Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2002

LICHTUNGEN - 90/XXIII. Jg./2002

Schwerpunkt:
Literatur aus Glasgow

Kunstteil:
Constantin Luser

Bestellen


LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
90 / XXIII. Jg. / 2002, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Constantin Luser, Graz/Wien, SERIE 85.36_02


EDITORIAL

VERLUST DER (INTELLEKTUELLEN) REDLICHKEIT?

In den letzten Wochen ist in Deutschland eine unselige Diskussion nicht nur in der Politik, sondern auch im Bereich LITERATUR ausgebrochen. Die Fakten sind bekannt: Martin Walser schrieb einen Roman mit dem Titel Tod eines Kritikers. Die große deutsche Tageszeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung verweigerte den Vorabdruck mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Eine wirklich einzigartige Aktion einer wichtigen Zeitung. Neu daran ist, daß (fast) niemand das Manuskript kennt und sich selbst ein Urteil bilden kann. Die Wochenzeitung DIE ZEIT schreibt dazu: "Seit die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihre Ablehnung eines Vorabdrucks mit allen Zeichen des Abscheus öffentlich gemacht hat, steht der böse Verdacht im Raum. Die Zeitung hat das Urteil über ein Buch gefällt, das noch niemand kennt. Das ist ein Verstoß gegen alle guten Sitten der Literaturkritik, der sich rechtfertigt nur bei äußerster Gefahr".

Hier scheint in der Tat eine Grundregel demokratischer Gepflogenheiten verletzt worden zu sein, denn ein Grundpfeiler von demokratischer Öffentlichkeit ist die intersubjektive Diskussion über einen strittigen Gegenstand, der allen zugänglich sein muß. Erst in diesem öffentlichen Diskurs können kritische Meinungen herausgebildet und dann auch natürlich notwendige Urteile ausgesprochen werden. Kenn zeichnend für diese stattfindenden Diskussionen ist die inflationäre und oft unkritische Verwendung von Schlagworten - manchmal schon auf der Ebene von Geschwätz. Die Grundlagen des öffentlichen Ge sprächs sind durch diesen Wust von Wörtern, deren Bedeutung kaum reflektiert und definiert sind, äußerst gefährdet. Wo ist die redliche, der Wahrheitsfindung verpflichtete Hinterfragung? Doch in diesem Prozeß des Suchens, des Gesprächs ist man sehr bald mit einem neuen (?) Phänomen konfrontiert: der Vorwurf, in diese oder jene Ecke zu gehören - eine Stig matisierung. Die Zeitgeist-Medien spielen da eine nicht unerhebliche Rolle. Viele in der Literatur Tätigen tappen in dieser (vielleicht Schein-) Dis kussion im Dunklen - begleitet von der Furcht, in die eine oder andere (Wort)Falle zu geraten. Doch unbe kümmert ist manch selbsternannter "Meisterdenker" sofort zur Stelle wie Herr Schlingensief, der Walser-Bücher gleich "verbrennen" möchte. Welch schreckliche Assoziationen ruft das hervor! Hat er Walsers Roman überhaupt schon gelesen? Ein postmoderner "Spaßmacher" treibt mit berechnender Routine-Provo kation sein "einfaches" Spiel. Ein gefährliches "Spiel", das wieder eiskalte Nachahmer finden könnte...

Es ist auch eine weitere, nicht unerhebliche Frage zu stellen: Sind hier in neuer, tabubrechender Form nur Interessen an Geld und Macht in der Literatur-Medienbranche im Spiel?

Eine weitere Debatte findet/fand(?) in Österreich statt. Der Herausgeber der bedeutenden Literaturzeitschrift Literatur und Kritik sowie Herausgeber von wichtigen Büchern, die das Thema "Grenze", die Minder heiten, die Außenseiter, aber auch kritische Be trachtungen der österreichischen Kulturlandschaft, manch mal mit allzu spitzer Feder, zum Gegenstand haben, Karl-Markus Gauß, sah sich plötzlich mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert. Wieder wurde ein hochsensibler Begriff, zu einem Schlag wort verkürzt, unkritisch auf das ungeeignete Podium von Zeitgeist-Zeitungen gezerrt. Was bei diesem Vorwurf besonders aufregt, ist die Formulierung, er schreibe "unbewußt antisemitisch". Solch ein Vor wurf bedeutet in Wahrheit die völlige Lähmung des weiteren Gesprächs, des weiteren Schreibens. Denn es ist darin implizit der Hinweis enthalten: Geh in eine Therapie, damit dir das bewußt wird! Bekanntlich können Therapien Monate, ja Jahre dauern... Luc Bondy hat die Tragweite seiner allzu flüchtigen Aussage erkannt und diese, wenn auch verletzt, wieder zurückgenommen. Das ehrt ihn! Fairerweise soll und muß dies hier festgehalten werden.

Es gilt in diesen Diskussionen zu verhindern, was der Grazer Philosoph Peter Strasser in Abwandlung des ersten Satzes aus Wittgensteins Traktat - Die Welt ist alles, was der Fall ist - paraphrasierend über die geistige Situation unserer Zeit einmal festhielt: "Die Welt ist alles, was Geschwätz ist".
In diesen Auseinandersetzungen sollte die Literatur nicht auf der Strecke bleiben...

Markus Jaroschka

INHALT 

LITERATUR  
 
Edwin MORGAN Ein Zeitgedicht: Von einem Stadt-Balkon
3
Max GAD Grazsarg - der erste tag. gerüst für später
4
Friederike SCHWAB Die Hochzeitsreise (Erzählung)
6
SAID Ein kleine überflüssige Inventur (Gedichte)
12
Dzvevad SABLJAKOVICï Der Turm des Radeta (Erzählung)
15
Pierre VEILLETET Eine Nacht in Graz (Gedicht)
20
Muhidin SARIC Drei Kurzerzählungen
22
Bj”rn KUHLIGK Gedichte
24
   
 
NEU VORGESTELLT  
 
Kirstin SCHWAB Gedichte
27
Clemens Johann SETZ Gedichte
29
   
 
EINE STEIRISCHE SCHRIFTSTELLERIN
 
Sibylle SCHLEICHER Hannahs Reise (Romanauszug)
31
Jürgen EGYPTIEN Terror und Tango - Zur Schriftstellerin Sibylle Schleicher
35
   
 
LITERATUR AUS GLASGOW
 
18. Stadt im Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.  
Zusammenstellung und Teilübersetzungen: Mag. Dörte ELIASS, Wien  
Dörte ELIASS Einführung: Die Stadt Glasgow - Zur literarischen Auswahl
40
Moira BURGESS So viele Autoren - Literatur aus Glasgow im Aufschwung
41
A. L. KENNEDY/Dörte ELIASS Dörte Eliass im Gespräch mit der schottischen Autorin A. L. Kennedy
45
A. L. KENNEDY über die Rolle beachtenswerten Schweigens in der schottischen Geschichte
49
A. L. KENNEDY Gleißendes Glück (Romanauszug)
55
Bernard MacLAVERTY Ein Pornograph verführt (Erzählung)
56
Janice GALLOWAY Szenen aus dem Leben Nr. 23: Väterlicher Rat (Erzählung)
58
James KELMAN Eine Geschichte/Der mit dem Hund (Erzählungen)
61
Alasdair GRAY Ein Drache (Romanauszug)
63
Agnes OWENS Leute wie diese (Erzählung)
70
Anne DONOVAN Mrs Cloud sagt (Erzählung)
74
Edwin MORGAN Glasgow/Das zweite Leben/Von einem Stadt-Balkon (Gedichte/Poems)
75
Tom LEONARD Dublin/Glasgow - Six Glasgow Poems
82
Kathleen JAMIE Juliana von Norwich/Mutter-darf-ich/Mädesüß (Gedichte/Poems)
85
Liz LOCHHEAD Schnäppchen/The Bargain ? Nachruf/Obituary (Gedichte/Poems)
88
Carol Ann DUFFY Ein Mädchen spricht/Girl Talking ? Erziehung zur Muße/Education for Leisure (Gedichte/Poems)
96
Donny O´ROURKE Great Western Road/Penang - Trost, ein wenig/Some Consolation
 
  (Gedichte/Poems)
100
Brian WHITTINGHAM Der Argyle Street Evangelist/In Glasgow war der Dichter eine Schneeflocke/Das Gleichgewicht der Kräfte (Gedichte/Poems)
104
Sam TRAINOR Wespe/Wasp - Wolf-Serenade/Wolf Serenade (Gedichte/Poems)
108
   
 
KUNST  
 
Werner FENZ Serie 85.36_02_Ein Dialog
111-126
Constantin LUSER SERIE 85.36_02
111-126
   
 
"DIE POETIK DER GRENZE" (16. / 17. Teil)
 
Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
 
Herta MüLLER Die Insel liegt innen - die Grenze liegt außen
127
Eqrem BASHA Bericht über meinen Vater, den Grenzathleten
132
   
 
ZEITKRITIK  
 
Oksana ZABUZHKO Der Krieg als Ende der Kommunikation
138
   
 
ZU DEN AUTOREN  
141


18. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

18. STADT: LITERATUR AUS GLASGOW

Zusammenstellung und Teilübersetzungen: Mag. Dörte ELIASS, Wien.
Redaktionelle Mitarbeit: Karin und Markus JAROSCHKA, Graz.
Die Herausgeberin und die LICHTUNGEN danken den Inhabern der Rechte für die Nachdruck- bzw. Übersetzungsgenehmigung. In zwei Fällen war es nicht möglich, die Inhaber zu kontaktieren - natürlich sind die Lichtungen bereit, auf Anforderung rechtmäßige Ansprüche abzugelten.
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen teils bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
:

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001
16. Stadt: LITERATUR AUS BORDEAUX, LICHTUNGEN 88/2001
17. Stadt: LITERATUR AUS BERLIN, LICHTUNGEN 89/2002

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt "GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind vielleicht die einzigen geistigen Mittel gegen jede Form von Barbarei.

