Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2002

LICHTUNGEN - 92/XXIII. Jg./2002

Schwerpunkt:
Literatur aus Beograd/Belgrad

Kunstteil:
Mihael Milunovic

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
92 / XXIII. Jg. / 2002, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Mihael Milunovic, Belgrad, Patches for the New Millenium, Computerzeichnungen, 2002


EDITORIAL

STIMMEN AUS BELGRAD

Seit einigen Jahren sind die LICHTUNGEN mit dem Projekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" unterwegs, um zeitgenössische Literatur aus verschiedenen Regionen Europas vorzustellen. Aus vielen Rückmeldungen zu diesem Projekt von GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS geht her vor, daß die Idee angenommen wird: Literatur scheint in der Tat ein sehr wichtiges Mittel für 'Welt öffnung' zu sein. Möglicherweise ist vor allem über die Kunst eine 'nachhaltige' kulturelle Grenz über schreitung möglich. Denn mit ihrer innewohnenden Kraft zur Wahrheit werden vielleicht die Stärken und Schwächen im Lokalen, Regionalen, Nationalen und Internationalen einer jeweiligen Stadt dem Neugie rigen, dem Forschenden ein wenig näher gebracht.
Diese Nummer mit dem Schwerpunkt "Literatur aus Beograd/Belgrad" ist der 20. Stadt auf dieser Er kundungsreise gewidmet. Eine heute und für die Zukunft, im europäischen Kontext, sehr wichtige Stadt. Doch wer kennt diese Stadt Beograd - "Weiße Burg" - wirklich? Ihre Geschichte? Ihre Literatur?
Die Stadt hat eine äußerst wechselvolle Geschichte. Durch viele Jahrhunderte war sie nach der römischen Epoche ein Spielball der Mächte wie Byzanz, der Avaren, Bulgaren und Magyaren. Von 1284 bis 1319 unterstand Belgrad erstmals kurz serbischen Königen, fiel dann jedoch wieder an die Magyaren. Endgültig serbisch wurde die Stadt erst 1402 unter dem Despoten Stefan Lazarevic, blieb jedoch unter der Oberhoheit der ungarischen Stefanskrone und hatte eine bedeutende Funktion bei der Abwehr der Osmanen ("Schlüssel Ungarns"). Im Jahre 1521 eroberte die Armee von Sultan Süleyman dem Prächtigen Belgrad, und die Stadt blieb mit kurzen Unterbrechungen in den Jahren 1688 (Emanuel von Bayern), 1717 (Prinz Eugen) und 1789 (Laudon) bis in die Mitte des 19. Jh. osmanisch. Unter dieser Herrschaft wurde sie ein bedeutendes Handelszentrum. Etliche Stadtteile tragen bis heute türkische Namen. Nachdem sich in zwei Aufständen am Beginn des 19. Jh. der Großteil der Serben bereits von der osmanischen Herrschaft befreit hatte, verließen im Jahre 1830 viele Türken die Stadt. Die Festung wurde endgültig jedoch erst 1867 von der osmanischen Besatzung geräumt, und die Ausrufung Serbiens als unabhängiger Staat erfolgte im Jahre 1878. Belgrad wurde damit zur Hauptstadt des Königreiches Serbien und nach dem 1. Weltkrieg die Hauptstadt des vereinigten Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen. Im Jahre 1920 wurde der Metropolit von Belgrad zum Patriarchen der autokephalen serbisch-orthodoxen Kirche erhoben. Am 12. April 1941, okkupierten die deutschen Truppen unter großen Zerstörungen Belgrad. Bis zur Befreiung am 20. Oktober 1944 durch jugoslawische Truppen und die Sowjetarmee sollen durch die deutschen Besatzer rund 50 000 Einwohner durch Hinrichtungen und Massenerschießungen ums Leben gekommen sein. Diese Zeit gehört zu den dunkelsten Tagen der Stadt...
Nach dem 2.Weltkrieg wurde der Stadtteil Novi Beograd ("Neu-Belgrad") erbaut, diese Zone wurde zum Paradefeld der modernen, zum Teil sogar avantgardistischen Architektur, die den Fortschritt der nun kommunistischen Gesellschaftsentwicklung dokumentieren sollte, und Josip Broz Tito erhob den Führungsanspruch im Lager der "Blockfreien". Die zwar von Serben dominierte, insgesamt jedoch multiethnische Zusammensetzung der Stadtbevölkerung von Belgrad - neben slawischen Populationen aus allen Bundesstaaten Jugoslawiens auch Balkanromanen, Skipetaren, Roma und Ungarn - erlitt in neuester Zeit durch die Doktrin der "Ethnischen Reinheit" unter Slobodan Miloševic gravierende Einbußen. Die zukünftige Entwicklung der Stadt ist derzeit nicht abzusehen. Über die Medien haben wir die menschliche Katastrophe am Balkan verfolgen können, ja 'müssen', eine Katastrophe, die Europa tief erschüttert hat.
Noch am Tag des Sturzes von Miloševic erreicht ein e-mail einer Autorenvereinigung aus Belgrad die Redaktion der LICHTUNGEN mit dem kurzen Satz: "Serbia is free!", unterzeichnet von einem Autor, der hier im Literaturteil vertreten ist. Kurze Zeit später lädt die regimekritische Belgrader Tageszeitung "Danas" Kenner der ost- und westeuropäischen Literatur, darunter den Herausgeber der LICHTUNGEN, ein, drei Fragen für eine Serie in der Kulturbeilage dieser Zeitung zu beanworten (LICHTUNGEN, S.118 - S.124). Es sind Fragen über die Literatur in Europa, Fragen der Orientierung im Bereich der Kultur, nach langer Zeit der Unterdrückung und Isolierung. - Eine Reise nach Belgrad bringt neue Kontakte, Begegnun gen mit Autoren, mit Persönlichkeiten in der Kultur. Das Heft der LICHTUNGEN mit dem Schwerpunkt "Literatur aus Beograd/Belgrad" (S.38 - S.117) hat Gestalt angenommen. Zahlreiche Autorinnen und Autoren kommen hier zu Wort. Die oben gestellte, für eine Literaturzeitschrift wichtige Frage "Wer kennt die Literatur dieser Stadt?" wird damit vielleicht ein wenig beantwortet.
Es sind viele "Stimmen aus Belgrad" geworden. Ein bildnerischer Künstler ist aus dieser Stadt hinzugekommen. Die Leserin, der Leser sind eingeladen, diesen wichtigen, lebensnahen literarischen Stimmen, die zur europäischen Kultur gehören, zu lauschen.

