Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2001

LICHTUNGEN - 88/XXII. Jg./2001

Schwerpunkt:
Literatur aus Bordeaux

Kunstteil:
Michael Gumhold

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
88 / XXII. Jg. / 2001, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Michael Gumhold, Wien, Verzeichnis der Additionen, 2001


EDITORIAL

WIEVIEL SICHERHEIT BRAUCHT DIE FREIHEIT?

Durch die zahlreichen Reaktionen aus dem ganzen deutschen Sprachraum auf das Editorial in der letzten Ausgabe der LICHTUNGEN mit dem Titel "Keine Angst vor dem Sterben", worin differenzierte Überlegungen zu den bis dahin fast unvorstellbaren verbrecherischen Anschlägen in den USA gemacht wurden, ist es nicht von ungefähr, daß dieses Thema das Denken weiter beschäftigt. Neu hinzugekommen ist nun ein Krieg, der wiederum unendliches Leid für viele unschuldige Menschen bringt. Die Spirale der Gewalt dreht sich unermüdlich weiter. Die Medien überbieten sich dabei in der Berichterstattung. Im globalisierten Informationsbereich gibt es kein Entkommen. In den Diskussionen, meist in Talkshows, scheiden sich die Geister über einen eigentlich nicht ‚definierten' Krieg. Da heißt es, es sei kein ,klassischer' Krieg, es sei ein ,gerechter Krieg' gegen den Terrorismus. In der historischen Rückschau hat es viele ,gerechte' Kriege gegeben. Diese Formel ist in der Geschichte eine der berüchtigsten Leerformeln, um der eigenen Position die notwendige Legimation zu verschaffen.
Doch in diesen Diskussionen, beim genauen Hinhören, beschleicht den ,Zuseher' zusätzlich ein ambivalentes Gefühl, ja eine tiefe Unruhe. Es ist die Form, wie mit dem großen Wort Freiheit umgegangen wird. Plötzlich steht das Wort Sicherheit als Hauptwort in den politischen Reden. Im gleichen Atemzug heißt es, die Freiheit des Einzelnen müsse eigentlich zurückgenommen werden, um kollektive Sicherheit zu gewährleisten. Eine merkwürdige Eindimensionalität des Denkens greift Platz. Beklemmend ist die Geschwindigkeit, in der diese Entwicklung abläuft. Es ist einsichtig, daß es eine Balance zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Sicherheit von Gemeinschaften geben muß. Die Geschichte war aber eine leidvolle Geschichte dieses Bemühens, mehr Menschenrechte und Menschenwürde zu erreichen. Nachdenklich stimmt aber, wenn Vertreter von großen Machtstrukturen in der Cowboy-Sprache über kollektive Bedrohungen von außen sprechen und dabei, vielleicht noch unbewußt, die schon angesprochene notwendige Balance von Freiheit und Sicherheit damit in Frage stellen. Jahrhunderte waren notwendig, um diese ‚menschliche' Balance zu erreichen. Zwei große totalitäre Systeme haben im 20. Jahrhundert die ,kollektive Sicherheit' im Kampf gegen ‚das Böse' von außen mißbraucht, um in ihrer Machterhaltung die Rechte des Einzelnen im wahrsten Sinne des Wortes mit Stiefeln zu treten. Sind die Demokratien noch imstande, diese Beschleunigung der Infragestellung von Werthaltungen auszuhalten?
In dieser Ambivalenz von Freiheit und Sicherheit ist man an den ‚stillen' Philosophen Blaise Pascal in der anbrechenden Moderne erinnert, der in seinem Wissen um die Unzulänglichkeit der Vernunft der "Logik des Verstandes" die "Logik des Herzens" gegenüberstellt. In seinem Denken geht es um die Freiheit des Einzelnen, um die Würde des einzelnen Menschen. In der berühmten Metapher vom "Schilfrohr" in den Stürmen der Zeit drückt er jenes Lebensgefühl aus, das zwischen der Polarität von Freiheit und Sicherheit liegt. Hier ein Gedanke fern jeder ,Rückversicherung': "Zwischen uns und der Hölle oder dem Himmel gibt es nur das Leben, das die vergänglichste Sache der Welt ist". - Über dreihundert Jahre später heißt es in einem populären Song "Freedom's just another word for nothin' left to lose / And nothin' ain't worth nothin', but it's free...". In einer leisen Ironie wird hier das Lebensgefühl der Postmoderne ausgedrückt. Nach dem Verlust der "Großen Erzählungen", nach der ,Fragmentierung' der Gesellschaft, ist der Einzelne, in neuen Einsamkeiten, wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Wieviel Sicherheit braucht die Freiheit?, erscheint in den ablaufenden Ereignissen dieser Zeit als eine Schlüsselfrage. Vielleicht gibt es dazu keine Antwort...
Dennoch erscheint es wichtig, auch in einer Literaturzeitschrift, auf vielleicht gefährliche Unschärfen von Entwicklungen hinzuweisen. Literatur hat immer mit einem genauen Hinsehen zu tun - "mit geschärftem Sinn". Herbert Marcuse hat in seinem Buch Der eindimensionale Mensch auf eine wesentliche Aufgabe der Literatur hingewiesen, wonach sie "das unglückliche Bewußtsein der gespalteten Welt, der vereitelten Möglichkeiten, der unerfüllten Hoffnungen, der verratenen Versprechen" zu bewahren habe. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Markus Jaroschka

INHALT 

LITERATUR    
Allain GLYKOS Zeitgedicht: Immer wieder brechen Kriege aus (Auszug)
3
Marina PALEJ Postal a Córdoba (Gedicht)
4
Birgit PÖLZL Versuch über ein Zugleich (Romanauszug)
6
Mathias JESCHKE Gedichte
11
Robert MLINAREC Baskische Tage - Andalusische Nächte
14
Joachim G. HAMMER Wortinseln (Haikus)
17
Arne RAUTENBERG Miniaturen aus „Obszönarium“
19
Franz HOFER Seltsames Licht (Gedichtzyklus, Auszug)
31
Nikos KAVVADIAS Gedichte
34
   
