Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2001

LICHTUNGEN - 87/XXII. Jg./2001

Schwerpunkt:
Literatur aus Brno/Brünn

Kunstteil:
Veronika Dreier

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
87 / XXII. Jg. / 2001, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
Veronika Dreier, Graz, don't arrive without [a] visa..., BAODO 2000 - 2001,
Projekt von Veronika Dreier mit afrikanischen und afghanischen Asylwerbern


EDITORIAL

KEINE ANGST VOR DEM STERBEN

Mit den Terrorflügen in die beiden Hochhäuser in New York hat ein noch nicht abschätzbarer Paradigmenwechsel stattgefunden. Plötzlich wacht die westliche Welt auf und entdeckt, daß das Maß der Verletzbarkeit unendlich groß ist. Eine neue terroristische Metaphysik negiert das menschliche Leben als höchstes Gut - mit dem eigenen Leben der Terroristen beginnend. Die in unserer Geschichte, mit so vielen Niederlagen, immer neu angestrebte Balance zwischen Gottesliebe und Menschenliebe ist außer Kraft gesetzt. Die neue metaphysische Entschlossenheit gebiert die Polarität Gottesliebe - Menschenhaß. Mit diesem Menschenhaß in einem nicht erklärten Krieg haben die Täter keine Angst vor dem Sterben. Diese Form von Terror ist für den westlichen Menschen ziemlich neu. Was bewegt diese Täter? Mit Beklemmung erinnert man sich doch wieder an die oft aufgezeigten Probleme, wie sehr westliche Fortschrittsgläubigkeit, die Technik, der Kapitalismus mit seiner Ausbeutung und der Kolonialismus sowie der Verlust der Religiosität und die Tabuisierung des Todes andere Kulturen überrollten, ja, sie in ihren Werthaltungen verletzt haben. Ein In-sich-Gehen ist in der westlichen Kultur sicher vonnöten.

In einem Gespräch, das völlig unter dem Eindruck dieses dramatischen Geschehens in New York gestanden ist, machte der bosnische Schriftsteller Dzvevad Karahasan in einer feinsinnigen, gedanklichen Rückwendung in die Romantik auf einen bedenkenswerten Umstand aufmerksam. "Die Kunst ist eine Nachahmung der Natur bzw. der Wirklichkeit - lehrt uns jede klassische Poetik. So lange diese Behauptung stimmt, sind das Leben und die Welt (das Weltbild, das uns unsere Kultur bietet) in Ordnung. In Krisenzeiten ist aber eher das Gegenteil der Fall, d. h., man dürfe eher annehmen, daß die Wirklichkeit eine Nachahmung der Kunst ist, wie die Romantiker immer wieder behaupteten. Zu Recht, wie es das Geschehene zeigt."

In diesen Tagen springt uns dieses Problem Wirklichkeit mit fast ungekannter Schärfe an. Wir schütteln immer wieder den Kopf und fragen uns: Was ist real? Was ist Fiktion? Was ist in Amerika wirklich geschehen? Wir entdecken, daß wir seit Jahrzehnten mit solchen Bildern in unseren Köpfen lebten. Die Medien haben diese Bilder, diese Filme in uns eingespeist, virtuelle Welten sind in uns entstanden, sie waren uns vertraut - wesentlich vertrauter als die Wirklichkeit, die uns vor Augen stand. Die Trennung von Wirklichkeit und Fiktion wurde immer unschärfer. Wir bemerkten dies kaum, jedoch wir unterhielten uns dabei blendend, weil wir ja ,in Wirklichkeit'davon nicht betroffen waren. Medienkonzerne haben dabei gut verdient.

Doch der Paradies-Mythos, die reale Himmelfahrt der Terroristen, ein Gedanke von Rüdiger Safranski, geht allein auf Kosten unschuldiger Menschen. Den Opfern und ihren Hinterbliebenen gelten all unsere Zuwendungen. Ohne viel Worte hat dies Marlene Streeruwitz auf die Frage der Folgen im letzten Spektrum der "Presse" hilflos menschlich ausgesprochen: "MEHR NICHT. Trauer. Blut spenden. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Heute."

Markus Jaroschka

INHALT 

LITERATUR    
Zeno KAPRÁL Ein Zeitgedicht: Der Straßenwärter
3
Julian SCHUTTING Über alkäische Odenkunst dich herzumachen, in Hölderlins Schatten
4
Janko FERK Psalm über die Zeit
6
Monika WOGROLLY Die Zaubershow (Erzählung)
8
Bertrand BESIGYE Und du stirbst so langsam, daß du glaubst du lebst (Gedicht)
13
Arkadij BARTOV Lebensbeschreibung des Mister Flinn in neun Bildern
15
Maria M. CERVENKA Gedichte
19
Herbert ZINKL Risse im Gemäuer (Romanauszug)
21
Otto EGGENREICH Gedichte
26
     
NEU VORGESTELLT
Eva GRUBER Italienische Augen-blicke
28
Britta MÜHLBAUER Kino (Erzählung)
33
     
LYRIKPREIS DER AKADEMIE GRAZ 2001
Christoph W. BAUER estrella del norte (1.Preis)
36
     
LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN
15. Stadt im Literaturprojekt "transLOKAL" - Literatur aus europäischen Städten"
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.
Zusammenstellung und Teilübersetzungen: Dr. Christa ROTHMEIER, Klosterneuburg
Christa ROTHMEIER Einleitung: Sgraffitti der Geschichte
42
Ludvík KUNDERA Das Gefühl... (Erzählung)
44
Jan SKÁCEL Zwei Kurzgeschichten
46
Jan TREFULKA Meine Geschichte (Erzählung)
47
Jirí KRATOCHVIL Inmitten der Nacht Gesang (Romanauszug)
50
Jan BALABÁN Der schwarze Widder (Romanauszug)
53
Sylvie RICHTEROVÁ Kriege und Konditoreien (Romanauszug)
55
Jan TREFULKA Janácveks Brünn (Essay)
58
Jirí KRATOCHVIL Und Großmutter feiert ihren neunundneunzigsten Geburtstag (Theaterst.)
62
Roman SIKORA Antigone weggefegt (Versuch einer Tragödie, Auszug)
65
Frantisek HALAS Dolores (Gedicht)
70
Ivan BLATNY Die Stätten und weitere Gedichte
71
Jirí KUBENA Die Villa am Fuße des Spielbergs und weitere Gedichte
78
Oldrich MIKULÁSEK November und weitere Gedichte
84
Jan SKÁCEL Nacht in der Betonsiedlung und weitere Gedichte
85
Zdenevk ROTREKL Das Volk dankt das Vaterland vergißt nicht und weitere Gedichte
87
Ludvík KUNDERA Erinnerungen an Städte/Stätten wo ich nie gewesen bin (Gedichte)
92
Tomás PRIDAL Neue Interpretation holländischer Meister und weitere Gedichte
96
J. H. KRCHOVSKY Todmüd von meiner faden Rolle und weitere Gedichte
98
Slanina Leo BACON Der Petersberg (Gedicht)
100
Zeno KAPRÁL Der Straßenwärter (Gedicht)
101
Vera ROSÍ Weihnachtsfeiertage und weitere Gedichte
102
     
EIN ESSAY  
 
Manfred RIEDEL Lied vom Exil? Nachkriegsbegegnung mit Nietzsche
106
     
KUNST  
 
Werner FENZ Entweder wir haben sie [ ] oder wir brauchen sie [ ].
 
  Zur aktuellen [Kunst] von Veronika Dreier
109-124
Veronika DREIER don't arrive without [a] visa...., BAODO 2000 - 2001, Projekt von
 
  Veronika Dreier mit afrikanischen und afghanischen Asylwerbern
109-124
     
DIE POETIK DER GRENZE ( 13. Teil)
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT
Kenka LEKOVICH I speak Gulasch (Ein Radioessay)
125
     
ZEITKRITIK  
 
Hans PUTZER Genua - New York und zurück!
137
Martin KRUSCHE Mein kühles Extrazimmer
141
     
ZU DEN AUTOREN  
144


15. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, KulturKontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).

Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

15. STADT: LITERATUR AUS BRNO/BRÜNN

Zusammenstellung und Teilübersetzung: Dr. Christa ROTHMEIER, Klosterneuburg.
Mit Unterstützung von Dr. Emil BRIX, Allgemeine Programmplanung in Auslands-kulturangelegenheiten im Auswärtigen Amt und durch das Österreichische Kulturforum Prag.
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001
13. u. 14. Stadt: LITERATUR AUS TIRANA (Albanien) u. PRISHTINA (Kosovo),
                 LICHTUNGEN 86/2001

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt
"GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und süd-osteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Christa ROTHMEIER
SGRAFFITTI DER GESCHICHTE

Brünn, mit rund 400 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Tschechischen Republik, war in der Vergangenheit zweimal mährische Metropole und ist heute Zentrum des Brünner Kreises. Der 1922 in Prag geborene, dort und in Brünn aufgewachsene Literaturwissenschafter Peter Demetz beschreibt in dem Essay "Ein Flaneur in Brünn: 1938"1 die Atmosphäre der Zwischenkriegszeit mit folgenden Worten: "Brünn war damals, vor ‚München', eine national und religiös geprägte Stadt verschiedener Gruppen und Gesellschaften. Sie hatte nicht bloß eine, sondern zwei oder drei Topographien, deren Konturen wie in einer verwackelten Photographie auf den einen Grundriß kopiert waren. Es kam darauf an, ob man Tscheche, Deutscher oder Jude war, oder gar einer wie ich, der überall und nirgends hingehörte..." Die dominanten Persönlichkeiten der damaligen tschechischen Kultur waren die aus Böhmen zugewanderten Schriftsteller Rudolf Tevsnohlídek (1882-1928) und Jirví Mahen (1882-1939) sowie der 1920 aus Prag an die Masaryk-Universität berufene Germanist und Bohemist Arne Novák (1880-1939), der - seit 1937 Rektor der Universität - in den kritischen Jahren 1938/39 durch seine Kritik am Faschismus große persönliche Tapferkeit bewies. Tevsnohlídek ging als Autor des von Leop Janácvek (1854-1928) vertonten Tierepos "Lipka Bystroupka" (Das schlaue Füchslein), 1920, in die Literaturgeschichte ein, Mahen, ein für jüngere Autoren inspirierender vielseitiger Literat, mit dem Drama "Janopík" (1910) und der Theatergroteske "Husa na provázku" (Die Gans am Strick), 1925. Beide schieden durch Selbstmord aus dem Leben, Mahen unmittelbar nach der Okkupation des Landes durch die Deutschen.
Aus der Feder von Arne Novák stammt der vielzitierte Essay "Dupe Brna a jeho kultura slovesná" (Die Seele Brünns und seine literarische Kultur) aus dem Jahre 1936, eine berührende Beschreibung der von der Industrie geprägten Stadt, deren Reiz er in einer besonderen Mischung aus Anmut und Häßlichkeit, von Urbanem und Ländlichem sah. Bei der Bilanz des geistigen Lebens richtete Novák seinen Blick eher ins 19. Jahrhundert. Das zeitgenössische, das zukunftsweisende Brünn mit einer besonders auf dem Gebiet der Architektur agilen Filiale des avantgardistischen "Devevtsil", für den neben anderen der Literaturtheoretiker Bedrvich Vaclávek (1897-1943, Auschwitz) arbeitete, die Aktivitäten des funktionalistischen Architekten Bohuslav Fuchs (1895-1972) und anderes mehr blieben in seiner Hommage - vielleicht der zeitlichen Nähe wegen - ausgeklammert. Auch der Hinweis auf den zwar nach Prag übersiedelten, aber mit der Stadt verbundenen Halas, der zu einem Klassiker der tschechischen Poesie wurde, fehlt.
Die Herausbildung eines eigenständigen Brünner Kulturlebens wird in der Zeit des Protektorats empfindlich gestört. Im November 1939 werden die Tschechischen Hochschulen geschlossen, viele der künftigen maßgeblichen Literaten zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ehe sich die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, die Zdenevk Rotrekl in seinem Buch "Barokní fenomén v soucvasnosti" (Das Phänomen des Barock in der Gegenwart) aus dem Jahre 1987 beschreibt2, wirklich konsolidieren kann, übernehmen die Kommunisten die Macht, abermals eine empfindliche politische Zäsur, wie auch die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Beide sind begleitet von Schriftstellerverfolgungen, Emigrationen, Vertreibungen. In den fünfziger Jahren verschwanden namhafte Autoren wie der mährische, seit 1945 in Brünn lebende katholische Lyriker Jan Zahradnícvek (1905-1960) oder Zdenevk Rotrekl im stalinistischen Gulag, Ivan Blatn?, der Brünn in seiner Dichtung wie kaum ein anderer ein Denkmal gesetzt hat, verliert sich in der Emigration aus dem Gedächtnis der tschechischen Leser, und eine dichterische Persönlichkeit wie Jirví Kubevna reift im nicht-öffentlichen Raum heran.
Einen schweren Aderlaß stellt auch das Jahr 1968 dar: Mit dem 1970 erfolgten Verbot der führenden Brünner Literaturzeitschrift "Host do domu", Kristallisationspunkt des literarischen Lebens, mit Autoren wie Jan Skácel, Oldrvich Mikulápek, Jan Trefulka, Milan Uhde oder Pavel ?vanda, verödet Brünn. Allerdings entwickelt sich abseits der offiziellen Strukturen rasch eine parallele Kultur, die sich - trotz polizeilicher Verfolgung - des Samisdats als Transportmittel bedient und ein Ventil im Theater findet. So entwickelten sich die in den sechziger beziehungsweise siebziger Jahren gegründeten Theater "Husa na provázku" (später "Divadlo na provázku") und "HaDivadlo" zu einem Refugium unangepaßter Kunst und einer raffiniert getarnten Kritik am Totalitarismus und festigten Brünns Ruf als moderne Theaterstadt. Hier wird bis heute jener in die Zwischenkriegszeit zurückgehende avantgardistische und weltoffene Geist gepflegt, für den beispielsweise der 1976 aus seiner Heimatstadt nach Kunptát "emigrierte" Ludvík Kundera, 1946 Mitbegründer der Surrealistengruppe "Ra", steht.
Aus dem bisher Gesagten und den hier abgedruckten Texten geht hervor, daß die in vielen Köpfen verankerte, in die Monarchie zurückweisende Klischeevorstellung von Brünn als einem "mährischen Manchester" oder "Vorort Wiens" überholt ist, und daß es dem Anspruch einer autonomen Kultur- und Literaturmetropole gerecht wird. Unbekannt ist bei uns wahrscheinlich auch, daß aus Brünn ein Milan Kundera, eine Vevra Linhartová oder die heute so angesehene Lyrikerin Viola Fischerová hervorgegangen sind und Bohumil Hrabal, der dem Brünner Masaryk-Ring in der Erzählung "Der Tod des Herrn Baltisberger" in den "Baflern" (1964) ein Denkmal setzte, zumindest in Brno-Zvidenice geboren wurde.
Ich habe in dieser Nummer versucht, die literarische Topographie und die Geschichte Brünns mit allen Peripetien und historischen Traumata zumindest andeutungsweise nachzuzeichnen und neben gebürtigen Brünnern auch "Wahlbrünner" zu Wort kommen zu lassen, in der Hoffnung auf eine vertiefendere Darstellung in der Zukunft. Dort dürften dann das gesamte Spektrum der jüngeren Brünner Literatur und die Präsentation von Verlagen wie "Atlantis", "Host", "Petrov", "Vevtrné ml?ny" (Heimstatt auch für die Stücke Jelineks, Schwabs, Turrinis, Taboris) nicht fehlen, wie auch der Literaturzeitschrift "Host" (Chefredakteur: Miroslav Balaptík) und von Aktionen, wie es der von Trefulka initiierte Wettbewerb "Evropsk? fejeton" (Europäisches Feuilleton) ist. Ich bedauere, daß ich - um zumindest einige namentlich zu nennen - den Dramatiker, Publizisten und Politiker Milan Uhde, den Essayisten Pavel ?vanda, den Regisseur und Schriftsteller J. A. Pitínsk? und eine ganze Reihe renommierter Lyriker wie Jirví Veselsk?, Karel Krvepelka (gestorben 1999) oder Zuzana Nováková und Josef Such?, die man jedoch in der von Alois Vogel und dem Brünner Zdenevk Kozvmín edierten Anthologie "Der Lerchenturm" (Wien 1993) findet, nicht mit Leseproben anführen konnte. Zdenevk Rotrekl wiederum ist hier nicht mit seinem Brünn-Zyklus "Nezdevné mevsto" (Die ungemauerte Stadt), 1978, vertreten, sondern mit der schon in den achtziger Jahren im Samisdat edierten Sammlung "Basic Czech", in der er seine tragischen Erfahrungen mit dem Totalitarismus zu einer Poetik verdichtete, die er als Warnung vor Diktaturen jeglicher Art einsetzte. Ich denke aber, daß die Liebe der Brünner zu ihrer von der Zeit und den Menschenschicksalen gezeichneten Stadt, die literarisch zu verewigen, sich der von der politischen Geschichte selber schwer gezeichnete Jirví Kratochvil zum Ziel gesetzt hat, aus diesen Texten hervorgeht und der Genius loci durch sie spürbar wird. Unübersehbar sind in der Brünner Literatur die Lust zum Experiment zusammen mit einem wachen historischen Bewußtsein und der Sensibilität für Probleme der Gegenwart, wie sie auch Roman Sikora mit seinem Wunsch nach einem Theater, das Stellung bezieht, beweist. Es ist eine Literatur, und eine Kulturgemeinde, die - bis hin zu den Nachkriegsereignissen - auch unbequemen Themen nicht ausweicht und sie verbalisiert, letztendlich auch eine Literatur, die die Erfahrungen unseres gemeinsamen Lebensraumes wiedergibt, wie es in einem auf den Unterschied zu maritimen Völkern Bezug nehmenden Feuilleton von Jan Trefulka aus der jüngeren Zeit deutlich wird: "Glücklich die Menschen, die ihre Energie und ihren Verstand im Kampf mit den Elementen, bei Expansionsbestrebungen nach Übersee, in Wettkämpfen um Kontinente entwickeln konnten. [...] Für einen Mitteleuropäer war das eine vollkommen fremde Welt... Sein Feind war immer mehr der konkrete Mensch als das Fatum, nicht die Elemente bedrohten ihn, sondern der Neid der Nachbarn, der Hochmut des Adels und die Unmenschlichkeit der Bürokratie."3