Markus Jaroschka

INHALT

 
LITERATUR    
Jovan HRISTIC Ein Zeitgedicht: Einführung in die Genesis
3
Julian SCHUTTING Drei Gedichte
4
Judith KUCKART Märchenhochzeit (Kurzer Monolog für ein Mädchen)
8
Rotraud SARKER Gedichte
11
Edo POPOVIC Der Steinerne Hund (Romanauszug)
13
Herbert ZINKL Neue Gedichte über Griechenland
19
Manfred CHOBOT Gedichte
21
Walter HOCH Lohn der Mondsichel (Erzählung, Auszug)
23
Sonja HARTER Gedichte
31
     
NEU VORGESTELLT  
 
Rupprecht MAYER „Mensch und Busch“ und andere Kurzprosa
33
   
SATIRE-WETTBEWERB 2002 DER AKADEMIE GRAZ
 
Dagmar V. JENNER 3. Preis: Katharsis, goldumrandet
35
   
LITERATUR AUS BEOGRAD/BELGRAD
 
20. Stadt im Literaturprojekt „transLOKAL – Literatur aus europäischen Städten“
 
in Kooperation mit GRAZ 2003 – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.
 
Zusammenstellung: Vasa PAVKOVIC, Belgrad, und Klaus Detlef OLOF, Klagenfurt.
 
Übersetzungen: Klaus Detlef OLOF, Klagenfurt; Ana RADULOVIC, Graz; Christine OKRESEK, Wien.
 
Vasa PAVKOVIC Einleitung zur Auswahl: Unter uns – Belgrad
39
Frida FILIPOVIC Die Schere (Erzählung)
41
Danilo NIKOLIC Die Gästeliste (Erzählung)
44
Srba MITROVIC Betasten (Kurzprosa) / Die Platane im März (Gedicht)
50
Miroslav KARAULAC Sie ist zurück (Erzählung)
52
Jovan HRISTIC Der Kapitän und seine Festmähler (Erzählung) / Gedichte
56, 62
Borislav RADOVIC “Manche Dinge” und andere Kurztexte
65
Tanja KRAGUJEVIC Boulevard der Unbehausten / Genauigkeit /Auf Landkarten
 
  Unsichtbares (Gedichte)
68
Mirjana PAVLOVIC Korn zu Korn (Erzählung)
71
Radmila LAZIC Sommernächte: Einsamkeit / Winterlied / Rückkehr (Gedichte)
73
Radoslav PETKOVIC Die Stadt, das Tagen (Erzählung)
75
Milovan MARCvETIC Langsames Vergehen, Sylvia Plath
78
Dušan VUKAJLOVIC Ich bin im Sechsundvierzigsten / O Licht, O Sanftheit, O Dunkel (Gedichte)
79
Goran PETROVIC Aus der Chronik eines Geheimbundes
81
Dejan ILIC Lissabon (Gedichtauszug)
89
Zoran CIRIC Die Hadsch (Erzählung)
90
Oto HORVAT Erneut Schnee / Nach Norden Reisen /Tizian: Die Flucht
 
  nach Ägypten (Gedichte)
94
Aleksandar GATALICA Das Verschwinden der Frau Chiara (Erzählung)
96
Miša PASUJEVIC Die Witwe / Sagt, eile (Gedichte)
105
Slobodan ILIC Er (Prosaauszug)
107
Nenad JOVANOVIC Tibet (Erzählung)
109
Vasa PAVKOVIC Nach der Krankheit
116
   
DREI FRAGEN AUS BEOGRAD/BELGRAD
 
DANAS Die europäische Literatur steckt in (k)einer Krise
118
     
KUNST  
 
Werner FENZ Embleme gegen universelle Wahrheiten - zu Mihael Milunovic
125
Mihael MILUNOVIC Patches for the New Millenium, Computerzeichnungen, 2002
126 - 140
   
„DIE POETIK DER GRENZE“ (20. TeiI)
 
  Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit
 
GRAZ 2003 – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
 
Ilma RAKUSA Wo fang ich an, wo hör ich auf ? – Von den porösen Grenzen der Haut
141
     
ZEITKRITIK  
 
Dzvevad KARAHASAN Die Literatur als Verteidigung unserer Geschichte
149
     
ZU DEN AUTOREN  
156


20. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

20. STADT: LITERATUR AUS BEOGRAD/BELGRAD

Zusammenstellung: Vasa PAVKOVIC´, Belgrad, und Klaus Detlef OLOF, Klagenfurt
Übersetzungen Prosa: Klaus Detlef OLOF; Ana RADULOVIC´, Graz; Christine OKRESEK, Wien
Übersetzungen Lyrik: Klaus Detlef OLOF
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001
16. Stadt: LITERATUR AUS BORDEAUX, LICHTUNGEN 88/2001
17. Stadt: LITERATUR AUS BERLIN, LICHTUNGEN 89/2002
18. Stadt: LITERATUR AUS GLASGOW, LICHTUNGEN 90/2002
19. Stadt: LITERATUR AUS PLOVDIV, LICHTUNGEN 91/2002

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jh. nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind vielleicht die einzigen geis tigen Mittel gegen jede Form von Barbarei. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befind lichkeit" im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Vasa PAVKOVIC
UNTER UNS - BELGRAD