 
NEU VORGESTELLT  
 
Alexander R. DUNST Gedichte
36
Patrick SCHNALZER Wie fühlst du dich jetzt
38
 
LYRIKPREIS DER AKADEMIE GRAZ 2001
Anja UTLER Gedichte (2. Preis)
44
 
LITERATUR AUS BORDEAUX
16. Stadt im Literaturprojekt „transLOKAL – Literatur aus europäischen Städten“
in Kooperation mit GRAZ 2003 – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.
Zusammenstellung und Teilübersetzungen: Prof. Hadwiga PERRINET, Bordeaux
Hadwiga PERRINET Einleitung: Bordeaux, Bordeaux supérieur, Grand cru
47
Michel SUFFRAN Un „gentleman’s agreement“ (Erzählung)
49
Idelette DEBURE Delirien der Göttin (Lyrische Prosa)
52
Emmanuel HOCQUARD Die Erfindung des Glases (Lyrik)
54
Jacques ABEILLE Mondwandel(n) (Erzählung)
56
Claude BOURGEYX Liebesbriefe
63
Pierre VEILLETET Der Kanadier (Romanauszug)
64
William MARGOLIS Vor den Inseln Fauts (Romanauszug)
66
Anne-Marie GARAT István kommt mit dem Abendzug (Romanauszug)
69
Allain GLYKOS Erzähl mir von Manolis (Romanauszug) / Gedicht
72
Jean-Paul MICHEL Gedicht / Unsere Feinde zeichnen unser Gesicht (Auszug)
76
Dominique BOUDOU Fragmente für eine Schläferin (Kurzprosa)
78
Catherine REY Lucy, wie die Hunde (Romanauszug)
79
Sophie AVON Das Licht von Neckland (Romanauszug)
81
Jean-Luc COUDRAY Das Meer, klarer als das Wasser (Gedicht)
82
Laurent MAUVIGNIER Fern von euch (Romanauszug)
84
Guillaume GUERAUD Säbelhieb (Erzählung, Auszug)
87
Guillemette DE BUTTET Gedicht
88
 
ZU EINEM STEIRISCHEN SCHRIFTSTELLER
Kurt WIMMER Unbesetzte Plätze in der Seelenlandschaft - Überlegungen
 
zum Werk des Schriftstellers Matthias Mander
89
   
 
KUNST  
 
Michael GUMHOLD Verzeichnis der Additionen, 2001
91-106
Werner FENZ „Ich tue alles, was du willst“ - zu Michael Gumhold
99
 
„DIE POETIK DER GRENZE“ ( 14. Teil)
Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz gemeinsam mit GRAZ 2003 – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
Mechthild CURTIUS Zur Poesie der Grenze
107
   
 
ZEITKRITIK  
 
Georg KOHLER Daedalus oder: Science Fiction und die Erfahrung der Metaphysik
112
Clemens K. STEPINA Auf der Suche nach der verlorenen Identität
117
ZU DEN AUTOREN  
130


16. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

16. STADT: LITERATUR AUS BORDEAUX

Zusammenstellung und Teilübersetzungen: Prof. Hadwiga PERRINET, Bordeaux.
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001
15. Stadt: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN, LICHTUNGEN 87/2001

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt
"GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und süd-osteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Hadwiga PERRINET
BORDEAUX, BORDEAUX SUPERIEUR, GRAND CRU

