Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2002

LICHTUNGEN - 91/XXIII. Jg./2002

Schwerpunkt:
Literatur aus Plovdiv

Kunstteil:
Luchezar Boyadjiev

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
91 / XXIII. Jg. / 2002, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Luchezar Boyadjiev, Sofia, Listen to My Eyes, 2002


EDITORIAL

GRAZ UND DIE LITERATUR

In wenigen Monaten, im Jahre 2003, wird Graz Kul tur hauptstadt Europas. Sie wird in diesem Jahr die einzige in Europa sein, und daraus ergibt sich für sie die seltene Chance, verstärkt in das internationale Rampenlicht zu treten. Seit der Öffnung Europas steht diese Stadt vor neuen Möglichkeiten und sie ist im Begriffe, diese zu nutzen - überdies als "Friedens stadt", als "Stadt der Menschenrechte", und als Stadt des "Weltkulturerbes". Das Vorhaben "Kulturhaupt stadt" ist sicher das größte Kulturprojekt in der Ge schichte der Stadt.
Im 19. und 20. Jahrhundert befand sich diese ‚Boll werk'-Stadt, im Zeitalter des Nationalismus, lange im Abseits Europas. In der Katastrophe des Nationalso zialismus hatten die meisten Bewohner dieser Stadt, in der ‚Stadt der Volkserhebung', endgültig ihre jahrhundertealte Geschichte zuvor vergessen, die geprägt war von Begegnungen mit Menschen verschiedener Nationalität und mit anderen Kulturen. Das Südliche, das Mediterrane in der Sprache, in der Architektur, das die Stadt so offen machte, ging verloren, die politische Kälte des Nordens sickerte ein. Joseph Roth bringt im Roman "Die Kapuzinergruft" im Jahre 1938 diesen Aspekt prophetisch auf den Punkt: "... die Zahnärzte aus Linz, Graz, Knittelfeld, die Kröpfe aus den Alpenländern, sie alle singen 'Die Wacht am Rhein'. Österreich wird an dieser Nibelungentreue zu grunde gehen. Das Wesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie...".
Nach 1945 beginnen die Bewohner den schwierigen Neuaufbau. Das Kulturleben der Stadt war aber weiterhin gelähmt, zu lange waren die Künstler von den neuen, experimentellen Ideen der Kunst im westlichen Europa abgeschnitten. Doch Ende der 50er Jahre regt sich neues Leben in der weitgehend statischen Kulturlandschaft. Mit einer ‚Revolution' brechen junge Künstler die geistige Starre dieser Stadt endgültig auf, das Forum Stadtpark wird gegründet. Dieser Ort wird Zentrum für das Neue, das Experimentelle in den Bereichen der Literatur, Malerei, der Musik, der Fotografie, der Architektur, all dies mündet gebündelt in das Avantgarde-Festival "steirischer herbst". In diesem Rahmen verweist der 'Trigon'-Gedanke von Hanns Koren in den ehemals offenen, großen Kultur raum nach Süd-Osteuropa - eine Wiedererinne rung. Und mit Hilfe der bedeutenden Literaturzeit schrift "manuskripte" wird Graz seit den 60er Jahren endlich zu einem der großen Literaturzentren im deutschen Sprachraum. Damit wird diese Stadt, was zuvor eigent lich nie gelungen war, endgültig eine Literatur stadt.
Doch in den letzten Jahren ist es um die Literatur in Graz stiller geworden, wenngleich, wie in keiner ande ren österreichischen Stadt, hier noch immer vier Literaturzeitschriften herausgegeben werden. Wichti ge Partner in der Literaturbegleitung gingen durch Einstellung von zwei bedeutenden Grazer Zeitungen verloren, die der Literatur immer einen großen Platz einräumten. Verlage stellten über Nacht die literarische Produktion ein. Und das Medium Rundfunk in der Steiermark, viele Jahre führend in der Literatur vermittlung in Österreich, reduzierte wichtige Litera tur sendungen wie für unveröffentlichte Texte und Hörspiele - davon haben früher viele Autoren gelebt. Darüber sollte sich manch Verantwortlicher in der Kultur Gedanken machen...
In letzter Zeit wurde in der Phase der Vorbereitungen für Graz - Kulturhauptstadt 2003 viel diskutiert, einige Kritik wurde laut. Gerade zum Bereich Literatur wurde die kritische Meinung vertreten, daß sie im Programm zu wenig Beachtung fände. Doch die Literatur hat ihren Platz. In der Programmplanung für Graz 2003 sind besondere literarische Projekte vor gesehen oder werden schon umgesetzt wie u. a. "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" und "Die Poetik der Grenze". Neue Vorhaben werden realisiert, die die eine oder andere neue Entwicklung andeuten - vielleicht auch Zeichen für neue Phantasie in dieser Stadt. Projekte wie z. B. "Heimat.Fremd", "Sprachmusik", "Graz von außen", "Es liegt etwas in der Luft - Die Himmel Europas", "writers in resi dence" oder "Europa erlesen - Graz" sind wichtige literarische Äußerungen im Programm. Möglicher weise wird die eine oder andere literarische Erinne rung im Kultur hauptstadt-Programm fehlen. Doch auch ein neues Literaturhaus wird gebaut, zu Recht wird von diesem Haus erwartet, daß es die Eigenart der Literatur dieser Stadt dokumentieren und für neue Entwicklungen offen sein soll und damit erneut in Erinnerung ruft, daß Graz nach dem 2. Weltkrieg eine Literaturstadt ge worden ist.
Wichtig wird daher sein, daß wieder neue Wege der Literaturbegleitung auch von den verschiedenen Me dien in dieser Stadt zu den Lesern gefunden werden. Für die Zukunft ist also die Veranwortung groß, dies gilt für die Leitung von Graz 2003, für die Kultur politik der Stadt, für die Printmedien, für den Rund funk, daß die Literatur erneut jenes öffentliche Po dium in dieser Stadt erhält, damit junge Autorinnen und Autoren ihren literarischen Weg gehen können, der wieder über Graz hinausführt. Die blühenden 60er und 70er Jahre sollten nicht nur eine schöne, nostalgische Erinnerung bleiben...

Markus Jaroschka

INHALT 

 
LITERATUR    
Aleksanda r SEKULOV Ein Zeitgedicht: Plovdiv
3
Joy MARKERT Besuch der dunklen Welten
4
Mary O'MALLEY Gedichte
14
Daniel KATZ Otelo (Novelle)
18
Marjana GAPONENKO Neue Texte (Kurzprosa und Gedichte)
28
Roman SIMIC´ Nachmittag (Erzählung)
29
Christian TEISSL Abendliche Litanei
31
Walter HELD Hofmann oder: Die Liebe ist eine Himmelsmacht (Romanauszug)
33
Ernest WICHNER Gedichte
40
 
NEU VORGESTELLT    
Leonie HODKEVITCH Wespen (Erzählung)
42
Hans-Ulrich GÖSSL Fliegen Hacken (Romanauszug)
47
 
LITERATUR AUS PLOVDIV    
19. Stadt im Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"  
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.  
Zusammenstellung und Übersetzungen: Mag. Alexander SITZMANN, Wien  
Alexander SITZMANN Plovdiv - Eine Einführung
52
Albena HRANOVA Plovdiv, Erzählung ohne Sujet
53
Aleksanda r SEKULOV Rostiges Lied / Plovdiv (Gedichte)
55
Dimita r KIRKOV Der Hügel (Romanauszug)
57
Ivan TEOFILOV Die Altstadtfalle und weitere Gedichte
62
Jordan VELCvEV Die Fassaden / Verkaufsstände des Lebens (Gedichte)
65
Hristo ZAPRJANOV Der schwarze Storch (Romanauszug)
67
Marija BOGDANOVA Im bequemen Sessel und weitere Gedichte
72
Valentin GEORGIEV Dritte Erzählung (Erzählung)
74
Rumiana EBERT Am Scheideweg / Nostalgia / Alter Osten (Gedichte)
79
Boris MINKOV Der Unbekannte und das Schiff (Erzählung)
80
Ivan VA LEV Gedichte
82
Georgi ALEKSIEV Gefühlswallungen (Erzählung)
84
Dobromir TONEV Lyrik / In das blaue Heft (Gedichte)
87
Mladen VLAŠKI Zur Auswahl: Im Fluß badet eine blonde Auffassung von den Dingen
88
 
SATIRE-WETTBEWERB 2002 DER AKADEMIE GRAZ  
Dimitré DINEV 1. Preis: Wechselbäder
92
   