1
Haben Sie Belgrad schon einmal bei Nacht verlassen?
Ich frage mich, ob Sie schon jemals die tausend und abertausend Lichter gesehen haben - die Gestirne über den Straßen von Belgrad?
Während die Düsenmotore heulen und das Flugzeug sich auf die Seite neigt, werfen Sie einen langen Abschiedsblick hinunter zu den Gestirnen Belgrads - und in diesem Moment haben Sie das Gefühl, in das Herz eines kleinen Weltalls zu schauen. Dort unten, in diesem Kosmos, verbergen sich, währen und enden Tausende von Geschichten. Erfundene, wirkliche, vorgestellte ... Gewöhnliche, unglaubliche.
Während das Flugzeug dem luftigen Kosmos entgegensteigt, entfernt sich dort unten, auf der Erde, der Kosmos der Gedichte und Geschichten immer weiter und weiter, und während die Sterne an den Rändern Belgrads einer nach dem anderen erlöschen und sich die Stadt in eine goldene Wabe verwandelt und in einen fernen Lichtfleck, der schließlich ganz erlischt, trösten Sie sich wie einst Crnjanski - es existiert, trotz allem.
Die Gesichter jener, die Sie lieben, die Geschichten und Gedichte, an die Sie sich erinnern, helfen Ihnen, das Entschwinden Belgrads aufzuhalten.
2
Die Auswahl an Gedichten und Geschichten, die vor Ihnen liegt, versucht einige der interessantesten serbischen Lyriker und Prosaiker aus dem gerade vergangenen Jahrhundert und aus dem Jahrhundert, das nunmehr seinen Lauf begonnen hat, wie auch ihre Gedichte und Geschichten vorzustellen, in denen man auf diese oder jene Weise den Geist Belgrads spürt. So wie jeder Kosmos seine Zeit und seinen Raum des Dauerns und des Wandels besitzt, existiert und lebt auch Belgrad Jahrhunderte hindurch in seinem Raum. In den Geschichtsbüchern lassen sich Angaben über die Vergangenheit der Stadt finden, Generallinien von Wandel, Tod, Vernichtung, Erneuerung, Wachsen, Kataklysmen. Und wirklich, wo immer auf dem Areal Belgrads der Spaten angesetzt wird, finden sich Überreste einer jener Zivilisationen, die hier geschaffen, verändert, vernichtet wurden. Schichten dieser Zivilisationen sind unauflöslich miteinander vermischt, und über den Boden Belgrads schreitend, rührt der Umherschweifende unablässig an den Staub vergangener Epochen. Nur im Sommer, mit Vogel blick be trachtet, verliert die "weiße Stadt" ihr chronologisches Rückgrat und das Gewicht vorübergebrauster Epochen und wird zu einer weißen Wolke, einem Knochen aus Luft - wie es in einem Gedicht von VASKO POPA heißt. Ein Wunder aus menschlichen Worten.
3
Die Auswahl von Gedichten und Geschichten, die Sie hier lesen werden oder bereits gelesen haben, möchte Ihnen nicht von der Vergangenheit der Stadt erzählen, sondern beschäftigt sich mit dem synchronen Zustand einer reichen und vielfältigen literarischen Produk tion. Sie werden hier Gedichten von JOVAN HRISTIC´ begegnen, einem unlängst verstorbenen Autor, bei dem sich der Geist der Belgrader Straßen und Hinterhöfe, Wohnungen und Kammern durch die Magie der dichterischen Sprache in metaphysische Bilder der Bestehens und Währens verwandelt hat. Das um so mehr, als der zentrale Bezugspunkt von Hristic´s Lyrik und Essays bei den antiken Dichtern und Tragikern lag, vor allem bei Homer. Als Dichter des Sommers und der Stille hinterließ Hristic´ ein kleines, aber gewichtiges dichterisches Werk, das angeregt durch Eliot und Kavafis und durch die serbischen Dichter Jovan Sterija Popovic´ und Laza Kostic´ eine Ausnahmedichtung vom Beharren und Vergehen individuellen Lebens in sich versammelt. In den Gedich ten von TANJA KRAGUJEVIC wiederum besitzt die serbische Poesie eine wahre Fundgrube an lebendigen Bildern, an illuminierten Miniaturen, in denen die dichterische Emotion die hermetische Sprach chiffre "durchbricht". Ganz anders verhält es sich mit der dichterischen Welt von RADMILA LAZIC, die mit Schärfe und Engagement aus der Position der modernen vereinsamten Frau heraus dichtet, mitunter von eindeutig feministischen Positionen, dann wieder von existentiellen Grundpositionen aus. Der früh verstorbene Lyriker DUŠKO VUKAJLOVIC hat nicht viele Werke hinterlassen, aber seine vor dem Tod erschienenen Gedichte, anthologiereife moderne Gedanken lyrik, zeugen von Unnachsichtigkeit gegenüber eigenen Irrtümern.
Wie auch in anderen lyrischen Milieus sowohl in Belgrad als auch im serbischen Umland kommt es vor, daß ein origineller Dichter relativ spät zu Ruhm gelangt. So verhält es sich mit dem eigentlichen Dich ter Belgrads, mit SRBA MITROVIC, der im Verlauf der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts mit seinen dem Altern und dem Erleben Belgrads gewidmeten Büchern die größten Lyrikpreise gewann und die allgemeine Aufmerksamkeit des Publikums und der Kritik auf sich zog. Die Dichter der mittleren Gene ration repräsentiert MILOVAN MARCVETIC´, mit dem so wohl die Neigung zur Ästhetisierung und zu künstlerischen Motivierungen des Dichtens, wie auch zum intellektuellen Engagement (das Buch Ratno ostrvo - "Kriegsinsel") einen unmittelbaren Vertreter finden. Unser unvollständiges Bild der in Belgrad entstandenen Poesie endet bei dieser Auswahl mit Versen von OTO HORVAT, DEJAN ILIC und MIŠO PASUJEVIC, Neolyriker, wie sie von den Belgrader Kritikern genannt werden, die auf der Flucht vor der unbarmherzigen Krise der Neunziger und dem Unheil, das Miloševic´s politische Verfehlungen den Serben und den Angehörigen anderer Völker in Jugoslawien brachte, eine Zuflucht fanden in intimen Themen, weltabgeschiedenen Räumen, in der Arbeit an der Sprache der Dichtung.
Die Welt der Dichter ist die am authentischste Welt der Literatur, aber der Leser registriert auch, daß sie oft auch die isolierteste ist in Bezug auf die soziale oder historische Realität. Mit einer eigenen Historie und Evolution ist die Welt der Lyrik eine Welt von und für Eingeweihte, und auch die Belgrader Dichter sind da keine Ausnahme. In ihren Poetiken ist oft die Sprache eines ihrer lyrischen Ahnherren wichtiger als der absolute Widerhall der zeitgenössischen Epoche, und ihre Dialoge sind gleichermaßen vertraut mit der Vergangenheit wie mit der Gegenwart. Und natürlich haben die auf den Seiten dieser Zeitschrift vorgestellten Lyriker - zumindest in einem Nebengedanken - auch die Zukunft und die Augen zukünftiger, noch ungeborener Leser im Sinn.
4
Bei dem Versuch, die zeitgenössische serbische Prosa bzw. den Belgrader Kreis von Erzählern und Roman ciers vorzustellen, bin ich von jenen Schriftstellern ausgegangen, die sich, wie etwa DANILO NIKOLIC und FRIDA FILIPOVIC, in einem realistischen Schlüssel mit der Gegenwart auseinandersetzen, um dann über MIROSLAV KARAULAC, MIRJANA PAVLOVIC und VASA PAVKOVIC (den Autor dieses Textes) den Geist der Stadt an Save und Donau nachzeichnend zu Erzählern vorzustoßen, die den großstädtischen Geist gern aus der Perspektive atypischer Prosaformen betrachten. Zwei Prosaautoren, die sowohl Romanciers als auch Er zäh ler sind, markieren den Beginn des neunten Jahr zehnts. Ich denke dabei an RADOSLAV PET KOVIC und seinen Roman Sudbina i komentari ("Schick sal und Kommentare") und an GORAN PETROVIC, dessen drei Romane das Ende des Jahr hunderts kennzeichnen, zumindest was die Literatur betrifft. Petkovic versucht, in einer Art Rekon struktion der historischen Strömungen über die Kon stanten menschlicher Situiertheit in der Geschichte zu sprechen, Goran Petrovic´, der erfolgreichste serbische Schriftsteller vom Ende des Jahrhunderts, hat seine Möglichkeit innovativen Erzählens im phantastischen Genre gefunden, wobei er einen Schritt weitergeht als Milorad Pavic´, dem heute in der Welt wohl berühmtesten serbischen Autor. Die drei Romane Goran Petrovic´s sind eine überzeugende Leistung, und seine Sitnicvarnica "Kod srecne ruke" ("Der Krämerladen ,Zur glücklichen Hand'") ist ein typischer Belgrad-Roman.
In den Erzählungen der etwas jüngeren Prosaiker, in ihren postmodernen Bildern vom Ende des Millen niums in Belgrad (CIRIC, ILIC, JOVANOVIC) kann der Leser authentische literarische Antworten auf die Herausforderungen der Zeit und die Form der Geschichte selbst finden. Ciric destruiert den Alltag fast anatomisch, Ilicbetrachtet seine menschlichen Charaktere aus einer verschobenen Perspektive, Jovanovicist unübertroffen in der Rekonstruktion familiärer Verhältnisse.
Zum Schluß wird diese Auswahl auch von Lyrikern und Essayisten bestimmt, so von Jovan Hristic, von dem bereits die Rede war, und von BORISLAV RADOVIC, ihm geistesverwandt und in beiden literarischen Bereichen und im Übersetzertum zu Hause, der entscheidend zum Modernismus und seiner Weiter führung im Postmodernismus beigetragen hat, zu der Domi nante der heutigen Prosa und nicht nur der narrativen Kunsterfahrung in Belgrad und Jugoslawien.
5
Sind Sie schon einmal nachts mit dem Flugzeug nach Belgrad zurückgekehrt?
Ich frage mich, ob Sie angespannt in die Dunkelheit hinaus gesehen haben, während Sie auf ein Licht warteten? Einen Lichtpunkt, während die Düsenmotoren heulten und das Flugzeug sich den Raum eroberte. Plötzlich hat da aus der Finsternis ein Lichtpunkt heraufgefunkelt, und dann war die goldene Wabe rasch zu einer Reihe von Gestirnen zersprüht. In diesem halluzinativen Anblick wuchs der Lichterkosmos wie in einem phantastischen Film, gewann die Stadt Belgrad vor Ihrem Blick rasch an Größe. Und in jedem neuen Moment erkannten Ihre Augen Stadt viertel, machten einzelne Straßen aus und nahmen schließlich, unmittelbar vor dem Landen, als der Blick beide Belgrader Flüsse, Save und Donau, streifte, auch die Bewegung der Fahrzeuge wahr. Sie erahnten den Lebenspuls der großen Stadt unter Ihnen. Und wenn Ihnen infolge der Heimkehr das Herz freudiger schlug, fühlten Sie das Gleiche wie die großen Dichter dieser Stadt - Ihre unsicher suchende persönliche Erfahrung fand ihre Bestätigung - du aber existierst, und alles ist leichter hinzunehmen. Auch die Einsamkeit und der Tod.
6
Warum lieben wir Belgrad?
Darauf präzise zu antworten, ist unmöglich - aber vielleicht ist das Wesentlichste das Gefühl der Freiheit, das in seinen Straßen herrscht. Selbst in der Zeit der Okkupation und der Tyrannei war die Luft durchströmt von einem Gefühl der Freiheit. Dieses Gefühl läßt sich in keiner anderen Stadt erleben, in der Serbisch gesprochen und geschrieben wird. Auch nicht das Gefühl des Legeren, das der träge übervölkerte Dschinn in den alten verschlafenen Vorstädten und Boulevars verbreitet.
Unbeschreiblich. Helligkeit und Zärtlichkeit.
Wir lieben es, trotz allem.
Die hier versammelten Gedichte und Geschichten der zeitgenössischen serbischen Autoren, Belgrad und den Belgradern ge widmet, sind Mosaiksteinchen dieser Illusion.