Anmerkungen:
1 In: Peter Demetz, "Böhmische Sonne, mährischer Mond", Wien 1996, S. 129-142.
2 Zdenevk Rotrekl, "Poválecvn? literární zvivot v Brnev 1945-1948" (Das literarische Leben im Brünn der Nachkriegszeit 1945-1948), in: Ders., "Barokní fenomén...", Prag 1995, S. 186-221.
3 Jan Trefulka, "Strvední Evropa, strach a poezie" (Mitteleuropa, Angst und Poesie), in: Ders., "Bláznova cvítanka" (Lesebuch eines Narren), Verlag Atlantis, Brünn 1998, S. 189.


"DIE POETIK DER GRENZE" (13. Teil)
Ein Projekt mit dem Kulturamt der Stadt Graz
in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Kenka LEKOVICH
I SPEAK GULASCH

Ein Radioessay.
"Eine neue Sprache muß eine neue Gangart haben und diese neue Gangart hat sie nur, wenn ein neuer Geist sie bewohnt" (I. BACHMANN: Fragen und Scheinfragen; W.4, 192).

Stimmen (in der Reihenfolge ihres Auftretens): Sprecher, Rainer Maria Rilke, Grenzexpertin, Grenzoma, Stefan Zweig, Hausfrau an der Grenze, Reiner Linguist, Grenzlinguist, Chingiz Aitmatov, Grenzautor im selbstgewählten Exil, Korrespondent aus Frankfurt, Grenznarzissin,Grenzpsychiaterin, Grenzanthropologin, Nicht-EU-Schriftsteller, Thomas Bernhard, José Ortega y Gasset, Erri De Luca, Daisaku Ikeda.
(Dauer: etwa 50 Minuten)

