Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2002

LICHTUNGEN - 89/XXIII. Jg./2002

Schwerpunkt:
Literatur aus Berlin

Kunstteil:
Andrea Ressi

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
89 / XXIII. Jg. / 2002, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Andrea Ressi, multiple landscape, 2002


EDITORIAL

WOZU NOCH LITERATUR?

Immer wieder wird einem Herausgeber einer Literaturzeitschrift die Frage gestellt, ob solch ein Printmedium noch zeitgemäß sei. Ein berechtigte Frage? Wird diese Frage, meist im Gefühl vom Gewichtsverlust der Literatur, vielleicht gestellt mit dem oft unbewußten Gedanken, ob sich solch ein Kulturunternehmen überhaupt rechnet? Robert Musil schrieb 1930 noch: "... ich halte es für wünschenswert, daß die geistige, schöpferische Tätigkeit von jeglicher Bewertung auf dem wirtschaftlichen Markt befreit werden soll..." und Oscar Wilde hält in der Vorrede zu seinem Roman Das Bildnis des Dorian Gray den so umstrittenen Satz fest "... alle Kunst ist ganz und gar nutzlos". Solch Sätze aus der guten alten Zeit, mit einer anderen Idee von Ästhetik, lösen heute nur noch ein Schmunzeln aus - möglicherweise besonders bei Kulturpolitikern. Doch selbst schon die Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg haben von der Literatur die sogenannte gesellschaftliche Relevanz gefordert und dabei nicht bemerkt, daß sie damit den (auch ökonomischen?) Begriff des Nutzwertes für die Literatur fordern.
Vor rund 200 Jahren hat Hegel die Auffassung vertreten, daß Wissenschaft und Philosophie, nicht die Kunst und Religion, die tragenden Formen unseres Selbstbewußtseins in der Zukunft sein werden - ein Diktum mit großen Konsequenzen. Die Technisierung unserer Welt, unserer Psyche, der Sprache, in der Struktur unseres Denkens mittels Wissenschaft hat, sicher auch für Hegel, in einem unvorstellbaren Ausmaß stattgefunden. Die Freudsche Psychoanalyse ist ein Beispiel jenes gewaltigen Versuches, die menschliche Psyche wissenschaftlich beschreibbar, frei nach Galileio Galilei, naturwissenschaftlich meßbar zu machen. So schreibt in diesem Zusammenhang Wolfgang Müller-Funk in einem Essay Zehn Jahre lang kein neues Buch!: "Es waren nicht rein sachliche Differenzen, die Autoren wie Musil und Canetti zu Gegnern der Freudschen Psychoanalyse gemacht haben. Sie spürten instinktiv, daß die Psychoanalyse die Beschreibung des Menschen monopolisieren und einer unsystematischeren, beobachtenden literarischen Anthropologie den Garaus machen könnte. Was vielfach auch der Fall geworden ist: Nicht wenige vor allem westdeutsche Romane der Nach-68er-Ära leiden darunter, daß sie die Menschen mit einer simplifizierten psychoanalytischen Klapparatur beschreiben ... E. T. Hoffmann konnte noch nicht Freud gelesen haben, welch ein Glück! Wir wissen zuviel und scheinen zu altklug für die naive Raffinesse der Literatur, die selbst mehr und mehr wissenschaftlich-reflexiv oder die bloße Folie theoretischer Reflexion zu werden droht."
Zurück zur Ausgangsfrage "Wozu noch Literatur?". Schon in der Schule, wo die technokratische Sprache voll Eingang gefunden hat, ist der Ort für Literatur verloren gegangen, weil kaum ein Lehrer junge Menschen noch zu einem Interesse, ja zum Genuß von Literatur führen kann. Natürlich sind, dies sei nicht verschwiegen, bei der einst klassischen Literaturvermittlung viele Fehler gemacht worden. Doch heute ist der Lehrer täglich mit dem Phänomen der Flüchtigkeit der Zeit, der literaturfeindlichen Atemlosigkeit konfrontiert, die jungen Menschen sind dem Druck einer kommerziellen Unterhaltungs-, Event- und Zerstreuungskultur ausgesetzt. Für den Einzelnen dagegen anzukämpfen, ausgesetzt dem Gruppendruck, scheint schier unmöglich.
Es mag vielleicht ein wenig klarer geworden sein, in welchem Dilemma sich die heutige Literatur befindet. Selbst Autoren setzen sich dieser Atemlosigkeit eines kommerziellen Kulturberiebes aus, oft gezwungener Maßen, um im so literaturfeindlichen Klima überhaupt zu überleben. Zu diesem neuen Phänomen im Literaturbetrieb schreibt der Bestsellerautor Sten Nadolny: "Es wird dem Zuhörer, dem Leser, dem Zuschauer unentwegt erzählt, er wolle vor allem unterhalten und entspannt werden - und er glaubt es! Die Werbung und jener Teil der Kritik, der diesen Namen nicht verdient, haben ihm alle möglichen Seichtigkeiten so lange als köstlichen Lebensgenuß verkauft, daß er jetzt selbst glaubt, was ihm nicht auf der Zunge zergehe, sei schlecht und überflüssig." Die Folge davon ist, daß Autoren in einer neuen Art von Veranstaltungen auftreten, um dort einfach den Inhalt ihres neuen Buches zu erzählen, damit sich der Zuhörer, vielleicht ehemalige Leser, die Lektüre des Buches gleich erspart...
Wozu noch Literatur? Wozu noch eine Literaturzeitschrift? Eine Autorin dieser Nummer der LICHTUNGEN, Bettina Balàka, gibt dazu eine Antwort, fernab jeder Verwissenschaftlichung, sie spricht von der stillen, atemvollen Kraft der Literatur - es ist eine einfache, langsame Antwort: "Literatur aber, sofern sie den Namen verdient, dient nicht allein dem Autor, dient ihm nicht einmal primär, nützt ihm sozusagen gar nichts, sondern nützt uns, die wir sie lesen und rezipieren. Gehört doch gerade die Literatur zu den wenigen Dingen, die uns hinaustragen können aus den treppauf, treppab hundertfach beschrittenen Gebäuden" ...

Markus Jaroschka

INHALT 

LITERATUR  
 
Durs GRÜNBEIN Zeitgedicht: Gewohnheit
3
István EÖRSI Lamento
4
Bettina BALÀKA Als ich Mutter wurde (Erzählung)
7
Egyd GSTÄTTNER Gedichte
12
Károly MÉHES Offenlegungen des János (Romanauszug)
14
Helwig BRUNNER inzwischen behaupten wir nichts - grazer partituren
18
Sonja HARTER Himmelnaß
23
Lisa MAYER Gedichte
30
Hans BÄCK Gatti e gatte (Romanauszug)
35
     
NEU VORGESTELLT  
 
Ulrike KOTZINA Eve (Erzählung)
42
   
IM GEDENKEN AN EINEN STEIRISCHEN DICHTER
 
Alois HERGOUTH Kreuzfahrt (Gedicht)
45
(1925 - 2002)  
 
   
LITERATUR AUS BERLIN
 
17. Stadt im Literaturprojekt "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten"
 
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.
 