In Belgrad, August 2002


"DIE POETIK DER GRENZE" (20. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik. Zum Abschluss des Projektes werden die Essays in einem Buch publiziert.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Ilma RAKUSA
WO FANG ICH AN, WO HÖR ICH AUF?
VON DEN PORÖSEN GRENZEN DER HAUT

"Fremdes hautnah zu spüren, war ihm zur Gewohnheit geworden", heißt es über den Helden meiner Erzählung "Die Insel". Ich schicke ihn nach Patmos, allein. Dort soll er, nach der Trennung von seiner Frau, zu sich kommen - in einer ungewohnten Umgebung, deren Sprache er nicht spricht. Der mitteleuropäische Kopfmensch auf dem Prüfstand. Die Insel ist klein, wenn auch im Ruch des Heiligen (der Überlieferung nach schrieb hier Johannes seine "Offenbarung"); ein paar Dörfer, einige Tausend Menschen, darunter Fischer, Hirten und Mönche; Touristen. Ringsum das blaue ägäische Meer. In seiner Hotelklause liest der Mann, denkt nach. Vor allem aber zieht es ihn hinaus: an den Strand, auf die steinigen Pfade, zwischendurch ins Kafenion. Gehen, gehen und nochmals gehen, als entginge er damit dem worst case - der inneren Erstarrung. Ich lehre ihn barfuß gehen. In den Fußsohlen erlebt er seine Nacktheit. "Dort wird der Körper durchlässig." Mit der Berührung des Bodens gewinnt er allmählich Standfestigkeit, Sinnlichkeit, Offenheit. Und eines Tages entdeckt er mit Freund Jorjos die Ekstase des Tanzes: "Die eigenen Füße bekam er nicht zu Gesicht. Er wusste nur, dass sie stampften auf dem beschissenen Zement."
Nicht der Kopf, sondern die Füße übernehmen die Führung. Indem er sich ihnen überlässt, wird mein Held verletzlich, zugleich findet er - im Tanz - momentane Selbstvergessenheit. Entgrenzung? Was das Ich sei oder sein könnte, entscheiden die Konturen des Körpers, entscheidet die Haut. Und diese atmet, setzt sich Berührungen aus, macht Erfahrungen der porösen Art. Innen und Außen, das sogenannt Eigene und das sogenannt Fremde geraten in Austausch. Die Haut als Organ sublimster Kommunikation. "Meine Befindlichkeit ist im Fluss. So oder so. Auf die Frage, wer ich sei, könnte ich zum Beispiel mein Sakko nennen, graubraun; mit abgewetzten Ärmeln, in dem ich bei Temperaturen unter fünfzehn Grad Celsius stecke. Der rauhe Stoff auf der Haut. Selbsterfahrung durch Poren? Rauhfasern, Rotz, Salzwasser, Segeltuch, Abreibung. Auf den Genitalien Sand. Körniger Kitzel. Hitze. In der Mittagshitze sacke ich ab. Ichflaute. Flaute und ein schöner Auftrieb, wenn Wind kommt. Ich blähe mich zu Zimmergröße auf, Kalk im Nagelbett und in sämtlichen offenen Partien. Die Nacht trifft mich als Kugel an, als Geruchsorgan."