 
EIN LITERARISCHER ESSAY  
 
Juri ANDRUCHOWYTSCH Impressionen aus Stanislau
96
   
 
KUNST  
 
Werner FENZ Listen to Boyadjiev's Eyes - Eine fotografische Reise
 
  von Innen nach Außen und zurück
101,116
Luchezar BOYADJIEV Listen to My Eyes
102-115
   
 
DIE POETIK DER GRENZE (18./19. Teil)
 
Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADTEUROPAS  
Aleš DEBELJAK Auf der Suche nach einem Archetyp: Meine Heimatstadt im Übergang
117
Nadja KLINGER Volleyball
122
   
 
ZEITKRITIK  
 
Richard HERZINGER Das Wagnis der offenen Gesellschaft
128
Alexander DUNST Der Blick aus dem Fenster
136
   
 
ZU DEN AUTOREN  
141


19. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

19. STADT: LITERATUR AUS PLOVDIV

Zusammenstellung und Teilübersetzungen: Mag. Alexander SITZMANN, Wien;
Mitarbeit und Teilauswahl von Mag. Mladen VLASKI, Plovdiv.
Redaktionelle Mitarbeit: Karin und Markus JAROSCHKA, Graz
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.
:

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001
16. Stadt: LITERATUR AUS BORDEAUX, LICHTUNGEN 88/2001
17. Stadt: LITERATUR AUS BERLIN, LICHTUNGEN 89/2002
18. Stadt: LITERATUR AUS GLASGOW, LICHTUNGEN 90/2002

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind vielleicht die einzigen geistigen Mittel gegen jede Form von Barbarei. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Alexander SITZMANN
PLOVDIV - EINE EINFÜHRUNG

Plovdiv. Ungefähr 150 km südöstlich von Sofia in der Thrakischen Ebene am Ufer der Marica gelegen, Genußmittel-, Textil-, metallverarbeitende und chemische Industrie. Messe- und Universitätsstadt, mehrere Forschungsinstitute, 364.000 Einwohner, euro päischer Kulturmonat 1999. So könnte ein kurzer Steckbrief des heutigen Plovdiv aussehen.

Plovdiv. Eine Stadt mit Geschichte. 6000 v.Chr. erste Siedlungsfunde, um 1000 v. Chr. bedeutende thrakische Siedlung mit befestigtem königlichem Viertel. 343-340 v. Chr. Eroberung Thrakiens durch Philipp von Makedonien, auf den Ruinen der alten Siedlung wird eine neue Stadt - Philippopolis - errichtet, die auch Alexander dem Großen als Stützpunkt für seine Balkanfeldzüge dient. 45 v. Chr. wird Thrakien unter Kaiser Claudius zur römischen Provinz. Im 2. - 3. Jh. n. Chr. erlebt die Stadt eine Blütezeit und eine rege Bautätigkeit (Theater, Bäder, Aquädukte, Kirchen, Synagogen) setzt ein; inzwischen heißt die Stadt Trimontium, hat mehr als 100.000 Einwohner und ist zu einem Kreuzungspunkt zweier wichtiger Verkehrs adern, nämlich der von Belgrad nach Byzanz und von der Donau an die Ägäis, geworden. Im Jahre 250 wird die Stadt von den Goten zerstört, 441 von den Hunnen. 537-565 erfolgt der Wiederaufbau unter Kaiser Justinian. Im 6. und 7. Jh. besiedeln die Slaven die Balkanhalbinsel, im 9. Jh. ist sie Teil des Ersten Bulgarischen Reiches, im 10. Jh. fällt die Stadt unter byzantinische Herrschaft, entwickelt sich im 12. und 13. Jh. zu einem wichtigen Handelszentrum und zu einer multikulturellen Vielvölkerstadt. Bis zum Beginn der osmanischen Herrschaft 1364 befindet sich die Stadt abwechselnd unter bulgarischer, byzantinischer und lateinischer Herrschaft. Unter den Osmanen bleibt Filibe, so die türkische Namensform, Zentrum der reichen thrakischen Provinz, besitzt 23 türkische und ebensoviele bulgarische, griechische, jüdische und armenische Stadtteile, 53 Moscheen und ca. 100 christliche Kirchen. 1636 wird die Stadt zum ersten Mal urkundlich unter dem Namen Plovdiv erwähnt. Zur Zeit der nationalen Wiedergeburt im 19. Jh. erlebt Plovdiv erneut eine Blütezeit, nach der Befreiung von osmanischer Herrschaft und dem Berliner Kongreß 1876 wird Bulgarien geteilt und Plovdiv Hauptstadt der autonomen Provinz Ost rumelien, 1885 erfolgt die Vereinigung mit dem Fürsten tum Bulgarien. Es folgt das rastlose 20. Jh., die Balkankriege, der Erste und der Zweite Weltkrieg, kommunistische Herrschaft und schließlich vor einigen Jahren die Wende. Soweit zur Geschichte der Stadt auf den sieben Hügeln.

Plovdiv. Eine Literaturstadt?
Keiner der großen bulgarischen Autoren stammt aus Plovdiv, Plovdiv hat keinen "Klassiker" hervorgebracht, und Albena Hranova geht sogar so weit zu behaupten, daß etwas im Geist dieser Stadt die Worte unterdrückt. Warum sollte man dann aber Plovdiv für ein Projekt wie transLOKAL auswählen? Oder sollte man sein Augenmerk darauf richten, daß Plovdiv über Jahrhunderte hinweg ein Kreuzungspunkt der Kul turen war, ein Ort, an dem sich die kulturellen Eigen heiten des Abendlandes und des Orients überlagert und vermischt haben, was nach Mladen Vlaški die Wege der Plovdiver Literatur vorausbestimmt hat.
Die literarische Realität entzieht sich natürlich jeglicher Kategorisierung, und so liegen unsere Texte auch zwischen den "Extremen", die diese zwei bekannten Plovdiver Literaten in ihren Essays abgesteckt haben. Wir werden mit dem konfrontiert, was Literatur eigent lich ausmacht: menschliche Gefühle, Ängste, Träume, Sehnsüchte, Gedanken usw. - kein reines Abbild der Realität, sondern ein Gewebe, das den Menschen und seine Umwelt umspannt, uns seine Sichtweisen und Empfindungen näher bringt.
Die folgende Auswahl ist deshalb insoweit repräsentativ für die Plovdiver Literatur, als sie es uns, den Lesern, ermöglicht, eine Bindung zu dieser Stadt, zu ihrer Geschichte, ihren Hügeln und vor allem zu ihren Menschen, seien sie dort geboren oder zugewandert, seien sie jung oder schon der älteren Generation zugehörig, herzustellen - eine Bindung, die gleichzeitig auch eine Grenzüberschreitung bedeutet, mitten hinein in das Unbekannte.


"DIE POETIK DER GRENZE" (18./19. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Aleš DEBELJAK
AUF DER SUCHE NACH EINEM ARCHETYP:
MEINE HEIMATSTADT IM ÜBERGANG