Zusammenstellung: Manfred MIXNER, Berlin
 
Manfred MIXNER Einleitung: "Der Stadt zugetan" - Berlingeschichten
47
Tom PEUCKERT Artaud erinnert sich an Hitler und das romanische Café (Theaterstück-Auszug)
48
Alfred BEHRENS Lunch Poem No. 1
52
Judith KUCKART Wer ist denn Ilse Lange
54
Aras ÖREN Es gibt kein Entkommen ... (Romanauszug)
56
Brigitte STRUZYK Gedichte
59
Tanja LANGER Ich habe schon immer gewußt ... (Romanauszug)
60
Alban Nikolai HERBST Berliner Passage (Prosaskizze)
62
Steffen KOPETZKY Warum meine Liebe zu Neapel in Berlin immer am größten ist (Romanauszug)
65
Jens SPARSCHUH Eins zwei drei Jahre als Jäger in den eigenen vier Wänden (Romanauszug)
67
Anja TUCKERMANN Am Innsbrucker Platz/Umzug ins Neubauviertel
69/70
Joy MARKERT Aus einem neuen Romanmanuskript o. T.
71
Ernest WICHNER Gedichte
74
Marcus BRAUN Kampf den Dativ (Erzählung)
76
Léda FORGÓ Großeltern
78
Durs GRÜNBEIN Drei Gedichte
81
   
LYRIKPREIS DER AKADEMIE GRAZ 2001 (3. Teil)
 
Arne RAUTENBERG Kreisgedichte (3. Preis)
84
     
KUNST  
 
Werner FENZ Zeitdaten im Landschaftsindex - Zur Domino-Malerei von Andrea Ressi
89
Andrea RESSI multiple landscape, 2002
89-104
   
DIE POETIK DER GRENZE ( 15. Teil)
 
Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
 
Marina PALEJ Aus: -gang, -weg (Essay)
105
     
ZEITKRITIK  
 
Jan SOKOL Sprachbarrieren in Europa - eine Hürde oder eine Chance?
115
Roger VORDEREGGER Entgrenzt - Über Ferne, Nähe und das Singen der Sirenen
118
     
ZU DEN AUTOREN  
123


17. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

17. STADT: LITERATUR AUS BERLIN

Zusammenstellung: Manfred MIXNER, Berlin
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.
Bisher erschienen:

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001
16. Stadt: LITERATUR AUS BORDEAUX, LICHTUNGEN 88/2001

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt
"GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und süd-osteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Manfred MIXNER
"DER STADT ZUGETAN" - Berlingeschichten

Eine Fülle von Beobachtungen und Beschreibungen der für Berlin typischen Phänomene und der Eigentümlichkeiten dieser Großstadt sind in den vergangenen Jahrzehnten in Feuilletons, Essays, in belletristischen Texten und soziologischen Studien zusammengetragen worden, manches davon ist längst zum Klischee verkommen, zum Werbemittel für den Stadttourismus. Dennoch sollte man diese Details, die die Faszination der Stadt ausmachen, im Auge haben, wenn man andeuten will, warum die Stadt heute mehr noch als in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine so große Attraktivität für Schriftsteller aus aller Welt hat.
Berlin war ein Brennpunkt der Nachkriegsgeschichte, die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs hatten die Stadt unter sich aufgeteilt. Als vor mehr als zwölf Jahren in einer kalten Novembernacht die Mauer fiel, die fast 30 Jahre lang Berlin in zwei einander feindlich gegenüberstehende Städte geteilt hat, war diese Nachkriegsgeschichte vorbei, die Besatzer verließen Berlin, die Stadt geriet wieder in Bewegung, wurde Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland. Mitten in die weitläufige, die flächengrößte Metropole Europas, wurde eine neue Stadt hineingebaut, für 250.000 Menschen entstand neuer Wohn-, Arbeits- und Lebensraum, die Infrastruktur des Ostteils, der ehemaligen Hauptstadt der DDR, musste von Grund auf saniert werden. Die zwei Lebensarten von West und Ost sind einander trotz aller Wiedervereinigungseuphorie fremder denn je, und in diese (mehr mentale denn soziale) Spannung mischt sich das Fremde, das Neue: tausende Beamte aus Westdeutschland ziehen nach Berlin um, mehr als 300.000 Ausländer leben in der Stadt, die meisten kommen aus den mediterranen Regionen, insgesamt sind Menschen aus über 120 Nationen immigriert. Das Nebeneinander der unterschiedlichsten Lebensformen, die Gleichzeitigkeit von Alt und Neu im Stadtbild, der ständige Wechsel von so und immer anders, die Fülle der sich ständig berührenden und aneinander reibenden Interessensgruppen und Zirkel, das Konkurrenzverhalten der Kulturbedürfnisse, die Reste des proletarischen Erbes der Stadt, die Aufgeregtheit im Bedürfnis, in dieser unüberschaubaren Vielfalt der Individualitäten aufzufallen, das je Eigene zur Schau zu stellen, die sprichwörtliche Toleranz im gesellschaftlichen Leben der Stadt (mit einem homosexuellen Bürgermeister, der öffentlich sagen kann: "Ich bin schwul, und das ist gut so!", und der trotzdem oder gerade deswegen gewählt wird), die Unfähigkeit, die bürokratische Verkrustung aufzubrechen, die Expansion der Angebote der Unterhaltungsindustrie und die gleichzeitig zunehmende Unfähigkeit zur Dienstleistung, die Selbstüberschätzung des politischen und kulturellen Klüngels, die Kleinlichkeit und die Provinzialität der dörflichen Strukturen in fast jedem Kiez, die zunehmende Wirtschaftskriminalität, die Husarenstreiche der Spekulanten, die die Stadt in den finanziellen Ruin getrieben haben, die Steigerung der Aggressionspotentiale und der asozialen Ausbrüche ... das produziert einen ungeheuren Wahrnehmungsüberschuss, eine Überreizung der Aufnahmefähigkeit des Stadtbewohners bis hin zu Wirklichkeitsirritationen. Die Fülle der Ereignisse (mehrere hundert Theater- und Opernaufführungen, Konzerte und Kulturveranstaltungen aller Art finden hier Abend für Abend statt) wirkt anregend auch durch die noch so dicken Wände eines Elfenbeinturms. Was Wunder, dass es Autoren aus allen Teilen des Landes und aus aller Welt in diese Stadt zieht, dass aus aller Herren Länder junge Leute kommen und hier studieren (vier große Universitäten und zahlreiche Fachhochschulen hat die Stadt) und hier leben wollen. Die Stadt ist offen, Berliner kann wie von alters her jeder werden, der sich an die Grundregeln des Lebens hier hält. Man muss nicht in der Stadt geboren sein, um hier "einheimisch" zu werden. Künstler aus aller Welt sind fasziniert vom offenen Bewegungs- und Handlungsspielraum in dieser Metropole.
Die folgende Auswahl literarischer Texte von fünfzehn Autoren, die in Berlin leben und schreiben, hat ebensoviel Zufälliges wie Kalkuliertes. Die Liste der "Berliner" Schriftsteller war lang, ich blätterte in den Katalogen, den Adressheften, Autoren(jahr)büchern, kramte in den eigenen Leseerinnerungen. Aus Ost und West sollten welche dabei sein, jüngere und ältere, geborene Berliner, und (nicht nur aus dem deutschen Sprachraum) zugereiste, Lyriker und Erzähler, bekannte und unbekannte. Nicht allen, die ich mir vorgenommen hatte, um Texte für die Berlin-LICHTUNGEN zu bitten, habe ich dann auch wirklich geschrieben. Die Auswahl will nicht repräsentativ sein, ich hatte eher das Bedürfnis, etwas vom Vielseitigen literarischer Ausdrucksformen erahnbar werden zu lassen, oder so etwas wie eine Phase in der Entwicklung der Literatur in Berlin zu dokumentieren, zumindest andeutungsweise.
Gebeten habe ich die Autoren um Beiträge, die etwas mit Berlin zu tun haben, mit ihrem Leben hier. So klein das Segment aus der Fülle der Berlin-Literatur auch sein mag, das die folgenden Gedichte, Szenen und Geschichten bieten, es ist ein weiterer Beleg dafür, dass Berlin mehr denn je "ein Ort zum Schreiben" ist. "Mitten drinnen lese ich: Stadtteilbeschreibungen. Ich gehe: durch Stadtteile, geschriebene Stadtteilchen. Ich sehe: Gehirne, Gehirnteilchen, die sich beschreiben." (Walter Höllerer)


"DIE POETIK DER GRENZE" (14. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Marina PALEJ
AUS: -GANG,-WEG

Was sich überhaupt sagen läßt,
läßt sich klar sagen; und wovon
man nicht reden kann, darüber
muß man schweigen...
                                   