*

Keiner sagt: Ich bin ganz Haut. Doch gibt es vielsagende Redewendungen, die Haut pars pro toto für den Leib verwenden ("etwas an eigener Haut erfahren"), für das Leben und das Selbst ("seine Haut verteidigen"), so wie es andere Redewendungen gibt, die auf der Haut als Körperhülle basieren ("aus der Haut fahren"), welche bei Empfindungen wie Freude oder Wut imaginär überwunden wird. Tatsache ist: die schützend-vermittelnde Haut-Membran ist ein vitales Organ. Wird sie stark beschädigt - oder würde ich gar enthäutet -, so bedeutet das meinen sicheren Tod.
Ich lebe in meinem Hautsack, der eine lebendige Hülle darstellt: er dehnt sich und schwitzt, juckt und schmerzt, atmet und schuppt, bräunt und rötet sich, bildet Ausschlag und Gänsehaut, trocknet aus und wirft Falten, fühlt sich fettig, papieren, rauh, glatt, seiden, schrundig an. Mein Hautsack ist meine Oberfläche, ist mein Vorzeige- und Kontaktorgan. Ich kann nicht aus meiner Haut, denn dann wäre ich ein anderer. Wer mich sieht, sieht meine Haut, sieht meine Nacktheit, außer ich verhülle sie durch Kleider und Masken, durch Übermalungen und Kosmetik.
Mit der Haut berühre ich die Welt; die Welt berührt mich via Haut. Aktiv und Passiv fallen ineins, wie "Massage und Message" (Marshall Mc Luhan). Mein Vorgezeigtes nimmt Projektionen auf, die es osmotisch verarbeitet. Ich bin ein ausgesetztes, ektodermes Wesen.
Das klingt riskant und ist es auch. Aber wie käme die Haut zu ihrer Bedeutungsfülle, wenn sie nicht verletzlich wäre? Wie könnte sie Antenne und Engramm sein ohne Gefährdung? Als oszillierende Grenze zwischen Wahrnehmbarem und Verborgenem, zwischen Ich und Umwelt verkörpert sie das Prekäre der Existenz.
Also doch: Ich bin ganz Haut. Die Haut, das bin ich. Ob ich eine ehrliche Haut bin oder nicht, ob ich auf der faulen Haut liege oder mich mit Haut und Haar einer Sache verschreibe, immer versuche ich, meine eigene Haut zu retten, denn ich habe nur ein Leben. Und dickhäutig bin ich nicht.

*

Als Kind habe ich mir beim Schaukeln und Indianerspielen (die fabelhaften Rothäute!) immer wieder kleinere oder größere Wunden zugezogen. Manchmal bluteten sie stark. Mutter desinfizierte und verband sie, trotzdem sind einige Spuren davon übriggeblieben - sichelförmige Narben, die weißlich schimmern. Die Haut regenerierte sich hier anders, irgendwie flüchtig und großporig. Das Gewebe fühlt sich schlaffer an. Ich sehe die Zeichen an meinen Beinen - und an meinem linken Oberarm die münzengroße Narbe einer Pockenimpfung. Obwohl ich mich längst an sie gewöhnt habe, finde ich sie hässlich.
In letzter Zeit verletze ich mich ständig; stoße, als wäre mir das Gefühl für die Grenzen meines Körpers abhanden gekommen, an Tischkanten und Autotüren, an Stuhllehnen und spitze Gegenstände. Dann schauen mich wochenlang blauviolette, ins Grünliche changierende Flecken an. Der Körper erinnert, was mir schon lange entfallen ist, und zwingt mich, die Folgen zur Kenntnis zu nehmen. Ich ärgere mich, ich schäme mich. Ein Haudegen bin ich nicht, aber unachtsam. Oder heimlich masochistisch? Die Wunden heilen langsam. Die Haut ist dünner geworden. Eigentlich wünscht sie sich Zärtlichkeit.
Nie habe ich verstanden, warum man die Haut freiwillig tätowieren lässt oder malträtiert. Als ob sie nicht selber aktiv genug wäre. So werden in Tattoo-Studios Anker und Sirenen, Drachen und Gesichter eingebrannt, - sie halten, nach Bedarf, ein Leben lang. Modisches Pendant der unfreiwilligen Tätowierungen von Häftlingen, Lagerinsassen, Soldaten. (Hierzu eine paradoxe Anmerkung von Semezdin Mehmedinovic´: "Jeder zweite bosnische Soldat hat eine Tätowierung auf dem Unterarm; mit stumpfer Nadel steht dort JNA, und darunter das Dienstjahr und, eventuell, die Stadt, in der er seinen Dienst abgeleistet hat. Irgendwo als Zugabe auch ein naives Ornament; ein Anker, von einer Schlange umwickelt (Marine); das Wappen Jugoslawiens oder, bestenfalls, eine nackte Frau. Was einmal als Hingabe und Stolz fürs ganze Leben eintätowiert worden war, hat sich in sein Gegenteil gewendet.")
Der zeitgenössische Körperkanon propagiert einen individuellen, ausdruckvollen Körper, und dazu ist nachgerade jeder Eingriff - ob Tattoo, Piercing, Branding oder chirurgisch-kosmetische Manipulation - recht. Die Haut als Experimentierfläche, als Spielfeld. Und zugleich als Medium der Selbstvergewisserung. Denn je formbarer unser Äußeres - und je haltloser unsere medial entfesselte Welt -, desto wichtiger wird die Erfahrung elementarster Gegebenheiten. Für viele wohlstandsverwahrloste Jugendliche, so lese ich in einem Artikel der ZEIT, heißt die Grundfrage: Wie spüre ich mich? Besonders junge Mädchen betätigen sich als "Ritzerinnen", indem sie sich mit Stanley-Messern, Bic-Rasierern oder Glasscherben, die sie von Flaschenhälsen abgeschlagen haben, in Arme und Unterschenkel schneiden. Als Auslöser gilt Depression bzw. Unsicherheit in Bezug auf die Grenzen des Ichs, d.h. ein schwankend-instabiles Identitätsgefühl. "Spüren können die jungen Mädchen sich erst wieder, wenn sie ihr Grenzorgan, die Haut, fühlen. 'Schlitz es auf, das Glitschhautding', sagt Fritzi im Theaterstück, 'dann kann das Raus rein und das Rein raus. Jetzt siehst du von draußen hinein und von drinnen hinaus.'" (Roland Kirbach)
Hinzukommt, entscheidend, der Schmerz. Die Wunde blutet, die Wunde tut weh. Das ist real in einer Welt, deren Grenzen sich ins Unkenntliche verwischen.
Schmerz versus Virtualität, Selbstaggression versus Indifferenz. Die Haut zu spüren gibt Halt, gibt ein paradoxes Glücksgefühl, das süchtig macht. Nach noch mehr Schmerz. Und über Arme und Beine ziehen sich die strichdünnen Narben der feinen Schnittwunden.
Das alles hat seine Logik, auch wenn es grausam ist. Auf dem Schauplatz der Haut spielen sich im Millimetermaßstab die Tragödien unserer Zeit ab. Die Ritzungen gleichen symbolischen Einschreibungen. Die Grenze will markiert, will erlitten sein vom flottierenden Subjekt. Statt sich - neugierig, zärtlich - dem Du zu öffnen, laboriert dieses an sich selbst, unfähig zu jedweder Begegnung. Denn Begegnung setzt eine Entität voraus, genauer zwei Entitäten, die sich gegenseitig wahr- und ernstnehmen. Wahrnehmung (seiner selbst und des Andern) aber hat genuin mit Abgrenzung zu tun. Wo schiere Auflösung herrscht, ist Begegnung ausgeschlossen.
"Es ist die Haut", so Melanie Klein, "die dem inneren Raum seine grundlegende intersubjektive Architektur verleiht."