Die Redaktion

Dörte ELIASS
DIE STADT GLASGOW - ZUR LITERARISCHEN AUSWAHL

Glasgows Ursprünge gehen zurück auf Römer siedlungen um das erste und zweite Jahrhundert v. Chr., später gründete der Sage nach der Missionar St. Mungo am Ort der heutigen Kathedrale die erste Ansiedlung. Das Dorf wurde Glas Cau genannt, gälisch für "lieber grüner Ort", "dear green place", und wuchs zu einer Stadt heran. Im Zuge der In dustrialisierung siedelte sich im 19. Jh. vor allem die wollverarbeitende und Schwerindustrie in Glasgow an, im Jahr 1791 gab es in der Stadt bereits 202.000 Einwohner, was soziale Probleme, Armut und Hungers nöte mit sich brachte. Am Ende des 19. Jh. übernahmen die Werften am Clyde eine Führungsrolle in der Welt, wichtig damals vor allem auch die Eisenbahnproduktion. Die Wirtschaftskrise in den USA leitete schließlich in Glasgow den Niedergang der Schwerindustrie ein. Inzwischen sind die Werften der Stadt in der Mehrzahl geschlossen, in den 70er und 80er Jahren setzte ein Umdenken der Stadtväter hinsichtlich der Gestaltung des Stadtbildes, der Förderung der Kultur wie auch der Schaffung neuer Arbeitsplätze ein. Trotzdem gehören Teile Glasgows laut dem Scotsman vom Februar 2002 noch immer zu den ärmsten Gegenden Großbritanniens, die Arbeits losigkeit ist hoch.

Wichtig für das Verständnis der Literatur der Stadt ist vor allem die Tatsache, dass Glasgow von drei Spra chen bestimmt wird (und die Glaswegians vertreten oft die Ansicht, es gäbe in der Stadt noch weitaus mehr Sprachen) - dem Standard Englisch und Scots, das auf das Angelsächsische zurückgeht und sich pa rallel zu Englisch entwickelte, und dem Glasgow "Patter", einem nur in Glasgow gesprochenen Dialekt des Scots. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die negative Einstellung gegenüber dem Glasgow Speak geändert und die Ausdrücke, der Sprachrhythmus usw. finden sich auch in der Literatur wieder - vornehmlich zu dieser Entwicklung beigetragen haben hier Tom Leonard, einer der ersten, der seine Gedichte in der Sprache Glasgows verfasste, und James Kelman. Noch als Kelman den angesehenen Booker Prize (1994) gewann, urteilte ein Kritiker der Times, die Juroren des Preises ehrten hier einen noblen Wilden.
Wie auch Moira Burgess in ihrem Essay schildert, hat sich das Bild der Stadt wie auch die literarische Aktivität der Stadt in den letzten Jahren dramatisch verändert - Glasgow ist nicht mehr nur die stereotype, dunkle Industriestadt mit den Straßengangs und der hohen Kriminalität, sondern hat kulturell mit der neuen Royal Concert Hall, mehreren Museen (darunter der neuen Gallery of Modern Art und dem Mackintosh Museum) und zwei modernen Theatern, die auch experimentellere Stücke spielen (Citizens' Theatre und Tron Theatre) einiges zu bieten. Und Glasgow ist auch eine grüne Stadt - mit den wunderhübschen, halb verfallenen viktorianischen Treib häusern Kimble Palace und People's Palace, dem Kelvingrove Park und nicht zuletzt dem River Kelvin, dem zweiten, weniger beachteten Fluss der Stadt, an dem es sich endlos entlangwandern lässt.
Erwähnt werden sollen in diesem Zusammenhang aber auch Glasgows Extreme: die beiden Fußball clubs Rangers und Celtic, die einen unterstützt von den Katholiken, der andere der Club der Protestanten (siehe dazu Tom Leonards ‚The Good Thief'); zum einen die alten Hinterhöfe, der Trödelmarkt, die verfallenen Werften und zum anderen die glitzernden Einkaufszentren, Coffee-Shops, und Bars, das Nacht leben. Freitag Nacht auf der Sauchiehall Street, der Hauptstraße, ist einzigartig und erschreckend zugleich - ein Nachtclub neben dem anderen, ein flimmerndes Lichtermeer und daneben die Betrunkenen, die sich in die Gosse übergeben. Und Glasgow ist auch eine Stadt der Minderheiten, in erster Linie hier zu nennen die Iren, vornehmlich eingewandert im 18. Jahr hun dert in Zeiten der wirtschaftlichen Blüte der Stadt, aber auch die Indo-Pakistaner oder Chinesen.
Zur Auswahl der Texte bleibt zu sagen, dass natürlich viele wichtige Namen aus Platzgründen nicht aufgenommen werden konnten und sich die Texte auf zeitgenössische Autoren und Autorinnen beschränken - die Auswahl soll vornehmlich einen kurzen Einblick in die Vielfältigkeit der Literatur der Stadt ermöglichen und zum Weiterlesen anregen. Auffallend in vielen Texten und typisch für die Stadt ist immer wieder das Thema Aggression in seinen vielfältigen Formen, ob im Sado-Masochismus bei Kennedy, der Verge walti gung bei Owens oder dem Sadismus der Vaterfigur bei Galloway. Phantastisch satirische und surreale Elemente (Gray) finden sich ebenso wie die irische Erzähltradition bei McLaverty, der ursprünglich aus Nordirland stammt und seit geraumer Zeit in Glasgow lebt.
Bahnbrechend für die Lyrik der Stadt war sicher die Arbeit Edwin Morgans, für die Frauen Liz Lochhead, die eigentlich Malerei studierte und die Ende der Siebziger-, zu Beginn der Achtzigerjahre mit ihrer eigenwilligen Arbeit dem lyrischen Schreiben von Frauen in Glasgow Tür und Tor öffnete. Tom Leonards ‚Six Glasgow Poems' habe ich nicht übersetzt, da damit der Sinn des Gedichtes ad absurdum geführt würde - der Autor hat mir aber eine standard-englische Übersetzung zur Verfügung gestellt, um dem Leser, der Leserin den Inhalt des Gedichtes zu veranschaulichen. Ich lege all jenen, die Tom Leonard und den Glasgow Speak gern hören möchten, die CD ‚Nora's Place And Other Poems' (AK Press Audio, Soundhouse Productions) ans Herz, auf der der Autor unter anderem die ‚Six Glasgow Poems' selbst liest. Und schließlich mögen mir die Glasgow-Kenner verzeihen, dass ich Kathleen Jamie in die Sammlung aufgenommen habe - natürlich ist sie nicht im eigentlichen Sinn eine Autorin aus Glasgow, aber sie hat in der Auswahl nicht fehlen sollen.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei dem Kulturamt der Stadt Wien sowie beim Bundeskanzler amt/Kunstsektion, Wien für Reisestipendien nach Glasgow bedanken sowie bei Tony Cafferky, Moira Burgess, Hamish Whyte, Douglas Gifford, Donal McLaughlin und Dorothy MacMillan für wertvolle Hinweise zu dieser Ausgabe.

Ausgewählte Bibliographie:

Moira Burgess, Imagine A City, Glasgow in Fiction, Argyll Publishing, Argyll 1998
Moira Burgess, The Glasgow Novel, The Scottish Library Association, Glasgow 1999
Aileen Christiansen/Alison Lumsden (Hrsg.), Contemporary Scottish Women Writers, Edinburgh University Press, Edinburgh 2000
Gavin Wallace, Randall Stevenson (Hrsg.), The Scottish Novel since the Seventies, Edinburgh University Press, Edinburgh 1993
Peter Kravitz (Hrsg.), The Picador Book of Scottish Fiction, Picador Macmillan, London 1997
Moira Burgess, Janet Paisley (Hrsg.), Going up Ben Nevis in a Bubble Car, New Scotland Writing 18, Association for Scottish Literary Studies, Glasgow 2001
Hamish Whyte (Hrsg.), Mungo's Tongues, Glasgow Poems 1630-1990, Mainstream Publishing, Gasgow and Edinburgh 1993


"DIE POETIK DER GRENZE" (16./17. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Herta MÜLLER
DIE INSEL LIEGT INNEN - DIE GRENZE LIEGT AUSSEN