SPRECHER: Wie immer beginnen wir unsere Sendung mit einem illustren Einstieg. Bevor wir uns dem heutigen Thema zuwenden, hören wir R.M. Rilke. Einen Augenblick bitte, wir werden mit Herrn Rilke verbunden... Herr Rilke, hören Sie uns?
RILKE: "Stimmen, Stimmen. Höre mein Herz, wie sonst nur/ Heilige hörten:/ daß sie der riesige Ruf/ aufhob vom Boden..."1
SPRECHER: Sehr schön, Herr Rilke. Willkommen in unserer Sendung "The turk below the roof. Der Türke unter dem Dach." Könnten Sie uns vielleicht einen Nachdenkanstoß für unseren heutigen Schwerpunkt geben, der unter dem Titel "Das Ende der Grenze" steht?
RILKE: "Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? [...] Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? [...] Ist es möglich, daß die ganze Weltgeschichte mißverstanden worden ist? [...] Ist es möglich, daß man "die Frauen" sagt, "die Kinder", "die Knaben" und nicht ahnt (bei aller Bildung nicht ahnt), daß diese Worte längst keine Mehrzahl mehr haben, sondern nur unzählige Einzahlen. Ja es ist möglich"2
SPRECHER: Gut, das scheint mir ein ausgezeichneter Einstieg zu sein. Ich danke Ihnen, Herr Rilke, wir hören uns später. Kommen wir nun zum Kern unseres Themas. Dazu hören wir unsere Grenzexpertin Anna Pikàbit. Frau Grenzexpertin, kann man heute das Ende der Grenzen in Aussicht stellen?
GRENZEXPERTIN: Darauf will ich Ihnen mit den Worten einer Grenzschriftstellerin antworten, die ich kenne. "Nonna,3 sind nun die Lipizzaner österreichische, italienische oder slowenische Pferde? Ivo hat in der Zeitung gelesen, Österreich, Italien und Slowenien wollen einen Krieg wegen ihrer geliebten Pferde anzetteln (...) Ivo ist verrückt nach den Lipizzanern, er würde sofort fünfzig oder hundert kaufen, leider haben so viele in seinem Zimmer nicht Platz, man braucht dazu einen barocken Stall, und wir haben keinen barocken Stall, nicht wahr, Nonna. Was ist denn so besonderes an diesen Pferden, Oma? Pferde sind nun einmal Pferde. Sprich, wie du ißt. Wie sprichst du Ivo? Ich spreche Gulasch, Iota4, Sauerkraut, Strudel oder Apfelstrudel, Reis- und Pfefferoni-Duvecv, Scampisuppe, gebackene Sardinen, Knödel aus hartem Brot, Erdäpfel in der Terrine mit Kren, haufenweise Kren, wenn ich verkühlt bin, fängt Ivo an herunterzuleiern. I speak Gulasch5.
SPRECHER: Es tut mir leid, Sie unterbrechen zu müssen, aber wir haben ein Gespräch in der Leitung. Einen Augenblick bitte...hören Sie mich?
GRENZOMA: Ja und nein. Was wollen Sie, junger Mann, in meinem Alter...
SPRECHER: Sie wollten uns doch etwas sagen, das Gulasch betreffend, wenn ich mich nicht irre.
GRENZOMA: Ach das Gulasch, damit habe ich 1914 aufgehört, als sie auf ungarisches Fleisch Zoll aufgeschlagen haben. Ich kann Ihnen eine Gemüsesuppe anbieten, was halten Sie von einer guten Gemüsesuppe, junger Mann? Sauerkraut...aus Tirol, aus Südtirol...Wie bitte? Ich höre Sie nicht. Seit 1914 bin ich taub. Ja seit 1914 höre ich nichts, seit damals, als ich und mein armer Kousin, der Joseph Branko6, Witwer, Waisen geworden sind, Exilanten in der Heimat, Asylanten, so ganz plötzlich, Obdachlose...homeless...nennt man dies heute nicht so?...alles auf einmal. Nicht einmal die Röstkastanien konnte der arme Joseph Branko weiter verkaufen. Und noch dazu habe ich Rheuma bekommen, als man sagte: es regnet ...Seit 1914 regnet es ja dauernd in Europa, nicht einen Tag hat es aufgehört zu regnen, es regnet und regnet. Und wer denkt da schon an meine mitteleuropathischen Knochen? Es gibt keine Ordnung mehr, keinen Gott, keine Heiligen, keinen Franz und keinen Joseph, keinen Apfel und keinen Strudel. Nur Regen. Wenn's schon Regen sein muß, aber hier haben sie ja alles herunterregnen lassen, intelligente Bomben, wahnsinnige Rinder, verarmtes Uran...das hat uns noch gefehlt, das Uran der Armen. Seit 1914 kommt hier alles auf uns herab. Mein Gott, Gavrilo, hättest du dein Ziel nicht verfehlen können?!?
SPRECHER: Ich danke unserer Grenz-Oma für ihren überschäumenden Beitrag und gebe das Wort an die Frau Grenzexpertin weiter. Wir hören uns, liebe Frau Grenz-Oma, bleiben Sie bitte in der Leitung, ich bitte Sie darum. In der Zwischenzeit hat uns eine mündliche Botschaft des Herrn Stefan Zweig erreicht; hören wir sie uns an.
ZWEIG: "In der Tat: nichts vielleicht macht den ungeheuren Rückfall sinnlicher, in den die Welt seit dem ersten Weltkrieg geraten ist, als die Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit des Menschen und die Verminderung seiner Freiheitsrechte. Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte, und blieb,
solange er wollte.[...] Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen..."7
GRENZEXPERTIN: Um beim Thema zu bleiben, darf ich mir erlauben, nochmals unsere Grenzschriftstellerin zu zitieren. "Oma Vera hat der Oma Wherloff gesagt, Pferde seien Pferde und Palatschinken eben Palatschinken. Oma Vera hat Palatschinken für die Kinder im Hof gebacken. Wenn diese der Oma Wherloff berichten, sie hätten Palacinche der Oma Vera gegessen, gerät Oma Wherloff in Rage. Palatschinken, so heißt das, Palatschinken, schreit Oma Wherloff. Was schreist du denn, erwidert Oma Vera der Wherloff, sprich, wie du ißt! Palatschinken, man sagt Palatschinken, schreit Oma Wherloff. Aber warum schreist du, wiederholt Oma Vera und startet zum Gegenangriff. Fahr doch nach Österreich und sie geben dir dort Palatschinken, wie du es sagst, fahr hinauf in der Karst und du wirst palacvinke - mit dem slawischen ,cv' bekommen oder palazinche, je nachdem wie die Grenze verläuft, fahr nach Friaul, bestelle Palatschinken und sie bringen dir dann bloß eine statt zwei, weil im Friulanischen der Plural auch der Singular ist, fahr nach Belgrad, und sie verwirren dich mit denselben palacvinke - mit dem slawischen cv von Zagreb; in Ljubljana, Sarajevo und Skoplje genau dasselbe, erst in Budapest ist alles anders, und du ißt palacsinte, in Bukarest erklären sie dir, daß die in Budapest verzehrten palacsinte eigentlich placînte sind, vom Lateinischen ,placenta' kommend, aber in Athen überzeugen dich dann die Griechen, daß sowieso alles vom Griechischen ,plax' kommt. Und Oma Wherloff macht ein Mordspektakel für nichts. Oma Vera hat dann noch gesagt, wer solche Spektakel aufführe, werde, zu Hause eingesperrt, ein tristes Ende finden.8
SPRECHER: Es tut mir leid, wenn ich Sie unterbreche, aber wir haben einen anderen Anruf.
HAUSFRAU AN DER GRENZE: Nicht, daß mich eure Angelegenheit was angehen würde; - Entschuldigung, aber hießen die Dinger früher nicht Crêpes?
SPRECHER: Vielen Dank der Hausfrau an der Grenze für diesen Einwurf; ich gebe die heiße Palatschinke gleich an die Grenzexpertin weiter. Ich füge nur hinzu, daß bei mir zu Hause immer die Rede von Omeletten war oder eigentlich Amelets, denn bei uns hatte man immer so seine Schwierigkeiten mit den Sprachen...
GRENZEXPERTIN: Also, Sie haben gerade ausgesprochen, was ich seit einer halben Stunde zu sagen versuche. Geboren werden, aufwachsen, und das heißt im Grunde existieren in einer Grenzgegend, in einer Übergangslandschaft, bedeutet ja stets ein Wechseln und Grenzüberschreiten von Sprachen und Sprachformen, was noch wichtiger ist als jede andere Form des Grenzverkehrs. Es gibt da Situationen, zum Beispiel in meiner Familiengeschichte - ich komme aus einer absolut multilingualen Familie...
SPRECHER: Für die, die es nicht wissen, unsere Frau Grenzexpertin hat ihre Vorfahren in einer der umstrittensten Grenzstädte in der Geschichte dieser unserer zerzausten Territorien...