Ludwig Wittgenstein

1. Der bekannte russisch-amerikanische Schriftsteller, der, nebenbei gesagt nicht als Tourist, ein stattliche Anzahl Grenzen überschritten hat, schrieb: der menschliche Schädel ist der kosmische Helm des Vagabunden. Unter dem kosmischen Helm verstand er die Vorrichtung, die den Verstand dieses Individuums von dem aller anderen sicher abgrenzt: die - auf jeden Fall irdische - Unvereinbarkeit von Individuen. In Anbetracht dieser Sachlage, die auch Nabokov selbst nicht sonderlich mit Melancholie ausschmückte, sollte man schon deshalb nicht in Verzweiflung verfallen, da mit der Unvereinbarkeit nur "die düstere Kühle der Einsamkeit" gemeint ist. Die Leidenschaft der Schaffenskraft, das genau ist es, was der Materie von ihren physischen Grenzen verliehen wird - in der Tat, diese Grenzen werden gewährleistet durch das Vorhandensein einer Struktur, die sich ständig von selbst aus dem Chaos herausschält und ihm zugleich entgegenwirkt. In diesem Sinn ist es vor allem die Unvereinbarkeit des einen "kosmischen Helms" mit dem anderen, die den jeweiligen Besitzer befähigt, das ihm und nur ihm allein auferlegte Programm mit einer höchst möglichen Effizienz zu erfüllen. Jeder Körper hat seine Tiefe. Unterdessen muß jede Tiefe auch begrenzt sein (Plato, kursiv von mir).
Wir sind Dateien, das ist doch klar. Ich will dich aber grenzenlos lieben - so, als sei meine Geduld grenzenlos. Ja, wenigstens will ich, daß es so sei - daß du nie eine Grenze, so wahr mir Gott helfe, zu überschreiten hast.
2. Der Wunsch, aus dem Rahmen des Programmes auszubrechen, liegt im Programm selbst verankert, was bereits Ödipus, um den Preis von Schuld und Sühne, einsehen mußte. Und trotz dieser hundertprozentigen Gegebenheit, die ehrlicherweise als Variantenlosigkeit der Lage zu bezeichnen wäre, geht es nur darum, im Kampf die Grenzen zu überwinden, nur darum, in einer unablässigen Schlacht - die überwiegend zum Scheitern verurteilt ist -, immer wieder die eigenen Grenzen festzusetzen: nur das macht eine Persönlichkeit aus.
Es ist klar: das Thema Grenzen ist grenzenlos. Einem ersten unbewußten Impuls folgend sieht man sich dazu veranlaßt, sich vor allem auf die unmerklichen, das heißt auf die wesentlichsten Grenzen zu konzentrieren: zwischen Liebe und Haß (nur ein kleiner Schritt soll es da, auf neutralem Gebiet, sein?), zwischen den zahllosen "Ich" in der persönlichen Vielfalt des Künstlers, zwischen dem Traum und der sogenannten Wirklichkeit, und zwischen den Zeitabschnitten: "der unumkehrbaren und zugleich umkehrbaren Zeit, womit sich vor allem diejenigen gedanklich so schwer abfinden können, die von Geburt an dazu neigen, die Grenzen an beiden Seiten niederzureißen".
Ja, in erster Linie die unsichtbaren Grenzen. Und dennoch, dennoch...
3. Es ist sonderbar, daß ich mich jetzt an einem Punkt befinde, der ganz in der Nähe des Anfangs liegt. Er ist in geografischer Hinsicht ganz konkret. Und er steht im Einklang mit meinem Leben. Die Tatsache an sich, daß ich diesen Punkt getroffen habe (mit der zauberhaften Aufgabe, über Grenzen zu schreiben), vermag ich selbstverständlich nicht als reinen Zufall oder gar als zufälliges Zusammentreffen zu bewerten. An ihm, an diesem Punkt, erkenne ich ganz deutlich eine gesetzmäßige Überschneidung von Linien, eine verworrene und zweifellos zugleich harmonische Zeichnung, - ein Zeichen -, daß die Zeit gekommen sei, auch die Unterschriften der auseinandergerissenen Teile dieser Zeichnung zu lesen.
Besonders im Hinblick auf die geografischen Grenzen.
Ich habe wahnsinniges Glück gehabt. Der zeitliche, überdies auch räumlich nicht unerhebliche Abstand steigert meine Optik um ein Vielfaches. Damit komme ich an den konkreten, die metaphysischen Horizonte einschränkenden Dingen nicht mehr vorbei, was die Aufgabe nur erleichtert.
4. Bei Borges gibt es eine Erzählung: ein Mensch begeht einen unvorsätzlichen Mord. Borges zieht daraus den Schluß: daß der Mord verübt wurde, weil ein Messer vorhanden war. Dieser Schluß zählt nicht zur strafrechtlichen Kategorie. Er ist existentiell. Wie konnte es möglich sein, die verbotene Grenze zu durchbrechen? Ein Gegenstand, der bis dahin sein stummes, bewegungsloses, versteckt-raubtierhaftes Leben fristete, hat sich als Auslöser des Ereignisses erwiesen.
Mein Großvater väterlicherseits war Schneider. Im Sommer fünfundvierzig brachte er aus dem Krieg eine Schere mit. Eine ausgezeichnete Stahlschere der deutschen Firma Solingen. Er brachte sie mit nach Czernowitz (ehemals k. u. k. Österreich-Ungarn), wo seine Familie damals wohnte. Nach seinem Tod hat mein Vater dessen Schere und einige andere seiner handwerklichen Gerätschaften (zwei schwere Zweiliterbüchsen, die dementsprechend bis an den Rand mit Haken und Ösen gefüllt waren) zur Erinnerung an sich genommen - Vater hat es mitgenommen, bereits nach Leningrad, wo er alles in allem, von den Studentenjahren an, fünfundvierzig Jahre lebte. Der geografische Weg meines Vaters ist keineswegs einfach, möglicherweise kann ich ihn etwas später aufs Neue erschaffen. Hier haben wir den jüngsten Abschnitt: vor vier Jahren, nachdem er Petersburg verlassen und kurze Zeit in Sachsen gelebt hatte, ist er nach Bonn gezogen. Seine Rente in Petersburg reichte nicht mehr aus für die Bezahlung der monatlichen Fixkosten; seine Krankheit, für deren Behandlung er ohnehin kein Geld hatte, hätte ihn dort mit ziemlicher Sicherheit ins Grab gebracht. Er zog Nutzen aus dem von Deutschland erstellten jüdischen Auswanderungsprogramm, das sich jetzt, man möge mir mein Political-Incorrectness-Gedächtnis verzeihen, wesentlich von jenem Programm unterschied, das vor kaum mehr als einem halben Jahrhundert existierte. Dieser Umstand schiene als Erklärung dafür herhalten zu können, daß mein Vater wegging: in ost-westliche Richtung, fast bis an die niederländische Grenze. Vor kurzem, als ich ihn in Bonn besuchte, habe ich zum ersten Mal die Solinger Schere gesehen und ihre Geschichte erfahren. Vater schloß sie damit, daß die berühmten Solingen-Werke sich gerade im Bundesland Nordrhein-Westfalen, irgendwo in der Nähe von Bonn, befänden.
Diese Geschichte bliebe ohne meinen Schluß unvollständig. (Meiner Ansicht nach ist dieser Schluß nicht überraschend. Wir sind in die für den Menschen vorfinale Epoche getreten, in der sich in statistischer Hinsicht durchschnittliche Individuen durch ihre kurzsichtige - für den Menschen typische - Feigheit endgültig in Diener der Gegenstände, in bedienende Anhängsel anderen Kategorien zugehöriger Objekte verwandelt haben. Gegebene apokalytische Hörigkeit tritt besonders deutlich in den Fällen zutage, in denen der Homo Nonsapiens sein lausiges Dasein hingibt, um launischen, verräterischen wie Ränke schmiedende Hofdamen, elektronischen Systemen Leben einzuflößen, obwohl diese fast selbsttätig bis hin zur Selbstreproduktion funktionieren...)
Aber nun zum Schluß. Die Schere ist also in ihre Heimat zurückgekehrt. Und in der menschlichen Biografie, d.h. in der Biografie meines Vaters, in der die "sozial-wirtschaftlichen" Beweggründe so gewöhnlich und unbestreitbar erscheinen, ist es gerade die Schere, die zum auslösenden Gegenstand wurde: ihr fiel die Rolle zu, die Ereignisse in Gang zu bringen. Die Schere mußte zwangsläufig an ihren Ausgangspunkt zurückkehren, und hat das mit Hilfe zweckdienlicher Benutzung von Menschen, Provokation von Situationen und Einleitung "historische Vorgänge" letztendlich auch getan.
Welch Magnet hat mich hierher, nach Graz, gezogen?
5. Meine Großmutter väterlicherseits ist in der Ukraine geboren. 1918 hat sie im Alter von siebzehn, auf der Flucht vor den Petlura-Pogromen, den zugefrorenen Dnjestr überquert.
Genauer gesagt: hat sie die Grenze in west-östliche Richtung überschritten. Und befand sich plötzlich auf rumänischem Gebiet.
Ohne Geld, ohne Verwandte, ohne Sprache. Es ist unklar, warum meine Großmutter allein geflohen, das heißt, warum der Rest der Familie nicht mit ihr geflüchtet war. Möglicherweise war sie durch ihre Jugend und obendrein durch ihre Schönheit (die ich zu meinem Glück auch noch nach fünfzig Jahren bewundern konnte) einer größeren Gefahr ausgesetzt. Die Familienüberlieferung besagt nur, daß sie, als sie über die Grenze ging, ausrutschte, hinfiel und sich dabei an ihrem Knie verletzte... Der rumänische Grenzer, der ihr das blutende Knie mit seinem schneeweißen Seidentaschentuch verband, salutierte lachend. Biblische Zeiten!... Heben wir hier jedoch die Schlüsselworte hervor: "auf der Flucht", "fliehen", "die Grenze überschreiten", "ohne Geld", "ohne Verwandte", "ohne Sprache".