Seit ich in Deutschland lebe, höre ich immer wieder, der eine oder die andere sei "reif für die Insel", und man versteht darunter einen Urlaub auf einer Ferieninsel, das Inselglück des Touristen.
Das zusammengesetzte Wort "Inselglück" hat für mich zwei auseinanderstrebende Teile. Das Wort "Insel" läßt das Wort "Glück" nicht zu. Ich habe über dreißig Jahre in einer Diktatur gelebt, in Rumänien. Jeder für sich war eine Insel, und das ganze Land noch einmal - ein nach außen abgeschottetes, nach innen überwachtes Gelände. Es gab also auf der großen festen Insel, die das Land war, die kleine umherirrende Insel, die man selber war. Beides aufeinander gelegt im Zwang, zwei aufeinander gezwungene Tatsachen. Dabei hätte eine und jede der beiden für sich allein gereicht, um daran zu zerbrechen.
Auch in meiner Familie war jeder eine Insel. Es waren die 50er Jahre, eine Kindheit im Stalinismus, ein abgelegenes Dorf ohne Asphaltstraße zur Stadt - aber kein politikfreies Gehege. Drei, vier Politfunktionäre hatten alle und alles unter Kontrolle. Sie kamen aus der Stadt. Frisch geschult machten die jungen Bewacher den Anfang ihrer Karriere in einem Kaff, profilierten sich durch Drohungen, Verhöre, Ver haftungen. 405 Häuser hatte das Dorf, etwa 1500 Bewohner. Alle liefen herum mit dem Schrecken. Niemand traute sich, darüber zu reden. Auch wenn ich als Kind die Inhalte der Angst nicht kapierte, fraß sich das Gefühl der Angst in den Kopf. Alle in meiner Familie waren beschädigt. Meinen Großeltern hatte man als "Ausbeuter des Volkes" das Feld, den Kolonialwarenladen enteignet. Einer der wohlhabendsten Leute der Gegend hatte über Nacht nicht einmal mehr Geld genug, um den Friseur zu bezahlen. Sein Sohn war im Krieg gefallen. Seine Tochter, meine Mutter, wurde fünf Jahre ins Arbeitslager in die Sowjetunion deportiert, wo sie den Tod als Verhungern und Erfrieren sah. Mein Vater hatte den Krieg überlebt. Ja, mein Großvater murmelte sich bei jeder Hausarbeit Sätze ins Kinn. Meine Großmutter nuschelte ihre Gebete für sich. Meine Mutter stürzte sich ins Schuften bis zur völligen körperlichen Erschöpfung. Mein Vater in den Alkohol, bis die Beine einknickten und die Zunge lallte. Und ich begriff inhaltlich nichts und gefühlsmäßig alles an diesem wortlosen, mit dem Schweigen gepaarten Ruin. Ich lief mit mir herum, wollte oft von ihnen und aus mir selber weglaufen. Ich redete auch laut mit mir, wenn ich sicher sein konnte, daß mich niemand sah. Ich kenne aus der Kindheit das Inselunglück. Alle bestehen daraus: die im Haus, die im Dorf. Die Nachbardörfer waren zwei rumänische Dörfer, ein slowakisches und ein ungarisches Dorf. Jedes für sich mit seiner anderen Sprache, seinen Feiertagen, seiner Religion, seiner Kleidung. In diesem deutschen Dorf aber galten alle als schuldig an Hitlers Verbrechen, auch wenn sie während des Kriegs ganze oder halbe Kinder oder noch gar nicht geboren waren. Auch das grüne Tal am Dorfrand kenne ich als Insel. Allein sein mit den Kühen und spüren, wie Landschaft zu groß wird für die armselig bemessene Haut, weil sich Himmel und Gras miteinander verbandeln. Die landschaftliche Schönheit als Drohung empfinden, als Pendeluhr, die ihr Ticken selber frißt und dich übers Gras ins taumelnd Blaue hebt und dort oben rausschmeißt, oder unters Gras ins gestampft Grab schwarze drückt und rausschmeißt.
Diese deutsche Minderheit wurde als Insel der Nazifritzen gesehen und empfand sich selber als Insel der schuldlos von den Rumänen Bestraften. Waren doch die Rumänen mit Antonescu genauso wie sie Hitlers Verbündete. Wie jede Bauernbevölkerung in ihrem Naturell schon wortkarg genug, wurden diese Bauern durch das, was man Geschichte nennt, zusätzlich stumm gemacht. Sie wurden demütig nach außen, werkelten wie bedingungslos Dressierte auf dem Staatsacker, der bis vor kurzem ihr Eigentum gewesen war. Und als innere Kompensation wurde der Mythos der Überlegenheit gestrickt, abseits jedes Vokabulars, das dem Sozialismus hätte in die Quere kommen können. Unbelehrbar in Bezug auf Hitlers Verbrechen, sang man die Nazilieder als Trinklieder, die doch nur gute Stimmung machten. Die damit verbundene Angst befeuerte, durch die gute Stimmung schlich Vorsicht, aber indem man ihr nicht nachgab, hatte man wieder tapfer das sogenannte Volksgut und Brauchtum gepflegt, es vor dem Untergang gerettet. Nein, es war kein Inselglück im Spiel, sondern nationalistisch verstiegene Gruppenangst. Man betrachtete sich als kleiner Haufen, der sich sein Eigenstes, sein "Deutschtum", nicht nehmen läßt. Der durch seine Lebenstüchtigkeit alle anderen weit in den Schatten stellt. Ja, ich war als Kind ein Stück ihres Insel unglücks, gehörte dazu, hatte von den Erwachsenen beides übernommen: in Richtung Staat das eingeschüchterte Kind der Nazifritzen, im inneren Knäuel des Dorfes das überhebliche Wissen, daß "wir" Deutsche besser sind als alle anderen. Obwohl mir dies zweite Wissen, wenn ich mit mir allein war, konkret also, nichts half. Obwohl es mir keinen Millimeter Halt gab, nicht einmal im dunklen Zimmer im Bett und im großen grünen Tal schon längst nicht, ging ich im Allgemeinen wie selbstverständlich davon aus, daß "wir" etwas Besseres sind. Es gab sogar einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der banatschwäbischen Überlegenheit und staatlichen Schikane: Weil wir die Besseren sind, werden wir drangsaliert - genauso hatte ich es zu Hause erklärt bekommen. Parallel laufend zur staatlichen eine banatschwäbische Ideologie. Sie sollte die Stigmati sierung durch den Staat ausgleichen, half aber individuell keinen Schritt, mit dem Tag, der Stunde, der Minute, der Dorfstraße oder dem Tal zurechtzukommen. Das hatte ich längst gemerkt, aber zu denken gewagt hätte ich das nicht. Ich entgleiste aus dem Wir-Gefühl, obwohl ich es teilen wollte. Man will als Kind dazugehören zu denen im Haus, zu denen im Dorf. Man ist auf etwas für immer Geregeltes angewiesen. Ich sehnte mich danach und ermüdete daran. Sah aber auch, daß jeder so ein bißchen ermüdet an sich selbst und zu viel arbeitet, um das, worüber nicht geredet werden darf, in Schach zu halten. Um der Wachsamkeit dahergelaufener Parteibonzen einerseits und der Pflicht, einer dieser besseren deutschen Wirs darzustellen, zu entsprechen. Nur instinktiv, also unvermeidlich, doch ohne eigenes Eingeständnis, gehörte ich innerlich zum Äußeren oft nicht dazu. Ich suchte keine Gründe. Wird schon bei jedem so sein, dachte ich, man darf es mir nur nicht ansehen. Es ist die beste Erfindung Gottes an uns Menschen, daß er die Kopfknochen so dick und undurchsichtig geschaffen hat, dachte ich. Daß dieses auf den Gruppenerhalt eingeschworene Dorf mit seinem ganzen Dorfleben aus dreihundert Jahre alten Ritualen auf die Vermeidung der Ichs zwecks Erhaltung der Wirs zielt, durchschaute ich nicht. Ich empfand es als eigenes Versäumnis, als Versagen, wenn die Einsamkeit den Tag durchkreuzte und alles Dazugehören ausgehebelt war.
Es sind in diesen Jahren unbewußt die Muster gelegt worden, die sich dann fortgesetzt haben, als ich mit 15 Jahren in die Stadt aufs Gymnasium mußte. Ich weiß bis heute nicht, ob dieses Wiedererkennen der Muster schonte oder zusätzlich belastete. Ich traf in der Stadtschule auf die Insel der Dorfkinder zwischen den Stadtkindern. Es war ein deutsches Gymnasium, aber die gut gekleideten, schlagfertigen, im Profilieren tüchtigen Schüler kamen aus rumänischen Nomen klatura-Familien. Sie blickten auf die Dörfler herab, arme Deppen, die auch etwas Besseres werden wollten. Wie mich hätten sie alle aus meinem Dorf belächelt. Die Dorfbesseren hatten mir Unsinn erzählt, ihre Selbsteinschätzung entpuppte sich als Selbsttäuschung, 3o km vom Dorf entfernt in der Stadt taugte diese ganze Erziehung nicht die Bohne. Das war eine schnelle, bittere Einsicht. Die Städter waren geschmeidig, sie konnten scharwenzeln mit dem Körper und mit der Zunge. Sie waren Rumänen, aber sauberer gewaschen als ich und fleißiger im Lernen. Warum also hatte man mir zu Hause gesagt: die Rumänen sind dreckig und faul. Nur eines blieb gültig: Vor Bonzen soll man sich hüten. Sie erwarben durch natürliches, in der Familie angelegtes Geschick die Aufpasserpositionen in der Klasse, boten sich an für Parteiarbeit, leiteten Sitzungen. Sie kamen nicht aus stigmatisierten Familien, in ihren Familien wurde der Staat akzeptiert, ihre Eltern hatten ihnen zwar auch vorgelebt, sie seien etwas Besseres, aber im Einklang mit diesem Staat. Ihre Logik war: Wer etwas Besseres im Staat ist, der ist nicht nur etwas Besseres für sich selbst, sondern auch oder gerade gegenüber jenen, die dem Staat suspekt sind.