GRENZEXPERTIN: Es gibt, wollte ich sagen, Situationen, wo das Überwechseln von einer Sprache in die andere, von einem Dialekt in den anderen, die Norm ist. Die alltägliche Norm; bei mir zu Hause waren das Sitzen um den Tisch und das Herumreichen des Salzes ein ständiges Wechseln in fünf Sprachen und fünf Dialekte.
SPRECHER: Könnten Sie das mit den fünf Sprachen und Dialekten ein wenig erläutern?
GRENZEXPERTIN: Italienisch, Serbokroatisch, oder besser Kroatoserbisch...
SPRECHER: Es tut mir leid, Sie wieder unterbrechen zu müssen, aber wir haben einen neuen Anruf. Herr Reiner Linguist, hören Sie mich?
REINER LINGUIST: Und ob ich Sie höre...! Ich werde mich kurz fassen, die Telekom ist teuer, auch wenn wir - das möchte ich unterstreichen - das Telephon erfunden haben. Ich möchte der Frau Grenzexpertin empfehlen, sich auf den neuesten Stand zu bringen: seit einem Jahrzehnt, ich sage seit einem ganzen Jahrzehnt sind die Sprachen, die unsere Expertin angeführt hat, verboten worden, ver-bo-ten, ich hoffe, ich drücke mich deutlich genug aus. Nicht nur, ich möchte auch festhalten, daß die letzten von mir durchgeführten Forschungen ohne jegliche Fehlerquoten nachweisen, daß das Sanskrit in Wirklichkeit ein kroatischer Slang ist und folglich auch nicht so übermäßig alt.
SPRECHER: Sie haben den Ausdruck Slang verwendet, erscheint Ihnen dieser nicht ein wenig in Widerspruch mit ihren Prinzipien zu stehen beziehungsweise mit den Prinzipien der Reinen Linguistik?
REINER LINGUIST: Erwarten Sie bitte nicht von mir die Verwendung von reinen Begriffen, um allseits bekannte unreine Konzepte anzuzeigen, bastardische, kommunistische, titoistische, antipäpstliche, antiklerikale, antifaschistische, internationalistische, dritteweltliche, unzivilisierte, barbarische...
SPRECHER: Schade, aber die Verbindung ist zusammengebrochen. Ich bitte Sie, Frau Grenzexpertin, fortzufahren.
GRENZEXPERTIN: Bei uns zu Tisch, sagte ich, reichte man das Salz auf Italienisch, Serbokroatisch oder Kroatoserbisch, Deutsch, Ungarisch, Türkisch herum, im fiumanisch-triestiner Dialekt, im istrovenetischen, im napoletanischen, im tschakavischen Dialekt und manchmal auch auf Englisch oder Französisch, nachdem unsere Mutter in London ihre schönen Zeiten verbracht hat und ihr Vater ebensolche, nachdem unser Großvater auf eine Mine getreten und daran gestorben war, in Paris. Wenn die Dinge so beschaffen sind, wenn man also bei einem ganz gewöhnlichen Mittagessen beim Herumreichen des Salzes in zwölf verschiedene Idiome wechselt, werdet ihr verstehen, daß Vielsprachigkeit nicht eine Frage der Ehre ist, sondern schlicht ein Tatbestand. Die Normalität, wage ich zu behaupten. Das Anormale und in gewissen Fällen der Wahnsinn war und ist, gezwungen zu sein zu wählen, sich auf die Seite einer einzigen Sprache zu schlagen, eines einzigen Dialektes und schlußendlich einer einzigen Kultur.
SPRECHER: Entschuldigung, aber wir haben wieder ein Gespräch in der Leitung. Hören Sie uns?
GRENZLINGUIST: Ich bin Grenzlinguist und teile voll und ganz die Überlegungen der Frau Grenzexpertin. Auf die Frage, warum in dem vielen Ursprungsbrei das Bla Bla Blang, kann ich bis heute keine Antwort finden, aus welchem Motiv gerade das Verbum der Stammvater sei anstelle einer väterlichen Geste oder einer mütterlichen Handlung, sei es zum Beispiel ein Kuß auf den Mund oder ein Tritt in den Hintern, je nach persönlicher Neigung oder jener der Gruppe? So bleibt mir nichts als meine bescheidene eigene Erfahrung. Zufällig nämlich war das Dorf an der Grenze, in dem ich geboren bin, zum Zeitpunkt meiner Geburt aus zwei verschiedenen linguistischen Gruppen zusammengesetzt, eine mit (nicht entzifferbare Geräusche) Ausrichtung, die andere (nicht entzifferbare Geräusche). Das Idiom meines Dorfes ist also eine Art Pastiche aus Wörtern, die von den beiden erwähnten Gruppen zu einem Gebräu vermischt wurden. Es ist überhaupt nicht mehr erkennbar, welches die Ausgangssprache gewesen war und welches die Zielsprache ist; man glaubt sich in ein Babylon mit integriertem Getriebe versetzt.
SPRECHER: Könnten Sie uns vielleicht ein Beispiel aus dieser Pastiche anführen?
GRENZLINGUIST: Ich fürchte, es wird unverständlich. Es ist etwa so, als steckten Sie den Kopf in eine Schleuder, eine Zentrifuge, um Ihnen eine Vorstellung zu geben. Und Gott, der diese Schleuder aus purem Neid in Auftrag gegeben hat - um es mit den Worten eines napoletanischen Schriftstellers zu sagen - "griff ein, um ihre Sprachen zu vervielfachen und damit das Werk zu unterbrechen und die Arbeiter zu zerstreuen"9. Ich wage zu behaupten, daß die Brocken der universalen Sprache, die der erste Maurer des Babylons Europa, wo ich geboren bin, mit sich gegen den Himmel mitbrachte, die Existenz von vielen Ich-Göttern, vielen Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich Ich... verraten.
SPRECHER: Einen Augenblick Geduld, es scheint, als gäbe es einige Störungen...
GRENZLINGUIST: ...wie viele Wörter kann ein Mund ausspucken, wie viele Töne sind die Stimmbänder in der Lage, vibrieren zu lassen. Weltnacht, Kristallnacht, Drittes Reich, Elektroschock, Nightmare, Enola Gay, Gulag, Blendung, Shoah.
SPRECHER: Sehr interessant, wir danken unserem Grenzlinguisten und geben das Wort an die Grenzexpertin zurück.
GRENZEXPERTIN: Ich finde mich voll und ganz im Einklang mit dem Herrn Grenzlinguisten: in dieser unreinen Welt ist die Reinheit der Sprache nur eine Erfindung. Es genügt, das Große Wörterbuch des Triestiner Dialekts aufzuschlagen oder das Große Wörterbuch der Fremdwörter in der Kroatoserbischen oder Serbokroatischen Sprache, die für meine persönliche Bildung die Funktion von Heiligen Schriften innehatten, die unerläßlich fürs Überleben waren... Also, wenn ihr im Großen Lexikon des Triestiner Dialekts blättert, werdet ihr nicht ein einziges Wort finden, dessen Wurzel sicher feststellbar ist. In der Mehrzahl der Fälle haben wir wenigstens zwei oder drei Wurzeln, wenn nicht gar mehr wie zum Beispiel beim Wort ,clonz', das im Grunde auf etwas Sperriges verweist, das einen stolpern läßt, eine Art harter, rauher Klumpen, aber auch auf etwas, das uns auf die Schaufel nimmt. Je nachdem, ob man den slowenischen Stamm ,kloncvniti' vorzieht: torkeln, den deutschen ,Klotz': Sockel, den Lateinischen ,colonus': Bauer oder den englischen ,clown': Spaßmacher. Im Großen Wörterbuch der Fremdwörter des Kroatoserbischen oder Serbokroatischen, nimmt die Zentrifuge astronomische Dimensionen an. Da zählt man über 60 Idiome, vom Jüdischen bis zum Tatarischen, Türkischen zum Flämischen, Armenischen zum Zigeunerischen, vom Gotischen zum Altslawischen. Diese sogenannten Fremdwörter sind nichts anderes als jene Wörter, die jeder Südslawe vom Triglav bis zum Eisernen Tor - wie man einst sagte - völlig natürlich, zusammen mit seinem täglichen Brot, im Mund hatte, ohne daß dies besonders auffiel. Für einen Träger der sogenannten Grenzidentität wäre es schlußendlich gänzlich undenkbar, wenn nicht komisch, grotesk, tragisch, sich auf diese oder jene ethno-national-kulturelle Seite schlagen zu müssen. Am ehesten könnte ich mich noch jener Sprache, die ich gerade spreche, zugehörig erklären, und in diesem Fall würde es bedeuten, mich aufzulösen.