6. Neben Borges muß noch Cortazar erwähnt werden. Der berühmte lateinamerikanische Dreier Marquez-Borges-Cortazar war in den Jahren des Stillstandes 1 bei der sowjetischen Intelligenz hoch angeschrieben. (Mit Rücksichtnahme auf den österreichischen Leser gebe ich an dieser Stelle und im weiterem Erläuterungen, die sich für den russischen Leser erübrigen würden).
Der Dreier war also nicht nur geachtet und geliebt, sondern behauptete sich auch in metaphysischer Hinsicht gegen die viel weniger anziehende Dreierbande Marx-Engels-Lenin. Daß die offiziellen und übrigens auch in hohen Auflagen erscheinenden Ausgaben dieser Kolosse der Weltliteratur überhaupt möglich waren, grenzte fast an ein Wunder. Es kann sein, daß da, außer einem ideologischen Schnitzer, nicht nur irgendein ungereimter Glücksfall ganz persönlicher und deshalb umso phantastischerer Art (die im Nachhinein Folgen für das ganze Imperium hatten) unterlaufen war, sondern daß dabei auch die doppelte Entfernung vom sowjetischen Areal eine Rolle gespielt hatte. Die Entfremdung zum Quadrat (und deshalb "Harmlosigkeit") dieser Plejade: das westliche Halbrund "multipliziert" mit dem südlichen. Grenzen, Grenzen...
Es war im Dezember 1978, als ich stocksteif vor Kälte in einem Vorortezug saß, in einem Wagen, der eher als Kühltruhe zu bezeichnen wäre, und Cortazars Roman "Der Gewinner" (dichter Dampf aus meinem Mund hüllte dabei rhythmisch die Buchstaben ein) zu lesen versuchte. Der Zug fuhr durch das ehemalige Ingermanland, danach durch das ehemalige Finnland...Diese traurige, auf ewig beweinte, den Finnen abgerungene Landschaft liebe ich auf dieser Welt, von deren vielfältigen Zaubern ich sehr viele gesehen habe, nach wie vor am innigsten, nein, es ist vielmehr der einzige Flecken, den ich liebe. "Und dann, in Finnland, das sich in ihrer Seele eingeprägt hatte als etwas, was russischer war als Rußland selbst, wahrscheinlich weil das Sommerhaus aus Holz, und die Tannen, und das weiße Boot auf dem See, der durch die Spiegelung der Tannen schwarz glänzte, sich ganz stark hervorhoben, besonders beliebt waren als etwas Russisches, als etwas Verbotenes auf jener Seite des Beloostrov, der Weißinsel, - schrieb Nabokov in Deutschland. "Eine kleine Anomalie: ich habe kein Heimweh nach Rußland, sondern nach Finnland", - schrieb Mandelstam aus Frankreich. Eine Kriegsstrategie wird manchmal gerechtfertigt, wenn sie enorme lyrische Folgen nach sich zieht...Terioki (Selenogorsk), Raivola (Rotschino), Kuokkala (Repino).2 1939, am Vorabend des Krieges mit Deutschland (der nicht für alle so unerwartet hereinbrach), mußte man alles in allem nur die Grenze etwas weiter verschieben von Leningrad, das damals ein gigantisches militärisches, industrielles und kulturelles Zentrum mit mehr als drei Millionen Einwohnern war. Eine Stadt derartigen Ausmaßes konnte nicht direkt an der Grenze liegen. Die Folgen? Eine kulturelle Explosion von der Stärke einer Kernspaltung. Und die Ansichten der Vororte? "Auf diese Weise haben die karelischen Landschaften das Erscheinungsbild Peterburgs vervollständigt und sich ebenso in seine Welt eingereiht wie die nahegelegenen Wüsten in die Vorstellungen vom antiken Alexandria oder die benachbarten Berge in das Leben im mittelalterlichen Florenz", - schreibt mein Namensvetter (gemeint waren meine persönlichen Angaben bis zur Heirat) Dmitrij Spiwak.3 Und nach dem "erfolgreichen Krieg mit den Weißfinnen" (die nach altem Brauch mit russischen Leichen zugeschüttet wurden) wird das Gebiet in nord-westlicher Richtung erweitert, eine neue Grenze entsteht - und eine neue kulturelle Blütezeit.
Warum hätte die Kultur auch nicht zur Blüte kommen sollen, an einem Ort, wo die Landschaft eiszeitliche Findlinge - Altarsteine der finnischen Schwarzgötter - bezwungen hatte, - unter jenen Fichten und Kiefern, Tannenzapfen, Eichhörnchen, - inmitten jener traurigen, in Kindheitsträumen wiederkehrenden, Gemütlichkeit...Viele Male haben mich die schwindelerregenden Landschaften getroffen - und ich war begeistert, stolz, ja ich triumphierte - vor allem durch diese von jeher unerreichbare Ferne jener Landschaften. Sogar V.N., für den der Begriff "physische Unerreichbarkeit" in der Kindheit im Zusammenhang mit dem Zeitfaktor stand, schrieb später, als er sich bereits auf dem Kontinent von Mayne Read befand: "Meine damalige (wahrscheinlich Londoner) Ausgabe steht als molliges, in rötlichbraunes Leder eingebundenes Buch immer noch im Regal meines Gedächtnisses ... und anstelle jenes Bildes schaue ich durch die Fenster des Rancho auf eine echte süd-westliche Wüste aus Kaktus und Yucca, aus der an jenem Morgen der wehmütige Ruf einer Wachtel, einer Gambel-Wachtel, herüberdrang und mich mit einem Gefühl unverdienter Erfüllungen und Belohnungen überwältigte..."4 Ja, genau so, all das gab mir ein Gefühl von "Erfüllungen und Belohnungen": die bunten, sanft-scheckigen ("Pointillisten") Hügel von Vermont; die himmlische und planetarische Breite - an der Grenze zu Canada; die strahlend leuchtenden Bergrücken der Alpen (zwischen Italien und der Schweiz), die die Nachtgeister und die Geister der Bergluft zu hypnotisieren vermögen; die Küste Floridas bei Morgendämmerung: eine gerade und scharfgeschnittene - dem ersten Strich im Plan des Schöpfers gleiche -, in ihrer Einsamkeit grausame Küstenlinie, im Nichts verschwindend; die bei Sonnenaufgang schiefer-gräulich-schwarzen und bei Sonnenuntergang backstein-karminroten Berge von Arabien; Schottlands lila-schokoladenfarbige, gemütlich durchgesessene Efeuhügel - die geerbten Kanapees heidnischer Kolosse; Wut und Verzückung unermüdlicher Liebesopfer: die Meereswogen am Ufer von Genua; die leuchtende, dem Saft tropischer Früchte gleichende Unterwasserwelt des Roten Meeres an der Grenze zwischen Israel und Ägypten: Phantasien, die psychedelische Erfahrungen weit übertreffen; der See Genezaret, ganz umgeben vom blauen Fließen des biblischen Hügellandes; die gigantischen, als wilde Barren gestapelten, goldenen Prärien Iowas, die von der Sonne in unbarmherziger Umarmung in Schichten zerlegt werden; die Kirschgärten (mit Kirschen so groß wie Ostereier) im nachdenklichen Paradies von Baden-Württemberg; verregnete, mit dem Geruch von frischen Fisch vermischte Schleier des Stillen Ozeans in Seattle; die Finsternis des Schwarzwälder Dickichts: Heimat der Dichter und Gnome; die luftig leichten Inseln der blauäugigen Wikinger im strömenden Bernsteinlicht; der doppelte Regenbogen von der Breite eines Tuschkastens im Langenbroich des Heinrich Böll; das nächtliche Sternenglitzern über Bayern, das die Attraktivität der Schaufenster seiner Juweliergeschäfte in den Schatten stellt...Ein Fan, dem die Zuneigung eines eher schimärischen Filmstars zu Teil wurde, muß Ähnliches fühlen...
Dennoch - es läßt sich leicht nachvollziehen - vermochte es von jeher nur die Landschaft meiner Kindheit - die finnische Landschaft in der Umgebung von Petersburg -, mir einen unvergleichlichen Trost zu spenden. In meinem Wortschatz ist das inzwischen eines der bedeutsamsten Begriffe.
Und was soll das weiter...
"Schlaf! In der russischen Geschichte reicht immer eine Seite aus für diejenigen, die in Marschordnung waghalsig in fremde Hauptstädte einzogen, aber nur ängstlich in ihre eigene zurückkehrten..."5
Was noch mehr?
"Was solls! für alles gibt es ein Gesetz: ich habe die Raffgier nie geliebt, nie Ikonen geküßt, und das gußeiserne Antlitz der Gorgo auf der einen Brücke schien mir, in jener Gegend das ehrlichste Antlitz zu sein..."6
Und noch mehr.
"Also, es wärmt ein bißchen. Im Gedächtnis, wie am Rain, beginnt der gemeine Lolch noch vor den Getreidegräsern zu schimmern. Man könnte sagen, im Süden wird die Hirse bereits ausgesät, wenn man wüßte, wo Norden ist. Die Erde unter der Kralle der Krähe ist wirklich heiß; es riecht nach dünnen Holzbrettern, frischem Teer. Und plötzlich, blinzelnd vor verblindendem Sonnenlicht siehst du: die mehlige Wange eines Clerks, Gerenne im Korridor, eine emaillierte Schüssel, einen Mann mit einem zerdrückten Hut, der die Brauen grimmig verzieht, und einen anderen mit Blitzlicht, um nicht uns zu erleuchten, sondern den schlaffen Körper und eine Lache Blut".7