In der Vibration meiner Kindheitserinnerungen - ich bin in den Straßen Ljubljanas aufgewachsen - höre ich ganz deutlich Verse: "Wenn du mich höher steigen lässt, bestaune ich die Häuser Triests". Natürlich habe auch ich einen Drachen steigen lassen, aber der Drachen in dem Gedicht Oton Zvupancvicvs, einem der wichtigsten slowenischen Dichter von Kinderlyrik, war nicht nur ein Ding aus leichtem Papier und Balsaholz. Das Bild umriss einfach metaphorisch die Gesamtheit meiner kindlichen Erfahrungswelt.
Wir wohnten in einer Ansammlung niedriger, sozialistischer Mietskasernen neben dem Fluss, triste Hochhaus-Antlitze, die nie wirklich ihr Spiegelbild auf der Oberfläche der langsam fließenden Wasser erhascht haben. Ich spähte durch die sanft schwingenden Äste der Trauerweiden entlang des Ljubljanica-Flusses, die es heute nicht mehr gibt, vielleicht weil Joseph Pleènik, der wichtigste Architekt meines Landes, dessen Arbeit einen großen Teil der Innenstadt der slowenischen Hauptstadt geprägt hat, die Weiden als visuelle Illustration sich bückender Waschfrauen geplant hatte, das Bild einer unwiderruflich verlorenen Vergangenheit. Als ich dorthin blickte und mir unsichtbare Welten vorzustellen versuchte, in welchen wirklich dramatische Abenteuer stattfanden, die meine Sehnsüchte auch wert waren - niemals war ich mit der einfachen, tatsächlich verfügbaren Realität zufrieden -, sah ich die italienische Stadt Triest vor mir mit einem riesigen Hafen und dem Meer, das mir Unendlichkeit verhieß. Ich sage dies nicht, um auszudrücken, dass als Kind meine Denkwelt durch die armseligen finanziellen Mittel meiner Eltern und die politischen Beschränkungen des "sanften", kommunistischen Jugoslawiens, unseres Heimatlands, begrenzt war. Denn sogar eine Reise ins nahe gelegene Triest bedeutete tatsächlich für uns den Eintritt in eine andere Welt. Nein, bei diesen Bildern denke ich nicht an diese Beschränkungen, auch wenn ich ihre Kraft nicht abstreite. Vielmehr beschäftigt mich meine Akzeptanz der sich auflösenden, nie vollständig verschwundenen und doch so zerbrechlichen Erinnerungen, die in der Kindheit verankert sind, durchdrungen von sehr ur sprünglichen Bildern, Bildern der Vergangenheit. Wer wollte diese Bilder nicht verstehen? Denn gerade die künstlerische Vision nährt sich so oft am verlorenen Paradies der Kindheit, denn in der Kindheit haben sich symbolische Archetypen gebildet, die ausschlaggebend für die Wahrnehmung dieses Augenblickes sind. Ich bemühe mich, so wenig Gelegenheiten wie möglich zu verpassen, bei denen diese Archetypen zu Tage treten: wie sie auf die gegenwärtige Anwendung von Zeit und die Orientierung des Raumes treffen. Solche Gelegenheiten ergeben sich beim Spiel mit Kindern und bei der Sorge um sie.
Ich selbst habe drei Kinder: Für alle drei sind das Slowenisch ihres Vaters und das amerikanische Englisch ihrer Mutter gleichrangig, auch wenn die Kinder die Sprachen je nach augenblicklich passendem Wort und Flexibilität der Beschreibungen einsetzen. Und so laufen sie im Garten zusammen mit Zvupancvicvs Drachen und bei den Refrains der "London Bridge is Burning Down" des englischen Songs und des "Itsy Bitsy Spider" der Amerikaner umher und helfen der Sonne dabei, den dünnen Faden, der sich über andere Dächer und hin zu anderen Brücken erstreckt, zu trocknen. Die Horizonte meiner Kinder reichen zwangsläufig weiter als Triest. Ganz spontan verdoppeln sich diese Denkwelten, das Potenzial der Möglichkeiten von Biografien und Sehnsüchten erweitert sich, die symbolische Topographie ihrer Welt ist weiträumiger. Der Blick auf eine fruchtbare Umgebung und das Gefühl endloser Kraft in der ewigen Wiederkehr der Sonnenstrahlen sind - davon bin ich immer mehr überzeugt - ganz einfach Säulen, die die zerbrechliche Architektur der Seele stützen. Und genauso wie die Seele Landschaften des Friedens braucht, um sich sorgfältig genug auf den sicheren Schmerz und die potenzielle Gnade des Wissens einzustellen, spannt sich diese verdoppelte Identität in viele Richtungen, öffnet hastig die Türen zu unbekannten Räumen, Rückzugsorten, und sucht immer nach anderen, denn - so exterritorial dies auch sein mag - ihre Verbindung zu nur einer Dimension ist im Schwinden begriffen.

Erste Erfahrung mit einer Metropole

Geboren bin ich in Ljubljana mit seinen engen Straßen und der bescheidenen Verlegenheit seiner Fassaden, die "auf Deutsch träumten", wie ich in meiner Gedichtsammlung "Minute strahu" (Augenblicke der Angst) beschreibe. Hier bin ich aufgewachsen, die Schulen der Stadt gaben mir meine Universitäts-Ausbildung, meine Fahrten ins Ausland haben hier begonnen, und entlang des Ringes von Bürgerhäusern unter der geduckt kauernden Burg und den Ufern des träge fließenden Flusses messe ich schließlich - fast gegen meinen eigenen Willen - die Erfahrung der pulsierenden architektonischen, kulturellen und sozialen Kraftfelder, die die Menschen in fremden Städten verwirren. Mit anderen Worten, zumindest für mich entspringt der Archetyp einer Stadt den frühesten Erfahrungen von etwas, das für eine lange Zeit das einzige Modell eines urbanen Rhythmus darstellte, nämlich von Ljubljana.

Meine erste Erfahrung einer "Metropole" ist jedoch jugoslawisch. Noch immer erinnere ich mich an die Aufregung darüber, neues Gebiet zu betreten, auch wenn mich ein halbes Leben von der ersten Begegnung trennt: Wie die vollen Lippen eines leicht vulgären, aber immens sinnlichen Mädchens verführten mich die Straßen von Belgrad mit den Ver sprechen romantischer Möglichkeiten und einer im Entstehen begriffenen Vertrautheit mit der Weisheit des Balkans, an die sich das "fin-de-millenium" nur mit Schaudern anhand der militärischen Verrücktheit der serbischen, nationalistischen Megalomania erinnern wird. Sie dringt zu uns durch den Schleier einer hoffnungslosen Kraftlosigkeit angesichts der Kata strophe ethnisch reiner Identitäten, die Belgrad in den Kriegen des zerfallenden Jugoslawiens inszenierte. Trotz dem erinnere ich mich noch sehr gut, wie ich zum ersten Mal vom Bahnhof durch die Canyons der schon ausgebleichten Paläste kletterte, die, so wurde mir später berichtet, architektonisch die Schlucht von Sutjeska nachahmten, den Schauplatz eines berühmten Partisanenkampfes gegen die Nazis vor einem halben Jahrhundert, zur breiten Terazije Avenue hinauf; diesen Boulevard wanderte ich hinunter, erfreute mich an der bunten Entspannung der flaneurs, ging am Moskva Hotel vorbei, wo der alternde Doyen der serbischen Wissenschaften, der Schriftsteller Miloš Crnjanski, bis zu seinem Tod nach jahrzehntelanger Emigration auf den britischen Inseln gelebt hatte. Vielleicht lag es ja an meiner Verblüffung über die de pressive Kraft jenes Zustandes, der ‚Exil' genannt wird, auf den Seiten seines bitteren Romans Roman o Londonu (Roman von London), dass ich selbst nicht in Amerika blieb, als ich viele Jahre später dem Ruf fremder Länder mit der viel versprechenden Aussicht auf studentische Abenteuer folgte. Sicher ist es sinnlos, Unwissenheit vorzugeben oder noch schlimmer, einen politisch motivierten Gedächtnisverlust: Diese Stadt faszinierte mich einfach. Sie verkörperte alles, was Ljubljana nicht war. Belgrad vermittelte mir die erste Erfahrung einer gefährlichen und aufregenden Welt stadt, die mit ihrer Mischung aus orientalischen und westlichen Gepflogenheiten immer wieder verschiedene Persönlichkeiten und Traditionen neu gestaltete und sie in jenes lebendige, wenn auch angstbesetzte Patchwork ihres Selbstvertrauens einsetzte. Diese ganz besondere "Lebensart" konnte mir beispielsweise Wien nicht vermitteln, und ich erwartete das auch nicht wirklich von dieser Habsburg-Stadt, auch wenn sie historisch, sozial, geographisch und möglicherweise geistig den Slowenen als Sitz der Kaiserfamilie, die mehr oder weniger ohne Unter bre chung einen großen Teil des slowenischen Landes in den letzten fünf Jahrhunderten regiert hatte, näher steht. Da sie sich den urbanen Beschränkungen ihres Heimatortes bewusst waren, flohen urbane Figuren in slowenischen Themenfilmen nur bis zur Adriaküste, von wo aus sie sehnsüchtig in ferne, fremde Welten blickten; wohingegen die unrasierten und stadtversierten Jugendlichen aus Belgrad zur selben Zeit un ver froren den legendären Simplon Express bestiegen, um Paris zu erobern. Dieses kurze Blitzlicht künstlerischer Metapher allein weist schon auf die Grenzen des spirituellen Horizontes von Ljubljana hin.

In Ljubljana fehlt vor allem die signifikante Tradition eines Kosmopolitismus, die von den äußerst spärlichen Schichten jeder neuen Stadtelite zu den breiteren Massen der Stadtbewohner durchsickern könnte. Aber nach meiner anfänglichen Depression, angesichts derer es mich nach anderen Flüssen und anderen Bur gen verlangte, hatte dieser Mangel auf mich eine irgend wie befreiende Wirkung. Es dauerte lange, bis ich begriffen hatte, dass sich eben jeder diese Art der Mythologie selbst erschaffen muss, wenn es bei den Slowenen diese Tradition und auch das kreative Selbstbewusstsein, das damit einhergeht, nicht gibt.