SPRECHER: Sie verzeihen mir das unglückliche Zitat, aber Sie wollen uns eigentlich sagen, ihre Sprache sei ihr Zuhause. Daß die "Sprache das einzige Haus des Seins" ist, das einzig mögliche Haus (Heidegger)?
GRENZEXPERTIN: Ja, aber es ist dies nur eine Seite der sogenannten Medaille.
SPRECHER: Über die andere wird nun der kirgisische Schriftsteller Chingiz Aitmatov zu uns sprechen. Einen Augenblick Geduld, wir warten auf die Verbindung mit Herrn Aitmatov. Herr Aitmatov, hören Sie uns?
AITMATOV: "Auch dann, wenn die Individuen sich mit dem heimlichen Wunsch an Gott wenden, seine Stimme zu hören, riechen sie nichts anderes als sich selbst und die eigenen Worte..."10
SPRECHER: Sehr schön, Herr Aitmatov. Herr Aitmatov, Sie, der Sie am eigenen Leib die dunkle Macht der Sprache erfahren mußten, im vorliegenden Fall sprechen wir über eine destruktive, zerstörerische Gewalt, eine Sprache des Regimes, welche den Menschen ihre grundlegenden Werte wie die Freiheit geraubt hat...des Wortes - nun also - wie würden Sie, Herr Aitmatov die Sprache definieren?
AITMATOV: "Es gibt keine unbehausten Worte. Die Menschen selbst sind das Haus der Wörter, ihre obersten Gebieter [...] Die Wörter leben in uns, sie dienen uns ergeben vom Moment unserer Geburt an bis zu jenem, wann wir sterben. Die Wörter tragen das Gewicht der Welt, der Seele und der Weite des Kosmos."11
SPRECHER: Wir danken Herrn Aitmatov und geben das Wort an unsere Hörer weiter. In der Leitung haben wir nun einen Grenzschriftsteller im Exil...
GRENZSCHRIFTSTELLER IM SELBSTGEWÄHLTEN EXIL: selbstgewähltes Exil, um genau zu sein. Das sage nicht ich, sondern meine Kollegin Vera Linhartova.12
SPRECHER: die Linhartova?
GRENZSCHRIFTSTELLER IM SELBSTGEWÄHLTEN EXIL: Linhartova, die 1968 Prag verließ, um nach Paris zu gehen, ist davon überzeugt, daß das sogenannte Exil des in seiner sogenannten Heimat verfolgten Schriftstellers im Grunde eine freie Wahl darstellt, eine gewollte, ja mehr noch: eine gesuchte. Seit dreißig Jahren lebt Frau Linhartova in Frankreich, schreibt auf Französisch, und es kommt ihr nicht einmal in der Vorkammer ihres Gehirns in den Sinn, dorthin zurückzukehren, von wo sie gekommen ist. Es geht ihr dort, wo sie nun lebt, gut; sie ist eine freie Weltbürgerin und dazu auch eine freie Schriftstellerin.
SPRECHER: Verzeihen Sie die ein wenig banale Frage, aber wenn nun die Linhartova auf Französisch schreibt, ist sie dann noch als tschechische Schriftstellerin, oder ist sie bereits als französische zu betrachten?
GRENZSCHRIFTSTELLER IM SELBSTGEWÄHLTEN EXIL: Dieselbe Frage hat sich auch Kollege Kundera gestellt. Mit Kundera antworte ich Ihnen: "Nein. Sie ist nur anderswo. Anderswo wie einst Chopin. Anderswo wie später, ein jeder auf seine Weise, Nabokov, Beckett, Stravinskij, Gombrowitz."13 Ich meine: dieses "anderswo" ist die Grenze, von der ihr gerade sprecht. Und wenn ich recht verstanden habe, dann wollt ihr wissen, wie man sie sich besorgt, wie man sich eine Identität der Grenze oder des Anderswo aneignet. Ich will euch nicht enttäuschen, doch in diese Grenze oder in dieses Anderswo wird man hineingeboren, werden kann man es nicht. Es genügt der Akt der Geburt am richtigen Ort zur richtigen Zeit, und sofort findet sich jemand mehr als Kind der Grenze (oder des Anderswo) denn als Kind bloß irgendeiner (guten) Mutter. Wo liegt hier der Unterschied, eine Hure bleibt eine Hure, sagt ihr mir. Fragt mich nicht weiter danach, ich habe keine Einblicke in soziologische Fragen. Ich weiß aber zu gut, daß die Nachrichten, die euch von der Buchmesse erreichen, auf andere Dinge anspielen...
SPRECHER: Einen Augenblick bitte, wir warten auf die Verbindung mit Frankfurt. Noch einen Augenblick...So, da sind wir nun, direkt von der Buchmesse...
FRANKFURTER KORRESPONDENT: "Es herrscht die Überzeugung - das ist wieder einmal bestätigt worden - daß die Literatur eine wesentliche und unersetzliche Funktion im Leben jedes Einzelnen innehat. Die politischen, soziologischen, psychoanalytischen Diagnosen genügen uns nicht mehr; und daher ist es die Literatur, wo die grundlegenden Antworten auf die großen ursprünglichen Fragen gegeben werden."14
GRENZSCHRIFTSTELLER IM SELBSTGEWÄHLTEN EXIL: Die üblichen Schokoladenbomben, die bekannten journalistischen Schokobomben. In einer Woche werden sie behaupten, daß die Literatur tot sei und es keine Schriftsteller mehr gebe, die sich solche nennen dürfen und daß alles vorhersehbar gewesen und daß es nach alledem so viel besser sei, und wir haben bloß vergeblich versucht, Bill Gates die Schuld in die Schuhe zu schieben. Doch ich bin nicht Bill Gates. Kein soziales Mandat für uns Schriftsteller, sondern Schaufel und Krampen, pala e piccòn15, bis zur nächsten Buchmesse. Weil wir gerade dabei sind, habt ihr schon das Neueste aus Frankfurt gehört? Die Bibliotheken, so heißt es, sind dabei, die Mauern zu beseitigen.
SPRECHER: Meine Damen und Herren, direkt von der Buchmesse...
FRANKFURTER KORRESPONDENT: "Der elektronische Text wird nicht mehr an ein spezielles Objekt gebunden sein, sei es nun ein Computer oder ein elektronisches Buch. Die Texte werden den Raum überschreiten und den Leser auf irgendeiner geeigneten Oberfläche erreichen..."16
GRENZSCHRIFTSTELLER IM SELBSTGEWÄHLTEN EXIL: Wer es noch nicht verstanden hat: in Kürze wird die Göttliche Komödie auf dem Airbag des Fahrrads verfügbar sein oder auf eurem Lieblingspräservativ sowie auf dem Klodeckel, und wer die schlimme Angewohnheit hat, im WC zu lesen, wird nicht mehr in die Verlegenheit kommen, einen unpassenden Gebrauch des fünften Gesanges vom
Paradies zu riskieren. Und da sind wir auch schon beim Thema Schengen für das Buch...
SPRECHER: Danke sehr, Herr Grenzschriftsteller im selbstgewählten Exil; kehren wir zur Frage zurück, die vorher unsere Frau Grenzexpertin aufgeworfen hat. Frau Pikàbit...entschuldigen Sie die Neugier, aber wo liegt eigentlich der Ursprung Ihres Familiennamens?
GRENZEXPERTIN: Um die Wahrheit zu sagen, es handelt sich um einen Künstlernamen, den ich meiner Großmutter verdanke. Meine Großmutter rief mich Anna oder Ana Pikàbit, und schon als Kind, auch nur, um von einem Zimmer ins andere zu gehen, pflegte ich die ganze Wohnung mit mir mitzunehmen, wie sich die Großmutter ausdrückte. Leider ist meine Großmutter verstorben und hat ihr Geheimnis mitgenommen, das heißt die Etymologie des Wortes Pikàbit, aber ich vermute, es handelt sich um eine der zahllosen Verdrehungen eines slavo-germanisch-italisch-uralataischen Wortes, das grob gesagt wohl ,Schrank' geheißen haben mag.
SPRECHER: Interessant. Aber kommen wir zum Thema unserer Sendung zurück. Sie, Frau Grenzexpertin, behaupten, daß man die Grenzen in der Sprache überschreitet. Sind wir damit, um es salopp zu sagen, an eine Art philologisches Schengen gelangt. Und was wird dieses Schengen mit sich bringen?
GRENZEXPERTIN: Vor allem und zumeist...
SPRECHER: Es tut mir leid, Sie unterbrechen zu müssen, aber wir haben ein neues Gespräch. In der Leitung ist das Fräulein Grenznarziß.
