aber doch Annäherung an das verborgene Wesen der von ihr umgrenzten Dinge.
Offenbar könnte man gerade hier das Erwachen eines literarischen Bewusstseins sehen.

III.
Literatur ist ihrer Natur nach ein Agieren an Grenzen: Wie einer von den Russen treffend bemerkt hat, ist die Gabe des Schriftstellers die Gabe, aus dem Leben herauszufallen und dabei die Erinnerung daran zu bewahren. Sozusagen die Gabe der Selbstmarginalisierung, des Sich-Versetzens an den unbedruckten Rand, außerhalb der Klammern, die die Realität des Hier-und-Jetzt umschließen, um sie "von außen", "von der Seite" mit ästhetisch-formbildendem Blick zu erfassen und in Worte zu "packen" (eine Haltung, die in ihrem Anspruch nicht einmal sosehr als diktatorisch denn, mehr noch, als demiurgisch gelten kann, sodass sich das historische Misstrauen aller Diktatoren der Profession des Schriftstellers gegenüber verstehen lässt: noch der allerloyalste Schriftsteller untergräbt die soziale Hierarchie allein dadurch, dass er mit jedem Akt des Schreibens über sie hinausstrebt). Den Mechanismus dieses Herausfallens, dieses Hinaus tretens "über die Grenzen" muss jeder Autor von neuem für sich selbst erfinden, die Erfahrungen der Vorgänger sind hier unbrauchbar, geben bestenfalls den bescheidenen Trost, dass es immer schon so war… Alle Schriftstellerbiographien, und wenn sie äußerlich noch so wohlgeordnet verlaufen, demonstrieren, in offener oder latenter Form, eine mehr oder minder starke Spannung, den Konflikt zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Modi des Seins, zwischen dem, wie man das Leben lebt, und dem, wie man darüber schreibt. Mir scheint, die letzten, die ehrlich an die Versöhnbarkeit dieser Modi glaubten, an die Möglichkeit, das Leben den "Grenzgesetzen" des Schreibens unterzuordnen, indem man es selbst in eine Art Kunstwerk per se transformiert, waren die europäischen Schriftsteller der frühen Moderne, all diese armen Poètes maudits, die bekanntlich ihre Illusion ziemlich teuer bezahlen mussten, vereinfacht gesagt, mit missglücktem Leben.
Im seither vergangenen Jahrhundert haben die Illusionen (oder muss man sagen: der Glaube?) abgenommen, dafür hat der Zynismus (sollte man sagen: gesunde Zynismus?) zugenommen. Die Massen gesellschaft mit ihrem wahrlich barbarischen Drang zur Einebnung aller und jeglicher Grenzen und Abgrenzungen, hat alles daran gesetzt, den ewigen Antagonismus zwischen Leben und Schreiben auf die brutalste und zugleich wirksamste Weise niederzutrampeln: durch seine Entäußerung zur Ware, d.h. indem sie diesen Antagonismus selbst zu einer Ware mit einem bestimmten Marktwert macht. Kommer zielle Autoren haben es heute gelernt, aus der eigenen Biographie wie aus einem Kunstwerk Profit zu schlagen, und jede Menge Klappentexte von Bestsellern borden über von Werbebotschaften, die in der Epoche des Fin de siècle noch völlig undenkbar waren: "Erica Jong lebt ein Leben voller Risiken", "Das Leben von Danielle Steel ist noch packender als jeder ihrer Liebesromane" (was für ein Kompliment, nebenbei bemerkt!) ... Die Grenze, von der aus der Schrift steller das Leben (und sei es sein eigenes!) betrachtet, ist selbst zum Objekt des Voyeurismus geworden, zu einem Ausflugsort. Die Amerikanerin Susanna Kaisen, Verfasserin der zum Riesenerfolg gewordenen autobiographischen Erzählung "Girl, Inter rupted", einer scharfsichtigen und einfühlsamen künstlerischen Untersuchung der geschlossenen Welt einer psychiatrischen Klinik, beklagt sich, dass sie bei Begegnungen mit Lesern seit Jahren jedes Mal ein und dieselbe idiotische Frage beantworten muss: "Do you feel better now?" Eigentlich ist die Frage aber gar nicht so idiotisch: während die Intention jedes ernsten Schriftstellers darin besteht, die Grenzen der von der Kultur verarbeiteten individuellen menschlichen Erfahrung zu erweitern, indem er Verschwiegenes oder Nicht-zu-Ende-Gesagtes zur Sprache bringt, ist die Intention der Massengesellschaft (die schließlich die Produktion eines Massenindividuums anstrebt) geradezu konträr: Neues wird zurück in den Rahmen des Bekannten gepresst, und dem Käufer wird signalisiert, dass nichts passiert ist, alles seinen angestammten Platz (auf den angestammten Regalen…) bewahrt. Nicht jeder kann einen Roman schreiben (was an und für sich schon Unruhe provoziert, wie jede Ausnah me erscheinung!), jeder aber - wenn er sehr, sehr will - kann ein oder zwei Monate in einer psychiatrischen Klinik verbringen oder im Laufe des Lebens ein halbes Dutzend Ehemänner (Ehefrauen) wechseln. Man braucht dann nur mehr das Schreiben eines Romans zur direkten Funktion eines derart "riskanten Lebens" zu erklären, und die Sache ist geritzt, die Grenze gezähmt. Man kauft sich seine Ein trittskarte und spaziert auf dieser Grenze im Gefühl vollkommener Sicherheit herum, sieht sich auf Tou ristenart die Ge gend an, und klopft dem zur Sig nier stunde engagierten Opfer des eigenen Erfolgs auf die Schulter: Na, Freund, wie geht´s denn so, do you feel better now? Wie es aussieht, ist das einzige Mittel, sich vor solch erzwungener "Demarginalisierung" zu schützen, "auf intellektuell zu machen" und sich im Gehege eines Universitätslehrstuhls zu verkriechen. Da kann man wenigstens, wie Milorad Pavic´, rausbrüllen: Ich habe keine Biographie, ich habe nur eine Bibliographie, - worauf der enttäuschte Besucher strom die vorbereiteten Bananen wieder in die Taschen steckt….