Und außerhalb des Gymnasiums, auf den Straßen der Stadt, war wieder alles zu groß für die armselig bemessene Haut, wenn auch auf andere Weise. Ich hatte Heimweh, bis ich Bücher zu lesen begann über das Phänomen Provinz und über den National sozialismus. Ich sah mein Dorf wie hinter einer Glaswand stehen, eine gespenstisch aus der Welt gerückte Kiste mit gnadenlos erstarrten Leuten. Ich mied die Bonzenkinder, aber ich wollte städtisch werden wie die Tausenden gewöhnlichen Leute in den Läden, Parks, Straßenbahnen. Ich erkannte die vielen herumirrenden Inseln auf der festen Insel aus Asphalt. Das Inselunglück dieser überwachten Stadt spiegelte sich tagtäglich in den Gesichtern. Ich erlebte Polizeirazzien, das öffentlich herrische Abführen von Leuten, die Fotos angstverzerrter Gesichter der geschnappten Ladendiebe in den Schaukästen am Eingang der Läden und als Pendant dazu entlang der Parkwege die Schaukästen mit dem schmierigen Lächeln der Bestarbeiter und sozialistischen Helden. Ich sah die abgerissenen, mitten auf der Straße gestorbenen jungen oder alten Menschen im Staub liegen, die gleichgültig vorübergehenden Passanten, und ich sah den Pomp der Staatsbegräbnisse mit den offenen Särgen auf samtverkleideten Lastwagen und die Gaffer mit den glasigen Augen. In den Blicken stand dies Gemisch aus unterdrücktem Ekel vor dem Pomp für einen toten Schweinehund und der ungezügelte Neid, das Bedauern, daß einem selbst so ein ehrenwertes Begräbnis nicht gegönnt sein wird. Natürlich hätte sich keiner getraut, die Verachtung oder den Neid zu äußern. Denn jeder wußte, daß unter den Gaffern Aufpasser waren. Jede halbe Bemerkung wäre eine ganze zu viel, das saß fest im Hinterkopf. Ein unüberlegtes Wort hatte schwere Folgen. Wenn man mit einem Ausrutscher der Zunge schon in den Fängen des Bewachungspersonals landen kann und damit sein zukünftiges Leben kippt und das bisherige mitreißt, dann ist jeder gezwungen, eine Insel zu sein. Das Mißtrauen ist immer und überall ein Grund gefühl. Jeder ist ein herumlaufendes Geheimnis, steckt übervoll mit Verbotenem. Es ist sein Geschick oder Ungeschick, es für sich zu behalten oder unbesonnen auszuplaudern. Das ist der alleinige Aus gangs punkt für jede Begegnung zwischen den gewöhnlichen Menschen, so selbstverständlich ist das wie Tag und Nacht. Man darf sich mit dem Verbotenen, von dem jeder weiß, daß man es denkt, nicht erwischen lassen, darf in Wort und Tat nie beweisen, was jeder weiß. Der große rumänische Surrealist Gellu Naum schreibt in seinem Buch "Zenobia": "...denn es gibt Dinge, über die geschwiegen werden muß (...), die anderen verstehen, soviel sie verstehen können; jeder sagt weniger, als er versteht, und versteht mehr, als man ihm sagt, aber was er versteht, das sagt man ihm nicht, weil er das, was man ihm sagt, nicht versteht und so weiter."
Und die andere Insel war die Nomenklatura. Wirtschaftsfunktionäre, Parteifunktionäre, Geheim dienst, Polizei, Militär. Sie hatten einen Staat im Staat, Wohnviertel, Läden, Krankenhäuser, Kantinen, Jagdreviere, Urlaubsorte nur für sich. Ihr Inselglück war vielleicht eins im Vergleich zum Leben der gewöhnlichen Leute. Aber die Genugtuung hielt sich wahrscheinlich in Grenzen, denn an diesem Fußvolk mußten sie sich abarbeiten. Sie mußten es stumpf und ängstlich halten, das kostete taktische, auf Wirkung zielende Arbeit. Der Effekt mußte sichtbar sein, sie wurden am Erfolg ihrer Repression gemessen. Das hierarchische Gefälle war zwar klar, aber sie wurden mit allen Mitteln des gewöhnlichen Lebens ausgetrickst, waren dem Volk verhaßt. Ihren Status auskosten konnten auch sie nur unter ihresgleichen - da aber war jeder jedem Kumpan und Kontrahent in einem. Wie in meinem deutschen Dorf mußten auch sie die Erhaltung ihrer Insel als Pflicht auffassen, immer den besseren Wirs entsprechen. Auch sie konnten sich das Dazugehören nicht verscherzen, gehörten mit Haut und Haar der Gruppe, die etwas Besseres aus ihnen gemacht hatte. Sie waren der vom großen Inselhaufen des Fußvolks gefürchtete kleine Inselhaufen. Ihr eigener Machterhalt war den Regularien der Ideologie völlig unterworfen. Sie waren hoch oben und konnten jederzeit stürzen, die Funktion, Privilegien, materielle Versorgung, ihre Lebensweise schlechthin einbüßen und mit sich ihren ganzen Clan ins desaströs gewöhnliche Leben des Fußvolks herunterreißen. Von diesem aber wurde ihr Absturz nicht bedauert. Auch gefallene Bonzen wurden von den gewöhnlichen Leuten mit Schadenfreude auf Distanz gehalten.
Ein Land, dessen Grenzen mit Gewehren und Hunden bewacht werden, ist eine Insel. Ein großer Teil der Verbote, die jeder mit sich herumschleppte, waren die Fluchtgedanken. Statt Inselglück gab es den in jedem Kopf sitzenden Fluchtwunsch, weg von der Insel, koste es, was es wolle. Es war unvermeidlich und daher selbstverständlich, sein Leben dafür zu riskieren. Die grüne Grenze zu Ungarn und die an Jugoslawien grenzende Donau übten einen Sog aus. Sie zerrten den Verstand in die Füße. Das tödliche Weglaufen nahm kein Ende, egal wie viele gruselige Fluchtgeschichten kursierten. An der grünen Grenze lagen die Leichen bei der Weizenernte zwischen den Mähdreschern, erschossen oder von Hunden zerrissen, meist beides. Auf der Donau trieben Leichenteile, Fliehende wurden von Schiffen gejagt und mit den Schiffsschrauben zermahlen. Dennoch wuchs der Fluchtwunsch. Er steigerte sich zur Fluchthysterie, der Ekel vor dem Alltag, der Überdruß des wertlosen Lebens schlug um in eine Hoffnungspsychose, in das gefährlich erreichbare, aber dann in der Fremde machbare Leben. Der Weglaufinstinkt begleitete alle anderen Dinge. Man sah in diesem Land nur den vorläufigen Ort seines Lebens. Der Glaube, daß sich früher oder später werde sich die Gelegenheit zur Flucht ergeben, war der einzige Halt. Dieser zog viel Opportunismus nach sich. Man durfte bis dahin nicht auffallen. Mehr noch, man mußte sich arrangieren, Karriere machen. Je höher man in eine Position klettern konnte, um so größer wurden die Möglichkeiten. Man verfügte über Einfluß, konnte die Abhängigkeit anderer nutzen. Durch die Erpressung der niederen Ränge schuf man sich das Kapital zur servilen Bestechung der höheren. Bei vielen war das Sich-an-die-Macht-Dienen eine einzige, getarnte Vorbereitung der Flucht. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie ihr Ziel erreicht hatten, setzten sich Funktionäre ins Ausland ab. Spöttisch sprachen die Leute von der Flucht als höchstem Luxus. Jeder Bonze war doch angeblich von einem hoch entwickelten sozialistischen Bewußtsein beseelt. Nach so vielen Bonzenfluchten hätte man das sozialistische Bewußtsein umdefinieren und konstatieren müssen: Die höchste Entwicklungsstufe des sozialistischen Bewußtseins ist die Flucht in den Kapitalismus. Die Flucht der Bonzen hatte mit dem verzweifelten in den Tod Rennen gewöhnlicher Leute nichts mehr zu tun. Sie war ein abgesichertes Geschäft, das Todesrisiko schrumpfte auf Null. Obwohl die Bevölkerung solchen Gestalten die geglückte Flucht nicht gönnte, diese Freiheit, die sie einem selber bis zum Tag ihrer Flucht genommen hatten, kam in den Kopf hämische Freude, wenn die eigenen Bonzen dem Regime den Rücken kehrten.
Der Sog der Fremde als machbares Leben: nebulös, schicksalsgroß wurde jedesmal, wenn ich mit dem Zug von Temeswar nach Bukarest fuhr, zu einem konkreten Bild. Der Zug fuhr nämlich eine Weile ganz eng an der Donau vorbei. Zwischen ihm und der Grenze war nichts mehr. Und alle, Groß und Klein, sogar uniformierte Militärs und Polizisten, gingen auf den Gang und schauten hinaus, als stünden sie unter Hypnose, als sähen sie ihre Zukunft. Als wäre diese gleichgültige Donau eine fließende, für jeden persönlich gültige Wahrsagerei übers Gelingen der eigenen Flucht. Niemand mehr bewegte sich, es war still wie in einer Kirche. Und da draußen floß das meist breite, schlingernde Wasser, und es glitzerten hier und da die engen Stellen, wo das Hinüberschwimmen kein Problem wäre. Und drüben lag Jugoslawien, das Transitland Richtung Westen. Man sah Dörfer, Bäume fächelten dort, als würden sie warten, daß man kommt. Niemand mehr traute sich dem anderen ins Gesicht zu sehen, die Haut spannte sich unwirklich, schimmerte wie eingewachst oder gefroren. Das Träumen hatte alle im Griff, die allgemein bekannte Grundfrage: Fliehen, aber wie. Es war zum Greifen deutlich, woran jetzt alle dachten, so deutlich, daß sich das Rattern des Zugs eine Weile anhörte wie "Ich will weg von hier, ich will weg von hier," in endloser Wiederholung. Das Eisen sang der Donau entlang sein Lied so beklemmend deutlich auf die Schienen, daß man den Rädern das Maul hätte verbieten wollen, weil die Reisenden wie ein Chor der Ertappten dastanden. Wenn die Donau vorbei gezogen war, gingen alle wortlos wieder auf ihre Plätze ins Abteil und setzten sich hin, in ihr wirkliches Leben.