GRENZNARZISSIN: Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich...Ich habe alle meine Dokumente in Ordnung. Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich ich habe alle Pässe, alle Passierscheine, alle Identitätsausweise, alle Aufenthaltsgenehmigungen, alle Transitgenehmigungen, ich habe alle Dokumente, wie sie beschaffen sein müssen, ich. Mir, mir, mir, mir, mir, mir, mir, mir...mir ist jenes langsame und langweilige, progressive Aufstehen aus der Krankheit und den Krankheiten der Zeiten erspart geblieben; ich muß hier keiner Lehrzeit hinterherlaufen, sie mir mit dem Ellbogen und Stößen in die Rippen der Anderen erwerben; ich bin bereits vorverpackt auf die Welt gekommen, vorgekocht, vorerkrankt. Mit anderen Worten: vorbereitet auf alles, auf jede Art solitärer und globaler Verwüstung. Das Zerfleischen, das früher oder später aufgrund eines unabänderlichen Gesetzes unserer Kultur jeden von uns trifft, ist in meinem Fall schon begangen worden, in der Generalprobe der Schöpfung; jeder Primat fröhlichen oder traurigen Verderbens steht daher mir wegen dieses natürlichen Vorrechtes zu. Ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich genieße Privilegien, von denen ihr nicht einmal träumt, und wenn ihr es tätet, wären es Alpträume, unvorbereitet wie ihr auf paranormale Ereignisse einmal seid.
SPRECHER: Einverstanden, aber kommen wir bitte zum Kern der Sache.
GRENZNARZISSIN: Sind Sie nicht überzeugt? Verständlich, denn seit 1914 reden sie euch ein, Kugeln von Unbekannten nicht zu akzeptieren und was Unbekannteres kann es auf dieser Welt geben als eine Identität der Grenze? Essay auf Essay, Abhandlung über Abhandlung, Traktate und Traktakte, Worte und nochmals Worte sind über das Thema veröffentlicht worden, ich unterstreiche: veröffentlicht worden; die Menschen sind daran gestorben, nicht einmal der Nahostkrieg hat so viele Opfer verursacht und trotzdem, ihr wißt so viel wie früher, wenn nicht weniger. Als genügte es nicht, die Dinge durcheinanderzubringen; um euch das Leben zu erschweren, haben sie euch nun die Schengen-Geschichte aufgetischt. Aber ich vertraue nicht auf Schengen; ich habe sie letztes Mal in Villach gesehen, im ,Romulus', den Paß bitte, ist das Ihre Kalashnikov, aber nein, ich darf doch kein Gewicht herumschleppen; ich habe gesehen, wie sie im Gepäck eines Typen mit Kampfanzug gewühlt haben, und das hier, sind doch Drogen, nun, was wollen Sie, Drogen nach EU-Norm; ich habe gesehen, wie sie mit dem Verweis auf die EU-Normen gekontert haben. Wenn einmal geklärt ist, daß Schengen der Streich des Jahrtausends ist, und fragt mich nicht, welcher, so habe ich, wie ihr auch, noch nicht verstanden, ob dieses Jahr 2000 schon begonnen hat oder ob es erst 2001 beginnt; wenn einmal geklärt ist, daß Schengen nicht existiert und wenn es existiert, betrifft es nicht die Passagiere des Eurocity ,Romulus' von Rom nach Wien, kommen wir dann zum Kern der Sache. Oder zu mir, mir, mir, mir, mir, mir, mir, mir...
SPRECHER: Herzlichen Dank der Grenznarzissin. An dieser Stelle möchte ich gern unsere Grenzpsychiaterin befragen, die, ich erinnere daran, hier bei uns im Studio Tag und Nacht zur Verfügung steht, um im Notfall eingreifen zu können. In Zeiten wie diesen weiß man ohnehin nicht...
GRENZPSYCHIATERIN: Offen gestanden wundere ich mich, daß ich erst jetzt befragt werde. Denn hier gibt es, wie mir scheint, einen Notfall nach dem anderen.
SPRECHER: Frau Psychiater, in der heutigen Zeitung stoßen wir auf folgenden Titel: "Panikattacken, die Grenze verdoppelt sie"17 Will das nicht sagen, daß die Grenzbewohner öfter als die anderen ihren Kopf verlieren. Können Sie dies bestätigen?
GRENZPSYCHIATERIN: Nun, eine gewisse Prädisposition konnte in der Tat festgestellt werden, wie ja übrigens das Beispiel der Grenznarzissin gezeigt hat.
SPRECHER: Können wir also sagen, wie eine bekannte Grenzanthropologin in einem Interview mit uns festgehalten hat, daß die Grenze auf ein einziges Grundkonzept hinausläuft: wo immer du dich hinstellst, du bist immer am falschen Ort. Hören wir die Aufzeichnung dieses Interviews.
GRENZANTHROPOLOGIN: Um Ihnen das Konzept näher zu bringen, erzähle ich Ihnen eine Anekdote aus meiner Familie. Eines Tages hat meine Mutter mir und meinem Bruder zwei völlig idente Schildkröten gekauft, heute würde man sagen: geklonte. Sie wurden Schildkröte A und Schildkröte B genannt. Ich, die ich älter bin und eine austro-hungarische Erziehung genossen habe, überlasse meinem Bruder, der jünger ist und eine eher amerikanische Erziehung hatte, die Wahl der Schildkröte. Mein Bruder entscheidet sich für die Schildkröte A, die Schildkröte B steht daher mir zu. Kaum war die Schildkröte B mein Besitz, ändert mein Bruder seine Ansicht und will die B haben anstelle der Schildkröte A. Sobald die Schildkröte A meine geworden war, will sie mein Bruder wieder zurück haben und so fort. Um es kurz zu machen: mein Bruder will weder die Schildkröte A noch die Schildkröte B, er will immer die jeweils andere Schildkröte haben, jene, die gerade meine geworden ist. Mein Bruder will also meine Schildkröte, was unmöglich ist, außer man setzt dieses Spiel des Schildkrötentausches ins Unendliche fort. So kommt es, daß ich der Sache überdrüssig werde und ihm beide überlasse, doch von diesem Moment an, als keine Schildkröte mehr mir gehört, weil beide seine geworden sind, will er sie nicht mehr haben, und meine Mutter schenkt sie den Nachbarskindern, die zu Dritt sind. Anfangs beschließen diese, sich die Schildkröten turnusweise zu überlassen, ganz demokratisch, aber da sie keine Erfahrungen in Sachen Demokratie besitzen, gehen sie bald zu einem totalitären System der Schildkrötenverwaltung über, das innerhalb kurzer Zeit den ersten Krieg der Schildkröten in der Geschichte unseres Hauses vom Zaun bricht. Wie man sich vorstellen kann, finden dabei die Schildkröten ein schlimmes Ende.
SPRECHER: Wie kommentieren Sie diese Episode, Frau Psychiater?
GRENZPSYCHIATERIN: Es ist nicht wegzuleugnen, daß ein Grenzbewohner der Gefahr der Verdoppelung, der Fragmentierung, des Sich-Zerreißens, der Selbstauflösung, des Abgleitens in Schizophrenie stärker ausgesetzt ist. Andererseits ist die Schizophrenie nicht immer notwendigerweise als Übel zu bezeichnen: sie kann auch eine sehr gute Abwehr der Einsamkeit gegenüber sein.
SPRECHER: Heißt das, mit der Schizophrenie bleibt man nie allein?
GRENZPSYCHIATERIN: Entschuldigung bitte, aber nun muß ich euch allein lassen. Die Regie zeigt mir nämlich einen Notfall an. Es scheint, als wäre in der Redaktion ein Anfall kollektiver Panik ausgebrochen. Sie schaffen es nicht, die Nachrichten zu senden, sie haben bloß dreißig ertrunkene Kurden und nicht einmal einen Albaner. Ich grüße euch alle.
SPRECHER: Ich erinnere die Hörer an dieser Stelle daran, daß gemäß EU-Norm eine Nachrichtensendung ein Minimum von hundert ertrunkenen Illegalen am Tag vorsieht, von denen wenigstens 50 aus Albanien kommen sollten; Frauen und Kinder wiegen das Doppelte. Zu diesem Aspekt haben wir auch einen Nicht-EU-Schriftsteller hier, der Herrn Zweig eine Frage stellen möchte, vorausgesetzt, er hört uns noch zu.
NICHT-EU-SCHRIFTSTELLER: Ich möchte Herrn Zweig fragen, was er von jener Verfügung eines gewissen EU-Landes hält, das die Abnahme von Fingerabdrücken von Nicht-EU-Immigranten vorsieht?
ZWEIG: "Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt.[...] Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren [...], wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist [...] Wieviel ist unserer Produktion, unserem Schaffen, unserem Denken durch diese unproduktive und gleichzeitig die Seele erniedrigende Quengelei genommen worden! [...] Ständig wurde man vernommen, registriert, numeriert, perlustriert, gestempelt, und noch heute empfinde ich als unbelehrbarer Bürger einer geträumten Weltrepublik jeden dieser Stempel in meinem Paß wie eine Brandmarkung, jede dieser Fragen und Durchsuchungen wie eine Erniedrigung."18