Intellektueller an einer Universität oder touristisches Exponat. Tertium non datur (dabei ist es gar nicht so lange her, höchstens vierzig, fünfzig Jahre, dass Schreiben einen eigenen, selbstständigen Status bedeutete, und nicht unbedingt den Status eines Professors oder Showstars…). Beide genannten sozialen Ni schen, die von der modernen Gesellschaft für den Schriftsteller fürsorglich und - ja, ja, meine Herr schaften! - nicht ohne eine gewisse Dosis Komfort eingerichtet wurden, sind im Prinzip durch und durch respektabel und nicht ganz so "marginal", wie dies auf allen Kontinenten vom vielstimmig-vielsprachigen Chor der Autoren einmütig bejammert wird, ob sie nun Erfolg haben, weniger Erfolg oder gar keinen Erfolg, sodass man sie gerne fragen möchte, warum sie dauernd was drückt, wenn`s doch mit Stipendien und ähnlichem nicht mehr so schlecht auszusehen scheint?… Sie treiben sich in allen Weltgegenden mit Auftritten herum, wetzen die Hosenböden in diversen Künstlerkolonien durch, genehmigen sich das eine oder andere Gläschen auf verschiedenen Foren und Konferenzen, bellen dabei, was das Zeug hält, Verleger, Kritiker und Agenten an, und jammern, und jammern… Man könnte sie dem Lebensstil nach für dieselben Kleinbürger halten, nur ohne die übliche
bürgerliche Selbstzufriedenheit, aber doch weinerlich, rastlos irgendwie…
Versuchte man, alle Einsprüche von Schriftstellern, den heutigen Status der Literatur betreffend, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen (eine entsprechende soziologische Studie könnte man sich doch vorstellen?), so, vermute ich, fände man im Grunde immer denselben Vorwurf, nein, nicht Vorwurf, sondern immer denselben tödlichen Schrecken! An der Schwelle des XXI. Jahrhunderts hat sich unsere Zivilisation endgültig von der geistigen Erfahrung verabschiedet, die das Wesen der schriftstellerischen Bestimmung ausmacht, dem Blick auf sich selbst von der Seite, aus dem "Grenzgebiet". Eine "Erweiterung der Grenzen" wird gar nicht sosehr verboten, sie wird gezügelt oder ignoriert ("Vorsicht, Literatur", scherzen Verleger, wenn sie unter der Masse mehr oder minder professionell-solider Manuskripte etwas radikal Neues wittern, etwas, das nicht "nach den Regeln" geschrieben wurde; nach haargenau diesem Prinzip funktionierte übrigens auch die totalitäre Zensur). Als ob die Menschheit das schon von den antiken Autoren aufgeworfenen Thema "Erkenne dich selbst" einfach abgeschlossen hätte. Man lässt sich heutzutage ja vieles bieten, aber Selbsterkenntnis….? Nein, damit reicht es, nein, mehr davon ist nicht notwendig, runter mit dem Schlagbaum, danke für die Bemühungen.
... Offenbar liegt es daran, dass die Menschheit dicht an jener Grenze angelangt ist, hinter der es keine Menschheit mehr gibt - und keiner weiß, ob es da überhaupt etwas gibt und überhaupt etwas bleiben wird außer kosmischer Finsternis. Und auf einer derartigen Grenze leben kann man wirklich nur mit fest geschlossenen Augen.

IV.
In einem älteren Krimi von Muriel Spark erhalten Personen, die untereinander in keinerlei Verbindung zu stehen scheinen, ein und denselben anonymen Telefonanruf. Eine unbekannte Männerstimme spricht höflich ein und denselben Satz: "Remember you must die". Jeder reagiert darauf auf seine Weise: einer ruft die Polizei an, ein anderer engagiert einen Privat detektiv, und wieder ein anderer beschließt, sich durch Flucht zu retten, und nur eine launenhafte (und überhaupt ziemlich unsympathische) Alte nimmt das Gespräch, statt erschrocken den Hörer hinzuwerfen, in nicht weniger verbindlichem Ton angeregt auf: Herzlichen Dank für die freundliche Erinnerung, wenn Sie aber nur deswegen angerufen haben, so hätten Sie sich die Mühe nicht machen müssen, denn eigentlich, lieber Herr, habe ich das nie vergessen, insbesondere in den letzten dreißig Jahren, wo mich dieser Gedanke häufig besucht hat… "Ich freue mich, das zu hören", lässt sich der anonyme Anrufer nicht aus der Fasson bringen (oh, dieser britische Takt!). - Geistreich. Und symbolisch, denn die mutige Oma war in der Vergangenheit eine bekannte Schrift stellerin; eine Lösung, die von der Autorin psychologisch untadelig präzis getroffen wurde. Denn wer, wenn nicht der Schriftsteller mit seiner Gabe der Marginalität, seiner ewigen Pendelschwingung über die Grenzen des Ausgetreten-Gewohnten hinaus, könn te mit einem derart unmittelbaren Gefühl für das Verblassen und die Endlichkeit alles Lebenden, des eigenen Seins eingeschlossen, begabt sein, wodurch das bedrohliche Memento mori für ihn nichts Be drohendes an sich hat, sondern die natürlichste Sache der Welt ist? (Das Bedürfnis zu schreiben entspringt nicht zuletzt diesem intensiven Erleben des Ver blassens des Lebens; Schreiben, um dem unerbittlichen Strom des Vergehens etwas zu entreißen, "das Leben" dessen zu "verlängern", worüber man schreibt…).
Wenn man diese Metapher weiterführt, so kommt in der heutigen Zivilisation dem Schriftsteller eben diese wenig dankbare Rolle des anonymen Anrufers zu, der beim Publikum hartnäckig anklingelt, um ihm wenig taktvoll die Nachricht zu Ohr zu bringen. Der Inhalt der Nachricht ist nur für Menschen wie ihn selbst wirklich verständlich (Ähnliches behauptete Octavio Paz, als er erklärte, nur der Dichter wäre fähig, Dichtung wirklich zu begreifen. Genau darum geht es…). Der Rest legt, ohne lange zu überlegen, den Hörer gleich auf. Die Literatur ist zu einem großen grenzüberschreitenden Reservat geworden.

V.
Ich will sagen, die Frage, wie auf der Grenze leben, ist heute ganz und gar nicht das existenzielle Problem "verfluchter Dichter" und sonstiger devianter Indivi duen. Alle sind wir heute auf diesem Planeten "Marginale", Rand- und Grenzbewohner, ausnahmslos alle, und nicht bloß die dreihundert Millionen Kriegsflüchtlinge und wer weiß wie vielen hundert Millionen Emigranten, und nicht bloß die Völker jener Länder, die sich - zu Recht oder nicht, spielt hier keine Rolle - an den Rand der Geschichte gedrängt fühlen, obwohl sie zahlenmäßig die Mehrheit bilden (schließlich wurde im XX. Jahrhundert die Teilung der Geschichte in einen "Mainstream" und eine "Peripherie" endgültig überwunden, wovon wir uns am 11. September 2001 überzeugen konnten, als vor unseren Augen mit megatonnenschwerer, apokalyptischer Überzeugungskraft der alte Hegelsche Mythos von den "historischen" und "nicht-historischen" Völ kern in Flammen aufging und zerbrach). Wir sind Grenzbewohner allein aufgrund der Tatsache unserer Artenzugehörigkeit zum Homo sapiens, dem großen Marginalen, dem freiwillig aus Mutter Natur Ver triebenen. Jahrhunderte lang nagte er fleißig an der Nabelschnur, die ihn mit ihr verband. Es bleibt fast nichts mehr, buchstäblich ein dünner Faden, ein paar lächerliche Fasern. Noch trägt uns die Erde, sichtlich aber nur mit größter Mühe, mit enormem, und ständig wachsendem Widerwillen.
Wie man damit leben kann, nicht so tun, sondern wirklich leben, in der alles durchdringenden, kathartischen Spannung von Schönheit und Schmerz, im Licht des erkennenden Verstehens, das uns wie ein Tränenschleier blendet - das hat die Literatur geprobt, Jahrhunderte lang. Genau diese "Grenzerfahrung". Woher, wenn nicht von da, soll sich die Menschheit diese Erfahrung holen?
Es besteht also die Hoffnung, dass man den anony men Anrufer hören wird.
Please don´t hang up.

VI.