Ich bin hiermit wieder einmal beim Gegenteil von Inselglück, bin wieder und noch immer beim Inselunglück. In Bezug auf "Glück" gibt es für mich das "Glücklich sein" und das "Glück haben." Es sind diese beiden nicht nur verschiedene, sondern entgegengesetzte Dinge. Ich kenne das "Glück haben" als
Situation, in der das Schlimmste, das zu erwarten war, nicht eingetreten ist. "Glück haben", weil das Glück lich sein ausgeschlossen ist. Das "Glücklich sein" ist ein dauernder Zustand, eine glatte Strecke. Es wird innerlich getragen, definiert sich als Gefühl. Es basiert auf einem großen eigenen Beitrag. "Glück haben" ist momentan, kommt von außen, hat mit Gefühl überhaupt nichts zu tun, es ist ein oft unerklärlicher Zufall. Daß man "Glück hat", passiert blitzschnell wie beim Fingerschnippen, man begreift es erst danach. Kurz danach, aber manchmal auch erst Jahre danach durch die Rekonstruktion von Tatsachen, in denen man sei nerzeit ahnungslos stand. Wenn man das "Glück gehabt haben" gleich danach begreift, spürt man das "schrille Glück." Auch dies ist das Gegenteil von "Glücklich sein", denn es ist ein unverschämtes, dreistes, den äußeren Vorgaben des Lebens entwischtes Glück. Das schrille Glück ist taumelig, eilt wild durch sich selbst, muß sich sofort austoben, weil es die äußeren Vorgaben nicht ausblenden kann. Es beendet sich selbst, bevor die äußeren Vorgaben es verdecken und wieder kassieren.
Ist "Inselglück" privates Glück trotz katastrophaler Umgebung, ein bewußt gebautes, individuelles "Kopf glück". Ist es eine Art, intellektuell sein Glück zu machen, durch das, was man aus Büchern auf sich selber zugeschnitten hat. Wenn es das Zehren aus Büchern fürs eigene Leben meint, funktioniert es im drangsalierten Alltag nicht. Ich hatte eine Hand voll enger Freunde, wir lasen Bücher und redeten darüber. Es war unsere Hauptbeschäftigung, Gelesenes auf unser Leben zuzuschneiden. Wir konnten unsere Misere in Sachbüchern sachlich formuliert, genau analysiert, nüchtern kommentiert nachlesen. Wir konnten diese Misere in Gedichten und Romanen wiederfinden in der Dringlichkeit des poetischen Bildes. Beide Lesarten gaben Halt, indem sie einem den eigenen Zustand bestätigten. Sie halfen einem, nicht stumm vor sich selber zu sein. Ändern konnten die Bücher nichts, zeigte sich einem doch nur, wie man aussieht, wenn das Glück nicht zu machen ist. Und das ist sehr viel, mehr habe ich von einem Buch nie erwartet. Wenn also das intellektuell gemachte Kopfglück, das nicht hinhaut, aus dem "Inselglück" wegfällt, ist dann das "Herzglück" gemeint. Aber sitzt das, was wir "Herzenssache" nennen, nicht im Kopf. Können beschädigte oder gar zerbrochene Menschen ihre intimen Beziehungen, auf die sie so sehr angewiesen sind, überhaupt intakt halten. Die Liebe ist kein anderes Land, sie steht dort, wo die Füße und der Kopf stehen. Sie muß sich tagtäglich den äußeren Umständen stellen. Man kann sich ein Stückchen durch Liebe schonen, sich in ihr anders fühlen, als das im Revier der Überwachung ignorierte oder drangsalierte Nichts. Aber gerade deshalb wurde die Liebe auch zur Ersatzhandlung für alle fehlenden Freiheiten. Ich kenne kein Land, in dem die Liebe so hungrig war wie in Rumänien. Kreuz und quer durch die Hierarchien gab es in der Fabrik, in den Schulen, wo ich gearbeitet habe, außereheliche Beziehungen. Männer und Frauen magnetisierten sich, das Elend ihrer Arbeitsplätze machte sie offenbar disponibel. Das Begehrtwerden in einem versteckten, dreckigen Winkel der Fabrik machte die Verstörung am Fließband oder Schreibtisch erträglich. Und die Folgen: ich kenne kein anderes Land, in dem das Intime so durchgängig mit Lüge, Täuschung, Heuchelei, mit dem Zerfleischen ihrer eigenen Substanz so vermengt war. Kein anderes Land mit so viel Gewalt in der Familie, so vielen Scheidungen und auf der Strecke gebliebenen Kindern. Mit strapazierten Nerven ist das "Herzglück" nicht zu machen.
Da bliebe als "Inselglück" noch die Insel als Land schaft; sich mit der Landschaft im Einklang fühlen können. Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch, daß die Landschaft sich aus dem Staat nicht heraus halten läßt. Sie wurde zur übergangslosen Schönheit, die kaputten Nerven waren ihr nicht gewachsen. Die Landschaft zeigte, wie egal es ihr ist, was mit den Menschen geschieht. Sie war ein Waffenstillstand, eine vom Treiben der Tage abgewandte Stille, eine grüngezahnte Ahungslosigkeit, die sich selber genügt. Die Überrumpelung durch Schönheit ist in der Überdrehung der Nerven nicht auszuhalten. Landschaft wird zur flirrenden Inszenierung der Existenz, zum Panorama der Ängste, zur Verdoppelung der geraubten Selbstverständlichkeit. Wenn man auf dem Asphalt keinen Ausweg hat, empfindet man Land schaft als arrogantes Material, diese zeitliche Überlegenheit: uralte Steine, das ewiglich Fließende des Wassers, die unzählbare Wiederkehr des Laubs und der Gräser. Sie alle sind gedächtnisfrei, unbekümmert über das, was gestern war und morgen kommt. Das schöne Wort "Blattnerv" ist eben kein Menschennerv, die "Blattader" keine Schläfen- oder Halsader. Wenn man aufs "Inselglück" aus ist, darf man sowas nicht denken.
Für das "Inselglück" braucht man Vertrauen in die Insel. Wenn man intakt daherkommt, bleibt die Insel in ihrem Rahmen, sie hält still und läßt sich bestaunen. Wenn man chronisch verstört daherkommt, greift die Insel zu, man wird seziert ohne ästhetische Betäubung. Man muß die Insel abwehren. Sie projiziert sich so rücksichtslos in den Körper hinein, daß man noch mehr zerrissen wird. Sie verinselt einen. Im Schlagabtausch mit der Insel zieht man immer den Kürzeren.
Es gibt im Westen eine sehr beliebte, alle paar Jahre wiederkehrende Umfrage an Schriftsteller, um herauszufinden, welche Bücher anderer Autoren ihnen die wichtigsten sind. Der Satz dieser Umfrage lautet: "Welche Bücher würden Sie mitnehmen, wenn Sie allein auf eine Insel müßten?" Für mich ist die Frage erschreckend naiv. Wenn ich auf eine Insel müßte, hätte ich keine Wahl, ich dürfte kein einziges Buch, das mir lieb ist, mitnehmen, weil jedes dieser Bücher von vornherein verboten wäre. Ja ich müßte vielleicht sogar auf die Insel, weil ich diese Bücher mag und ihren Inhalt nicht für mich behalten habe. Ich müßte als Strafe für diese Bücher auf die Insel. Wenn ich aber nicht auf die Insel müßte, sondern hin käme, weil ich es wollte, könnte ich sie jederzeit wieder verlassen, kommen und gehen nach Belieben und immer andere Bücher mitnehmen. Oder auf der Insel bleiben und mir die Bücher schicken lassen. Wenn westliche Intellektuelle von "Insel" reden, riechen sie das Parfüm der exemplarischen Freiheit. Eine Insel, auf der das Regelwerk von Gesetz und Verpflichtung aufgehoben ist. Noch ein gutes Buch dazu lesen, und schon ist man am Höhepunkt der Selbstbehauptung. Und selbstverständlich hat man nicht bloß die guten Bücher mitgenommen auf die Insel, sondern so nebenbei auch gute Kleidung, gute Kosmetika, gutes Essen, eine gute Gesundheit, aber prophylaktisch auch gute Medikamente.
Wozu brauchen westliche Zeitschriftenmacher, deren Leben nie von Repression durchkreuzt wurde, das gedankenlos subversive Prickeln, um eine Umfrage attraktiv zu machen. Natürlich wissen sie Bescheid: es gab Inseln für Pest- und Leprakranke, es gab und gibt Gefängnisinseln. Auch Nelson Mandela war auf einer Insel gefangen, der PKK-Chef Öcalan ist Allein bewohner einer Gefängnisinsel. Herrschende haben das Wasser als leicht zu bewachenden, tauglichen Gürtel zur Isolation immer schon in Dienst genommen. Dennoch steckt für westliche Intellektuelle das "auf die Insel Müssen" voller persönlicher Freiheiten. Sie werden weder von dem Wort Insel noch von müssen irritiert. Sie fragen nach freier Entscheidung mit einem Satz, in dem die Unfreiheit vorausgesetzt ist. Sie haben den Kopf voller Bücher, keines hat ihnen auch nur ein Detail der Unfreiheit begreiflich gemacht.