7. ...Wenn die Festung Nienschanz 8 , unter welchem Namen auch immer, gemeinsam mit den umliegenden Wäldern, ein unabhängiger Staat werden könnte... Wenn doch Lappland, mit seinen langen Fichtenlappen, die verlorene Stadt in seinen Nadelbaumschoß zurücknehmen würde ...Was wäre, wenn... Wenn der Gründer der Stadt seinerzeit die märchenhafte Mühle Sampo 9 gefunden hätte...
Es gibt keinen größeren Fluch als eine schlechte Verwandtschaft. Das Imperium setzte sich verzweifelt zur Wehr, um den Fremdkörper aus dem Immunsystem zu stoßen. Wäre doch Petersburg fähig, eine derartige Standfestigkeit zu entwickeln!
8. Aber damals, im eisigen Vorortezug von 1978, dessen Holzbänke sich anfühlten wie Metall, kamen mir derartige Gedanken nicht in den Sinn. Das Lesen ging nicht, ich dachte an etwas anderes. Aus der medizinischen Hochschule, die ich kurz davor abgeschlossen hatte, waren Gerüchte durchgesickert, daß ein gewisses Ehepaar, das zur gleichen Zeit wie ich mit dem Studium fertig geworden war, nach Israel "abhauen" wollte.
Zu jener Zeit war das noch ein erschütterendes Ereignis. Daß es so viel Aufsehen erregte, lag vor allem daran, daß es sich bei diesem jungen Ehepaar nicht um im Dreck der proletarischen Kommunalka heruntergekommene, abgearbeitete Ärzte-Habenichtse handelte, sondern um frischgebackene Absolventen - was dann in der groben Umgangssprache unzähliger Muttersprachler soviel heißt wie: jener Abschaum, der "sich als jemand Besseres vorkommt, ohne die ganze Scheiße mitgemacht zu haben". Ich hegte den Verdacht, der "straffe Zeigefinger"10 wiese auf meine Freundin und ihren Mann: unsere Bekanntschaft war kurz davor plötzlich abgebrochen; beide waren wie vom Erdboden verschluckt.
...Eine Woche nach dieser gemeinsamen Reise mit Cortazar in dem gefriertruhenähnlichen Vorortezug (die wir beide überlebt haben) rief ich den Schwiegervater meiner Freundin aus einer Telefonzelle an, die in traditioneller Freizügigkeit mit Rotz und Spucke beschmiert war (was bei Temperaturen von Minus Dreißig Grad Celsius schöne Eisblumenmuster im Stil russischer Holzschnitte ergab). Dieses für tot befundene, öffentliche Telefon funktionierte sonderbarerweise, was an sich schon an ein Wunder grenzte (etwa vergleichbar mit der bekannten Episode in "Stalker"). ...Als die alte "intelligente" Stimme mit übertriebener Klebrigkeit aussprach: "die Kinder sind im Sommerhaus", hatte ich es augenblicklich begriffen: sie sind ausgereist. Ausgerechnet sie sind ausgereist! In Wirklichkeit war es zwar etwas weiter als der Leningrader Vorort und auch in eine etwas andere Richtung... Ins Jenseits natürlich, -also völlig gemäß der Mythologie dieses mir durch Ort und Zeit auferlegten Sklavendaseins.
9. "...Er kaufte Fahrkarten zum Razliv 11 und landete in Tel Aviv: so zerstreut ist der Sohn von Rahel Moiseewna!.." Um mich hinters Licht zu führen, hätte die Telefonstimme sich keine größere Ungereimtheit ausdenken können. Ich erinnere mich an den damaligen Wetterbericht: "Es ward jener Winter, grausamer als all die anderen. Grimmiger Frost ward da und eisiger Wind, und auf die Erde fiel reichlich Schnee. Und die Behausungen wurden zugeschüttet, und auf den Wegen, ja auch in der Stadt erfroren Tiere und Menschen ohne Zahl. Und die Vögel fielen tot von den Dächern..."12
Ich hatte mich nicht getäuscht: sie sind wirklich ausgereist.
Nur ein halbes Jahr später. Zum Zeitpunkt meines Anrufes war meine Freundin bereits "untergetaucht" - nicht in den Schutz breit-rauschender Eichenwälder, sondern innerhalb der Stadtgrenzen... Während sie sich die wahnwitzigen - alle Brücken abbrechenden - Bescheinigungen zu beschaffen hatte, bemühte sie sich, ihren Bekannten alle möglichen Unannehmlichkeiten zu ersparen... Aber die Hauptsache, warum sie unauffällig bleiben wollten, war, daß die Flüchtlinge, die armen Repatrianten, natürlich bis zuletzt nicht an einen glücklichen Ausgang glaubten: solange bis das Flugzeug nicht in Tel Aviv gelandet war (während des Fluges wurde man galant begleitet von zwei eineiigen Tonton-Macoute 13 , schweigenden Draufgängern, die den starken Eindruck erweckten, daß sie, käme es ihnen in den Sinn, das Flugzeug jederzeit in den Kellern der Lubjanka landen lassen könnten) - , also bis zur Landung in Tel Aviv-Lod (frühere Bezeichnung des Flughafens Ben-Gurion), genauer gesagt, bis zur vollzogenen (kein Wort vermag das wirklich auszudrücken) Grenzüberschreitung. Also auch deshalb, das heißt in Anbetracht einer möglichen Zwangsrückkehr, hat sich das Paar, das ich sehr mochte, von niemanden verabschiedet.
10. "In den Eingeweiden die Kälte der bösen Streitäxte fühlen..."14 Die weitverbreitete Methode, mit der diese Streitäxte eingesetzt wurden, war folgende. An der Paß- oder Zollkontrolle der Heimat wurde man in Kenntnis gesetzt, daß man laut "sich bestätigten Angaben" einem gewissen Genossen die von ihm geborgte Summe schuldig geblieben sei. Danach wurde (Judäer! so eure Qualen seit dem ägyptischen Pharao!) eine willkürliche Ziffer genannt. Das war es also, wovor sich meine Freunde, die sich durch eine Kette aller vorhergehenden, übermäßigen Abgaben bereits genug Schulden an den Hals geholt hatten, am meisten fürchteten...
Andererseits: ist es denn nicht gerecht? Ich meine: als Entgelt für das Überschreiten? Alles Leben bezahlt für das Leben und den Tod, du kannst es drehen und wenden wie du willst, mit Schrecken und Schmerz, mit vollwertigem Schrecken: einer Valuta, der nimmer eine Inflation droht, da sie aus den unerschöpflichen Goldvorräten des Schöpfers kommt. Und im Vergleich damit sind die unbeständigen mongolischen Tugrike fast nichts wert! Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch Charon seine Stellung mißbrauchte und weiterhin mißbrauchen wird - was willst du auch von nichtigen bestechlichen Skythen erwarten.
Im Roman "Chor" habe ich eine gewisse Grenzüberschreitung ausführlich beschrieben. Es handelt sich um eine angenommene Grenze zwischen der sowjetischen und amerikanischen Besatzungszone, und ein Niederländer, ein gewisser Paul Egberts, fällt gleich nach Ablauf des Krieges, als er über die Grenze geht, einer Militärstreife in die Hände. Der gewaltsam nach Deutschland vertriebene Zwangsarbeiter versuchte mit seiner russischen Braut und gefälschten Pässen, sich langsam nach Westen vorwärtsbewegend, heimzukehren. Halbtot vor Schrecken (gerade während der Kontrolle der Dokumente) fällt dieser Mensch in einen an eine Ohnmacht grenzenden Zustand. In angegebenem Zustand vollzieht er auch einen Übergang in der Senkrechten. Ich erlaube mir ein Zitat: "Paul sah das Meer. Es war nicht wie das Meer in seinem Land, wo man, um zu ihm zu gelangen, manchmal eine Treppe besteigen mußte, und auf das man von den Bergen nicht herabblicken konnte, da es in seinem Land keine Berge gab. Nein, es war ein aus der Vogelperspektive, aus großer Höhe erblicktes Meer. Sein Wasser waren nicht die Gewässer eines Staates: es war das Meer der Erde. Wie der Himmel über ihm war auch dieses planetarische Meer von einem glatten, gleichmäßigen Blau, und dem Menschen gegenüber war es völlig gleichgültig und deshalb schrecklich". Kurze Zeit kommt Paul wieder zu sich... Aber die Dokumente werden noch immer kontrolliert... Erneut ein tierischer Schrecken und erneut, wie ein sich selbstauslösender Abgang, der Einsturz: "...Als strammstehender, senkrechter Soldat, mit ausgestreckten Armen an der Hosennaht, verschwindet er in der Höhe, etwa wie die Schwimmer nach dem Startsprung in der Tiefe ver-schwinden. ...Das Meer zieht sich immer weiter zurück, schließlich hat es den unnötigen Kontakt mit dem Menschen völlig verloren und plötzlich, inmitten der ursprünglichen Wildheit des Wassers, wurde das Festland, zu seinem Schrecken, völlig überschaubar. Das ist eine Insel. Sie ist dem Himmel und dem Auge ganz ausgesetzt, sie ist so schutzlos und zugleich einzig..." Ein Übergang wie das Überwinden irdischer horizontaler Grenzen, ja selbst jener - in rein praktischer Hinsicht (in Anbetracht des verheerenden Nachkriegschaos) - angenommenen Grenzen der Besatzungszonen, ist keine örtliche, bürokratisch-administrative Handlung. Er darf keineswegs dem Arsenal der alltäglich-physischen Handlungen zugerechnet werden. (Die Grenzen in Europa sind ja heutzutage, als wäre es selbstverständlich, spurlos verschwunden. Wenn ich des Öfteren mit dem Zug die Grenze Venlo-Kaldenkirchen passiere, versuche ich, im Unterschied zu früher die Grenze gar nicht mehr mit dem Blick - aus dem fliegenden Landstreifen - einzufangen...)