Angst vor der Grenze: so, glaube ich, lässt sich das kulturelle Hauptproblem bezeichnen, das wir von den vorangegangenen Jahrtausenden geerbt haben. Daher unsere hartnäckige Weigerung, die Grenze zu bemerken, auch wenn wir darauf schon stehen, auch wenn wir darauf den Boden unter den Füßen verlieren…
Eine atavistische, tierische, urmenschliche Angst zwingt uns in die Mitte, hinein in die Masse, wo es warm ist von den Körpern und vom Atem der Menge, wo wir von allen Seiten geschützt sind. Nur zu irgendwas Beständigem dazugehören! Bloß, es ist zu spät: alles ist ins Wanken geraten, nicht nur Mauern, die so unerschütterlich schienen, erzittern, auch der Boden unter unseren Füßen selbst, und heute gibt es wohl kein Land, das nicht über eine "Identitätskrise" (das erste Symptom einer globalen Marginalisierung!) klagt.
Eine mythologische, heidnische Angst - vor der Schwelle, vor der Wegkreuzung: das Auge zusammengekniffen, den Kragen aufgestellt, dreimal über die Schulter gespuckt, und dann darübergesprungen, ohne sich umzublicken (gerade an Wegkreuzungen treibt sich der böse Geist herum!), und nur ja nichts jemandem über eine Türschwelle hinweg reichen (ein Aberglaube, der bis heute bei allen Slawen existiert)! Angst vor der Offenheit, den Luftzügen und Stürmen von Natur und Geschichte…
Zu spät, zu spät, man kann sich nicht in Sicherheit bringen, nicht in Deckung gehen. Wie auch? Das ganze letzte Jahrhundert lang fielen die Imperien, änderten sich mit kaleidoskopischer Geschwindigkeit die Landkarten, purzelten die alten Werte, Menschen massen wurden von ihren angestammten Orten aufgescheucht und über die Erdteile getrieben wie Staub wolken - wer sind wir, woher kommen wir, und wohin gehen wir?… Weiß der Teufel! (NB: ist es nicht derselbe, der an den Wegkreuzungen wohnt?…)
Das Jahrhundert der ins Wanken geratenen Grenzen. Erst im Rückblick (du schaust doch zurück, wenn auch erst nach dreimaligem Spucken!) entdeckst du, wieviel hirnverbranntes Glück du hattest. Nicht allein deswegen, weil du es geschafft hast, nicht nur da ge bo ren zu werden, sondern trotzdem überlebt zu haben (wogegen sich die Geschichte, die sich als "Main stream" verstand, aktiv stemmte: deine Eltern hätten als Kinder auf den Feldern des 2.Weltkriegs umkommen, später im GULAG spurlos verschwinden können, wie dies mit vielen Gleichaltrigen, Kameraden vom Gymnasium und der Universität, schließlich mit gut der Hälfte unserer Familie geschehen ist!). Nicht einmal darum geht es. Wesentlich ist, dass du von Anfang an von dieser Angst vor der Grenze frei warst. Die Umstände deiner Geburt selbst ließen dich die Grenze liebgewinnen.

VII.
Sogar für osteuropäische Verhältnisse könnte mein kompletter "kultureller Personalausweis" durch die vielen klaffenden Auslassungen und Fragezeichen Eindruck machen. Muss ich erwähnen, dass ich in einer der Provinzen jenes grandiosen eurasischen Imperiums geboren wurde, das anstelle eines Namens eine drachenhaft zischende Abkürzung trug, und das 1991 seine Existenz beendete? Ich identifizierte mich aber nie mit diesem Land: mein Leben lang werde ich nicht vergessen, wie ich 1990 im damals noch nicht zerbombten Dubrovnik der Hotelrezeptionistin meinen Pass mit den vier Drachenlettern hinstreckte, wie ihr Gesicht voll Widerwillen erstarrte, als hätte ich ihr eine lebende Kröte hingehalten. Ich aber wusste nicht, wie ich dieser Frau hätte sagen können, wie sehr ich ihr Gefühl teile, und wie ich mich in ihren Augen von diesem Pass hätte distanzieren können, in dessen Mitte - daran war nicht zu rütteln - mein Photo prangte; als hätte man einen Juden gezwungen, Naziuni form zu tragen… Es fällt mir leichter zu sagen, dass ich in einem Land geboren bin, das es bis 1991 auf der Landkarte nicht gab, in einem nicht-existierenden Land, das auch 12 Jahre nach seiner "Ausarbeitung" auf dem Photofilm der Politk offenbar noch immer nicht völlig von der Realität der eigenen Existenz überzeugt ist. Auch kein Wunder, wo es doch schon sein erstmals im Jahr 1187 in einer Chronik fixierter Name seit nun schon fast 1000 Jahren mit dem untilgbaren Mal der Marginalität brandmarkt: "Ukrajina" bedeutet "rundherum zurückgestutzt" (beschnitten), ein abgeschnittenes Territorium, anders gesagt, ein "Land an der Grenze". Borderland. Wozwischen? Nun, in neuerer Zeit zwischen Russland und Polen… Oder vielleicht, genauer gesagt, zwischen dem Russi schen Reich und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie? Sollte man aber, um sich in dem Gewirr nicht zu verfangen, nicht lieber im Mittelalter beginnen? Zwischen Konstantinopel und Rom also? Einer unserer letzten Monarchen, Fürst Danilo von Galizien, erhielt denn auch die Königskrone aus den Händen des päpstlichen Nuntius, während das Land orthodox blieb, und zwar bis ins XVI. Jahrhundert praktisch uneingeschränkt. Dann entstand jene christliche Kirche, die wohl von allen am stärksten "Grenzkirche" ist: die griechisch-katholische. Römi sche Jurisdiktion, griechischer Ritus, doch nur im Westen des Landes schlug sie tiefe Wurzeln... Oder geht es vielleicht eher um die Grenze zwischen Europa und dem "wilden Feld", von dem einst die Steppenbewohner einfielen, und später die Türken? Letztere hinterließen uns, außer den von ukrainischen Männern getragenen Pluderhosen und einem einzigartigen 30-saitigen Instrument, der Bandura (die einem zu groß geratenen türkischen verwandten Instrument verdächtig ähnlich sieht), etwas für die nationale Identität noch Wesentlicheres: ihre Einfälle führten zur Entstehung einer "Widerstandsarmee" an der Gren ze, der Zaporozver Sicv, die innerhalb von 100 Jahren zu einer der größten Armeen Europas wurde, und aus deren Reihen der historisch letzte europäische Ritterorden hervorging, die Zaporozver Kosaken. Als letzte im Europa der Reformation entstanden auch die von ihnen gegründeten Universitäten und anderen öffentlichen Institutionen, bis hin zum nie umgesetzten Entwurf einer Verfassung (vom Beginn des XVIII. Jahrhunderts) ... Nicht Europa (eher schon "Fast-Europa"), aber auch nicht Orient, das eigentlich macht das Grenzland aus, als dessen vollkommenes Symbol ein außerordentliches Bauwerk in der Stadt Kamenez-Podolski gelten kann: eine Kirche mit angebautem Minarett, auf dessen Spitze eine von den Jesuiten nach der Vertreibung der Türken aufgestellte Marien statue in den Himmel ragt. Dabei wirkt dieses vielschichtige "architektonische Palimpsest" in der Landschaft dort überhaupt nicht eklektisch…
Einer der letzten - bevor die Ukraine vom Russischen Reich geschluckt wurde - ukrainischen Hetmane und letzten "Helden" unserer Barockkultur, Ivan Mazepa, betätigte sich unter anderem als Dichter. Von ihm stammt der Text des endlos klagenden Volkslieds von der Möwe, die ihre "Möwenjungen neben der offenen Landstraße ausbrütete". Bekanntlich verscheuchten die Passanten jedesmal die Möwe und nahmen die Jungen als Mahlzeit mit. Eine typisch barocke Alle gorie, doch schwebt diese Möwe von daher seit nunmehr dreihundert Jahren "neben der offenen Land straße" als nationaler Archetyp durch die ukrainische Kultur: neben der Straße, also am Straßenrand, an genau der Grenze, an der man sich nicht verbergen kann, die allen Winden offensteht. Ein Wort - Border land - als einzige sichere Grundlage der Identität. Wenn mich Anfang der Neunzigerjahre Ausländer fragten: "Where are you from?", und ich zur Antwort gab: "Ukraine", so war die nächste Frage gewöhnlich: "Where is that?". Und da half mir die Universalformel "Between Poland and Russia". Das verstanden alle. Ich bin nicht sicher, ob es viele Länder auf der Welt gibt, die sich selbst mit Hilfe eines "between" definieren….