 

Eqrem BASHA
BERICHT ÜBER MEINEN VATER, DEN GRENZATHLETEN

Mein Vater war vielleicht neun Jahre alt, als er zum ersten Mal Grenzwächtern in die Hände fiel. Eigentlich war es keine Grenzpolizei, sondern ein Regiment der bulgarischen Armee. Die Besatzungs armeen kamen und gingen in dieser Region so oft, daß die Einheimischen manchmal gar nicht richtig darauf achteten, wer gerade da war und ihre Bewegungs freiheit einschränkte, solange sie keine Opfer zu beklagen hatten. Der Vorfall, von dem ich berichten möchte, spielte sich in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ab. Über der kleinen Stadt an der Grenze zwischen dem heutigen Mazedonien (das damals noch nicht existierte) und Albanien (das eben seine Unabhängigkeit erlangt hatte) standen ständig Rauchsäulen, denn kriegerische Handlungen waren damals wie eine chronische Krankheit: sie ergriffen die Stadt, kosteten (gewissermaßen als Beleg für die Härte der Auseinandersetzungen) ein paar Leben und verschwanden wieder. Nach der Verjagung der osmanischen Truppen hatte man sich in der trügerischen Hoffnung gesonnt, nach fünf Jahrhunderten der Fremdherrschaft sei endgültig die Befreiung geschafft. Die Freude währte aber nur kurz, denn der Eroberungsdrang und das Expansionsstreben begehrlicher Nachbarstaaten ließen die vom Unglück verfolgte Bevölkerung nicht zum Atemholen kommen. Eine Armee nach der anderen paradierte vorbei: die serbische, die bulgarische, die österreichische ... Die Einheimischen bezahlten den obligatorischen Tribut, manchmal mit dem, was sie für noch schlechtere Zeiten auf die Seite gelegt hatten, manchmal mit dem eigenen Kopf. Die Blutlachen in der Stadt trockneten nicht, die vertriebenen Einwohner zogen Zuflucht suchend von Ort zu Ort. Einige entschieden sich für die Emigration, schafften es auf ein Schiff und überquerten den Ozean, um die neue Welt zu erobern, die anderen suchten sich eine Gegend, auf die das Feuer des Krieges noch nicht übergegriffen hatte. Zweimal war die Stadt völlig entvölkert. Am schlimmsten war es im Jahr 1913, als die serbischen Truppen die gesamte, rund vierzigtausend Köpfe zählende Ein wohnerschaft des Zentrums einer Provinz vertrieben, zu der Dutzende von Dörfern und kleinen Städten gehörten.
Jede Armee, die einrückte, etablierte ein Regime und setzte Grenzen, die den Bewegungsspielraum der Menschen auf beiden Seiten einschränkten. Die Stadt sorgte für viel Aufregung und Ärger bei den hohen Behörden, denn ständig mußten neue, zuvor nicht existente Grenzen gezogen werden, je nachdem, welche Armee gerade wieder auf dem Vormarsch war. Es war wie in einem tragischen, aus dem Kopf und ohne Figuren gespielten Schachspiel.
Als mein Vater dem erwähnten bulgarischen Regi ment in die Hände fiel, war er gerade unterwegs, um in einem Dorf, das drei oder vier Kilometer von der Stadt entfernt lag, Verwandte zu besuchen. Er wußte nicht, daß am Vortag eine neue Grenze gezogen worden war, und er die imaginäre Linie nur überschreiten durfte, wenn er einen Passierschein hatte (Pässe kannte man damals noch nicht). Zu seinem Unglück hatte er auch noch Arzneien für seine kranke Tante dabei sich, so daß zum unbefugten Übertritt der Grenze zwischen Stadt und Dorf erschwerend auch noch Schmuggel hinzukam.
Mit neun Jahren trat mein Vater also eine Schmugglerkarriere an, denn er ließ auch später von solch ungesetzlichem Tun nicht ab, wie ich zugeben muß. Er beförderte Medikamente über die "Grenze", die es dort nicht gab, dann wieder Brot, das es hier nicht gab, außerdem vertrauliche Mitteilungen über die aktuellen Freuden (Heiraten, Geburten, neue Freundschaften) und Nöte der Familien diesseits und jenseits einer Grenze, von deren Verlauf er stets nur sehr unklare Vorstellungen hatte, da er sich fast täglich änderte, nach oben oder nach unten verschob, je nach der Position der Truppen, die sie kontrollierten. Manchmal markierte der Fluß die Grenze, manchmal ein Graben zwischen zwei Äckern, manchmal ein Hügel oder ein Berggipfel und manchmal auch eine unsichtbare Linie, die mitten durch eine Ebene führte und auf keinen Fall überschritten werden durfte, wenn man seinen Kopf nicht riskieren wollte. Damals gab es weder Post noch Telefon. Besuche waren für meinen Vater und seine Familie die einzige Möglichkeit der Kommunikation mit Verwandten.
Zeitweise verlief die Grenze mitten durch das Stück Land, der meinen Vater ernährte. Erst wurde es nur kleiner, später durfte man es dann gar nicht mehr betreten und bearbeiten, weil es zum Grenzgebiet gehörte. Ein anderes Mal traf es das Dorf meiner Tante. Einige der Häuser gehörten plötzlich zu einem anderen Staat. Später wurde die Brücke über den Bach, der mitten durch die Stadt fließt, zur Grenze. Noch heute nennt man sie "Selam-Brücke", was sich auf die Grüße bezieht, die über die wackelige, bei Hochwasser durch mitgeführten Schlamm und Steine gefährdete Brücke zwischen den beiden Seiten hin und her geschickt wurden, die manchmal getrennt waren und manchmal zusammengehörten.
Bei seiner ersten Festnahme hatte mein Vater das Glück, daß er noch zu jung war, als daß ihn die Bulgaren als Diversanten hätten behandeln können. Die Soldaten brachten ihn zu ihrem Hauptmann, der ihn in einem Zimmer seines Hauses eingesperrt hielt, bis ihn die mitleidige Hauptmannsfrau daraus befreite.
Das war die einzige Nacht in seinem Leben, die er im Gefängnis verbrachte. Das heißt aber nicht, daß er später seine Finger von der "Diversion" gelassen hätte, sondern nur, daß er vorsichtiger wurde und den Grenzposten aus dem Weg ging. Er kannte sich in dieser Gegend aus wie in seiner Westentasche und benutzte Pfade, die man beim besten Willen nicht bewachen konnte. Der Grenzstreifen war so breit, wie er gewitzt.

*

Meine Heimatstadt befindet sich genau in der Mitte eines Halbkreises, den die Grenze aus dem Territorium Albaniens herausschneidet. Sie ist das historische Zentrum des Bezirks, der ihren Namen trägt, Dibra. Der Bezirk Dibra hat zwischen zweihundertfünfzig- und dreihunderttausend Einwohner. Nur die Hauptstadt befindet sich auf dem Gebiet der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien, der ganze Rest gehört zu Albanien, wo es einen Ort gleichen Namens gibt. Zur Unterscheidung, aber auch, um der historischen Bedeutung gerecht zu werden, nennt man meine Stadt Groß-Dibra, den Ort jenseits der Grenze dagegen Klein-Dibra oder Peshkopia, was einen Bischofssitz bezeichnet. Hier wie dort leben Albaner. Die Einheimischen behaupten, der Grenzverlauf habe mit der Reichweite der Kanonen einer der vielen Armeen zu tun, deren Regimenter zu wechselnden Zeitpunkten dort stationiert waren. Ein General, der zu faul war, sich selbst zu bewegen, hat dafür die Bevölkerung in Bewegung gesetzt, also vertrieben, wie das bei Generälen durchaus üblich ist. Leider wurde dadurch die Hauptstadt von der dazugehörenden Provinz getrennt wie ein Hirte von seiner Herde. Vielleicht ist dies auch nur eine Legende, doch bei uns enthalten die Legenden meistens einen so greifbaren wie traurigen Kern von Wahrheit. Die Grenze wurde durch den Schußradius von Kanonen bestimmt, und daran war bisher nicht zu rütteln.
Ganz so einfach ist es mit diesen Grenzspielereien allerdings auch wieder nicht. Mindestens bin ich mit der mir eigenen Naivität nicht imstande, sie zu durchschauen. Als mit Beschluß der Londoner Botschafter konferenz in diesem Teil des Balkan Staaten gebildet und Grenzen gezogen wurden, bedeutete dies, daß Völker auseinandergerissen wurden, und es kam sogar vor, daß der größere Teil des von einer Ethnie bewohnten Gebiets außerhalb der Staatsgrenzen blieb. Unter anderen Umständen und nach der Philosophie des Europa von heute wäre das nicht besonders tragisch gewesen. Aber in diesem Fall ging es um den Balkan. Dort wurde um Territorien und Grenzen regelrecht gepokert, und Gewinn und Verlust berechnete man in Köpfen. Daß die Grenzen, die bei den dilettantisch durchgeführten Experimenten in diesem Laboratorium zustande kamen, bis heute Ursache von Kriegen und menschlichen Tragödien sind, ist nicht verwunderlich.
Die Geschichte ist die Schule des Lebens, und bei ihr lernen wir, daß Interessenzonen entstehen, wenn nicht eine einzige Macht sich die ganze Welt zu unterwerfen vermag. Die historischen, strategischen, wirtschaftlichen, politischen, ethnischen ... Interessen führen zu Divergenzen, einschließlich der heißesten und absurdesten Stufe, dem Krieg. Zuerst fallen ihnen die kleinen Völker zum Opfer, die nur als Objekte von Interessen (oder als Interessensphären) bei den Schachereien auf dem Markt der Grenzen am Leben bleiben können. Die Brutalität, mit der man auf der verbrannten Erde des Balkan Grenzen zog, wurde später noch ergänzt um die Brutalität der Diktaturen, die sich aus der vergifteten Quelle des Chauvinismus, des Nationalismus, des Herrschaftsstrebens und der Intoleranz versorgten.