Identitätskrise

Ljubljana, das erst vor zehn Jahren mit der Unab hängigkeit Sloweniens zur Hauptstadt im Sinn des Mittelpunktes einer unabhängigen Nation wurde, lebt in mir - ein Bastard aus Gutenbergs Galaxie - durch die ältere, ja sogar uralte Wahrnehmung kreativer Imagination, und zwar durch die immer typischere Auswahl literarischer Kapitel, die die symbolische Ikonographie des Raumes, in dem sich - ich gebe zu, für einen Geburtsort ist dies ein ehrgeiziges Vorhaben - alle Städte, wenn auch nur einen Augenaufschlag lang, selbst erkennen können.

Schließlich wird poetische Empfindsamkeit in der tief intuitiven Überzeugung geboren, dass Stadtmauern die letzte Grenze des Bekannten bezeichnen; dass auf gewisse Weise eine einzelne Stadt die gesamte Welt darstelle; dass der Ort, an dem es sich wirklich zu leben lohne, eine Art transzendente "imago mundi" sei. In einer Stadt zu Hause zu sein, in der sich Himmel und Erde treffen, ist daher existenziell real; zu Hause zu sein in einer Stadt, die die ursprüngliche, gefühlsgeladene, abenteuererfüllte und daher grundlegende Erfahrung eines Ortes bietet; zu Hause in einer Stadt, wo alles Namen besitzt, die magische Karto graphie einer Hand voll Plätze, drei oder vier Schlüssel straßen und die anonymen Winkel eines Provinznestes, das aber die Hauptstadt meiner ureigenen Welt darstellt, denn sie ähnelt dem Wohnort der Götter - diese Kartographie folgt mir beständig die Boule vards fremder Metropolen hinunter, wo die Sehnsucht nach "etwas anderem" mich immer wieder dazu bringt, erfolglos zu versuchen, "dasselbe" zu entdecken mit der schmerzvollen Freude an der Ver gänglichkeit. Kurz gesagt, ich suche nach einem ur sprünglichen Ort, der die Bedeutung und das Gewicht eines Archetyps besitzt.

Verkehrsstaus in den so gemütlich sich windenden Straßen Alt-Ljubljanas, die Menschenmengen auf dem glitzernden Asphalt, die ausgelassen sich offenbarenden Auslagen von Cerruti bis Nama, eines führenden einheimischen Kaufhauses, die langen Re gale des genauso einheimischen Markthaus gi ganten Mercator in jedem Viertel und die schüchterne Ko ketterie der Gassen mit ausgedünnten Baumreihen entlang der Aškercveva-Straße, die Spannung zwischen der Freigebigkeit der Konsumgüter auf Messen und den parallelen Welten diplomatischer Salons sowie der murmelnden Zuflucht von Kneipen und Bars, die lärmenden Plätze und das Gerangel vor den Auf zügen der pudererfüllten Supermärkte wie Metal ka oder Maximarket, der Sieg des Kitsches in den Villen der ‚nouveaux riches' und die sich ausbreitende Me lasse von Regierungspalästen, die die historische Not wendigkeit, dass sich kulturelle Institutionen wie auch Museen im Zentrum konzentrieren sollten, ignoriert; die riesigen Werbeplakate, die sich unaufhörlich selbst zum Triumph einer postindustriellen Hauptstadt gratulieren, und die zweischneidigen Bemühungen der sozialen Randschichten, sich eine Art Lebensstil zu schaffen aus dem Druck einer vorhersehbaren Bana lität, in der sowohl die freudige Entspannung wie auch der öffentliche Raum des Konfliktes das Recht einfordern, als existenzielle Neuerung behandelt zu werden - Ljubljana kennt das Schwärmen der ausdrücklich urbanen Identitäten sehr wohl.

Dies alles ist jedoch noch immer eher dürftig, wahrlich erst frisch geboren aus den Kämpfen des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Übergangs. Aber genau hier bietet sich auch eine Chance. Denn die Identitätskrise, die Ljubljana derzeit als Haupt stadt eines unabhängigen Landes wie auch als Mittel punkt der slowenischen Bemühungen um die Existenz als Nation erlebt, bedeutet nicht nur eine Desinte gration ihrer vorher gültigen Identität und Formen der Selbst-Wahrnehmung, sondern auch, etymologisch betrachtet, einen Wendepunkt. Diese Chance heißt für Ljubljana, sich als offene Stadt mit befreiender Atmo sphäre zu erweisen, was nur funktionieren kann, wenn die Stadt offen wie ein Fallschirm ist, um auf diese Weise eine Stadt mit innerem Selbstbewusstsein und Gastfreundschaft nach außen zu werden. Und diese neue Möglichkeit wird wahrscheinlich klarer genau am Scheitelpunkt dessen, das mit der Nüchternheit des Tagesanbruchs leuchtet, wie Walter Benjamin einst den authentischen Impuls eines Kunstwerkes poetisierte. Um die Potenziale zu erkennen, die diese entscheidende Phase mit sich bringt, fehlen uns, den ethnischen Slowenen, die weitgehend in Ljubljana als modernem, nationalem Habitus leben, immer noch kollektiv jene vielfältigen Ebenen einer kulturellen Großstadt, die die Kraft besitzt, indem sie immer wieder einen Austausch zwischen universeller Höflich keit und den wechselseitigen Auswirkungen der einheimischen "Gewohnheiten des Herzens" hervorbringt, einen Vorrat an ausgefeilten Stilen kollektiven Lebens zu erzeugen. Genau diese Kunst sollten wir weiter verfolgen. Und wir sollten sie genau dann weiter verfolgen, wenn jegliche Ambition über die Weiterentwicklung des Eigeninteresses hinaus als letzte Zuflucht eines sentimentalen Geistes verurteilt wird. Auf dieser Basis könnten wir eine gewisse Relativierung unserer eigenen, tief verankerten Einstellungen erreichen, wir wären also in der Lage, die Bedrohung des "anderen" zu übersetzen und sie in etwas aufzuweichen, was einfach "anders" ist.

Die Rhetorik von Fußgängern?

Genau dies tut eine Weltstadt. Solche übersetzenden Ansätze zwischen verschiedenen Traditionen und Existenzen haben natürlich mehr mit der spezifischen "forma mentis" zu tun und nicht so sehr mit der kurzsichtigen Geschwindigkeit möglicherweise sogar ziemlich gutwilliger Beamter, die die Denkmäler auf den neu benannten Straßen vergangener Epochen gierig nach Veränderung entfernen. Sicherlich ist es nicht schwer, einfach eine Phalanx von Architekten zu engagieren, die sich mit guten Absichten bemühen, Ljubljana im generischen Glanz getönten Glases in dem ewigen internationalen Stil zu ertränken, der sich in der ganzen post-kommunistischen Welt mit seinen Wolkenkratzer-Hochburgen der "movers and shakers" und dem politischen Klientelismus großtut, dem die Gemeinschaft selbst egal ist, wenn diese seine besonderen Interessen weder fördert, schützt oder stärkt. Sicher sind diese Veränderungen einfacher herbeizuführen, als sich um eine Transformation der urbanen Mentalität zu bemühen, die eine elementare, politische Willenskraft nicht beschleunigen kann.