Und die Sprache? Hier wenigstens müsste doch alles klar sein. Ja, die Sprache ist Ukrainisch. Die Sprache ist doch der Identifikationscode einer Kultur, das Haus des Seins (danke, Dr. Heidegger, für das passende Etikett). Wo aber Schutz finden in einem Haus mit löchrigem Dach und halb eingestürzten Mauern? Die Sprache, die bis 1991 zu den vom Aussterben bedrohten (im sowjetischen Newspeak "perspektivlosen") gehörte, war für den Gebrauch als Kultursprache im Russischen Reich offiziell, in der UdSSR halboffiziell verboten: gerade ihre Pflege galt als Zeichen politischer Unzuverlässigkeit, wodurch zum Zeitpunkt des Zu sammenbruchs des sowjetischen Imperiums die überwiegende Mehrzahl der ukrainischen Städte schon in der zweiten Generation nicht mehr Ukrai nisch, und auch nicht Russisch sprach, sondern sogenanntes "Surschik", eine Halbblutsprache, etwas Mittleres zwischen beiden (schon wieder dieses "zwischen"!). "Richtiges" Russisch im Mund eines Spre chers diente genauso unmittelbar und unwiderlegbar als "kultureller Pass" wie "richtiges" Ukrainisch. Meine Schulbildung erhielt ich in der einen Sprache, zu Hause lehrten mich die Eltern konsequent und mit der Hartnäckigkeit der Urchristen in den Katakomben die andere, während die Sprache, in der es in den Kiewer Straßen rund um mich toste, brodelte und schmatzte, Surschik war. (Am sonderbarsten ist, dass ich gerade Surschik nicht erlernte, obwohl das die wenigste Mühe gekostet hätte; offenbar funktioniert das Trägheitsgesetz in der Sphäre des Geistes nicht, wie vielleicht auch nicht die anderen physikalischen Gesetze). Sucht man Orientierung im Erbe der Vergangenheit, so verliert man endgültig die Übersicht. Es genügt, ein wenig in den letzten Jahrhun derten herumzustochern. Gogol, zum Beispiel: alles weist auf einen ukrainischen Schriftsteller hin, nur geschrieben hat er Russisch, und was für ein Russisch… Ganz zu schweigen von den früheren Jahrhunderten, dem XVI. und XVII., wo die meisten Autoren, wenn nicht Latein oder Kirchenslawisch, so Polnisch schrieben (und wenn doch einmal "nach der Weise des Volkes", dann nur einzelne Fragmente, bei seltenen Gelegenheiten). Erst nach 1840 ändert sich die Lage, ab dem Erscheinen von Schewtschenkos "Kobsar"; da aber weder Schewtschenko noch unsere späteren Klassiker je in vollwertigen Übersetzungen erschienen sind und daher nie Teil des kulturellen Schatzes der Menschheit wurden, lässt sich das schizophrene Gefühl schwer abschütteln, dass deine Literatur ebenso "inexistent" ist, wie es bis 1991 dein Land war….
Je zahlreicher die unbeantworteten Fragen werden, je drängender, je mehr sie sich gegenseitig überlagern, desto mehr summieren sie sich zu einer einzigen, zentralen Frage: Was lässt sich aus dieser vorprogrammierten Erfahrung des Marginalen machen - außer "Möwenkomplexen"?
Meine Antwort lautet: die Fähigkeit, Mauern zu durchdringen.
Die dichten und undurchdringlichen Mauern fremder souveräner Existenz.

VIII.
Erst im reifen Alter gelang es mir, die Vorteile meines ukrainischen "Grenzgängertums" gebührend zu schätzen. Dadurch erst war ich von klein an im Besitz der Eintrittskarten zu zwei "benachbarten" Kulturen, zur russischen wie zur polnischen (in meinem Empfinden sind sie bis heute Cousinen), ebenso wie zur im Verschwinden begriffenen Subkultur des osteuropäischen Judentums (alle drei finden ihren ausdrücklichen Widerhall in der ukrainischen Kultur, was ihr den besonders dichten Geschmack verleiht, wie bei einem kräftigen Borschtsch, in den man an Ingredienzien alles, was man bei der Hand hatte, hineintat). Dabei geht es nicht allein um die Fähigkeit, Gombrowicz und Milosz, oder Dostojewskij und Zwetajewa, im Original zu lesen. Selbst wenn ich Singer in englischer Übersetzung lese, fange ich mit dem Gedächtnis meines "Geschlechts" wie durch einen Traum oder nostalgischen Nebel, von dem im Bewusstsein die Landschaften der frühen Kindheit umhüllt sind, den fernen Widerschein verschwommener Familienlegenden auf, staubbedeckter altmodischer Interieurs, gepackter Reisekoffer, unter dem Regen sauer gewordener Schwarzerde - Masowiens? Wolhyniens? Podoliens?- , über die ein altes jüdisches Fuhrwerk dahinzockelt, das seinen Fahrgast zum Studium in die Stadt - Warschau? Wilnius? Dorpat? - bringt, vielleicht den Erzähler, vielleicht den jungen Schewtschenko, vielleicht auch meinen achtzehnjährigen Großvater… Im Lesen erkenne ich nicht nur, ich erkenne wieder. Diese kulturellen Codes sind sozusagen genetisch in mir angelegt, sie zu knacken, erfordert keinen "Dietrich". Und nicht nur diese.