Im 4. Jh. hat der römische Dichter Ausonius der gallo romanischen Stadt Bordeaux, die damals Burdigala hieß, die erste literarische Existenz gegeben. Dreißig Jahre lang hat er in dieser Stadt gelebt und Rhetorik unterrichtet, dann wurde er nach Rom berufen, wo seine glänzende Karriere ihn bis zum höchsten Amt, dem Konsulat, führte. Er blieb seiner Geburtstadt sein ganzes Leben lang verbunden und schrieb "Rom hat meine Achtung, aber Bordeaux hat mein Herz". Diese Verbundenheit zu Bordeaux und seiner Umgebung findet man immer wieder bei den Bordelaisern und nicht zuletzt auch bei den heutigen Schriftstellern. "Bordeaux verschlingt seine Kinder und hält sie gefangen", sagt Michel Suffran.
Wichtig für die Entwicklung der Stadt waren die drei Jahrhunderte unter englischer Herrschaft (1152 bis 1453). Eleonore von Aquitanien hat in zweiter Ehe Henri Plantagenet, Graf von Anjou und Normandie, geheiratet, der zwei Jahre später den englischen Thron bestieg. Die Nachkommen dieses königlichen Paares, darunter Richard Löwenherz, waren Könige von England und Herzöge von Aquitanien. Bordeaux begann seinen kostbarsten "Bodenschatz", den Wein, voll auszunützen und entdeckte seine besten Kunden, die Engländer. Der von ihnen "clairet" genannte Wein wurde ihnen per Schiff - damals der schnellste und billigste Transport - geliefert und brachte der Stadt Bordeaux einen ersten bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung. Bordeaux war immer eine Handelsstadt und verlangte eigentlich nur, dass man sie in Ruhe ihren Handel betreiben lasse. So waren auch die Vorfahren von Michel de Montaigne ursprünglich Händler - sie handelten mit Heringen. Sie bereicherten sich, kauften das Schloss Saint Michel de Montaigne und konnten so ihren bürgerlichen Namen Eyquem in den adeligen Namen 'de Montaigne' umwandeln. Wie sein Vater Pierre (der noch Eyquem hiess), wird auch Michel 1581 Bürgermeister von Bordeaux. In der ganzen Welt durch sein Werk‚ die Essais, bekannt, wird er als "Vater der französischen Literatur" bezeichnet. Seine Sprache ist lebendig, nicht hierarchisch, er verwendet alle Wörter seiner Sprache - auch die gascognischen‚ ... möge das Gascognische kommen, wenn das Französische nicht geht - Er will seinen Stil ungekünstelt, hat seine Texte tausende Male korrigiert - die Ausgabe von Bordeaux zeugt von dieser stilistischen Feinarbeit. Seine letzten Jahre verbringt er in der berühmten Bibliothek seines Schlosses und schreibt, korrigiert und schreibt, selbst auf die Balken seines Schlosses, die man heute noch bestaunen kann.
Zwei Jahrhunderte später, im 18. Jahrhundert, das das "goldene Zeitalter" von Bordeaux ist, repräsentiert Montesquieu den fast unverschämten Ruhm dieser opulenten Stadt. Er war Präsident des Parlaments von Guyenne und Weinbauer auf seinem Schloss La Brède. In seiner Bibliothek, in der man auch heute noch ab und zu einem Konzert beiwohnen kann, schrieb er das für alle und besonders für die Juristen fundamentale Werk Les lettres persanes. Es war ein Bestseller des Jahres 1721.
Und wieder zwei Jahrhunderte später bringt Bordeaux ein weiteres Genie von universaler Tragweite hervor, und dessen Name übrigens auch mit dem Buchstaben M beginnt: François Mauriac. Mitglied der "Aca démie Française" und Nobelpreisträger 1952. Er hat die Bewohner dieser Stadt geliebt und gehasst, sie sind oft die Hauptfiguren seiner Romane, wie in Thérèse Desqueroux oder Genitrix. Die Fassade ist die Respektabilität, hinter der sich alle Laster verbergen. Es sind Stereotypen geworden, und der Ausdruck "un personnage mauriacien", hat den Bordelaisern eher den schlechten Ruf einer versnobten, ewig in ihrem kleinen Kreis verkehrenden Gesellschaft eingebracht. Es gibt sie immer noch, aber in welcher Provinzstadt gibt es sie nicht?
Das sind die drei berühmten M von Bordeaux - Montaigne, Montesquieu, Mauriac - aber gibt es im Schatten dieser drei schon symbolischen Kolosse ein der literarischen Schöpfung günstiges Klima? Wie steht es mit der Bezeichnung "écrivain bordelais" - "Bordelaiser Schriftsteller"? Wird man es, weil man hier geboren ist und dann in Paris Karriere macht (wie zum Beispiel Philippe Sollers, Anne-Marie Garat, Michèle Perrein) oder wenn man von wo anders kommt und in Bordeaux lebt und arbeitet wie Jean-Paul Michel, Laurent Mauvignier, Jacques Abeille, Sophie Avon, William Margolis, Idelette de Bure, oder wenn man in Bordeaux und seiner Umgebung geboren ist und sein Leben lang hier wirkt, wie Michel Suffran, Pierre Veilletet, Michel Ohl oder Claude Bourgeyx? Was ist dieses "Gefühl der Zugehörigkeit"? Im Ausdruck Bordelaiser Schriftstel ler - welches der zwei Binome ist valorisierender? Wird man ein mittelmäßiges Talent überschätzen, nur weil es nahe und vertraut ist und sich so von äußeren Einflüssen abschirmen und seine territoriale Eigenheit kultivieren? Oder die Mauern sprengen, den Horizont erweitern, wie es für Bordeaux zum Beispiel Ausone, Rudel, Montaigne, Guilleragues, Montesquieu, Mauriac, Elie Faure, Guérin, Cayrol, gemacht haben und durch ihr Genie der Stadt neue Dimensionen vermittelt haben. Das literarische Bordeaux ist offen, nimmt die von außen Kommenden auf und vermittelt den eigenen Kindern genug Abenteuerlust - wie wahrscheinlich jede Hafenstadt - um sie für kurze oder längere Zeit in die Ferne zu schicken.