Aber es ist vermutlich durchaus möglich, Voraus setzungen dafür zu schaffen, dass sich die Mentalität verändern und sich Ljubljana einfacher von den Fallen der blassen Einförmigkeit befreien kann, die die Vororte mit Einkaufszentren kommerzialisiert und das Herz der Stadt touristisch betäubt, indem sie das "nationale Erbe" vermarktet. Es ist durchaus möglich, eine erkennbare Basis für die Form des Preisens herzustellen, die auch jene visuellen, architektonischen und - durch die Osmose - sicher auch spirituellen Elemente des urbanen Gebildes teilen könnten, das in Ljubljanas Fall wirklich organisch in einem "menschlichen Maß" erbaut ist. Ljubljana, das passenderweise für die Entwicklung einer "Rhetorik für Fußgänger" (Michael Certau) geschaffen wurde sowie für individuelle, imaginäre Szenarios erkundender Spazier gänge entlang den unsichtbaren Strahlen der grundlegenden "Burg-Fluss-Park"-Axe, die schon Plecvnik zwischen den zwei Weltkriegen betonte; Ljubljana, das sich einzigartig zwischen den Grenzen des natürlichen topographischen Schwerpunktes auf der einen Seite und dem dichten Gewimmel der Massen auf der anderen Seite erstreckt; Ljubljana, wo die "einsame Menschenmenge" der Weltstadt noch nicht die pervers unsicheren Formen der öffentlichen Intimität unter den Bürgern dieser kleinen Stadt überwältigt hat; Ljubljana, das von dem Schriftsteller Juš Kozak als eine "Stadt an der Kreuzung der Winde" beschrieben wurde, nimmt in seinem Schoß beständig, wenn auch auf den ersten Blick wenig merkbar, Fremde und Reisende, zeitweilige und bleibende Gäste, Immi granten und Flüchtlinge auf, die bemüht sind, eine ausschließliche Abhängigkeit von der slowenischen, ethnischen Identität abzuschütteln, sodass das urbane Gesicht der Stadt mit vollem Recht zur Geltung kommt; Ljubljana, das unmöglich geliebt werden kann, ohne in der Stadt eine Inspiration von Wider willen zu sehen, dieses Ljubljana täte gut daran wie so viele post-kommunistische Städte, mehr finanzielle Mittel, kritische Aufmerksamkeit und einsichtige Be mühung in den Fortbildungsprozess zu investieren. Und dies bedeutet, nicht nur dort zu investieren, wo Investitionen notwendig sind, also in urbane Plan lösungen für den wilden Karneval einer ruinösen Automobilisierung der Stadt, die "ein menschliches Maß" bald zu einer leeren Phrase in Touristenbro schüren werden lässt, während die ziemlich er schreckende Tatsache, dass Parkplätze einen beträchtlich größeren Raum einnehmen als Spielplätze, bald natürlich unterschlagen werden muss. Wenn mein Geburtsort wirklich der Archetyp einer Stadt bleiben möchte, in dem Leben über existenzielle Bedeutung verfügt und nicht nur Kanäle einer funktionellen Kommunikation bereitstellt, so muss Ljubljana aufpassen, dass seine Bürger sich auf der einen Seite besser bewusst über die lange, wenn auch unbequeme Tradition sind, eine kollektive Allianz mit all jenen Bürgern zu schaffen, die unabhängig von ihren ethnischen Ursprüngen die einheimische Sprache der Fassaden in Ljubljana und deren Sehnsucht nach Frieden erkennen, sich auf der anderen Seite aber genauso bewusst über die essenziell heterogene Natur der Stadt und die beständige Reflektion "desselben" und des "anderen" sind.

In einem idealen Szenario würde solch ein Bewusst sein Ljubljana davor bewahren, an Sonntagen verlassen dazuliegen, als wäre plötzlich eine Epidemie ausgebrochen. Und tatsächlich ist dies auch eine Epi demie, nämlich eine Epidemie des Vergessens, in der sich die Tatsache verflüchtigt, dass die persönliche Identifikation mit einer Stadt auch eine in ihrer ultimativen Konsequenz metaphysische Verpflichtung mit sich bringt. Aber ich kann mich selbst nur authentisch in dieser metaphysischen Identität wieder erkennen, wenn sich diese Identität gegen andere reibt, wenn sie sich verändert, die beidseitige Spannung der Unterschiede befruchtet und durchdringt. Die mentalen Grenzen des entwickelten urbanen Raumes sind porös und erfordern daher eine Mischung, eine Osmose und das Köcheln vieler Idiome, Persönlich keiten und Visionen, die die Erinnerung an den "Schock des Unterschieds" mit sich bringen.

Schocks sind kreativ. Die Erfahrung der Metropole kennt dies wohl, denn die urbane Polis ist inklusiv, während die nationale Tradition von ihrem Charakter her exklusiv ist. Die slowenische Tradition, in urbanen Siedlungen zu leben, ist noch immer nationaler als großstädtisch. Wenn eine Metropole eine Art öffent licher Versammlungsort ist, ein zugiger Raum, die Heimat von vergänglichen und sich verflüchtigenden Identitäten, kann dies nur so sein, weil sie beständig Menschen einschließt und besitzt, Gruppen, Sprachen und Kulturen, die unterschiedlich sind. Den Slowenen fehlt jedoch noch immer - nehmen wir einfach ein beliebiges Beispiel - ein zumindest etwas ehrgeizigerer Roman, vor allem auch subtilere lyrische Visionen über den Schatz der Konflikte zwischen dem unsteten Schmerz und den Hoffnungen auf eine bessere Realität, wie sie die "südliche" Gemeinde von Fuzvine in den Vororten der Hauptstadt verkörpert, die deshalb so benannt ist, weil sie von Einwanderern aus den südlichen Republiken des ehemaligen Jugo slawien bevölkert ist.

Wenn die Stadt jedem freiwillig hier lebenden In dividuum wichtige, wenn auch zugegeben verwirrte Elemente von Identität, anbietet, dann bedeutet die Tatsache, in Ljubljana zu wohnen, mehr als nur eingebunden zu sein in die Stätte der Burg und des Flusses, das Schlafzimmer im Vorort und das Moor der Umgebung - denn all dies ist ja unvermeidlich; ein "Ljubljaner" zu sein, bedeutet auch, mit Kopf und Herz zu fühlen, dass es für eine vollständige urbane Existenz nicht ausreicht, passiv Seite an Seite zu leben, sondern dass wir aktiv großzügige Formen kollektiven Lebens entwickeln müssen: nicht nur passiv verschiedene linguistische, ethnische und religiöse Charakteristika tolerieren, sondern verstehen, dass es keine Städte ohne heterogene und plurale Impulse gibt, keine authentischen Orte ohne die Entdeckung des "Andersseins" in der Brust dessen, was wir fälsch lich für "dasselbe" halten. Wir Ljubljaner ge wöhnen uns nur sehr langsam an diese Plurali sie rung ethnischer Identitäten und persönlicher Weltsichten.

Entlang des heutigen Flusses Ljubljanica sprießen die erschöpften, aber hartnäckigen Keimlinge neuer Trauerweiden aus dem Stümpfen gefällter, wahr schein lich mit Krankheit infizierter alter Weiden. An stelle von Waschfrauen winken sich nun kluge Stu denten der Computerwissenschaften, reizbare Künst ler, müßige Spaziergänger, ehrgeizige Makler und un ter beschäftigte Philosophen von Flussufer zu Fluss ufer zu, oder eher aus den Bars einiger der modernsten Treffpunkte der City. Die Hoffnung jedoch, dass dieser Prozess der Kosmopolitisierung weniger mit der Größe der Bevölkerung als mit einer engen Ver bindung zu den weiteren Horizonten der Seele zu tun hat, die wir auch in Kindern fördern sollten, entsteht allmählich im Herzen jedes empfindsamen Indivi duums, das die Vermutung hegt, für den Archetyp einer Stadt sei es notwendig, beständig eine Balance zwischen konservativer Loyalität zu einem Ort und dem liberalen Pluralismus der Unterschiede zu suchen. Solch eine Hoffnung könnte beispielsweise einem Spaziergänger unterkommen, der zumindest im Sommer, wenn die Stadt am betörendsten ist, im Vor beigehen jene Jugendliche an den Tischen der Mos quito Bar hört, wie sie an der Kreuzung des Gruber-Kanals und des Flusses Ljubljanica mit den wirklich wichtigen Dingen der Welt umgehen. Denn hier eröffnet sich dieses Gleichgewicht, erstreckt sich vom be grenzten Horizont der für einen Kuss bereiten Lippen zu den endlosen Landschaften der Freiheit des Tag träumens: Sie kommentieren den richtigen Ge schmack von Marihuana und die Natur des Kosmos.