Als ich im Metropolitan Museum zum ersten Mal in den Sälen mit türkischer Keramik aus dem XV. und XVI. Jahrhundert stand, war ich für einen Augenblick sprachlos: ausgestellt waren beinahe typische ukrainische Kacheln, von der Sorte, wie man sie in abgelegenen Dörfern bis heute zur Verzierung der Öfen benutzt. Nur die farbliche Zusammenstellung hatte sich geändert, nach Art eines musikalischen Werks, das in eine andere Tonart transponiert, oder eines dichterischen Werks, das in eine andere Sprache übersetzt wurde…. Als "Nation von Bauern und Übersetzern" hatte einer unserer Klassiker des vergangenen Jahrhunderts die ukrainische Identität bestimmt. "Übersetzung" aber ist die kompakte kulturelle Formel für Grenzräume. Die Grenze ist ja nicht einfach ein leerer Zwischenraum, auch nicht unbedingt eine Frontlinie, sie kann Ort der Begegnung sein, Ort des Verstehens, Ort, an dem die "Fremdheit" des Fremden sich auflöst, nichtig wird, indem sie verdaut und zu "Eigenem" gemacht wird.
Mein Grenzraum hat mich großzügig, ja im Übermaß, mit einem reichen Vorrat "kultureller Codes" ausgestattet, mit Schlüsseln zu einem ganzen Korridor von Türen, vom Mittelmeer bis zur Ostsee. Wie hat doch Gogol das beschrieben "…und plötzlich sah man weit, in alle Himmelsrichtungen"? Nicht in alle natürlich, da war er leicht größenwahnsinnig, aber der Beobachtungspunkt stimmt genau: es ist der Blick von der Grenze.
"Ich bin auf diese Welt gekommen, nicht um zu lachen oder zu weinen, sondern um zu verstehen…", so Spinoza, noch ein Grenzgänger, bloß kühl, distanziert, wässrig-regnerisch: nördlich. Ich dagegen bin Südländerin, ein Kind lebhafter, sonnensatter Farbtöne und der fettesten Böden Europas: Ich bin gekommen, um zu verstehen - und dabei weine ich und lache.
Diese Erbschaft konnte die totalitäre Schule mir nicht wegnehmen, auch der "McDonalds-Diktatur" wird dies - abergläubisch klopfe ich auf Holz - nicht gelingen. Ich treibe mich in meinen Korridoren an der Grenze umher, wie das Schlossgespenst, das in allen verfallenen ukrainischen Schlössern haust, klappere mit den Schlüsseln, werfe einen Blick durch die eine oder andere Tür, und schmunzle, immer noch ungläubig angesichts meines Reichtums. Die Türen stehen weit offen, und die Luftböen stoßen aus allen Richtungen. Und man sieht weit - viel weiter, als ein einzelnes Menschenleben aufzunehmen fähig ist.


IX.
Es ist lange her, zwanzig Jahre, als ich einmal im Morgengrauen bei pochendem Regen erwachte, wie man nur in der Jugend erwacht, grundlos, vom Überbrodeln der Kräfte, vom unruhig-freudigen Tosen des Lebens im ganzen Körper, und wie von selbst entstand ein Gedicht mit dem Titel "Kein Flugwetter", über einen verschobenen Flug, über das Schweben an der Grenze zwischen "Hier" und "Dort", während aus dem Blatt Papier langsam die Minuten tropfen und eine unmerklich eingeschaltete Musik rauscht: please don`t hang up, we`ll be right back with you - doch bis du mit dem unterbrochenen Fluss der Zeit wieder verbunden bist, hast du Gelegenheit, mit dir allein zu sein, Atem zu holen, und da kommen dir die Worte, jene Worte, die (wie dein Name auf der beschlagenen Fensterscheibe) bleiben, wenn du abgeflogen sein wirst.
Später wollte ich meinen ersten Gedichtband so nennen: "Kein Flugwetter" (das Fallen hinter die Grenze als einzig mögliche Zeit, einzig möglichen Ort der dichterischen Sprache). Aber der Titel "ging nicht durch", der Verlagslektor schlug erschrocken die Hän de zusammen (das war noch zu Sowjetzeiten, und die Zensur funktionierte mit dem blinden Eifer einer verrückt gewordenen Maschinerie): was fällt dir ein, was sollen diese Anspielungen, in unserem Land kann es nur Flugwetter geben!…. Heute wird dieselbe "message" wie toll in jedem Fernsehkanal abgespult, in den Flughäfen sticht der Horror einflößende Slogan der Financial Times ins Auge: "You can be at fifty places at once!" (klingt beinahe wie eine Periphra-
se des ukrainischen Fluches: "Zerreißen soll´s ! …"). Mit einem Wort: vorwärts, vorwärts, nur keinen Halt, nur nicht zurückschauen! - so treibt die be gleitende Wachmannschaft den Transport der Lagerhäftlinge an, wir sind heute unsere eigene Wachmannschaft….
Ich liebe die Grenze auch deswegen, weil es keine Wachmannschaften gibt.
…Die Koffer sind eingecheckt, die Zoll- und Passkontrolle ist durchschritten. Im Wartesaal wähle ich einen Platz beim Fenster, genauer, bei der Glaswand, hinter der sich das bis an den Horizont reichende Flugfeld auftut und von wo man sieht, wie in der Ferne ein Flugzeug, nachdem es auf der Startbahn Schwung geholt hat, die Nase keck hochzieht und abhebt, fast wie ein Spielzeug, schutzlos, wenn man an die einigen Hundert Menschenseelen denkt, die darin sitzen… Gott behüte dieses Flugzeug, murmle ich, während ich einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus der Tasche hole und mir auf die Knie lege. Neben mir knallt jemand seinen schweren Mantel hin, auf der anderen Seite lässt sich jemand in den Sitz neben mir fallen, das sonnenbeschienene Viereck ist (als ich nach einiger Zeit den Kopf vom Notizblock hebe) über den Boden weitergewandert und hat meine Schuhspitzen erreicht. Laut rasselt ein Gepäckwägelchen vorbei, es riecht nach Kaffee, und nach dem eklig-süßlichen Duft aller Flughäfen (Desodorant für die Fußböden?), der schon lange die Vorstellung gespannter Rastlosigkeit hervorruft. Vor zwanzig Jahren kannte ich das alles nicht, ich erriet es nur, sah durch eine Spalte in die für einen Augenblick geöffnete Zukunft, wie man nur das eigene Schicksal voraussehen kann.
Natürlich werde ich es nicht schaffen, hier etwas zu sagen, etwas Stimmiges auszudrücken, einzelne Fetzen nur, Fragmente…
Als ich den Kopf wieder hebe, scheint mir die Sonne schon direkt ins Gesicht. Über mir schwebt, im starken Lichtschein ganz verschwommen, eine Silhouette - ist es ein Mann? eine Frau? - angetan mit einer Uniformmütze, die goldenen Flügel - am Ärmelaufschlag? - deutlich erkennbar. Ist es ein täuschender Lichteffekt, dass sie aussehen, als ob sie durch den Körper hindurchwüchsen? Was ist los? Hab' ich mein Flugzeug versäumt?…
Der seltsame Steward wackelt beruhigend mit dem Kopf (sein Gesicht kann ich nicht sehen): "Machen Sie weiter", sagt er (in tadellosestem Ukrainisch), "nur weiter".

Graz, 13. - 23. November 2002

Aus dem Ukrainischen von Harald FLEISCHMANN

Maximilian HENDLER
DIE POETIK DER GRENZE

Grenze, Grenzen - ein Wortstamm, der mit seinen Ableitungen die zeitgenössische Sprache durchwuchert wie ein Pilzmyzel, unauffällig, doch überall vorhanden und an den absonderlichsten Stellen Früchte treibend. Von Staatsgrenzen ist zwar die Rede, doch eher beiläufig, dafür umso mehr von Grenzen der Belastbarkeit, der Erkenntnis, des Wachstums usw. Wer den Diskurs der selbst oder nicht selbst ernannten Meinungsführer auch nur oberflächlich verfolgt, kann die Liste der Anwendungen unbeschränkt verlängern.