Die Bevölkerung von Bordeaux ist ein recht buntes Gemisch und das in allen sozialen Schichten. In der Vergangenheit hat Bordeaux viele Fremde aufgenommen. Aus ihren Ländern vertriebene Protestanten, Engländer und Deutsche, die sich dem Weinhandel widmeten (der junge Schopenhauer wurde von seinem Vater zu einem Geschäftsfreund nach Bordeaux geschickt). Viele Handelshäuser tragen auch heute noch englische oder deutsche Namen wie Lawton, Cruse oder Kressmann, Schröder. Holländer, die die Moore um Bordeaux herum trockenlegten, aus Spanien vertriebene Juden, dann vom Bürgerkrieg vertriebene Spanier, arbeitsuchende Portugiesen, aus Algerien vertriebene "pieds noirs", Afrikaner aus den ehemaligen Kolonien, Franzosen aus den "départements d'Outre Mer" Guadeloupe und Martinique .
Man schreibt viel in Bordeaux, es gibt viele Schrift steller in Bordeaux, heute wie früher, aber Bordeaux ist keine literarische Stadt, es gibt keine Bordelaiser Schule. Warum diese Faszination für diese Stadt? Der Journalist Jerôme Garcin meint: "... alle diese Bücher, diese Seiten, diese Autoren, deren Talent aus einer mysteriösen und unerschöpflichen Quelle zu dringen scheint, Bordeaux ist eine Stadt, symbolisch an der Kreuzung zwischen Himmel, Erde, Wasser".
Bordeaux liegt an einem Fluss, der Garonne. Der aus den Pyrenäen kommende Fluss macht hier eine halbmondförmige Biegung, bevor er sich dann zu einer Trichtermündung, der Gironde, erweitert. Er umspült die sanften Hänge des berühmten Weinbaugebiets Médoc, spendet ihm die für den Wein gerade richtige Feuchtigkeit und mündet schließlich in den Atlantik. Er war und ist bestimmend für die Stadt, deren Hafen poetisch "Port de la lune", Mondhafen, genannt wird. So findet man auch drei Halbmonde im Stadtwappen.
Hölderlin, der 1802 hier beim deutschen Konsul Haus lehrer war, erwähnt den Fluss in seinem Gedicht Andenken: "Geh aber nun und grüße / die schöne Garonne / und die Gärten von Bourdeaux".
Pierre Veilletet sagt in seinem humor- und liebevollen Buch "Bords d'eaux": "Diese Stadt ist stärker, als die, die sie bewohnen. Sie übt einen Einfluss aus, dem wir nicht entkommen können. Sie dringt bis in die Knochen. Die Bordelaiser bewohnen sie nicht, sie werden von ihr bewohnt."
Bordeaux ist eine Universitätsstadt, besitzt eine modernst eingerichtete Bibliothek, in der man alles findet und die eifrig besucht wird, die Buchmesse ist eine renommierte Veranstaltung und das ,Carrefour des Littératures' ein hochinteressanter Treffpunkt für ausländische Literaten. Das Verlagswesen ist rege, man kann in Bordeaux und Aquitanien 57 Verlags häuser zählen. Viele Schriftsteller schreiben auch fürs Theater: Claude Bourgeyx, Michel Suffran und Boudou Dominique werden hier in zahlreichen kleinen Theatern gespielt.
"Die Poesie ist das Grundwasser, in dem alles Schreiben seine Nahrung holt", sagt einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts dieser Stadt, Jean Cayrol (geboren 1901). Er hat nicht nur Poesie und Essays und dreißig Romane geschrieben, er ist auch Film regisseur, Talententdecker beim Verlag du Seuil und Mitglied der Académie Goncourt. Er lebt als Neunzig jähriger zurückgezogen in einer kleinen Stadt in der Nähe von Bordeaux und widmet sich seinem monumentalen Werk
Eine weitere hervorragende, internationale literarische Persönlichkeit ist der vielumstrittene Philippe Sollers; man hasst oder liebt ihn, Kritiker heben ihn in den Himmel oder verdammen ihn in die Hölle ... nicht erstaunlich, da er von sich selbst sagt : "...mein Traum ist es, dass man über mich so viel Gegensätzliches sagt, dass niemand mehr weiß, wer ich bin..." Vor einigen Tagen hat er in der Buchhandlung Mollat, die die größte von ganz Südfrankreich ist, sein letztes Buch Mozart vorgestellt.
Aus Platzmangel konnten weitere Autoren in den LICHTUNGEN nicht vorgestellt werden, nur in einer großen Anthologie wäre dies möglich. Zu erwähnen ist also zunächst Jean Guerreschi, dessen erster Roman 1988 zahlreiche Preise bekommen hat. Sein letzter Roman Un monde sans Iris ist ein Fieber des Körpers und des Geistes, ein Übergang vom Leben in den Tod. Dann Jean-Marie Planes, Direktor der Buchmesse, er veröffentlicht Lyrik und Essays und ist als Literaturkritiker geschätzt. Eric Audinet schreibt Prosa und Lyrik, er ist Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften und Verleger. Florence Mothe, Journa listin und renommierte Musikkritikerin, hat eine Romantrilogie über die Wallenbergs geschrieben. Schließlich Michel Ohl, Alina Reyes, Sylvie Caster, Mathieu Terence, Labarthe, Patrick Retali, Domini que Penide, Annelise Roux, Patrick Rödel, Claude Chambard vom "Center Régional des Lettres", dem ich meinen Dank für seine Hilfe aussprechen möchte und der mir bis zum Schluss verschwiegen hat, dass er selbst Lyriker ist!
Pierre Veilletet sagt: Weintrinken ist zuerst Kosten, dann Schmecken, dann Genießen... Schreiben auch - deshalb, seit Montaigne oder sogar Ausonius, bringt Bordeaux ebenso wohl seine Weine wie seine Literatur "auf den Markt" - zum Verkosten. Aller dings sagt er nicht, welches die Jahrgänge sind, welche man bald trinken soll, weil sie sonst an Kraft verlieren, und welche die guten Jahrgänge sind, die man Jahrzehnte aufheben und jederzeit genüsslich degustieren kann.