Aus dem Englischen von Dörte ELIASS, Wien

 

Nadja KLINGER
VOLLEYBALL

Es war ein Winter wie lange keiner mehr. Er warf Eisblumen auf die Scheiben der Doppelfenster, zwischen die sie Kissenbezüge und Laken gestopft hatten, weil er sonst eingedrungen wäre und ihren ausgezehrten Körpern, während sie reglos im Halbdunkel dalagen, den Rest gegeben hätte. Es roch nach kaltem Schweiß. Über den Bettgestellen, an Kopf- und Fußenden, hingen die Klamotten. Nur dieser, kein anderer Begriff taugte, um die Kleidungsstücke zu beschreiben, die sie sich von den Leibern gerissen hatten: zerschlissene Trikots, Pullover, Pantalons, Trainingshosen und Strümpfe, in deren Fasern sich das Salz der Körperflüssigkeiten gefressen hatte, das beim Waschen eine diabolische Verbindung mit der Seife einging. Der Stoff wurde hart, die Kragen und Nähte steif. Um so weniger sie ihre Klamotten wuschen, desto besser konnten sie sie ertragen.
"Es stinkt", sagte eines der Mädchen. Die meisten Mädchen sprachen nur in den Pausen, zwischen dem Vormittags- und dem Nachmittagstraining und - dann etwas mehr und fröhlicher - in den Stunden vor der Nacht. Aber nur, wenn sie nach dem Abendessen nicht noch einmal in die Turnschuhe mussten und die schmalen Treppen in der kleinen Herberge hochspringen, mit geschlossenen Füßen vom Kellergeschoss bis unters Dach, wieder runter und wieder hoch und so weiter. Zusatztraining, nannte sich das, und es lief genauso stillschweigend ab wie die Skilangläufe an den Vormittagen und Nachmittagen. Jedes Wort hätte die Mädchen aus dem Atemrhythmus gebracht oder letztlich dazu, an den Schmerzen (Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Muskelzerrungen, Prellungen), wenn sie ausgesprochen waren, zu verzweifeln.
Niemand antwortete. Nora hielt die Augen geschlossen, da war Schnee. Endloses Weiß, das über dem Bergland lag, gleichermaßen Wiesen, Felder und Wege bedeckte und dazu einlud, sich zwanglos in alle Richtungen zu begeben, einfach geradezu auf die kleine Kirche im Tal oder hin zum Gipfel, auf dem die grelle Sonne stand. Doch diese Möglichkeiten nahm Nora nur in ihren Augenwinkeln wahr. Vor ihr lag die Spur. Zwei skibreite Rinnen nebeneinander, deren Endlosigkeit sie nicht zu beachten wagte, weswegen sie die Spitzen ihrer Ski im Blick behielt und sich darauf konzentrierte, wie eine vorstieß und die andere ihr folgte.
Nora war siebzehn. Sie waren alle siebzehn. Irgendwann würden sie achtzehn werden, es würde Blumen geben zu Trainingsbeginn, die ganze Mann schaft würde klatschen. Aber sie würden nicht wissen, wie es sich anfühlt, achtzehn zu sein. Sie wussten auch nicht, wie es sich anfühlt, siebzehn zu sein. Sie waren längst über diese Lebensalter hinaus. Nicht mit den Köpfen, fürwahr nicht. Hatten sie doch etliche Schulstunden nachzuholen, die zugunsten des Trainings versäumt worden waren. Die Mädchen waren wankelmütig und entschlossen zugleich, tieftraurig und albern. Sie konnten nicht mit Schminke umgehen. Sie hatten alle noch nie einen Freund gehabt. Und sie sehnten sich erbärmlich nach Post mit der Handschrift ihrer Mütter. In ihren Köpfen waren sie noch immer Kinder, jedoch die Körper waren ihnen voraus. Ihre Körper waren über die Maßen in Bewegung, und sie hatten Mühe, wahrlich Mühe, ihnen zu folgen. Und dort, wohin sie ihnen folgten, würde es nicht leichter sein. Im Gegenteil. Denn ihre Körper bewegten sich auf den Moment zu, da es nicht mehr weitergehen würde.
Eine Tür schlug und es ertönten Schritte im Treppenhaus. Nora öffnete die Augen. Halbdunkel im Zimmer. "Post", sagte sie. Auf den Betten leichte Regungen. Die Schritte näherten sich, vier Füße, zwei Paar Turnschuhe. Dann standen die Männer im Zimmer. "Post!" Eine nach der anderen stemmten sie sich hoch, blieben sitzen, und manch eine schaffte es sogar, die Füße auf den Boden zu stellen. "Alles klar?", fragte der Doktor. Und der Trainer fügte hinzu: "Ihr seht nicht so aus." Weiter kein Wort. Stilles Maßnehmen des Briefstapels in der Trainerhand. Sie waren zwölf Mädchen, aber es waren augenscheinlich nicht zwölf Kuverts. Noras Name fiel als erster. Sie streckte die Hand aus. "Meine Liebe", sagte der Doktor und schüttelte den Kopf. Der Trainer grinste, als ob es etwas gäbe, irgend etwas anderes als den Trainingsplan und den Schnee, irgend etwas anderes als die eiskalte Herausforderung, das die müden Mädchen zur Einsicht und damit in Bewegung bringen könnte. "Tanzen!", sagte er.
Nora zog die Hand zurück. "Bitte, nein." Kein Ruf, nur ein behutsames Anliegen. "Aber doch." Nora erhob sich. Sie brauchte keine Musik. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Melodien in ihrem Kopf zu speichern und sie während des Ausdauertrainings abzuspielen. Sie funktionierte. Sie kam immer als eine der ersten im Ziel an. Jetzt hob sie die Arme und schwang die Hüften, drehte sich, wobei sie mit dem Schienbein heftig an den Tisch stieß. Dann ließ sie sich wieder fallen und spielte noch eine Melodie über den Schmerz, ehe sie die Post von Zuhause öffnete und las.
Am selben Tag, nur ging er schon gegen Mitternacht, sah sie zum ersten Mal die Gestalt. Als Schatten. Die Umrisse kamen ihr bekannt vor: lange Beine und lange Arme, die Schultern etwas nach vorn gezogen, streng zu einem Pferdeschwanz gebundenes Haar. Nora versuchte, sich zu konzentrieren, ein Geräusch aufzufangen, einen Luftstreif zu spüren oder eine Bewegung zu erkennen. Es war nahezu stockdunkel im Zimmer, und da sie nicht wusste, ob sie wachte oder ob das ein Traum war, regte sie sich nicht. Aber irgendwie verlor sie die Gestalt doch aus den Augen.
Tags darauf führte die Skispur die Mädchen und ihren Trainer in die Irre. Sie kamen an ein kleines Häuschen im tiefen, verschneiten Wald, auf dessen spitzem Dach ein Schornstein qualmte. Ein Mann auf Posten, der andere hinter der Gardine. "Grenzgebiet zur Bun desrepublik Deutschland!". Was sie hier zu suchen hätten. Vom Weg abgekommen, trainieren. Dann bitte mal die Ausweise, von allen. Rotgesichtig hockten die Mädchen im Schnee, nichts als verrotzte Taschen tücher in den Anzügen. Dem Trainer lief in dem überheizten Häuschen das Wasser aus den Skischuhen. Er diktierte Namen, Adressen, Geburtsdaten, es wurde in Berlin angerufen, um eine jede von denen da draußen ausfindig zu machen. Nachdem sie schon eine Weile gewartet hatten, kam Nora aus der Hocke hoch und begann, sich zu bewegen. Bald liefen sie alle auf und ab. Schüttelten Arme und Beine, sprangen, vollführten Kniebeugen. Das Licht über dem Wald verdunkelte sich mehr und mehr. Als Berlin endlich bestätigt hatte, dass sie tatsächlich im Erzgebirge trainierten, als der Trainer aufgeweicht aus dem kleinen Haus trat, waren die Körpertemperaturen der Mädchen rapide gesunken. Nora, mehr Kälte in sich, als sie aushalten konnte, weinte. Sie spürte ihre Füße nicht mehr, konnte die Skier nicht führen und die Stöcke rutschten ihr aus den Händen. Die Mädchen begannen zu sprechen. Worte kamen als weiße Wolken aus ihren Mündern und erstarrten sofort zu Eis. "Ausziehen", sagte der Trainer. "Das ist die einzige Chance." Es verstummten die Mädchen und bildeten einen Kreis. Nora schrie, und schreiend ergab sie sich. Sie rissen ihr die Klamotten vom Leib, eine jede hielt ein Stück, dann stand sie fast nackt da, lange Beine und lange Arme, die Schultern etwas nach vorn gezogen, streng zu einem Pferdeschwanz gebundenes Haar, und sie griffen in den Schnee und rieben sie ein. Minuten später stieg Hitze in Nora auf, da war sie bereits wieder in der Spur, eine Skispitze stieß vor und die andere folgte.
Die Hallenzeiten in Berlin waren besser, denn sie wa ren besser zu ertragen. Der Weg führte jetzt nicht mehr wie eine Skispur geradeaus. Sie trainierten mal im Kraftraum, mal am Netz. Sie trainierten mit und ohne Ball. Sie übten die Taktik, spielten gegen die Uhr oder sie hatten einen Gegner. Ihre Körper konnten sich stückweise regenerieren, weil immer wieder andere Teile belastet wurden. War dies gut durchgeplant, und darin bestand überhaupt der Sinn des Trainingsplans, dann verloren die Mädchen aus den Augen, dass der Weg überhaupt irgendwo enden würde. Zwar befürchteten sie es. Tröstlich jedoch war, dass ihre Schmerzen bald weiterzogen an andere Stellen. Man hörte sie jetzt reden. "Komm schon", sagte eine zur anderen. "Reiß dich zusammen." Die Ausrufezeichen in ihren Sätzen fehlten. Auch wenn sie sich anschrieen. Es war Liebe, die Nora nach gemeinsam überstandenen Strapazen in die Arme eines anderen Mädchens trieb. Gleichzeitig hasste sie deren trockenes Keuchen, ihr grauenhaftes Gestöhne und den triefenden Schweiß. Nora fühlte extrem. Und es war ihr unmöglich, ihre Gefühle, sei es durch ein Satzzeichen, zu begrenzen. Sie wusste nichts über eine Grenze. Wie sie beschaffen war und was eigentlich sich dahinter befand. Allein darin bestand das Wesen ihrer sportlichen Existenz: die Grenze zu ignorieren.
Nora warf zwei Tabletten gleichzeitig ins Klo, eine blaue und eine orange. Sie zog die Spülung und wartete, bis sie verschwunden waren. Sie tat das jeden Abend. "Irgendwelche Nebenwirkungen?", fragte der Doktor in seinem Sprechzimmer, wobei ihn, das war zu berücksichtigen, nur die blaue Tablette interessierte. Nora schüttelte den Kopf. Der Doktor sah durch sie hindurch, als könnte er die Lüge erkennen, die sich hinter der Antwort verbarg. Aber er machte Nora nicht einmal halb soviel Angst wie die blaue Tablette.
Die Mädchen redeten miteinander weder über die blaue Tablette noch über die orange. Sie wussten über beide nicht viel. Die blaue war ihnen mit einem Satz erklärt worden: Sie förderte die Muskelbildung. Nur einen Satz zu bekommen, das waren sie gewohnt. All das, was die Mädchen tagtäglich taten, hatten sie schon Tausende Male getan, es genügte eine knappe Aufforderung, und sie begannen sich zu bewegen. Auch für die orange Tablette gab es einen erklärenden Satz: Sie verhinderte eine Schwangerschaft. Eine dritte Erklärung jedoch fehlte. Warum sollten sie unbedingt beide Tabletten zusammen nehmen? Sie hätten wieder nur einen Satz gebraucht. Sie vermissten ihn bis heute. Daher rührte Noras Angst. Doch hatte diese Angst sich nicht von allein eingestellt. Sie war ihr gebracht worden. Das war kurz nachdem sie mit der intensiven Wettkampfvorbereitung begonnen hatten.
Sie rackerten für das Internationale Sommerturnier. Abends zog Nora die schweren Gardinen vors Fenster, verschloss das Internatszimmer und legte sich nackt aufs Bett. Dann begann sie zu vergessen: die stinkenden, juckenden Klamotten, den harten Holz boden, das grelle Kunstlicht und die Mädchen stimmen, die sich in der Halle überschlugen. Sie begann zu vergessen, wer sie war, bis die schattenhafte Gestalt zum zweiten Mal erschien. Sie störte. Sie stand mit nach vorn gezogenen Schultern an der Pinnwand, da wo Nora immer stand und den Trainingsplan studierte, bevor sie das Zimmer verließ. Sie stützte sich mit einem ihrer langen Arme auf der Tischplatte ab, so wie Nora es tat, weil sie schon Rückenschmerzen zu verspüren meinte, ehe das Training überhaupt begann. Sie rührte sich nicht. Nora rührte sich nicht. Im Badezimmer schoss prasselnd Wasser aus der Dusche. Dann ertönte ein Schrei und Nora wusste, dass eines der Mädchen sich die auf dem Parkett wundgescheuerten Hautstellen verbrannt hatte. Sie hielt sich beide Hände auf die Ohren und der Schatten an der Wand tat das auch.
"Hast du schon mal einen Jungen geküsst?" Nora verneinte, indem sie den Kopf schüttelte und die Gestalt tat es ihr nach. "Braucht ein Mädchen, das keinen Jungen hat, die Antibabypille?" Sie starrten sich gegenseitig an. "Steckt in der blauen Pille ein Unheil, dass die orange Pille kaschieren soll?" Nora setzte sich auf und legte den Kopf schief, als könnte sie dadurch ihr Gegenüber besser erkennen. Auch die Gestalt drehte ihren Kopf, und Nora bemerkte, dass sie vergessen hatte, den Pferdeschwanz zu lösen. "Du machst dir meine Gedanken", sagte sie, "du bist ich. Warum kann ich dich sehen?" Die Dusche im Badezimmer verstummte. "Noch siehst du mich nicht richtig, ich bin nur ein Schatten", antwortete die Gestalt. Sie griffen sich in die Nacken und zogen die Gummis aus den Haaren. "Aber das wird." Nora schwieg. "Du rackerst und rackerst", sagte die Ge stalt, "aber irgendwo ist Schluss." Nora schwieg, weil sie nichts verstand. "Je näher du dem Schluss kommst, desto besser wirst du mich erkennen können." Beim Anblick des dünnen, gekrümmten Schat tens begannen Noras Glieder wieder zu schmerzen. Sie vermochte nicht länger hinzusehen. Sie wünschte sich, dass das, was sie eben gehört hatte, gelogen war. Sie wird doch nicht etwa wiederkommen, fragte sie sich stumm, ehe der Schlaf sie ins Kissen zog. "Wenn du so weitermachst, bestimmt", raunte die Gestalt und verschwand.