Dazu können Grenzen Passivobjekt verschiedener Tätigkeiten sein. Daß sie bewacht oder verteidigt werden, ist teils zu banal und teils zu peinlich, um es zu erwähnen. Im Sprachgebrauch, der sich auf der Höhe der Zeit befindet, werden sie ausgelotet (etwa durch Extremsportarten, von der Genforschung oder in Selbsterfahrungsseminaren), eingeschrieben (zum Beispiel dem Körper der Frau), hinterfragt (professionell durch kritische Intellektuelle oder individuell im Zug der Selbstverwirklichung), und dergleichen mehr.
Außerordentlich hoch ist der Beitrag des Begriffs zur Wortbildung. Das Grimm'sche Wörterbuch enthält 400 Komposita mit dem Vorderglied "Grenz-". Die Verbindungen, in denen "-grenze" das Definiendum bildet, sind dabei ebenso wie Adjektiv- und Verbal bildungen nicht mitgezählt. Manches davon ist freilich veraltet. So bringt etwa eine "Grenzbeschna dung" heute selbst H istoriker in Verlegenheit. Andererseits führt der Grimm noch keine Grenz debilität oder Grenz erfahrung. Die "Grenz-"manie nimmt nicht ab, sie wälzt sich nur um.
Ein Blick auf die Geschichte des Wortstammes bringt Verblüffendes an den Tag, denn er ist im Deutschen vergleichsweise jung. Der deutsche Sprachraum hatte zur Zeit seiner Entstehung keine Grenzen, sondern Marken, mehr oder minder breite Randzonen mit instabilen Machtverhältnissen wie etwa die Mark Brandenburg oder die Mark derer von Steyer. Die Vorstellung von linearen Trennungen politischer Gebilde steht in Zusammenhang mit jenen Prozessen, die vom Reich des Mittelalters zum Staat der Neuzeit führen.
Die deutsche Sprachgemeinschaft machte sich nicht die Mühe, für das neue Phänomen aus eigenen Ressourcen eine Bezeichnung zu entwickeln, sondern übernahm sie im 13. Jh. von ihren slawischen Nachbarn im Nordosten. Die "Erneuerte Kulmische Handveste" vom Jahr 1251 übersetzt lateinisch "termini" noch mit "gemerke". In einer Thorner Urkunde vom Jahr 1262 steht dagegen "an unser granizze", und in einer Urkunde der Markgrafschaft Brandenburg 1285 "metas et grencias civitatis". Eine schlesische Urkunde vom Jahr 1291 gibt die Herkunft an: "metae, quae polonicae gränizen dicuntur". Im 15. Jh. wird der Wortstamm im Westen greifbar, wenngleich spärlich. Allgemeine literarische Geltung bekommt er erst im 16. Jh. durch Luther. Von den zeitlich nächstliegenden Bibelübersetzungen ähneln Worms 1527 und Lübeck 1533 am stärksten dem Sprachgebrauch Luthers, Ingolstadt 1550 verwendet das Wort selten und Zürich 1531 überhaupt nicht. Die Ausbreitung verläuft demnach von Nordosten nach Südwesten. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh. wird es flächendeckend verwendet. Um diese Zeit dringt es aus dem Niederdeutschen auch in das Niederländische, Dänische und Schwedische.
Vor der deutschen Wortgeschichte liegt jedoch eine slawische. Polnisch granica [sprich graníza] ist der Diminutiv zu gemeinslawisch gran oder grana = "Zweig, Trieb, Sproß" und hat mithin die Grund bedeutung "Zweiglein". Wie konnte dieser Begriff die semantische Mutation zu "Grenze" durchmachen? Nun, die slawischen Ackerbauern der Frühzeit schützten ihre Ländereien mit einem teils natürlich gewachsenen, teils künstlich angelegten Dornenverhau, der unerwünschte Eindringlinge, vor allem größere Pflanzenfresser, von Gärten und Äckern fernhielt. In der den slawischen Sprachen eigenen Vorliebe für die Verkleinerungsform wurden diese Anlagen nach dem Material benannt, aus dem sie bestanden, nämlich nach den Zweigen von Heckenrosen, Schlehen und ähnlichem.
Während der Landnahmezeit wurden, wo immer möglich, solche Verhaue auch gegen fremde Völker errichtet, mit Vorliebe in den ohnehin dichten Auwäldern entlang der Wasserläufe, von denen es im nördlichen Ostmitteleuropa nicht wenige gibt. Damit war die Bedeutungserweiterung des Begriffs von der Sicherung eines Grundstücks zur Sicherung eines Landes eingeleitet. In diesem historischen Stadium lernten die Deutschen Wort und Sache bei ihrer Ostausbreitung im Hochmittelalter kennen. Die Schutz funktion der Dornenhecken muß sie beeindruckt haben, sonst wären sie kaum auf den Gedanken gekommen, die slawische Bezeichnung zu übernehmen.
Ihre Semantik blieb im Deutschen jahrhundertelang unverändert. Im 18. Jh. beginnt die Übertragung aus dem lokalen in den temporalen Sinnbezirk: "die entlegensten Grenzen der Zukunft und der Vergangenheit" (Schiller). Parallel dazu verstärkt sich der uneigentliche, metaphorische Gebrauch des Wortes, der sich schon im 17. Jh. andeutet, etwa bei Thomas von Kempen: "ein solcher mensch gehet in die grentze des friedens und der ruhe". Wenn schließlich Novalis sagt: "Jeder Körper, der eine Eigenschaft besitzt, ... hat auch eine Grenze dieser Eigenschaft", ist der moderne Status erreicht, der im Syntagma "Grenze(n) der/des ..." nahezu jedes Nomen in der Genetiv position duldet - je abstrakter, desto besser.
Köstliche Bildungen liefern erwartungsgemäß Medien und Politiker. Bei abgehobener Betrachtung ist ein Geschichtestudium nötig, um den Begriff "Schengen grenze" in allen Dimensionen zu verstehen. Auch dürften Wesen, die logischer denken als Journalisten und Kanzelprediger der Europäischen Union, mit dem Pleonasmus "Außengrenzen" und der Kontradiktion "Binnengrenzen" ihre Schwierigkeiten haben. Hätte sich indessen der Sprachgebrauch jemals um Logik gekümmert, wäre die selbige keine Wissenschaft.
Dieser kurze Blick auf Geschichte und Gegenwart des Wortes "Grenze" drängt zur Frage, welche Psycho dynamik hinter der Verwendungsfrequenz steht, die ihm der Diskurs spätestens seit dem 18. Jh. zugesteht. Lessing läßt die Zofe Minnas von Barnhelm sagen: "Man spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öftrer (sic!) von der, die uns fehlt." Vor dergründig mag dieses Zitat unangebracht erscheinen, wo der Mensch doch allenthalben von Grenzen umgeben ist, ja - soferne einzelnen AutorInnen geglaubt werden darf - von ihnen geradezu erdrückt wird. Diese Perspektive hält jedoch nur so lange, als der Menschengeist autistisch um sich selbst kreist und es ablehnt, sich als Teil der Gesamtheit alles Lebendigen zu sehen.