Aber kehren wir an unseren Ausgangspunkt zurück. Das Leben in einer an drei Seiten von Grenzen umgebenen Stadt war für alle Familien dort schwer. Die Menschen konnten sich mit der Trennung nicht abfinden, denn sie hatten in guten und in schlechten Zeiten immer zusammengestanden, auch im Widerstand gegen die jahrhundertlange Fremdherrschaft, und bildeten nun so etwas wie eine große Familie. Auf einmal war alles anders. Europa hatte eben den Ersten Weltkrieg überstanden, leckte seine Wunden und bereitete sich auf den Zweiten Weltkrieg vor. Die Zeit vertrieb man sich damit, neue Grenzen auf den Landkarten einzuzeichnen. Meine Mitbürger gewöhnten sich an eine neue Zeitmessung, die sich nach Flucht und Vertreibung richtete: "Damals nach der ersten Flucht", "kurz vor der zweiten Flucht", "als uns die Serben vertrieben", "als uns die Bulgaren vertrieben". Die Bevölkerung war in ständiger Bewegung wie ein Getreidefeld im Sturm. Mein Vater kümmerte sich weiterhin um seine Familie diesseits und jenseits der Grenze, die manchmal grob und abweisend war und dann wieder überhaupt nicht zu existieren schien. Kurz, sie war wie ein Bach, der bei Regen reißend wurde und in der heißen Sommerzeit fast austrocknete. In den dreißiger Jahren wurden die unautorisierten Grenzübertritte immer riskanter, überhaupt nahm der Druck zu, so daß mein Vater sich gezwungen sah, seine Heimatstadt zu verlassen und in die Hauptstadt jenseits der Grenze zu ziehen. Dem jugoslawischen Königreich war bei der Londoner Botschafter konferenz auf Betreiben Rußlands die Hälfte der von Albanern bewohnten Gebiete zugesprochen worden, ohne es zur Wahrung der Rechte dieser nun seiner Herrschaft unterworfenen Volksgruppe zu verpflichten. Damals entstand als Embryo, was später im erwachsenen Zustand "ethnische Säuberung" genannt werden sollte. So wurde ein allen Ernstes so genanntes "Gentlemen's Agreement" unterzeichnet, daß die Deportation Hunderttausender von Albanern in die Türkei besiegelte, in eben jenes Land also, unter dessen wüster Fremdherrschaft sie jahrhundertlang gelitten hatten. Zur gleichen Zeit verfertigten "Wissen schaftler" des Königreichs Jugoslawien ihre "Memo ran dum" genannten Elaborate, in denen nicht nur die Vertreibung, sondern auch die physische und biologische Auslöschung von Völkern verlangt wurde.
Angesichts dieser bedrohlichen Umstände beschloß mein Vater, mindestens für eine gewisse Zeit seine Heimatstadt zu verlassen, und als Meister und erprobter Athlet der illegalen Grenzübertritte gelang es ihm auch, für meine Mutter und meine Großmutter eine spektakuläre Grenzüberschreitung zu organisieren. Wohl oder übel vertrauten sich die beiden Frauen Menschenschmugglern an, die sie über eine Grenze brachten, die nun von serbischen Soldaten bewacht wurde, deren Heimatland ein gutes Stück entfernt lag.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, befand sich mein Vater immer noch auf der anderen Seite der Grenze. Das Vorspiel war im Jahr 1939 der pompöse Einmarsch der faschistischen italienischen Armee in Albanien. Mein Vater gehörte zu jenen, die sich der Hoffnung hingaben, den Vormarsch der Faschisten aufhalten zu können, und zog deshalb mit den Schülern der Schule, in der er arbeitete, zum Hafen von Durrës. Es war ein sinnloses Unterfangen, denn eine Handvoll Unbewaffneter konnte gegen die anrollenden Panzer nichts ausrichten. In dem Chaos nach der Besetzung beschloß mein Vater, mit seiner Familie in die alte Heimat zurückzugehen. Die Italiener hatten inzwischen die Grenze aufgehoben und versuchten, die Albaner mit der Idee eines Großalbanien auf ihre Seite zu locken. Wir wollen kein großes, sondern nur ein friedliches und gerechtes, durch keine Grenzen zerschnittenes Albanien, war die Antwort der aus Erfahrung klug Gewordenen. Sie vertrauten der Schlange nicht, die ihnen den Apfel anbot. Die Bevölkerung nahm den Kampf auf, gespalten und zerstritten zwar, aber immerhin im Be wußtsein, daß der Faschismus und danach der Nazismus die Wunden der Nation nicht heilen konnten. Ein Antrieb dabei war die kommunistische Ideologie, die ihnen das Paradies einer klassen- und grenzenlosen Gesellschaft versprach, wenn erst der siegreiche proletarische Internationalismus alle Unterschiede zwischen den Ethnien beseitigt hatte.
Bis 1948 konnte mein Vater die zum Beweis der Richtigkeit der kommunistischen Propaganda geöffneten Grenzen in beide Richtungen ungehindert passieren. Aber es waren schlechte Zeiten, Hunger herrsch te, und die Menschen litten Mangel am Allernotwendigsten. Man mußte viel unterwegs sein: hier war ein wenig Getreide zu bekommen, dort gab es eine armselige Mühle, um es zu Mehl zu verarbeiten, und so schleppte sich das Leben im Takt des klapp rigen Mühlrads den verheißenen glücklichen Tagen entgegen.
1948 brach Titos Jugoslawien die Beziehungen zum kommunistischen großen Bruder Jossip Wissariono witsch Stalin ab, dem bis dahin engsten Verbündeten, während Enver Hoxhas Albanien eben dort die wichtigste Quelle des Ansporns beim Aufbau der Diktatur des Proletariats fand. Mit der Konsolidierung der Freundschaft respektive Feind schaft zu Stalins Sowjetunion wurde das Regime an der Grenze zwischen den beiden Ländern wieder verschärft. Scharf bewachte Stacheldrahtzäune markierten nun die Grenzlinie. In meiner Heimatstadt begannen Men schen spurlos zu verschwinden. Man sprach von nächt lichen Geheimaktionen, Diversantentätig keit, von einer Gedanken- und Gewissenspolizei, mit deren Auftauchen überall gerechnet werden mußte. Nach Einbruch der Dunkelheit konnte man das Haus nicht mehr verlassen. Jeder Verkehr kam zum Er liegen. Die Nacht hat sie geholt, sagte man, wenn die Polizei im Schutz der Dunkelheit Häuser überfiel und die Männer verschleppte. Es war immer die gleiche einfache Frage, um die es bei den Verhören ging: Wie hältst du es mit Stalin? Man mußte nicht antworten, ein Wimpernzucken genügte, um zum Staatsfeind erklärt und zu den Felsen von Goli Otok geschickt zu werden, wo außer Steinen auch Menschen gebrochen wurden. Meinem Vater blieben die Verhöre erspart, denn er kümmerte sich als einfacher Handwerker um seine Arbeit und schwieg im übrigen. Schon lange hatte er die unerlaubten Familienbesuche auf der anderen Seite der Grenze eingestellt, sie hätten zu jener Zeit schlicht und einfach Selbstmord bedeutet. Die Onkel und Tanten waren inzwischen gestorben, die Kontakte in der Familie eingeschlafen. Wer noch den Versuch wagte, die Grenze zu überschreiten, galt auf der anderen Seite als Spion und wurde ins Arbeitslager gesteckt, wer herüberkam, war ein Emigrant und landete gleichfalls im Lager.
In einem dieser harten Informbüro-Winter gab es für meinen Vater auch einmal ein freudiges Ereignis - meine Geburt.