Das Überschreiten einer horizontalen Grenze ist kein "Wendepunkt des Schicksals". Die in der Traumatologie strikt verwendete medizinische Terminologie (wie "Beinbruch": verlor das Bewußtsein, wachte auf - Gips) kommt mir völlig ungereimt vor, da sie den Sinn der Worte allzu offensichtlich gänzlich einschränkt und im Grunde das Überschreiten auf einen Schock durch starke Schmerzen zurückführt. Das Herumreißen einer verknöcherten Karre, ein Feld wilden Windes, die Umgestaltung der Welt und - die allerwichtigste Gabe Gottes - die Erneuerung aller Gefühle: das genau heißt "Grenzüberschreitung". Deshalb paßt diese Handlung gesetzmäßig zum unsichtbaren (im Roman eben sichtbaren) Übergang in der Senkrechten. Im Großen und Ganzen kann man die Grenzüberschreitung, wenn es sich dabei nicht um eine touristische handelt (obwohl, manchmal auch bei touristischen Grenzen!), am treffendsten mit dem Einweihungsritual vergleichen...
Das ist schön gesagt! Und was ist mit den achtundfünfzig Chinesen, die im luftarmen Dunkel des für ewig dichtgeschraubten Lastwagens Märtyrerqualen auf sich genommen haben? In jenem metallischen, glühenden Grab, wo - eine wahre Teufelei - sich zermatschte (ökologische reine) Tomaten mit den Todesangstausscheidungen zuckender menschlicher Körper verschmolzen und wo das Ganze mit dem Schleim zerquetschter Hühnereier gekittet wurde...
Die Clownade ist wirklich gelungen, da die Opfer mit aller Kraft (wobei die Kräfte wie das Blut dahinschwanden) gegen die Mauern der Todesfalle, einer Art von Federkasten, hämmerten, die eine solch dicke Verkleidung hatten, daß nicht einmal Gott es hören konnte, - röchelnd flehten die Menschen Gott an, er solle dem Ganzen so schnell wie möglich ein Ende setzen, aber Er hörte sie nicht und ließ es nicht aufhören. Dort, im Hafen von Dover, an der großen Grenze Großbritanniens. "Ihre königliche Hoheit Großbritanniens wünscht sie nicht zu empfangen". Schwarze Finsternis, die gelben Gesichter der Leichen, die noch gelber als zu Lebzeiten waren, die in dieser totalen Finsternis wohl nur dem glücklichen Auge des Teufels sichtbar waren. Die durch die Todeskrämpfe entstellten, nach Pisse und Kot stinkenden Körper fielen den Grenzbeamten vor die Füße...Ja, sie fielen heraus, jeder auf gut Glück, mit ausgestreckten Armen, jedoch kein einziger konnte das sagen, was seinerzeit der mächtige römische Feldherr, Silbe für Silbe betonend, aussprach: so umarme ich meine neue Heimat! Zwei sollen es übrigens überlebt haben.
Ist nach dieser, es verschlägt einem die Sprache, Erfahrung ein Leben überhaupt noch denkbar? Nach diesem Übergang? Das zerfetzte, von Schrecken durchsetzte Gedächtnis - niemand weiß, mit welchen unvermuteten Grausamkeiten es seine unglücklichen Besitzer beschenken wird? So daß diese Lebenden, was nicht ausgeschlossen ist, die Toten noch irgendwann beneiden werden. Ein Fall, der sozusagen statistisch gesehen immer häufiger vorkommt... übrigens, niemand kann etwas mit Sicherheit sagen. Auch nicht über das Schicksal der Sechsundfünfzig. Sie haben Ihre Grenzüberschreitung vollzogen, die sich von der jener unterscheidet, die unter die Reanimationsschläuche gekommen sind. Es ist möglich, daß die Grenzen, hinter die jene Sechsundfünfzig gelangt sind, ungleich besser sind als alles Heil Großbritanniens und seinesgleichen. Viele Male besser! Selbst wenn es ein absolutes Nichts wäre - und vor allem in diesem Fall. Wie dem auch sei, sie haben die Grenze überschritten, und der wahnsinnig hohe Preis dafür ... Für den wahnsinnig hohen Preis werden sie möglicherweise bei der Ankunft - laut hausgemachter diesseitiger Buchhaltung - mit einem für Erdenbewohner unerreichbaren (und erreichbaren) Heil belohnt. Selbst wenn es ein "Nichts" wäre. Und vor allem in diesem Fall. Eins ist deutlich: die Grenze wurde überschritten, und es ist gewiß kein eigenartiger Zufall, daß dies an einer horizontalen Grenze geschah, ausgerechnet an jener irdischen Grenze, die dafür erfunden wurde, um die einen, die genug zu essen haben, vor den anderen, die nichts zu essen haben, zu beschützen. Das Bewußtwerden dieser tierischen Mechanismen jagt Menschen mit schwachen Nerven ins Grab...
Bei meinen Überlegungen zum Point of Destination, Bestimmungsort, kann der Eindruck entstehen, ich wäre mir über das Ziel nicht ganz sicher. Andererseits liegt auch keinerlei gegenteiliger Befund dazu vor. In Californien haben vor sechs Jahren die Mitglieder einer gewissen religiösen Sekte einen massenhaften Abgang in andere Grenzen vollzogen ... Sie waren allesamt, wie es sich gehört, gebildet, vermögend, äußerlich sehr erfolgreich... Sie behaupteten, Signale aus dem Kosmos empfangen zu haben von irgendwelchen außerirdischen, im Geist verwandten Brüdern, die sie aus der "in Sünde versunkenen Welt" mitnehmen würden. Fernsehnachrichten. Großaufnahme: Sportschuhe, Sportschuhe, Sportschuhe an den Füßen der Leichen, die ins Polizeiauto geschleppt werden... Ja, wie Hemingway sagte: sie sahen sehr tot aus. Ich kann mich erinnern, daß, als ich nach den bereits unbeweglich eingelagerten - da in dem Polizeiauto - wortlos schreienden Füßen schaute, ich mich unerwartet bei dem Gedanken ertappte: aber das ist doch überhaupt kein Beweis. Das heißt: die in den Nachrichten gezeigten Bilder widersprechen in keiner Weise der Tatsache, daß diese Menschen von außerirdischen Brüdern mitgenommen wurden.
... Übrigens, sie, meine Freundin und ihr Mann, hatten Glück: die Skythen haben sie einfach gehen gelassen, ohne die finalen Bestechungsgelder.
11. Du fährst im Vorortezug durch die Wälder der weißäugigen Tschuden und merkst es nicht einmal. Inzwischen geht im Zug auch eine Reise in der Zeit vor sich, wenn auch in eine nicht allzu ferne Zeit - in welches Jahr, wird später deutlich.
Lauthals kommen vier Kontrolleure herein (so wie ich sie von meinem Heute aus sehe): vier bullige Grobiane, die stark nach - allem Anschein nach nicht äußerlich benutztem - Kölnischwasser riechen; mit Händen so riesig wie der Rettich aus dem Märchenbuch; die Öffentlichkeit empfiehlt solchen Leuten meistens einen agrarischen Anwendungsbereich ("vor den Pflug müsste man die spannen"; nichtsdestoweniger haben diese Holzköpfe diesbezüglich ihre eigene Auffassung, und wer weiß, möglicherweise ist die Jagd auf "blinde Passagiere" für sie eine Herzensangelegenheit, eine Berufung, gar eine Art von Gelübde der Ritterlichkeit. Die roten Armbinden stehen in ihrer Dürftigkeit nicht hinter ihren Gewändern zurück...Also: verständnislos und grob aneckend, bewegen sie sich ruckartig im Gang zwischen den Sitzreihen vorwärts. Die dumme Gesetzestreue der Fahrgäste, die ihnen keinerlei Profit verspricht, bringt die Kontrolleure allmählich zur Weißglut. Und siehe da, bei einer älteren Frau im grauen Kopftuch und einer für jene Zeit typischen gestrickten Haube (mit bedeutend mehr Löchern als Mohär) klumpt sich plötzlich ein verhärteter Blutpfropfen zusammen. Die Frau hat keinen Fahrschein, anstelle dessen sitzt neben ihr ein Wesen, dessen Beine in weißen Filzsocken stecken, die wiederum in schwarze Gummistiefel eingebettet sind, und dessen Körper in drei wie Kohlblätter übereinander geschichteten Umschlagtüchern eingepackt ist: so zu sehen, das Enkelkind.
12. Von dem folgenden Erlebnis, das sich im Ausmaß disproportional zu den Ereignissen des beschriebenen Jahrhunderts verhält, gebe ich die Großaufnahme. Aber ich hebe es hervor, weil es mir bezeichnend erscheint...