"DIE POETIK DER GRENZE" (14. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Mechthild CURTIUS
ZUR POESIE DER GRENZE

Grenzenlos sind die verschiedenen Anwendungen dieses Begriffs als Metapher. Ent-grenzt kann ein religiöser und ein ekstatischer Mensch wahrnehmen. Grenzen ziehen müsse er zwischen sich und anderen, raten Pädagogen und Psychoanalytiker. Zu dicht, zu fern, zu intensiv ... Gartenzaun und wide world . Das auf dem Globus-Bällchen winzige Europa zeigt grenzenlos viele ehemalige und gegenwärtige Grenz-Regionen. Elsaß, Lothringen, Polen ... Habsburger ländereien, sie sind öfter als andere durch die Weltgeschichte hin und her gehandelt worden. Grenzenlos nicht, aber vielfach ent-grenzt und neu eingegrenzt worden. Ob ein paar Augen dem Finger auf der Landkarte folgen oder aus dem Flugzeug vom Atlantik ostwärts oder vom Mittelmeer aus nach Norden - wer kann die Begrenzungen zählen. Die Ausführungen allein über die rhetorischen Übertragungen des Begriffs Grenze könnten eine Roman-Trilogie füllen. ...
So will ich beim Geschichtlichen und Geografischen bleiben und eine aus beiden definierte Grenze suchen ... und aus Natur-Faktoren wie Wetter, Klima, Land schaft, Flora und Fauna. Und registrieren: Menschen und ihre Figuren, real und als Skulpturen, als Gemälde, Architektur und vor allem als lebendige Personen. Nachdenken und Sprechen als Gast in einer Region, deren Geschichte in besonderem Maße von Begrenzungen und Abgrenzungen bestimmt wurde. In Sprachen und Dialekten, Wörtern und Wendungen versiegelt sich dutzendweise Völkerwanderungs-Vielfalt, sie verdichtet sich im Meditieren, auch Fabulieren, und das geht nicht ohne Irritation vor sich.
Alle Sinne sind eingebunden, Fremde nehmen die Grenz-Gegend als Anreiz wahr, nicht nur als Sehen und Hören, hautnah, porentief. Näher gehen uns, sagt Joseph Roth, die Düfte, seien uns am nächsten, Erinnerungen über das Er-riechen. Ein-Drücke zu mischen mit dem Organ für Schmecken und Sprechen in Gesichts-Mitte, dem Mund, mit gaumenkitzelnden Namen, lautmalerisch. Palatschinken. Bowidldatsch kerln, Topfengolatschen. Das nicht aspirierte P und T ähneln sächsischer Weiche, wie Weichselkirsche, EI in Norddeutschland spitz und hart, hier als ej ... schmejchlerisch. Ejnschmejchelnd ...
In Erwartung dieser Reise euphorisch und deshalb inspiriert, ohne Entgrenzung nicht möglich, und aus vielen anderen Reisen gespeist, ist der Roman GrenzenLOS entstanden; halbfertig habe ich ihn im Gepäck. Schon die Aussicht auf Neues beflügelt. Angekommen, stillstehen und in Graz verharren, herumschweifen und in Erinnerungen das Gesehene, Gehörte und Gespürte überstreifen, denn davon kommen Gespür und Urteil. Wenn ich morgens um vier die Vögel unterm Cerrini-Schlössel-Fenster im Parkabhang eher schreien als singen höre, wenn ich herausschaue in den feuchten wilden Wald, dessen Efeu und Jelängerjelieber-Ranken vielen Vögeln und Insekten Nester und Verstecke bieten und gegenseitig Speise. Es tropft mir auf den Kopf, vom Dichter aus Sarajewo holt ein schwarzes Eichhörnchen Walnüsse, ein braunes Eichhorn klettert senkrecht die Wand hoch zum Fensterbrett des Film-Autors aus Nordafrika. Hellbraun die Haut zwischen eisengrauem Bubikopf. Er füttert die Tiere ringsherum: mit Hack fleisch die Katzen, mit Haselnüssen die Eich hörnchen und Vögel; "ils viennent jusque dans mon lit - venez et voyez!"
Zeitig geh ich raus im Frühtau nicht zu Berge, denn da sind wir schon, ein kleines Stück zum weißen Win zerhaus des ehemaligen Hofschauspielers Starcke, ich laufe zwischen tropfenden Glyzinien trauben, weiß und violett, Schneeballendolden weiß, die ich als Kind zur Maiandacht geschleppt habe, nahe einer anderen Grenze, an der Neiße. Vorgestern habe ich in der Heiligblut-Kirche insgeheim mitgesungen Meer stern, ich dich grüße, weil auch die Kirche wie in Marienthal aussah und roch und ich die Kühle fühlte nach der Sommerhitze, die die Stein skulpturen zwischen den alten Bäumen hell macht.

Viele Wege führen vom eckig-wehrhaften Glocken turm mit den goldenen Zeigermonden zu Grazens Dichter-Klause, dem Schlössel des ehemaligen Freiherrn von Cerrini, Obrist-Lieutenant des Genie-Corps sei er gewesen und habe die Bürgerbastei im Jahre 1809 gegen die anstürmenden französischen Truppen verteidigt. So steht es auf dem rostenden Metallschild neben dem Eingang, dessen Rost braune Streifen auf die Wand markiert hat. Wehrhaft noch immer, sicher sollen dort die Dichter wohnen für Monate in der Stirnhöhle des Grazer Schloßberges. Am 12. Mai 2001 tagen im Schloßberg, in seinem Bauch, im "Dom", einem Festsaal aus Höhlen menschen-Epochen, die Kardiologen: "Auf dem Weg ins Dritte Jahrtausend". Abends tanzt's im Berg, dröhnt der Beat im verbotenen Dezibelbereich, es vibriert das Gestein, bis morgens früh um viere. Die Studenten Herwig und Laszlo feiern ihre Geburts tagsfête in den Kasematten. Ihrer Ekstase sind, Extasy zum Trotz, Grenzen gesetzt, sagt der Notarzt, er sei "mit seinem Latein am Ende", dichte ich mir.

Morgens stehe ich allein auf dem Plafond, die Tulpen sind schon keine Ostereier mehr auf Stengeln, stehen kaum noch stramm wie die Soldaten, sondern sie verwelken krumm gebeugt zum krümeligen Erdreich. Viele Wege führen nach unten in die Stadt, ich stehle mich frühmorgens hinab und hinauf im Treppen gewinde. Im Morgenlicht reizt der Wind die Sinne, bis zur Sichtgrenze der aufgetürmten Bergketten hintereinander und ineinander verschoben. Mein Blick verengt sich zur Nahaufnahme, zum Raum mit aufblühenden Schwertlilien, Akeleien wehen Violett ins Bild, senkrecht geriffelte Glockenblüten im leichten Wind, der die Tautropfen trocknet. Weit über alle Lande schauen: die langgezogenen Dächer, rotbraungrau alterspatiniert, unter Türmen vieler Stilarten, klare Gotik, Barock in Zwiebelkrümmungen und dem Gelübde, jede gerade Linie zu brechen, Renaissance, die die klassische Klarheit mit eigenem Zierat einigt, .... bis in die alles kopierenden Gründerjahre hinein, und den Jugendstil mit seiner Lust an vegetabilen Schlieren, möglichst symmetrisch und als Zwilling zitiert; Graz ist eine reiche, schöne Stadt. Es schliert, zitiert, kopiert recht maniriert und wirkt doch immer wieder neu, nicht nur im Mai. Rhythmus und Reim sind im Augenblick Vergnügens Keim, das Herz sucht Freud' in Maienzeit, wenn ich so steh und über Grazens Dächer und Turmesspitzen seh' und über Schwarzeneggers Stadion hinweg in die Berge ringsherum. So find' ich meine Freude in der Maienzeit. Mit Blicken um alle Höhenzüge kurven, bergauf in manche Kuhlen suhlen, manche Kirchen, Klöster, Dörfer, Schlösser, MariaTrost, dorthin möcht' ich mit dir, du mein Geliebter, ziehn. Und nicht an grauerhitzten Maschinenkästen sitzen, um Goethe und Götz von Berlichingen davon ein Lied nachzusingen. Wie bin ich verwöhnt auf unseren Reisen, dir lief das Tintenfaß aus, und alle Schreib blätter waren unlesbar schwarz und auch das Chemisett, der Bratenrock, der bratenbraune, und das Federbett, denn es war kalt in deinen alten Zeiten, und bist bis Rom gefahren, und ich stell mich bei der kleinen ICE-Reise an und rufe wie ein Gör um Hilfe meinen MalerMann.