*

Kurze Eloge der Zärtlichkeit:

Mit der Fingerkuppe über eine Wange fahren, über ein Blütenblatt streichen,
die Borke eines Baumes berühren.
Wasser im Handteller sammeln und es langsam zwischen den Fingern
hindurchrinnen lassen.
Den Finger in Eigelb tunken, damit vorsichtig einen Teig bestreichen.
Nase an Nase reiben, dazu den passenden Zauberspruch aufsagen.
Den Nacken des Kindes streicheln, seinen feinen Haaransatz.
Barfuß über einen Seidenteppich gehen.
Das Fell des alten Hundes kraulen.
Die chinesische Porzellantasse küssen.
Sich nackt ins Moosbett legen.
Zerknittertes Seidenpapier glattstreichen.
Auf dem Klavier leise einen C-Dur-Akkord anschlagen.
Die Rosen häufeln.
Mit dem Zeh die Kniekehle des Freundes kitzeln.
Seinen Rücken massieren.
Zuckerwatte schlecken.
Bartstoppeln betasten.
Die kleine Fingerwunde sauberlecken.
Schuppen von Mutters Mantelkragen abschnippen.
Den flaumigen Pfirsich liebkosen.
Die Sichel der Nagelkuppe ins Mehl drücken.
Winzige Muscheln aus dem Sand klauben. Sie blankreiben.
Das Perserkissen tätscheln.
Eine Blume auf die beschlagene Scheibe zeichnen.
Aus heißem Kerzenwachs Kugeln kneten.
Den fremden Alten an der Hand über die Straße geleiten.
Vogelfutter streuen.
Die Schneeflocken auf dem Gesicht zergehen lassen.
Lichthasen fangen.
Den japanischen Pinsel zausen.

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Die Haut ist ein taktiles Wunder. Reich innerviert und mit Sinnesrezeptoren ausgestattet ist sie das Berührungsorgan schlechthin. Über sie erfahre ich Hitze, Kälte, Erregung, Schmerz, von der Witterung bis zur Berührung - alles. Alle sieben Jahre erneuert sie sich. Unsere Grenze lebt.
Nur die anästhesierte Haut verweigert die Botschaft. Fühllos gemacht vermittelt sie weder nach außen noch nach innen. Hautnah wird da zur leeren Chiffre. Abgerückt die Welt, abgerückt das eigene Innere.
Damit uns keine Angst befällt, klaustrophobisch im Ich-Bewusstsein zu versacken, muss unsere Haut sprechen. Signale aufnehmen, verarbeiten, senden. Wir brauchen Durchlässigkeit. Wir sind Gemeinschaftswesen, transitorische dazu. Unsere Körpergrenze ist dramatisch dehnbar, bis hin zur Uneindeutigkeit. Was nicht heißt, sie wäre nicht individuell. Zeig mir deine Oberfläche, und ich sage dir... Dass die Haut uns präsentiert - repräsentiert - macht sie so prekär. Der Hautpickel, der Hautausschlag, die Rötung, die Blässe - verräterisch. Ich kann mich nicht hinter meiner Haut verstecken. Sie ist die Bühne fürs Drama.
Dieses kann sich von innen auf die Haut verlagern. Neurodermitis heißt die vertrackte Krankheit, die seelische Konflikte in Hautgeschehen übersetzt. Die Unhaltbarkeit einer Lebenssituation - sie juckt nun peinigend und ist, für alle sichtbar, auf Händen, Armen, Hals und Gesicht abzulesen. Tragisch das Paradox, dass der innere Hilferuf an der eigenen Körpergrenze abprallt: die Verunstaltung der Haut wirkt abstoßend, verhindert also die so dringend benötigte Anteilnahme. Und der Kranke weiß sich mit einemmal doppelt abgegrenzt, stigmatisiert.
Manchmal reicht schon die Hautfarbe, um Ausgrenzung zu erfahren. Rassistische Diskrimination hält sich an die simpelsten Gegebenheiten. Ihr Hang zur Verallgemeinerung ist menschenverachtend, weil sie dem Einzelnen nicht die geringste Chance einräumt. Ins Gehege der Vorurteile gesperrt, bleibt dem Ausgegrenzten nur Scham oder Rebellion. So oder so wird es ihm schwer fallen, sich in seiner Haut wohl zu fühlen. Denn er muss sie verteidigen, indem er klar stellt, dass seine Identität auf mehr als bloß einem Attribut der Haut, genannt Farbe, beruht. Das bedeutet oft Arbeit für ein ganzes Leben.

Hautatmung
Hautausschlag
Hautcreme
Hautdrüse
Hautekzem
Hautentzündung
Hautfarbe
Hautflechte
Haut-Fusion
Hautgrieß
Haut-Ich
Hautkrankheit
Hautkrebs
Hautleiste
Hautpflege
Hautpigment
Hautpilz
Hautplastik
Hautpore
Hautreizmittel
Hautschicht
Hautschwiele
Hautsinn
Hautsymptom
Hauttest
Hauttuberkulose
Hautverbrennung
Hautwarze
Hautwolf
Hautzelle

Aderhaut
Außenhaut
Bindehaut
Elephantenhaut
Fetthaut
Fruchthaut
Gänsehaut
Gefäßhaut
Gesichtshaut
Glashaut
Hirnhaut
Hornhaut
Innenhaut
Jungfernhaut
Kopfhaut
Lederhaut
Netzhaut
Oberhaut
Orangenhaut
Panzerhaut
Pergamenthaut
Regenbogenhaut
Riechhaut
Rothaut
Samenhaut
Schleimhaut
Schwimmhaut
Sehnenhaut
Tierhaut
Unterhaut
Vorhaut
Wachshaut
Zellhaut