* * *

Es war ein Frühling wie lange keiner mehr. Er hatte einen frostigen Atem, in den mittags die gleißende Sonne ihre Strahlen tauchte. Es fiel den Mädchen schwer, ihre ausgezehrten Körper zu schützen. Nora bastelte an Halsschmerzen und einem starken Schnupfen. Sie bekam nur schwer Luft. Der Doktor bastelte mit, indem er die Dosis der Medizin beständig erhöhte und der Sportlerin beiwohnte, wenn sie in seiner Praxis saß und scharfe Präparate inhalierte. Sie fühlte seinen stechenden Blick in ihrem Rücken. Schließlich begann er zu blättern. Er blätterte so, dass sie Seite für Seite genau hören und sich vorstellen konnte, bei welchem der unermesslichen Zahlen werte, die von ihr existierten, er angekommen war. Der beißende Dampf fraß sich in ihre Schleimhäute. Der Doktor stutzte über den schlechten Blutwerten, hielt sich verärgert am Puls auf, verglich wütend die stagnierenden Ergebnisse des Krafttrainings und tobte bei den Sprungwerten. Es war ein stilles Toben, das Nora zu spüren bekam, indem er ihre Anwesenheit missachtete. Indem er sie noch inhalieren ließ, als ihre Augen schon jämmerlich tränten. Indem er sie verachtete.
Nora verachtete die Gestalt. Sie kam fast jede Nacht. Mittlerweile erkannte Nora die hallenblasse Haut, die vernarbten Abschürfungen an den Ellenbogen, die geschwollenen Fingergelenke und die dunklen Ringe unter den Augen. Der Anblick machte sie neugierig, zugleich war er unerträglich. Um so mehr sie nachts von sich sah, desto schwerer funktionierte sie am nächsten Tag. Und sie war ohnehin schon neben der Spur. Die beängstigenden, blauen Hormone fehlten, die sie länger und länger zwischen den Fingerspitzen rollte, ehe sie sie zusammen mit der Antibabypille im Abfluss versenkte. Sie war wütend auf sich selbst. Der Doktor ahnte auch schon etwas. Die Zahlenwerte zeigten ihm: Nora kam nicht mehr so schnell wie die anderen Mädchen voran.
"Es ist deine Entscheidung gewesen, die Tabletten nicht zu schlucken", sagte die Gestalt. "Du hast mir Angst gemacht", erwiderte Nora barsch. "Die Angst schützt dich", sagte die Gestalt. "Sie haben dir Hor mone gegeben, damit du über dich selbst hinauskommst." Nora vermochte nicht zu verhindern, dass sie in diesen Gesprächen eine rechthaberische Hal tung einnahm. "Was weißt du denn, wo bei mir Schluss ist." Die Gestalt wiederum ließ sich die un wirsche Behandlung gefallen, als hätte sie mit nichts anderem gerechnet. "Wie gut kannst du mich mittlerweile sehen?", fragte sie. Nora langte zum Nachttisch und machte Licht. Sie erkannte einen vollständigen Körper, beschädigt wie der ihre, nur dass sich die Lädierungen an nichts als Äußerlichkeiten zeigten. "Ich sehe dein Inneres nicht", sagte sie nach einer Weile. Sie spürte, dass die Gestalt sich amüsierte, je doch sehen konnte sie das Lachen nicht. "Aber es interessiert dich?" Mit dieser Frage fühlte Nora sich ertappt. Sie schaltete die Lampe wieder aus. "Bevor du hier aufgetaucht bist, wäre ich nie auf den Ge danken gekommen, dass es im Innern etwas zu erfahren gibt." Die Dunkelheit verhüllte die angewiderte Miene, die sie zog.
An anderen Abenden war sie weniger aufgebracht, um so mehr bekümmert und müde. "Tröste dich", sprach die Gestalt. "Ich bin nicht zu dir gekommen, sondern du näherst dich mir." Nora fror. "Ihr Mädchen wollt immer besser." Sie lag nicht mehr nackt da, sondern zog sich die Bettdecke bis unters Kinn. "Ihr wollt siegen." Mit jedem Wort, das die Gestalt hinzufügte, rutschte Nora weiter unter die Decke. "Jedoch irrt ihr, wenn ihr denkt, dass der Gegner auf dem anderen Feld und die Front das Netz ist." Es kostete sie ihre letzten Kräfte, nicht zuzuhören.
Sie stand zum Trainingsspiel am Netz. Der erste Aufschlag löste die automatisierten Bewegungen aus: Positionswechsel, Block, Rückzug vom Netz, Anlauf, Absprung, Schlag, Sicherung, Abwehr über dem Boden, Rückzug, Anlauf, Absprung ... Während der Aus zeiten und beim Seitenwechsel, setzte der Kopf ein, machte sich die kurzen Atemzüge bewusst und durchsuchte den Leib nach brauchbaren Reserven. Es gab einen Esslöffel Traubenzucker für jedes Mäd chen. Scharfe Anweisungen, ermunternde Zusprüche. Ob sie das Trainingsspiel gewannen oder verloren, tat kaum etwas zur Sache. Wesentlich war, den Gegner im Blick zu haben. All das, was Nora wusste, was sie durch das grobmaschige Netz hindurch an Erfah rungen einsammelte, war in kleine Vierecke unterteilt.
"Hast du auch kein klares Bild?", erkundigte sie sich bei der Gestalt. "Ich sehe gar nichts", antwortete die. "Ach", sagte Nora. Schon wieder sprach sie herablassend. Die Gestalt blieb wie immer ruhig. Nora brachte nasse Handtücher und hängte sie über die Leine, die sie zwischen Fenster und Schrank gespannt hatte. "Und welche Aussicht hat man dort, wo du bist?", fragte sie. "Ich kann nicht nach vorn sehen", antwortete die Gestalt. Nun ertappte sich Nora sogar dabei, wie sie abfällig lachte. "Und wie, bitteschön, geht's bei dir da weiter?" - "Du hast hier einen klaren Blick." Nora schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn: "Sagtest du nicht eben, du kannst nichts sehen?" - "Warte ab, bis du angekommen bist, dann wirst du auf dich zurückgeworfen und kannst erkennen, wer du bist." Die Gestalt machte sich daran zu verschwinden. "Auf Wiedersehen!" Aber Nora dachte nicht daran, sich etwa freundlich zu verabschieden.