Nun ist es gut, nun ist es mir recht wohl, gehe vor fünf Uhr auf dem Berg herum, herunter den verbotenen Pfad, wo, wie noch nicht gesagt, der schöne junge Mann auf der Parkbank schnarcht; denn er liegt auf dem Rücken, Rucksack unterm Kopf, gelbe Bart stoppeln, ihn wecken meine Schritte nicht, auch nicht das Eisentürl zum verbotenen Weg, Steinstufen sind von rostigen Haken im Berg gehalten, zuletzt tappe ich durch einen Hinterhof am Neubau der "Steier märkischen" auf den Karmeliterplatz. Rechts ist das runde Erkereck vom Gasthaus "Zur Pastete", das heißt so, weil hier zu Kaisers Zeiten ein Bäcker buk, da bekäme ich bestimmt um sechs Gebäck, so heißt hier, was in Norddeutschland Brötchen sind, und Mehlspeisen hier nicht Eierkuchen, sondern Topfen stangerl, Apfelstrudel, Hefeschneckerl. Dem Mann aus Münster oder Hamburg ist das Quark, macht mich und den Steirer stark, tut tropfen in den Topf, klappert und scheppert der Merker des Schuhmachers und Poeten aus Nürnberg, dem Hans Sachs.
Des Kürbiskernöls dicke Früchte können wir erst als Pflänzchen sehen, die handhohen Bohnenpflanzen an ihren langen Stangen identifizieren. Doch können wir die wie Maikäfer großen lilabraun gefleckten Käfer bohnen mit sämiggrünem Kernöl essen, als wir durch die steirische Weinstraße fahren am Sonnabend. Überall Markt und Trubel, Weinstöcke falten schon die Blätter auf, die ersten Beeren knospen, das Hügelland zeigt sich vielgestaltiger als andere, im Hügel wieder Wellen und Dellen, auch mal eckige Grate, da fällt das seidenweiche Grün auf, Obstbäume um Dörfer aus Steinhäusern und Holz, viele braune Hühner und Hähne - lange nicht mehr gehört den Hahnenschrei in Hessens Neben-Erwerbs-Landwirtschafts-Höfen - gehegt und gepflegt in Bilderbogen-Fernseh-Land schafts-Filmen. Klapotetze gesehen, aussteigen oft, durch Hecken gehen, in denen Insekten summen und durch Dörfer mit langgezogenen Hauptplätzen und Brunnen, mittenmang steht eine steinerne vergoldete Mondsichel-Madonna, Himmelskönigin mit ohrenbreiter Krone, so wie sie die Fürsten auf dem Schloßberg auf ihren abgenagten Skulpturen-Köpfen schleppen.

So mag ich assoziieren, ich sehe eines, rieche anderes, in meinem Hirn hüpft's von einem ferneren zum frisch Wahrgenommenen, so kann ich vergleichen, Zeichen setzen, Wortsymbole, Metaphern, und da die linken Räder des Autos nun in der Wiederkehr nach 20 Jahren in Slowenien fahren und die rechten Räder in der Steiermark, sucht der Kopf Wiedererkennbares und Sinnbilder außer einem grauen Brettchen mit den Buchstaben Staatsgrenze, fast überwuchert von Geiß blatt, Lonicera, Jelängerjelieber, Symbol der grenzenlosen Liebe. Hier hat die Grenze selbst nur den einen Balken, wer will, mag, soll vergleichen mit Grenzen aus Stacheldraht und Schießtürmen aus Beton im Niemandsland. Eigenartig, wie wir sind, enttäuscht uns fast "das bißchen Brett". Grenzen kennen wir hier und dort, mit sichtbareren Zeichen von Anders artigkeit, mißtrauen Orten, die sie einen, Ver schiedenes und Gleiches. Grenz-Terrains, die mag ich, variatio delectat. Keine Ausreden auf Metaphern, ich bleibe hier und sage dir und mir, dass Grenzen als Regionen und Orte überall reizvoll sind, so vielfältig. Ihre Geschichte vieler Völkergruppen zu Geschichten gestalten - das schwebt mir vor - das schreib' ich auch noch dem Hans Sachs.
Diese Reise nach Graz und in die Steiermark stelle ich mir auch als eine GRENZ-Inspektion vor, habe vorher die Disketten der letzten zwölf Jahre unter diesem Stichwort durchsucht; dreiunddreißigmal hat es aufgeblitzt, und das erste Mal ist Frankreich gewesen, wo die Städte mal Zabern und mal Saverne hießen. Das zweite Wort ist der erste Ort in meiner Kindheit gewesen, im Roman "Neiße und Pleiße", die Oder-Neiße-Linie hat auch meine Kindheit berührt, ein Ort an der Neiße und zwar diesseits und jenseits, Görlitz und Sgorzelec, Marienthal und Posada, wo die Laubengänge der Renaissancehäuser und die Barock kirchen den steirischen ähneln, auch denen hüben und drüben.