Richtet sich der Blick auf den Wirbeltierstamm und darüberhinaus, erweist sich der Mensch als das Wesen ohne Grenzen. Selbst seine nächsten Verwandten, Bonobos und Schimpansen, deren Genom sich von dem seinen nur um einen verschwindend geringen Prozentsatz unterscheidet, stehen in ihrer Unter worfenheit und Ausgeliefertheit an die Beschrän kungen der Physis den Spitzmäusen näher als ihrem evolutionären Cousin, der mittels der Neuronen verdickung an seinem Vorderende fähig ist, als Individuum geophysikalische und meteorologische Grenzen zu überwinden, die alle anderen Gattungen nur durch langdauernde und verlustreiche Anpas sungs prozesse überwinden können.
Die Ungebundenheit hat ihren Preis. Matthäus 20,8 beschreibt ihn so:
"Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Him mels Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt lege." Von Katastrophen abgesehen finden Tiere in den Grenzen ihres Lebensraumes, was sie zum Leben brauchen. Der Mensch ist dagegen in hohem Maß gezwungen, sich Lebensraum und Le bens mittel selbst zu schaffen. Darin ist er zwar mittlerweile so erfolgreich, daß er die ganze übrige Welt und mithin seine eigene Existenzbasis gefährdet; wird er jedoch seiner Zivilisationsprothesen beraubt, ist er das hilfloseste aller Lebewesen. Im Gegensatz zu Füchsen, Vögeln und beliebigen anderen Tieren hat er dann tatsächlich nichts, wohin er sein Haupt legen könnte.
Diese Überlegungen dürften allerdings zum Ver ständnis der obsessiven Verwendung des Begriffs "Gren ze" nichts beitragen, es sei denn durch einen Rekurs auf ein stipuliertes Unbewußtes, das sich dem analytischen Verstand per definitionem entzieht. Aus Selbst- und Fremdbeobachtungen ist zu schließen, daß sich die Menschen ihrer relativen Grenzen losigkeit ebensowenig bewußt sind wie die Tiere ihrer Grenzen. Die zur Selbstbeschränkung mahnenden Weis heitslitaneien bestätigen mit ihrer gebetsmühlenartigen Wiederkehr lediglich ihre Erfolglosigkeit.
Der Blick auf die Tierwelt lehrt jedoch etwas anderes. Bei zahllosen Gattungen von den Primaten bis zu den Insekten lassen sich Strategien beobachten, die die Ethologie "Territorialverhalten" nennt. Tiere markieren das Aktionsfeld, das sie zum Leben brauchen, und verteidigen es gegen Eindringlinge, vor allem Art genossen. Mißlingt diese Verteidigung, zieht die Nie derlage häufig Unfruchtbarkeit und/oder Tod nach sich. Dem Homo sapiens ist es zwar gelungen, sich dieser Zwänge in hohem Maß zu entledigen, doch trägt er die in seiner vormenschlichen Vergangenheit
ge formten Instinkte und Antriebe in seinem Stamm hirn mit sich.
Unter dieser Voraussetzung wird die inflationäre Ver wendung des Begriffs "Grenze" verständlich. Der Mensch kann sich abstrakte Gedankeninhalte offenbar am leichtesten mit Hilfe einer Metaphorisierung territorialer Vorstellungen vergegenwärtigen. Begriffe wie Aufgabenbereich, Sachgebiet usw. weisen in die gleiche Richtung. Selbst die Präfixe der oben zitierten Verben ausloten, einschreiben und hinterfragen benennen in ihren Primärbedeutungen räumliche Relationen. Die vorgebliche Abstraktheit des menschlichen Denkens erweist sich in dieser Betrachtungs weise als hauchdünner Hochglanzlack über dem in Jahrmillionen gewachsenen, ganz und gar nicht abstrakten Erbe des Territorialverhaltens.
Soviel zum Thema "Grenze"; nun zum Begriff "Poetik". Altgriechisch poietiké‚ ( = "Dichtkunst") ist eine Nominalbildung zum Verbum poió = "ich schaffe, mache, bewirke". Wieder handelt es sich um die metaphorische Verwendung eines ursprünglich konkreten Begriffs, im gegenständlichen Fall eines handwerklichen, für eine geistige Tätigkeit. Schon in der Antike nahm "Poetik" die Bedeutung "Lehre/Gesetze der Dichtkunst" an und behielt diese bis in die Neuzeit bei. Die Moderne begann, den Begriff auf andere Kunst gattungen anzuwenden, nicht zuletzt auf den Film, um die unstofflichen Aspekte ästhetischer Qualität damit zu bezeichnen.
Die Formulierung "Poetik der Grenze" ist die Schöp fung eines Autors. Wenngleich in allerweitestem Sinn zu verstehen, dürfte sie daher ihren Attraktor im Bereich der Sprachkunst haben. Eine themenbezogene Musterung der Literatur, beginnend mit den Sagen von den Grenzsteinversetzern, die im Grab keine Ruhe finden, weitergehend zu Klagen über grenzbewirkte Trennung und Nichterreichbarkeit von Zielen bis zu düsterer Schmuggler- und greller Agenten romantik fördert eine umfangreiche Anthologie zutage. Die epischen Berichte von den Kämpfen gegen die Sarazenen im Byzantinischen Reich, am Balkan und auf der iberischen Halbinsel gehören ebenso dazu wie die Corridos aus Texas und Mexiko.
Hier wäre einzuwenden, daß diese Aufzählung die Poetik der Grenze verfehlt, sondern die Literatur zum Inhalt hat, die sich mit Grenzvorfällen beschäftigt. Im metaphorischen Sinn des Begriffs "Grenze" könnte eine Poetik gemeint sein, die sich an der Grenze des sprachlich Ausdrückbaren bewegt. So könnte unter der Poetik der Grenze die Poetik der Moderne verstanden werden, wie sie von der Trias Baudelaire - Mallarmé - Rimbaud vorgegeben wurde. Auch in der übertragenen Verwendung kann es jedoch ein Dies seits und Jenseits der Grenze geben, wenn "Grenze" als Markierung von Diskontinuität aufgefaßt wird. Diesfalls wäre die Poetik der Grenze die Poetik der Postmoderne.
Wie könnte indessen eine Poetik der Grenze abseits der Literatur beschaffen sein? Anders gefragt: Was tut, was bewirkt die Grenze, die in diesem Fall nur eine konkrete sein kann? Für Grenzer und Zöllner bildet sie das Ausübungsfeld ihres Berufs. Poetisch? Die Frage wäre mittels einer Enquete zu klären. Für den Normaltouristen bewirkt sie heute kaum mehr als ein kurzes, wenig poetisches Anstellen am Paßschalter eines Flughafengebäudes. Frächter nötigt sie zu einer Flut von Bescheinigungen, Dokumenten, Formularen, Stempeln und Unterschriften. Wer diesem Teil der Wirklichkeit fern genug steht, kann darin einen Hauch absurder Poetik wahrnehmen.