Ich habe den entscheidenden Trumpf nicht in die Hand bekommen, in der Familie hauptstädtischer Dissidenten geboren zu sein. Deren Sprößlinge bekommen bereits mit den Milchzähnen eine billig erworbene, nicht selbst bezahlte Alleswisserei mit auf den Weg: eine clanartige Alleswisserei mit einem frühreifen Anflug von Widerwillen und müder Ironie. Meine Kindheit verlief unter der für eine durchschnittliche Familie durchschnittlichen These: "die Erwachsenen haben immer recht". Es war ein fataler (genetischer oder infektiöser) Sehfehler, der nicht nur die "arbeitende Intelligenz", sondern auch den tapferen Adel, mit der Zarenfamilie in der Avantgarde, ins gemeinsame Grab gebracht hat: die fehlerhafte Praxis, alle Menschen mit dem eigenen Maß zu messen (die nur dem Abschaum zum Zwecke der Selbsterhaltung von Nutzen ist, im typischen Mißtrauensblick zeigt sich bereits die allen Vertretern des Abschaums eigene Gemeinheit), - anders gesagt, um alles mögliche Gesindel vom Schlage der Führer, beliebiger Gauner, hoch hinauswollender Bonzen, beliebiger Emporkömmlinge im Allgemeinen unwillkürlich der eigenen Person gleichzusetzen -, um diesen Monstern widerspruchslos einen Geist, Edelmut und einen Ehrenkodex zuzuschreiben, - anders gesagt, um sie unbewußt zu vermenschlichen, ohne für möglich zu halten, daß diesen Monstern auch der geringste Ansatz eines Gewissens zu eigen ist. Dieser Fehler haftete auch an einem sehr typischen Vertreter dieser Intelligenz: meiner Mutter. Der Protest meines Vaters, der ja, da er seine Kindheit im "Bojaren-Rumänien" verbracht hatte, ein Außenstehender und gelinde gesagt nicht gerade ein Anhänger des Sowjetsystems (mit dem er wie zum Hohn am gleichen Tag geboren wurde) war, fand keinerlei Gehör - zumal nach der baldigen Scheidung.
Gerade beobachtet das Kind, das gemäß dem oben beschriebenen Muster erzogen wurde (und das schon damals ein eigenes Kind hatte, aber dadurch nicht wirklich klüger geworden war) unwillkürlich die Situation: Die alte Frau mit dem Enkelkind wird von den Kerlen aufgefordert, den Zug unverzüglich zu verlassen. Gleich an der nächsten Bahnstation! (Bemerkung für den österreichischen Leser: die Stationen der Vorortezüge muß man sich als nur von Gottes Himmel überdachten Bahnsteig und einen Fahrkartenschalter so groß wie eine Hundehütte vorstellen. Selbst wenn es sich in diesem Fall um einen Pavillon gehandelt hätte, empfiehlt es sich, den sogenannten "Rücklaufenden Reiseführer" (mein Patent) oder das "Verzeichnis der Abwesenheiten" zu befragen - hier ist er wieder, der Postmodernismus, der dich an Haus und Herd so natürlich wie Mist und so aufdringlich wie Kletten auf Schritt und Tritt verfolgt. Es empfiehlt sich also, erwähnte Informationsbroschüren zu befragen, die alle kennzeichnenden Merkmale menschlicher Zivilisation beschreiben, wie beispielsweise Heizung, WC, Wasserleitung, Kaffee, ein intaktes Telefon. Es müßte auch eingetragen werden, daß der nächste Zug, so der Zufall will, frühestens in einer Stunde geht, wenn überhaupt.)
Die alte Frau erklärt natürlich etwas, fleht, heult dann. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr, was genau ablief, aber irgendwann setzten sich die Ritter der Kontrolle, in Anbetracht der eingetretenen unvorhergesehenen Umstände, mit dem Lokführer persönlich in Verbindung (über Funk? oder ist jemand gar zu Fuß gegangen?). Die Situation begann spannend zu werden gleich der Verhaftung eines gefährlichen Staatsverbrechers (meine Hochachtung dem vaterländischen Film) ...Und da erteilt auch schon der Lokführer persönlich über eine interne Funkverbindung (adenoid, ein infizierter Gaumen, Bronchitis) der Schwarzfahrerin einen drohenden, donnernden Befehl. Ordnung ist Ordnung. Und mit einer solchen Anordnung von höherer Instanz (das Radio war über der Tür angebracht) kann man nichts anderes als... Ich sitze mit dem Buch. Die Erwachsenen erledigen ihre richtige, wenn auch unangenehme Sache (die alte Frau mit dem Kind hinausschmeißen). Scheinbar gibt es so ein Gesetz: "blinde Passagiere" sind herauszubefördern. Einfach herauszubefördern, man kann sie ja schließlich nicht herauswerfen! Vor meinen Augen wird die alte Frau, die sich auch den Anordnungen des Lokführers widersetzt, zu einer richtig gefährlichen Verbrecherin ...
13. Es ist jetzt sonderbar, sich an jene junge Frau mit dem Buch zu erinnern. Was haben wir gemein? Irgendwelche persönliche Daten im Ausweis...Nein, auch die sind sehr verschieden. Eine gemeinsame Vergangenheit? Auch die nicht: diese Frau hatte eine viel, eine viel kleinere "Vergangenheit". Vielleicht das Kind (als Überschneidungspunkt grundsätzlich verschiedener Eltern)? Nein, nein und nochmals nein. Diese Frau hatte ein richtiges Kind, einen unruhigen Säugling, während ich einen bereits fest auf beiden Füßen stehenden, einer fremden Staatsmacht angehörigen Bürger habe, der sich seiner Rechte und Pflichten sehr wohl bewußt und obendrein verheiratet ist, so daß ich auch noch eine Tochter habe.
Wo liegt dann die Grenze? Es ist möglich, daß sie als krumme Linie vor allem durch solche und ähnliche Episoden verläuft. An jener Seite der Grenze ist der Mensch geblieben, der ein kindlich-naives Vertrauen in die staatliche und auch persönliche Unmenschlichkeit hat, etwa wie jedes Individuum sich blindlings auf die ihm gegebene Anzahl Arme und Beine, zwei und zwei und nicht drei und fünf, verläßt. An dieser Seite der Grenze, wo ich diesen Text schreibe, tritt ein anderer Mensch zutage: er begreift genau, daß die Erwachsenen auf katastrophale Weise immer im Unrecht sind, er hat die raffinierten (europäischen) Formen des Neandertalismus, genauer gesagt seine sterilen Grausamkeiten vollkommen durchschaut: der europäische Mensch hat sie von Grund auf definiert und dementsprechend eine genaue Distanzierungsstrategie erarbeitet für den Fall, daß er einer Situation (und solche Situationen sind selbstverständlich in der Mehrheit) wehrlos ausgeliefert ist. Warum übrigens müssen jener Mensch und ich übrigens miteinander verglichen werden? Dieser Gedanke erinnert mich an Hitchcocks berühmten Film: verhaftet wird ein gewisser gefährlicher Doppelgänger, der, wie sich bei der Gegenüberstellung herausstellt, überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Original hat. Allgemeines Befremden.
14. Ein blauangelaufener Krüppel, ein schwarzer aufgerissener Mund. Die knochige Brust ist zerrissen. Die Brust? Nein, natürlich ist das Hemd zerrissen. Es ist immer noch nicht gut: wieso ein Hemd bei der Kälte! Also, der Invalide hat die Wattejacke aufgerissen, und, was hat er drunter an, na also, ein Hemd. IHR HUNDESÖHNE IST DAS ETWA DAS JAHR SIEBENUNDDREISSIG IST DAS ETWA WIEDER SIEBENUNDDREISSIG IHR
HUNDESÖHNE 15
Eine Krücke. Ein Fletschen. Ja, genaus das: Krücke, Knochen, Fletschen. Ein aufgerissener Gaumen.
Mit Unterbrechungen lese ich Cortazar. Am Rand meines Bewußtseins: was hat hier das Jahr Siebenunddreißig zu suchen? Wieder ein Besoffener. Siebenunddreißig, der sollte sich schämen. Das kann man doch nicht vergleichen. Die Frau hat gegen das Gesetz verstoßen, indem sie nicht im Besitz eines gültigen Fahrscheins war... sie soll sich halten an...usw.
...Aber die alte Frau wurde damals in Ruhe gelassen. Und das im Kampf gegen eine Krücke?
...Übrigens: in Deutschland kann man den Fahrschein sogar im Zug beim Schaffner nachlösen. Das ist etwas anderes als einen Fahrschein zuzüglich Strafe - einfach einen Fahrschein...
15. Und schließlich: Wovon hat denn nun der Roman "Der Gewinner" gehandelt? Erzählen sie es mit ihren eigenen Worten nach ...Sie, Marina.
Ich kann mich jetzt nur schlecht erinnern...Und dennoch...Es handelt davon, daß es auf einem Schiff, das auf Weltreise ist, keinen Zugang zum Heck gibt. Das heißt, auf dem Schiff haben sich Glückspilze versammelt, die ein Ticket für diese Cruise gewonnen haben ("Vertreter aller Gesellschaftsschichten"). Ihnen stehen die verschiedensten Spielarten menschlichen Ge-nusses zur Verfügung... Auch jene, die sonst nur den reicheren Zivilisationen zugänglich sind.. In der eigenen Heimat gibt es sie jedenfalls noch nicht... Irgendwelche auserlesenen Dinge, Völlereien, Raffiniertheiten ... nur der Zugang zum Heck ist gesperrt. Warum? Es wurde ihnen nicht erklärt. Obwohl man sich natürlich irgendeiner offiziellen Lüge bedient hat...
Und was sonderbar ist: einige Passagiere fühlen sich dadurch erniedrigt. Der reinste Unsinn, "Erniedrigung"! Als könnten sie nicht ohne auskommen! Als ob sie nicht genug hätten?! Wofür brauchen sie verdammt noch mal das Heck?! Na ja, man könnte sich noch vorstellen: aus Neugierde. Der halbwüchsige Hunger nach Abenteuern sozusagen. Aber das ist es nicht. Ihnen wurde gesagt: "untersagt". Wer hat das gesagt? Außerirdische? Nein, die gleichen antropomorphen Wesen, wie sie auch sind. Aber warum dürfen ausgerechnet sie die Grenzen des Erlaubten festlegen? Wo nehmen sie das Recht her?
Für die Antwort auf diese Frage gehen einige Personen in den Tod.
Und nicht nur im Buch.