Wo es Grenze gibt, gibt es auch Grenzüberschreitung. Die Haut als Organ macht es vor: als atmend-poröse ist sie darauf konditioniert, Reize zu empfangen und zu senden - im doppelten Transfer. Berührung ist Reibung, ist Austausch mit dem Anderen. Aus dem Taktilen erwächst die Erfahrung eines Wir - und der Welt. Behutsam. Tastend. Denn die Haut ist verletzlich. Das Schützende ist durchlässig.
Aus dieser (nachuterinen) prekären Befindlichkeit heraus suche ich mir eine zweite, eine dritte Haut. Die Hülle der Kleidung. Die bergenden Wände eines Zimmers, eines Zeltes, eines Hauses. Diese Hüllen sind wandelbar, ich inszeniere sie nach meinem Gusto, mache sie zu Bühnen meiner Auftritte.
Weiter reicht der Radius meines Wirkens kaum. Das Dorf, der Stadtteil können mir vertraut sein, doch sind sie geprägt von vielen verschiedenen Einflüssen. Ich bewege mich auf halbfremdem Territorium, oft zwischen den Codes. Einerseits gehöre ich dazu, andererseits nicht. Der Grad meiner Nähe hängt von unterschiedlichsten Faktoren - wie Wahl und Akzeptanz - ab. Ob ich mich heimisch fühle, bestimmen Mischung und Gemenge.
Noch komplizierter verhält es sich mit dem Nächstgrößeren, dem Land. Was verbindet mich mit ihm: Geburt, Sprache, Landschaft? Kann ich seine Grenzen als "natürlich" empfinden? Und was, wenn die Willkür der Geschichte neue Grenzlinien zieht? Verflüchtigt sich die Heimat dann ins Imaginäre?
Alles läuft auf die Frage hinaus, wo das Eigene aufhört und das Fremde beginnt. Schnell gerät man ins Räderwerk der Dialektik, definitorischer Setzungen. Die Antwort bewegt sich zwischen fließender Grenze und Stacheldrahtzaun, auf häufig vermintem Gelände. Und wäre doch glücklicher, wenn sie sich an der Haut orientierte: diesem atmenden Gewebe.
Nur wo Grenze und Gewebe ineins fallen, kommt die Wirklichkeit zu ihrem komplexen Recht.

*

Als Kind habe ich ständig Grenzen passiert. Tagsüber, nachts, in Zügen oder auf dem Hintersitz eines alten Autos. Im Halbschlaf sah ich Grenzbeamte, Zöllner, salutierende Soldaten. Schranken gingen zu und wieder auf. In Koffern wurde unanständig gewühlt. Ich wickelte mich tiefer in meine Decke. Das seltsame Tun machte mir Angst. Und jedesmal, wenn es vorbei war, schaute ich mich um: Was war im neuen Land anders? Wuchsen die Bäume größer, sahen die Menschen freundlicher aus? Das Auge entdeckte nicht viel, aber das Ohr merkte auf: plötzlich verstand ich nicht mehr, was um mich herum geredet wurde. Fremde hieß, die Sprache nicht zu verstehen.
Darin lag aber auch ein Reiz. Eine Herausforderung. Schon nach ein paar Tagen begann ich, den fremden Tonfall zu imitieren, einige Brocken der neuen Sprache aufzuschnappen. Das hatte, zugegeben, etwas Spielerisches, doch dahinter steckte die instinktiv richtige Erkenntnis, dass die Barrieren des Fremden überwindbar waren. Wenn ich nur genug Neugier und Interesse aufbrachte, genug Eifer, um mich dem Andern anzunähern. Gerade über die Sprachen begriff ich, dass Grenzen etwas mit Vielfalt und Spannung zu tun haben, mit der Dynamik von Innen und Außen, mit Sichtweise und Blickwinkel. (Den Vorhang lüften. Durchs Zaunloch gucken. Über die Schranke spähen.) Und sehr früh schon begriff ich, dass sie relativ sind. Was mich später nicht hinderte, den Eisernen Vorhang, die Berliner Mauer als Inbegriff der Grausamkeit zu erleben, und - nach deren glücklichem Fall - die Entstehung neuer Grenzen im ex-jugoslawischen Raum als problematische Limitationsmanie.
Keine Frage, eine Welt ganz ohne Grenzen (und ohne Unterschiede) ist weder denk- noch wünschbar, denn sie gliche mit ihrem "Alles ist erlaubt" eher einer negativen als einer positiven Utopie. Doch ebenso fatal ist es, Grenzen zu verabsolutieren. Sie sind porös wie die Haut. Sie sind da, um überschritten zu werden.

*

In Parenthese: "Psalm" von Wysl/awa Szymborska:

Wie undicht sind doch die Grenzen menschlicher Staaten!
Wie viele Wolken schwimmen straflos darüber hinweg,
wie viel vom Sand der Wüsten rieselt von Land zu Land,
wie viele Bergsteine rollen auf fremden Besitz in provozierendem Aufprall!

Muss ich hier Vogel für Vogel aufzählen, wie er fliegt
oder wie er sich setzt soeben auf den gewohnten Schlagbaum?
Und wäre es gar ein Spatz - schon ist sein Schwänzchen drüben,
sein Schnabel aber noch hüben. Und obendrein - wie er zappelt!

Von ungezählten Insekten erwähne ich nur die Ameise,
die zwischen dem linken und rechten Schuh des Grenzschutzpostens
auf dessen Frage: woher, wohin - sich zu keiner Antwort bequemt.

Oh, diese ganze Ordnungswidrigkeit
auf allen Kontinenten auf einmal zu sehen!
Schmuggelt da nicht vom anderen Ufer die Rainweide
über den Fluss das hunderttausendste Blatt?

Wer sonst als der Tintenfisch, langarmig, dreist,
verletzt die heilige Zone der Hoheitsgewässer?

Kann überhaupt von Ordnung gesprochen werden,
wo man nicht einmal die Sterne versetzen kann,
damit man weiß, wem welcher leuchtet?

Und dann das tadelnswerte Sich-Breitmachen des Nebels!
Das Stauben der Steppe in aller Weite,
als wäre sie nicht in der Mitte geteilt!
Und das Übertragen der Stimmen auf willigen Wellen der Luft:
des Lock-Gepiepses und des bedeutsamen Glucksens!

Allein was menschlich, kann wahrhaft fremd sein.
Der Rest ist Mischwald, Maulwurfsarbeit, Wind.