Auf den ersten Blick sind Grenzen leichter hier, denke ich an die in Europa, zwischen Ost und West, und an das, was ich schrieb über Deutschland in meiner Trilogie. Hier gehe ich in die Wiese, an der Staats grenze, zwischen Weinranken voller sich entfaltender Blätter, einem Wiesengrund mit Apfelbäumen und Dornenhecken, aus denen Insekten summen, und in der Ferne schreit ein Kuckuck, im Dorf scheucht ein rotbrauner Hahn seine Hennen, gerade unter dem ersten Klapotetz, den wir wiedersehen, Klaporatz, Klaporetz, Klapotatz, Klapotez. So sagen sie es, so lesen wir es unterschiedlich, allen Wörtern ist die Lautmalerei gleich, die das Klipp-Klapp der hölzernen Vogelvertreiber imitieren wie Kinderplappern. Wörter sind akustische Spuren vieler Nationen, als Norddeutsche kenne ich sie von kleinauf aus den Büchern. "Lies lieber nicht die dekadenten österreichischen Dichter!" Haben meine besorgten Lehrerinnen gewarnt; die erotischen Erzählungen von Stefan Zweig machen frühreif!" Und haben mich dann doch über Rilkes "Duineser Elegien"zum Abi tur geprüft, das hier Matura heißt, Reifeprüfung. Joseph Roth, Robert Musil, Elias Canetti, Heimito von Doderer, Johann Nestroy und Hugo von Hof mannsthal, Franz Nabl ... Je östlicher, südlicher ... ich weiß nicht, warum sie mir heimatlich vorkommen: Böhmische Dörfer - seltener nennt man sie so heute und bald kennt man nicht mehr das Wort.. von dem Ort. Zuhause hören, sehen, riechen und nicht zuletzt schmecken, Wörter auf der Zunge zergehen lassen: Powidldatschkerl klingt nach dem "Gaulschreck" des Herzmanowsky-Orlando. Topfengolatschen an der Straße gekauft, sie sollen nach böhmischen Vorfahren schmecken. Die gleiche deutsche Sprache? Nicht ganz, zum Glück der Vielfalt, bereits zum Lesen von Elias Canettis "Blendung" hat mir ein Freund aus Wien das Büchel "Wie sagt man in Österreich?" geschenkt, das Duden im Jahr 1969 erscheinen ließ. Es freut mich, dass ich bei so vielen Wörtern in Graz zunächst nicht weiß, was es ist, dass so vieles dem Norm-Code widerstand hierzulande.
Um, wie bei Nestroy, keine Spompanaderln net zu machen und keine Fußnote zu einem etymologischen Wörterbuch zu schreiben, vergesse ich die "akustische Maske" (Canetti) zugunsten der Augen-Blicke und schweifen, in der Maiensonne herum: In den Ortskernen stehen runde Steinbrunnen mit mehr oder weniger heiligen Skulpturen, die immer eine Mondsichel-Majestas-Maria umrunden, die manchmal ganz vergoldet ist, bisweilen ist es nur der Heiligenschein aus Sternen. Himmelskönigin Maria. "Maria, breit den Mantel aus, Schirm und Schutz für unser Haus", singen sie zur Maiandacht. Das klingt an Nachmittagen aus den Kirchen, hier in der Steiermark. Maiwald, zwischen schrägen Weiden ein Friedhof: Gräber seit 1800. Namen und Daten malen Geschichten. In ovalen Goldrahmen nach südlicher Sitte Fotografien, auf weißen Porzellan-Medaillons ein Ehepaar, er mit ohrenbreitem Schnauz im schmalen Gesicht, sie mit Kopftuch ums volle Gesicht über dem Wollmantel. Constantia und Stefan Sallmatter, 31.12.1873 - 12.1.1935. Und 8.9.1875 - 10.12.1942. Johann Moosbichler 1861 und Rosa Schichtl 1894 geboren. ... Dr. Raimund Höpfl und seine geliebte Gattin Theresia Thierschädl. Namen: Domatschitz. Weinkappl. Riegelnegg. Gerngross. Aloisia Mayrold-Doriser. Johann Brodtrager. Isidor Möstl. ... Sprüche: "In des Lebens schönster Blütezeit/ Ruft der Herr dich ab zur Ewigkeit". Ganze Lebensläufe beginnen im Gehirn umgehend Geschichten aufzuschichten, wenn die Augen auf prachtvollen Grabstein sehen: "Mathias Lienhard. Grund-, Schotterwerk- und Gasthausbesitzer vulgo Bauernwirt. 11.11.1907 gestorben im 68. Lebensjahre. Ehefrau Maria, geb. Schafzell, 31.12.1931 im 82. Lebensjahre." Mathias Lienhard. So könnte die erste meiner Grazer Ge schichten heißen.
Wir sind am Mittwoch, dem 9. Mai, mit dem Auto via Spielfeld und über die Grenze nach Slovenja gefahren, ein Weinwirt, ein Lastwagenfahrer, früher hier Grenzsoldaten, waren sich einig, der Wein drüben ist nicht schlechter, aber kaum billiger. Hier war es früher nicht so arg mit der Grenze wie bei euch in Deutschland; mir schien, das Land da drüben ist ihnen noch fern. Die gleichen untergliederten Hügel, hohe und höchste, unterteilt, eingedellt und gewellt, mal runde und mal scharfe Grate, Schlösser und Klöster als Denkmäler, mal barock verspielt, mit roten Zwiebelturmformen, mal castellartig massiv und kantig. Hochgrün sind alle Blätter jetzt im Mai nach soviel Sonne und Regen im Wechsel, sind gar die Rosen aufgeblüht, die lila Schwertlilien, Kirschen schon grüne Früchte, immer wieder Wein, um Maribor auch in Terrassen, sie nennen es "Jeruzalem". Am Hauptplatz in Marburg an der Drau, wie Maribor/Drava in deutschsprachigen Zeiten hieß, steht ein üppiger Barockbrunnen mit vielen Figuren um eine goldene Mariensäule. Wir vergleichen auf der Rückfahrt die Orte mit diesen länglichen Haupt plätzen, ihren Brunnen mit Marien auf Säulen, mal Stein, mal vergoldet. Parallel sind Radgona und Bad Radkersberg, in dem wir am Sonnabend herumgingen. Wir finden die gleiche Ortsstruktur mit vergleichbarem Zentrum, Zeugen gemeinsamer Vor geschichte. Die Wege sind wir immer wieder gefahren, als sollte ein Film daraus werden, soll es ja auch, ein Hinterstirn-Film hat begonnen und läuft immer weiter, so entstehen nun einmal Romane, man kann sie nicht anhalten, es sei denn, man gibt ihnen nach und schreibt auf. So spinne ich meinen halbfertigen Grenz-Roman weiter in Graz:
Nikolaos Arditti, der Flußschiffers-Sohn aus der Canetti-Familie von der Donau, hält Grenzländer für spannender als Binnenländer und sich für den Odysseus der breiten Ströme, der begradigten Flüsse und der linealgeraden Kanäle, Canales, Channels, die wie Kanülen europäische Länder verbinden, nabelschnur-verschlungen die Adern der Flüsse. Mit der Donau fing es an, mein Vater, Nikolaos Elias der Dritte, war genau zur Jahrhundertwende unter Silvesterknallen geboren, zwischen Abendland und Morgenland, Vom Schwarzen Meer hat er beim bulgarischen Rotwein gereimt. Hier wie dort sprechen sie viele Sprachen, die Bewohner sind ein Viel völkergemisch seit uralten Zeiten gewesen, das pulsiert hin und her. ...
Ein alter Mann, ein Deutscher, hat mir erzählt, am Ende seiner Kindheit wäre er alles gern gewesen, nur nicht deutsch. 1945 war er 10 Jahre alt. Das Jahr zuvor fast jede Nacht im Luftschutzkeller: verstört, das immer schon, vor allem aber übermüdet, doch ohne Angst, ... glaubte er heute. Die Erwachsenen irren oft, wenn sie denken, was Kinder fühlen sollen, sagte er. Konsterniert, habe er, ein schmächtiger Junge, durch klebrigen Angstdunst von unten AUF SIE HERAB geschaut, auf die deckenumwickelten wimmernden Erwachsenen. So wie die Mutter, die sechs Jahre jüngere Schwester an die Brust gedrückt, er eine Blechschüssel mit festem Griff umklammerte. In die pflegte er nach der Entwarnung Bombensplitter einzusammeln, mit größter Vorsicht, denn manche seien glühend noch gewesen. Er war bestens informiert: mit 'Christbäumen' waren Quadrate markiert, der erste Bombenteppich, der rumpelnd näherkam, das waren die Sprengbomben, der zweite jener mit dem Phosphor, und dann, nochmals flächendeckend, Sprengbomben, zum Umrühren sozusagen. Draußen lagen dann die Phosphorleichen; solche Leichen sind nicht tot, sie schmoren, qualmen, nackt, die Kleider sind verbrannt, die Haut blasig, verkohlte Flecken zwischen rohem roten und goldgelben Fleisch. Kein Schreien, Röcheln, Stöhnen kam aus den zitternden Körpern, ein hoher Ton, am ähnlichsten einem gleichmäßigen gehemmten Quieken. - Wie auswendig gelernt sagte er es, der Rest der Rede war eher stotternd: "Damals habe ich die Wörter ICH BIN NICHT GETROFFEN gelernt. So penetrant habe ich's Ihnen geschildert, weil ich so oft und auch von Leuten, die sich der Sprache mächtig dünkten, gefragt: ob ich auch richtig BETROFFEN sei, von wegen DEUTSCH ... und so. GETROFFEN, das Wort begreife ich bis heute nicht, und von BETROFFENHEIT war 1945 noch keine Rede. Auch ein paar Monate später nicht, in Leipzig war das: US-MILITÄRS führten gegen Stempel auf Lebensmittel-Bezugsscheinen Schmal filme vor, von dem, was sie in "deutschen Kon zentrationslagern" zu filmen fanden. Da saßen sie wieder, die Mütter mit den Kindern, auf Holzbänken, und nun gingen Soldaten durch die Reihen, leuchteten mit den Lampen in die Augen, dass keiner sie schlösse. VERGESSEN; welche Gnade nach 56 Jahren wäre das, wenn es verschwünde, das Bild, der Ton, dieser Pawlowsche Reflex: - - Sie wissen, was das heißt? Der russische Verhaltensforscher übte mit dem Verknüpfen von Ton und Fressen mit Hunden SABBERN. - - So wie der Speichelfluß der Hunde auf ein Klingelzeichen: HEULEN, das Wässern aus den Augen, bevorzugt beim Liebsten, Sichersten, was ich glaubte einst gefunden, der KUNST. Ein paar Jahre nach Kriegsende in der Thomaskirche zu Leipzig fing es an; 1. Bachfest, Karl Münchinger mit dem "Stutt garter Kammer-Orchester", Bach, Kunst der Fuge, nach dem letzten Ton standen alle auf und auch die neben mir standen, heulten. Wie empört wäre er gewesen, der Thomaskantor Bach, sei es als Amtsperson, als Gott oder Halbgott der Musik, oder als verläßlichster Evangelist aller Künste. "Die Fugen habt ihr nicht verstanden, und was haben die mit euren Greueltaten zu schaffen", hätte er geschimpft, auf Sächsisch. WÖRTER - mit Wörtern konnte ich nie übertünchen, übermalen, zerkratzen, wischen, retuschieren an den Bildern, die in "Brandzeichen-Technik" ins Gehirn gestempelt. "Trauerarbeit", wie verwirrt steht das Wort im Kopf herum, ich sollte Mitleid mit ihm haben, ... so beliebig die Bedeutung.
Ein Künstler schrieb mir aus Athen: "Kunst und Literatur, welches Gesicht wird verborgen ... ein unmoralisches Vergnügen". Da sprudeln die Zitate im Gehirn vom Schönen, das des Schrecklichen Anfang sei, den wir gerade noch ertragen können, ... oder umgekehrt ... all die trefflichen "Fugen" ... über solchen prächtigen Speichelfluß müßten die "Pawlow schen Hunde" vor Neid weinen...
DIE KREATUR LIEBT IHRE GRENZE ... ES IST IHR HIMMELREICH.


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