Was Grenzen für diejenigen bewirken, die sie wider den Willen der Staatsgewalten überschreiten wollen, kann so grausam in Menschenschicksale eingreifen, daß die Verwendung des Begriffs Poetik frivol wäre. Stacheldraht und Tretminen sind der Dornenverhau des Industriezeitalters. Wenn den Bewohnern Mittel- und Westeuropas diese Tatsache seit dem Fall des Eisernen Vorhanges weitgehend aus dem Bewußtsein geschwunden ist, liegt das nicht zuletzt daran, daß sie die Vorgänge an den Außengrenzen (sic!) der EU gar nicht oder nur gefiltert zur Kenntnis nehmen.
Trotz des vordergründigen Mangels an Poetik, den Grenzen ausstrahlen, ist ihnen eine solche nicht rundheraus abzusprechen. Sie nährt sich aus der Psychologie des Verbotes. Was dermaßen reizlos ist, daß es niemand tun will, braucht nicht verboten zu werden. Wenn also etwas verboten ist, lautet der Umkehrschluß, daß die Übertretung des Verbotes irgend einen Lustgewinn bewirken muß. Dieser mit dem Phänomen der Begrenzung (in weitestem Sinn des Begriffs) eng zusammenhängende Seelenmecha nis mus sichert der Grenze auch abseits von materialistisch begründbaren Zoll- und Devisenvergehen eine Faszination, die sich dem Verständnis der trivialen Ratio entzieht.
Dazu kann es auch im persönlichen Erleben poetische Momente von Grenzübertritten geben, wenngleich es sich um eine prekäre Poetik handelt, die sich erst im Nachhinein als eine solche enthüllt. Dieser Prozeß ist jedoch nicht ungewöhnlich. Der locus amoenus ist nicht der einzige poetische Ort. Wird er zu diesem erhoben, wird die Poetik zum Kitsch. Es ist kein Zufall, daß Dichtern und Schriftstellern seit jeher die Beschreibung des Negativen packender gelingt als die Beschreibung des Positiven. Da Grenzen per se mit dem Odium des Gefährlichen, wenn nicht sogar Feindlichen behaftet sind, brauchen sie keine spektakulären Ereignisse, um ihre Poetik wirksam werden zu lassen. Anbei einige Erinnerungen des Autors.
Abend an der bulgarischen Grenzstation bei Drago man Anfang der 1970er, als der Kommunismus noch im Vollbesitz seines imperialen Selbstbewußtseins war. Ein Autobus mit einer nur wenig abgehärteten Reisegesellschaft ist durchzuschleusen. Die Daten aus 54 Pässen müssen unter der Anspannung, den Gren zern keinen Grund zur Verzögerung der Prozedur zu geben, in eine Liste eingetragen werden. Rundum ist alles grau - Gesichter, Gebäude, Möbel, Böden, selbst das affektiert barsche Verhalten der Zöllner. Stechend weiß ist nur das Licht der Scheinwerfer, die jeden Winkel ausleuchten. In der bruchlosen Stimmigkeit aller Eindrücke vermittelt die Situation die Poetik utopischer Romane, in denen der Apparat alles und das Individuum nichts ist.
Szenenwechsel. Der Zug aus Thessaloniki entläßt an der griechisch-türkischen Grenze zwischen Pythion und Uzun Köprü die Reisenden. Wie ermattetes Vieh trotten sie an der gelangweilten Routine der Grenzer vorbei zur Station auf der türkischen Seite. Das Gebäude erweckt den Eindruck, als sei es seit Jahr zehnten unbenützt. Jenseits des Bahndammes Schilf, soweit das Auge reicht. Durch die hohe Luftfeuchtig keit fühlt sich nach kurzer Zeit alles klebrig an, die Mücken sind so zahlreich, daß es müßig ist, sie abzuwehren, und Istanbul, das irgendwo am Ende des verrottenden Schienenstranges liegt, erscheint ferner als der Mond, der sich mühsam aus dem Dunst emporarbeitet. Existenzialistische Poetik in einem der verlassensten Winkel Südosteuropas.
Bildschnitt. Ein sonnendurchfluteter Pinienwald am Yayladagv; türkisch-syrische Grenze. Zwei Tramper kommen zur syrischen Grenzstation. Ein Beamter mit goldenen Litzen mustert ihre Pässe lange und eingehend, wobei er den unbestempelten Seiten ebensoviel Aufmerksamkeit schenkt wie den bestempelten. Er gibt sie mit einer abweisenden Gebärde zurück und verweigert auf die Frage nach Gründen die Antwort. Die beiden entfernen sich ein Stück, lagern jedoch in Sichtweite. Als die Schatten der Bäume schon merklich länger werden, nähert sich ein Subalternbeamter und bedeutet ihnen wortlos, zu kommen. Sie raffen hastig ihre Sachen zusammen und eilen zur Grenz station. Der Goldbetresste ist nicht zu sehen. Ein Beamter in Zivil stempelt wie nebenbei ihre untertänig hingehaltenen Pässe. Ehe sie es richtig gewahr werden, haben sie den geöffneten Grenzbalken passiert. Kein Wort, keine Erklärung, nichts - Poetik orientalischer Mystiker an einem Ort, wo sie am wenigsten zu erwarten war.
Bab Septa, die marokkanische Station an der Grenze zur spanischen Enklave Ceuta. Eine große Karawan serei, vollgestopft mit unbeschreiblich beladenen Autos meist älteren Baujahres; dazwischen ein Ge wimmel von Menschen jeden Geschlechts und Alters. Erst nach einiger Beobachtungszeit lernt das Auge, die hektischeren Araber von den gemesseneren Ber bern zu unterscheiden. Frauen machen sich am Ge päck zu schaffen, Kinder spielen oder weinen. Eine Kaval kade spanischer Muskelprotze auf schweren Motor rädern bringt die Einreiseformalitäten erstaunlich rasch hinter sich. Ein älteres Ehepaar, vermutlich aus dem nördlichen Europa, mustert ratlos die Abfertigungskioske, vor denen ein ebenso dichtes wie regelloses Gedränge herrscht. Poetik eines Experi mentalfilms, dessen Regisseur es darauf anlegt, die Bewegung so weit zu steigern, daß sie in den Ein druck von Ruhe umkippt.
Die Aufzählung vergleichbarer Eindrücke ließe sich lange fortsetzen. Es sei den geneigten LeserInnen an heimgestellt, diesen virtuellen Raum mit eigenen Erin nerungen nach eigenen Maßstäben der Poetik aufzufüllen. Sollte jemand im vorliegenden Text eine Konklusio vermissen, möge er die Tatsache bedenken, daß die Poetik der Grenze keine Grenze hat. Das Grenzbewußtsein ist dem Menschen von der Evolution mitgegeben, daher bleibt ihm nichts übrig, als es weiter zu spinnen - in welcher Form auch im mer. Da er ohnedies der letzte der Gattung Homo ist, wird es nicht mehr allzulange dauern. Ein gütiger Mangel an Fähigkeit, in kosmischen Dimensionen zu denken, erspart ihm jedoch das Bewußtsein seiner Sternschnuppenexistenz, weshalb er sich ausreichend Zeit nehmen kann, das Wort "Grenze" weiterhin mit allen Verben und Nomina im Genetiv zu verbinden, mit denen das bisher noch nicht geschehen ist.


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