Anmerkungen:
1 Breschnew-Ära.
2 In den Klammern stehen die ehemaligen finnischen Ortsbezeichnungen.
3 Spiwak, D.L. "Die nördliche Hauptstadt", St. Petersburg, 1998.
4 Zitat aus Nabokovs Autobiographie.
5 Gedicht von J. Brodsky "Dem Tode Schukows". Der legendäre Marschall, der die Wehrmacht vor den Toren der sowjetischen Hauptstadt gestoppt hat, 1944 an die Weichsel und 1945 über die Oder nach Berlin vorstieß und am 8. Mai die deutsche Kapitulation entgegennahm, fürchtete sich bei seiner Heimkehr vor einem Konflikt mit Stalin.
6 Gedicht von J. Brodsky "Der fünfte Jahrestag".
7 Spätes Gedicht von J. Brodsky "Also, es wärmt ein bißchen..."
8 1700-1721 Großer Nordischer Krieg, in dessen Verlauf Schweden den Ostteil Finnlands an Rußland abtreten mußte; 21.05.1703 Beschuß von Nienschanz.
9 Im finnischen Epos Kalevala kommt erstmals diese verzauberte Mühle namens Sampo vor, die ihren Besitzer reich und mächtig machte.
10 Aus Brodskys Gedicht "Plato weitergedacht".
11 Vorort von St. Petersburg, direkt am Finnischen Meerbusen gelegen.
12 Gedicht von I. Bunin "Weihwasser".
13 François "Papa Doc" Duvalier, Diktator von Haiti, baute in den fünfziger und sechziger Jahren die paramilitärischen Tonton Macoute, Todesschwadrone, auf.
14 Aus Brodskys Gedicht "Wiegenlied des Dorschkaps".
15 1937-1938 gilt als Höhepunkt des Stalin-Terrors.


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