*

Mit der Polizei schloß ich bereits Bekanntschaft, als ich noch in die Grundschule ging. Sie kam, um meinen Geographielehrer zu verhaften. Der Grund war wieder einmal die Grenze. Es gibt Staatsgrenzen, hatte er uns gesagt, ethnische Grenzen, natürliche Grenzen, geographische Grenzen ... Als wir am Ende der Schulstunde noch einmal den Stoff repetierten, ließ er einen Schüler aufstehen und stellte ihm ziemlich naiv die Frage, was für eine Grenze denn die unsere sei. Gar keine, antwortete arglos der Schüler, mein Vater sagt, drüben sind unsere Leute, und hier sind auch unsere Leute. Unser Lehrer hatte das Pech, daß es gleich darauf klingelte, und er keine Gelegenheit mehr hatte, eine "Korrektur" anzubringen. Ein paar Tage später ließen sich drei Schüler aus unserer Schule von einer gefährlichen Neugier verleiten, die Grenze zu überschreiten, und das Klima wurde sehr gespannt.
Sonst wurde über die Grenze nicht mehr geredet. Sie war hermetisch geschlossen und abgeriegelt, dort, wo sie verlief, und auch in unseren Köpfen. Hätte man von ihr geträumt, wäre es ein Alptraum gewesen. Die Straße, die zu ihr hinführte, war halb mit Gras zugewachsen. Es war die wohl einzige Grenze der Welt, die nur mit einer Sondergenehmigung der Polizei überschritten werden durfte, die als Aus- und natürlich auch Einreisevisum im Paß vermerkt war, und natürlich war dieses Visum nie zu bekommen. Mir selbst, für den die Unüberschreitbarkeit dieser Grenze eine Selbstverständlichkeit war, schien jenseits davon eine ganz andere Welt zu beginnen, mit anderen Menschen und anderen Sitten, und deshalb verstand ich nicht, daß meine Mutter immer wieder tränen überströmt am Fenster stand, wenn sie an Angehörige auf der anderen Seite dachte. Die Nostalgie meines Vaters äußerte sich in anderer Form. Er wurde allmählich alt, und seine Kräfte ließen nach, so daß er seine Gewohnheiten geändert hatte und auf seine Form des kleinen Grenzverkehrs nun verzichtete. Außerdem zwang ihn seine kleine Werkstatt zu einer alltäglichen Routine, die eigentlich gar nicht zu seinem Charakter paßte. Ich selbst verbrachte ganze Tage über der Korrespondenz einer Nachbarin, die in der grenzenlosen Zeit geheiratet und seit damals Mutter, Vater und Geschwister nicht wiedergesehen hatte, obwohl sie, wenn sie aus dem Fenster schaute, direkt auf ihr nur drei Kilometer entferntes Geburtsdorf blickte. Es war nur schwer zu erkennen, was sich zwischen den kleinen, halbverfallenen Häusern abspielte, aber manchmal glaubte sie dort jemand von ihrer Familie zu entdecken. Ständig war ich mit der Realisierung ihres einzigen Herzens bedürfnisses beschäftigt: ich verfaßte tränenreiche Briefe, die ihre Empfänger wahrscheinlich nie er reichten, denn Antworten blieben aus.
Eigentlich war es strengstens verboten, in den Grenzbereich einzudringen. In den seltenen Fällen, in denen wir uns dem Fluß nähern konnten, der die beiden Staaten voneinander trennte, unternahmen wir das ketzerische Experiment, den Beweis zu erbringen, daß hier wie dort die gleiche Sprache gesprochen wurde. Dabei bedienten wir uns der von meinem Vater erfundenen Techniken der Kommunikation über die Grenze hinweg. Er hatte sich im Laufe seines Lebens eine ganze Enzyklopädie der Grenz ignorierung erarbeitet und fand auch in schwierigen Fällen stets eine Lösung.
Viele Jahre später erzählte ich einem Freund, wie wir uns über den Fluß hinweg, dessen Rauschen zu übertönen war, Nachrichten zugebrüllt hatten, und bei dieser Gelegenheit erfuhr ich von ihm eine Geschichte aus Has, einer wasserarmen Gegend, die halb zu Kosova und halb zu Albanien gehört. Die Frauen befördern dort vermittels einer Holzkonstruktion an der Hüfte das Wasser über weite Strecken hinweg. Die Quelle befand sich genau auf der Grenze, und es existierte ein grenzübergreifendes Abkommen zu ihrer Nutzung: die von der einen Seite durften vormittags kommen, um Wasser zu holen, die von der anderen Seite nachmittags. Alle gehörten zum gleichen Dorf und zum gleichen Familienverband, aber die Wasserstelle war der einzige Ort, an dem Neuigkeiten und familiäre Nachrichten ausgetauscht werden konnten. Die am Vormittag kamen, hinterließen denen, die am Nachmittag an der Reihe waren, Briefe oder Hinweise in Form von Zeichen, und auf diese Weise erfuhr man alles, was wichtig war: wer wen geheiratet hatte, in welchem Haus ein Kind geboren worden war, oder auch, wenn eine alte Feindschaft aus der Welt geschafft worden war, denn die Zeiten waren schlimm, und es dauerte oft viele Jahre, bis Fehden zwischen den Familien endlich beigelegt wurden.
Dann wurde das Grenzregime wieder verschärft, und die Bewachung war rigoros. Die Dorfbewohner ließen sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, sondern erfanden einfach neue Methoden der gegenseitigen Information, die so einfach wie praktisch waren. Man holte nun in Gruppen sein Wasser an der Quelle und unterhielt sich dabei mit lauter Stimme:
"Hast du schon gehört, A hat einen Sohn bekommen!"
"Du, der Sohn von B hat geheiratet, und zwar die Tochter von C!"
Die Familie war alles, man mußte sich über organisatorische Veränderungen, neue Namen, neue Verbin dungen zwischen den Familien auf dem laufenden halten, damit im Stamm kein Durcheinander entstand.

*

Beim Schreiben dieses Textes war ich mir nicht ganz sicher, ob klar genug ist, was ich sagen wollte, und ob er richtig verstanden wird. Ich hatte mir vorgenommen, einfach nur zu erzählen, was wirklich geschehen ist , aber ich wurde das Gefühl nicht los, daß ich dem Bericht die Atmosphäre des absurden Theaters auflade, die mich mein Leben lang begleitet hat. Diese fremd, fast surrealistisch erscheinende Landschaft, diese tragisch-verrückte Geschichte über labyrinthische Grenzen kann vielleicht nicht anders be- und geschrieben werden. Die Poetik der Grenzen näherte sich hier der Poetik des Absurden an. Aber es ist mein Leben, von dem ich erzählt habe, die Geschichte meines Vaters, des Grenzathleten, der den mit Stachel draht und Minen gesicherten Grenzen stets nur Verachtung entgegengebracht hat, an denen getötet und gestorben wurde, an denen er seinen Kopf riskierte, und von denen bis heute die Drohung von Tod und Gewalt ausgeht.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich selbst zum ersten Mal auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns war. Aus der Nähe betrachtet, sah die Landschaft, die aus der Ferne so geheimnisvoll gewirkt hatte, aus wie bei uns auch, und das galt auch für die Menschen. Ich machte einen Besuch in dem Grenzdorf gegenüber, traf aber niemand an, den ich kannte. Die Tante meines Vaters war gestorben, ebenso ihre Kinder, und die Namen der Enkel, die mir mein Vater so oft eingebleut hatte, waren mir trotzdem entfallen. Auch mein Vater war schon lange tot. Als ich durch die Straßen des Dorfes ging, erkannte ich Orte wieder, von denen er mir erzählt hatte. Die Vorstellung, daß auch er einst hier gegangen war, machte diese Erfahrung noch zauberhafter.
Die Grenze folgt bis heute dem Schußradius der Kanonen von damals. Die Menschen auf beiden Seiten tragen oft den gleichen Nachnamen, gehören den gleichen Familien oder Sippen an. Einige der Namen sind inzwischen in Vergessenheit geraten. Die Grenze ist nach wie vor abweisend und undurchdringlich. Die Diktaturen sind gestorben, aber die Stacheldrahtverhaue sind noch da, und die fatale Trennungslinie fordert immer noch Opfer. Es sind grenzunkundige Schafe und Kühe, oder Hirten, die sie suchen, und manchmal auch Minderjährige, die mit der gleichen Naivität wie einst mein Vater drüben Verwandte besuchen wollen, ohne sich der Gefahr bewußt zu sein. Die Zeit der Waffen ist noch nicht vorbei. Menschen, die dort ihre Heimat haben, kommen ums Leben. Die Grenzregime sind noch da, auch wenn sie wechseln. Die Einheimischen gehen nur weg, wenn Orte locken, die nicht durch Grenzen geteilt sind.
Mein Vater lebt seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht mehr, und es ist schon über dreißig Jahre her, daß ich aus meiner Heimatstadt weggegangen bin. Aber beide, mein Vater und meine Stadt, leben in meiner Erinnerung. Seit zehn Jahren existiert zwischen dem Ort, an dem ich lebe, und meiner Heimat eine neue Grenze. Der Balkan zerfällt in Stücke, und das Leben ist weiterhin bestimmt durch Trennung und Schmerz. Manchmal gibt es erstaunliche Zufälle. Der Friedhof, auf dem mein Vater ruht, liegt nicht mehr als fünfhundert Meter von der Grenze entfernt. Von seinem Grab aus hat man einen Überblick über die ganze Gegend. Die Landschaft beiderseits der Grenze unterscheidet sich nicht. Sowenig wie die Menschen.

Aus dem Albanischen von Joachim RÖHM, Stuttgart


Förderer Lichtungen
LICHTUNGEN - Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
c/o Kulturamt der Stadt Graz, Stigergasse 2 | A-8020 Graz | ZVR 819689360
Tel.: +43/316/872-4922 | Fax +43/316/872-4929 | office@lichtungen.at
AGB |
Facebook Lichtungen
Twitter Lichtungen