* * *

Es war ein Sommer wie lange keiner mehr. Vielleicht zu heiß. Aber Nora war sich nicht sicher, ob sie die Außentemperaturen überhaupt noch realistisch zu bewerten vermochte, weil ihre ganze Aufmerksamkeit nach innen gerichtet war. Die Wettkampfvor be reitungen hatten ihren körperlich nahezu unerträglichen Höhepunkt erreicht. Ich kann nicht mehr. Sie war sich nicht sicher, wie lange sie ihr eigenes Ge jammer noch ignorieren konnte. Sie kämpfte, wie sie es gelernt hatte. Sie legte sich auf den Boden und versuchte zu entspannen, wie sie es gelernt hatte. Ich will nicht mehr. Nora war sich nicht sicher, ob es wirklich ihre Stimme war, die da sprach. Nora war sich nie so unsicher gewesen.
Schuld war die Gestalt. Die wiederum Nora die Schuld gab. Sie lieferten sich nahezu jeden Abend ein Hin und Her, bei dem Nora schnell die Nerven verlor. "Wie soll es denn mit mir weitergehen, wenn es nicht mehr weitergeht?", schrie sie. Und heulte. Und gleich zeitig war ihr, als würde es sie erleichtern, dass die Gestalt einfach nur mit den Schultern zuckte.
Sie glichen sich so sehr, dass sie sich in einem fort abstießen und anzogen wie zwei Magneten mit ihren Polen. Sie waren ein und dieselbe Person, aber wenn Nora zum Training ging, ließ die Gestalt sie im Stich. Dann drückten die Schuhe, das Licht blendete, der Hallenboden war zu hart, der Ball zu weich. Plötzlich scheiterte Nora, die sich die widrigsten Umstände stets zu Nutzen gemacht, indem sie sie ignoriert hatte, am bloßen Material. Wütend trat sie zu, die Tür ihres Zimmers sprang auf, donnerte gegen die Wand. Am liebsten hätte sie ihrem Ich, das bereits wartete, den Stuhl unterm Hintern weggezogen. Jedoch bot sie der Gestalt niemals einen Stuhl an. Sie ließ sie stehen. Sie begrüßte sie nicht und sie wünschte sie statt eines Abschieds zum Teufel.
Diese Abende und Nächte, an denen sie sich selbst begegnete, wurden dramatisch. Mittlerweile konnte sie sehr gut in ihr Inneres sehen, sie sah die Zweifel, die sich hinter den Blicken der Gestalt verbargen. Die Zurückhaltung in bislang nebensächlichen Gesten sowie eine gewisse Unsicherheit, die strapazierten Glieder auf angemessene Weise zu bewegen. All das war ihr fremd, und das Fremde wirkte wie Zündstoff. Die Luft brannte. Und um so mehr Nora gegen all das ankämpfte, was sie über sich lernte, um so schlapper fühlte sie sich. Außer sich flüchtete sie in die Halle, bewegte sich erleichtert im überschaubaren sportlichen Rahmen: neun mal neun Meter, Blickrichtung Gegner und bei Netzberührung wurde abgepfiffen.
Als die Internationale Meisterschaft angepfiffen wur de, stand sie nicht auf dem Feld, sondern saß auf der Ersatzbank. Es war ihr, als hinge ein Fluch über ihr, unter dem sie sich ganz klein machte, zusammenrollte, so dass sie die Mannschaftskameradinnen nicht spie len sah. Der Fluch widerspiegelte sich in ihren Leistungswerten, die immer schlechter geworden waren. Er lastete auf ihrer Karriere. Ohne aufzublicken wusste sie, auf welcher Position der Ball einschlug, welche Zeichen der Schiedsrichter gab, sie vernahm, wie sich die Mädchen knapp abstimmten und wie ihre Gummisohlen, die sie fortwährend mit ihrer eigenen Spucke beschmierten, quietschten. Im dritten Satz wurde sie eingewechselt. Nora nahm ihre Position ein und funktionierte, jedoch nur äußerlich. Im Hinterfeld hatte sie Angst vor jedem scharfen Angriff, der bei einer falschen Bewegung ins Gesicht gehen konnte. Sie zögerte beim Block, weil sie gebrochene Finger befürchtete und sie fand nicht die richtige Stelle zum Absprung. Der Moment, da sie in der Luft heftig mit jemandem zusammenstieß, war schwarz.
Hinter Noras geschlossenen Augen erschien die Gestalt und strich ihr sanft über den Kopf. Von der Wucht des schmerzhaften Ereignisses überwältigt, streckte auch Nora die Hand aus. Die Haare, die sie ergriff, fühlten sich weich an. Sie zog am Gummi bis er herausfiel, streichelte weiter, und als sie mit den Fingern an die Spitzen kam, ertastete sie zahllose kleine Locken. Sie stutzte. Seit Jahren hatte sie jeden Morgen eilig ihre Haare zum Zopf zusammengerafft und dabei niemals bemerkt, dass sie gelockt waren.
Als sie die Augen wieder aufschlug, hatte man sie bereits an den Spielfeldrand getragen und an die Bank gelehnt. Der Doktor fühlte den Puls. Zorn im Gesicht des Trainers. "Du bist mit dem Kopf nicht bei der Sache", sagte er. Nora sah an beiden Männern vorbei zur Seite. In der Nähe lehnte die Gestalt, schweißverklebt, röchelnd, der Atem nach Blut stinkend. Nora versuchte, sie zu berühren, aber es gelang ihr nicht, sich zu bewegen. "Komm näher", bat sie. Dann legte sie den Kopf nach hinten, schloss die Augen und wartete. Irgendwie fühlte sie sich vollkommen.


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