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"Jeder Schriftsteller, ob er es nun weiß oder nicht, ist ein Grenzgänger, sein Weg führt immer an Grenzen entlang. Er demontiert, er entwertet und führt Werte und Bedeutungen neu ein, er versucht die Welt in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen und hebt ihn wieder auf, in einer Bewegung ohne Unterlass, bei ständig gleitenden Grenzen." (Claudio Magris)
Fragt sich, ob ich ohne die frühe Sensibilisierung für Grenzen, Unterschiede, Nuancen zur schreibenden Grenzgängerin (sowie Übersetzerin) geworden wäre. Wenn das Eigene sich produktiv am Fremden reibt, ist das Verstehen auf dem Weg. Sein Eros. Und wächst das Bewusstsein dafür, dass Ich immer auch der Andere ist.
Unvergesslich die frühen Triestiner Erfahrungen. Die Stadt, in der ich den schönsten Teil meiner Kindheit verbrachte, war damals eine geteilte. Wir lebten in der britisch-amerikanischen Zone A, während das Umland zur jugoslawischen Zone B gehörte. Beim Baden in Barcola gewöhnte ich mich rasch an die englisch sprechenden Soldaten. Sie erweiterten das italienisch-slowenische Sprachenduett, zu dem sich zu Hause meine Muttersprache Ungarisch gesellte. Wenn ich, dreisprachig aufgewachsen, von einer Sprache zur andern wechselte, war es wie das - lustvolle - Überqueren imaginärer Grenzen. Die Grenzlinien verliefen irgendwo in mir selbst, subkutan, ich passierte sie, um ein weiteres Zimmer meiner Identität zu betreten. Die Option des Multiplen war spielerisch-selbstverständlich, aber folgenreich: sie ermöglichte vielfältige Kommunikation nach außen. Vielfältige, aber keine unbegrenzte. Englisch zum Beispiel blieb mir als Kind verschlossen. Darum umgab das Treiben der alliierten Soldaten immer ein Hauch von Zauber. Ich möchte ihn heute ebensowenig missen wie damals. Denn darin verbirgt sich auch Respekt. Ich kenne dich nicht, aber ich achte dich. Ich erkenne meine eigene Beschränktheit und bin von deinem Anderssein fasziniert.
Der Grenzverkehr zwischen Sprachen und Staaten wurde zu meiner eigentlichen Lebensschule. Ich erlebte die Grenze als Faszinosum, ich erlebte sie in ihrer Doppeldeutigkeit: nämlich als Schranke und Brücke in einem. Später, mit dem Schreiben, kam Entzauberung im Sinne Rimbauds: "Ich ist ein Anderer; der Dichter macht sich zum Seher durch eine langdauernde, unerhörte und wohlüberlegte Entgrenzung aller Sinne." Doch liefert die Literatur ihren eigenen Gegenzauber: mittels Verfremdung und Maskierung suggeriert sie die Einheit einer künstlerischen Kreation.
Etwas in mir sträubt sich gegen den Dualismus von Grenze und Grenzenlosigkeit, von Teilung und Einheit. Das tertium datur ist die atmende, poröse Haut. Dehnbar, schützend-verletzlich und zugleich in ihrem Sosein repräsentativ. Keiner kann aus seiner Haut, aber diese Haut ist weder Bollwerk noch Stacheldrahtzaun, sie ist ein Oxymoron. Sie schützt, indem sie verletzlich bleibt. Vor allem aber ist sie, die bebende Membran, ein Kommunikationsorgan. Das Paradox heißt also: kommunizierende Grenze.

*

Was verbindet transferieren (überführen), transitieren (durchgehen), translozieren (verlagern), transpirieren (schwitzen), transportieren (befördern) und transzendieren (erfahrungsmäßig überschreiten)? Es ist
die lateinische Vorsilbe "trans", mit der Bedeutung "hinüber".
So wie die Haut durch die Poren Schweiß absondert, also transpiriert, so sind auch andere Grenzen Orte der Passage, des Transports und Transfers. Wo eine Grenze zur totalen Abschottung dient, führt sie sich selber ad absurdum. Grenzen sind, zumindest punktuell, durchlässig, regulieren das Drinnen und Draußen, das Hinein und Hinaus. Sogenannte Grenzübergänge bilden markante Knotenpunkte, Kreuzwege, Durchgangsschleusen. Hier beweist sich die Grenze, indem sie sich transzendiert, d.h. überschreitet.
Der Grenzgänger (oder Grenzfahrer) vollzieht einen "rite de passage", ein Übergangsritual. Je beschwerlicher, je schikanöser Grenzkontrollen ausfallen, desto stärker auch das Gefühl des "Durchbruchs", der Befreiung. Erst wer den Engpass erfolgreich übersteht, ist entlassen ins "Freie". Nicht von ungefähr fällt einem der Geburtsvorgang ein - auch er oft traumatisch, doch definitiv irreversibel. Es handelt sich um ein Ein-Weg-Geschehen, was bei Grenzübertritten nur ausnahmsweise der Fall ist.
Wichtig bei letzteren ist der Ritualcharakter. Er scheint sogar das Zeug zu einer Mini-Katharsis zu haben. Überquere ich die Grenze, bin ich verwandelt, ein Anderer. So stecken Kinder Reviere ab, um Übergänge - und damit sich selbst - zu erproben. Das Drama beginnt zwischen der Vokabel "mein" und "dein"/"sein". Jede Grenze erhebt es zum Fanal.
Grenzen sind Setzungen, selbstgewollte oder aufoktroyierte. (Oder beides, wenn es um die innere Emigration geht. Péter Nádas: "Von all dem, was ich nicht wollte, grenzte ich mich ab; das war meine Freiheit. Mit voller Kraft, aber auch mit viel Schmerz habe ich die Grenzpfähle in den Boden geschlagen. So entstand ein Bereich, durch den ich keine fremden Zwänge oder fremden Vorstellungen hindurchlassen durfte. In Wirklichkeit aber war mein Reich der Freiheit nichts anderes als ein ziemlich leeres Feld. Und es führte in die Einsamkeit.") Grenzen sind ein Regelwerk (von Geboten und Verboten). Wir empfinden ihre Existenz als Skandalon, als Provokation, als Farce, aber auch als Symbol der conditio humana, die eine zeitlich begrenzte ist. Die Chance der Grenze liegt in ihrer Aufforderung zur Überschreitung, zum "trans". Darum ist sie dramatisch - und mehrfach codiert.
Grenzen als Zonen der Intensität, als Verwerfungen und Katalysatoren, als Palimpseste und Passagen. Wir arbeiten uns an ihnen ab, in einem dauernden Hürdenlauf. Um immer wieder an die proteische Grenze unserer Haut zu stoßen, die wir sind.
Kutane Befindlichkeit ist die eines Darunter und Darüber, so wie die Grenzschranke ein Davor und Dahinter markiert. In beiden Fällen unterscheiden wir zwischen Drinnen und Draußen, wobei dieses Drinnen mal das eigene Land, mal den eigenen Körper meint. Eine bedingte Unterscheidung. Weiß ich denn mit meiner porösen Haut, wo ich anfange,
wo ich aufhöre? Das Transitorische ist mir eingeschrieben, meine Sinne und Triebe streben hinaus.
Gäbe es Grenzanbeter, sie betrieben den Kult nur, um Erfahrungen in Sachen Transzendenz zu machen. Askese und Rausch ermöglichen das, was im Volksmund Grenzerfahrung heißt, in Wirklichkeit aber über die Grenze hinauszielt, "trans". Dort drüben, irgendwo hinter den sieben Bergen und sieben Bewusstseinen, lockt uns ein Zustand, der alles Bekannte hinter sich lässt, wo wir - entgrenzt - auf das Eigentliche stoßen. Ohne Grenze aber keine Entgrenzung, so lehrt es der Verstand und die alltägliche Realität.

*

Akronymische Eloge auf die HAUT, zum Schluss:

Hilf am Ufer. Taue
Härten auf und tarnend
Herzen. Auch Undinen. Trennung
hat andere Unzen, täuscht.
Heller Anfang unverfälschter Triebe:
Harmonie, Aufbruch, Umarmung, Tanz.
Himmel arbeiten unterm Tuch:
hier atmet unser Teil,
hier amtet unser Tun.
Huldigung an unbekannte Tiefen.


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