SPRECHER: Danke Herr Zweig. Wie wir klar ersehen können, hat sich die Welt nicht verändert. Wie dem auch sei, wir geben das Wort an die Frau Grenzexpertin zurück.
GRENZEXPERTIN: Wo sind wir stehengeblieben? Ich fühle mich ein wenig durcheinandergebracht...
SPRECHER: Daß es ein neues Ozonloch geben soll? Auch ich bin heute nicht voll in Form. Aber, zurückkehrend, wir sprachen über das philologische Schengen. Welche Rolle wird der Sprache in der Überwindung der Grenzen zufallen?
GRENZEXPERTIN: Vor allem und zumeist betrifft das philologische Schengen eine tiefe Reform des menschlichen Charakters, eine Reform, die ich spirituelle bezeichnen möchte. Wenn wir an die Sprache als Wohnort unseres Seins denken, wenn wir denken, die Worte zu bewohnen oder gar, um Herrn Aitmatov zu zitieren, von den Worten bewohnt werden, dann müssen wir uns vor allem über die aktuelle Wesenheit dieses unseres ,Seins' den Kopf zerbrechen. Schauen wir uns einmal unsere Idee der Humanität und die Werte, die ihr zugrunde liegen, näher an. Bereits Kant hat auf die Unzulänglichkeit einer der Säulen, auf denen sie steht, die griechische Definition des Menschen als rationales Tier, hingewiesen. Weder die Animalität noch die Rationalität reichen aus, um die Humanität des Menschen begründen. Es braucht dazu - so Kant - der Spiritualität oder der Persönlichkeit. Und diese Spiritualität geht uns heutzutage völlig ab. Unser Problem, und Herr Rilke wird das bestätigen können, ist ein spiritueller Notfall. Wenn uns dieses dritte, fundamentale Element fehlt, dann gilt dies auch für unsere Sprache. In wenigen Worten: wir sprechen und wissen nicht, was wir sagen. Um nochmals unsere Grenzschriftstellerin zu zitieren:
"Du hast die Kontrolle über dich selbst verloren. Von dir in eine Sprache außerhalb deiner selbst gejagt. Nie wurde ein Wort über dich gesagt, und doch wirst du besprochen, ausgeplündert, ausgeleert, ausgenommen, versteinert. Ununterbrochen wirst du artikuliert, buchstabiert, getuschelt, geplappert, zerschnitzelt, gestottert, gemurmelt, gebrummt, konversiert, geschwätzt, gegurgelt, geschnattert, zugeflüstert, gestammelt, gegrölt, aufgeschrieen, geplaudert, deklamiert, ausgeatmet, Worte gekaut, verhaspelt, gezischt, gepredigt, deliriert. Du wirst ununterbrochen durch die Sprache, die von dir Besitz ergreift, verunglimpft."19
SPRECHER: Sie lesen in meinen Gedanken, Frau Grenzexpertin, und wohl auch in denen unserer Zuhörer. Aber nun haben wir Herrn Bernhard in der Leitung, Thomas Bernhard.
BERNHARD: "Wir sagen etwas und sehen ganz klar und wissen im nächsten Augenblick gar nicht mehr, was wir gerade gesagt haben [...] Nietzsche, hatte ich zu Gambetti gesagt, ich klopfe mir an den Kopf und er ist leer, vollkommen leer. Schopenhauer, sage ich mir und ich klopfe an meinen Kopf und er ist leer. Ich klopfe an meinen Kopf und sage Kant und ich habe einen vollkommen leeren Kopf. [...] Sie denken an einen ganz und gar alltäglichen Begriff und Ihr Kopf ist leer. Nichts. Gar nichts ist in Ihrem Kopf, wenn Sie einen solchen ganz und gar alltäglichen Begriff begreifen wollen. Tagelang gehen Sie mit einem solchen leeren Kopf umher und klopfen daran und stellen immer nur fest, daß er vollkommen leer ist. Das macht verrückt, wahnsinnig, unglücklich..."20
SPRECHER: Sehr schön; wir danken Ihnen sehr, Herr Bernhard. Frau Grenzexpertin, stimmen Sie also mit Herrn Rilke überein, wenn er sagt, die Weltgeschichte sei mißverstanden worden?
GRENZEXPERTIN: Mehr als alles andere denke ich, ist sie vernachlässigt worden. Ich glaube, wir sind Schuldner unserer wahren Geschichte gegenüber, welche nicht die Ereignisse betrifft, auch nicht die eigentlich historische Zeit und noch weniger jene chronologische, sondern die "existentielle" Zeit, um den britischen Historiker Arnold Toynbee zu zitieren.
SPRECHER: Leider muß ich Sie unterbrechen, aber wir haben eine Leitung nach Spanien. Am Apparat ist José Ortega y Gasset. Herr Ortega, was ist hinsichtlich der Entleerung der Sprache als Konsequenz der Entleerung des Geistes beziehungsweise der existentiellen Zeit zu sagen?
ORTEGA: "Wenn wir sagen, daß die Geschichte sich zur Aufgabe stellt, den Ablauf des menschlichen Lebens festzustellen, so kann man sicher sein, daß, wer diese Worte hört und sich wiederholt, sie hohl nachdenkt, das heißt, er vergegenwärtigt sich nicht die wahre Wirklichkeit, die das Menschenleben darstellt, denkt also nicht den ganzen Inhalt dieser Idee, sondern braucht die Worte nur wie eine leere Gebärde, wie eine leblose Ampulle, die ein Schildchen mit der Aufschrift trägt: "Menschliches Dasein".[...] Ich gebrauche also diese Worte auf Treu und Glauben, auf Kredit, wie ich einen Scheck annehme im Vertrauen darauf, daß ich ihn nach Wunsch am Schalter einer Bank gegen klingende Münze eintauschen kann."21
SPRECHER: Welche Luzidität, Herr Ortega. Ich gestehe, allein wäre ich niemals auf diese Gedanken gekommen.
ORTEGA: "...womit wir denn nicht mehr als Schecks haben, jedoch nicht das von ihnen verbürgte Bargeld; kurzum, wir sind geistig eine Bank im Zustand des betrügerischen Bankrotts. Betrügerisch, weil jeder Mensch mit seinen Gedanken lebt, und wenn diese falsch und hohl sind, so verfälscht er auch sein Leben und betrügt sich selbst."22
SPRECHER: Wir danken Herrn Ortega für diese außergewöhnlich präzise Erläuterung. Nach Schengen kann also gar nichts anderes als der philologische Bankrott nachfolgen...Wie bitte? Heute laufen die Leitungen heiß. Ein Anruf aus Neapel, wie haben sie uns nur so tief unten hören können? Hat die Redaktion doch jenen gepriesenen interkulturellen Relaissender angeschafft... Wie auch immer, wir haben nun den Schriftsteller Erri De Luca in der Leitung, der uns gern etwas hinsichtlich der alten Sprache Israels sagen möchte.
ERRI DE LUCA: "Es handelte sich um Elemente einer Sprache, die im selben Ausdruck, davàr, sowohl den Akt als auch das Wort einschließt. Wahrscheinlich hat kein anderes Idiom das nackte menschliche Sprechen an solche Verantwortung geknüpft. Es findet sich am äußersten Rand einer Waage, auf deren anderen Seite das Ereignis steht. Die menschliche Kreatur, Frucht dieser unendlichen Maschinerie, ist gezwungen, in sich das Gleichgewicht zwischen zwei Tellern zu halten und dafür zu sorgen, daß sie sich aufheben..."23
SPRECHER: Danke De Luca. An dieser Stelle möchte ich den Überraschungsgast unserer heutigen Sendung vorstellen. Meine Damen und Herren, eine Direktschaltung nach Tokyo zum Philosophen
Daisaku Ikeda. Frau Grenzexpertin, wollen Sie Herrn Ikeda eine Frage stellen?
GRENZEXPERTIN: Oh, ich fühle mich geehrt. Also, Herr Ikeda, in ihren Büchern und Vorträgen sprechen Sie oft von der Notwendigkeit, die Sprache der spirituellen oder der Humanspäre zurückzugeben. Was verstehen Sie eigentlich unter ,spiritueller Sphäre'?
IKEDA: Gemäß dem großen Philosophen des Buddhismus, Mahayana Nagaryuna hat das Wort einzig und allein einen instrumentellen Wert: die absolute Wahrheit aller Phänomene reicht über das Sprachliche hinaus und kann von diesem nicht näher bestimmt werden. Er interpretierte das Konzept des ,Buddhismus' als ,abhängiger Ursprung' in den Termini ,Leere' und ,Potentialität'. Diese Potentialität ist die Essenz des Realen, die das Sein und das Nicht-Sein transzendiert. Alle Dinge, alle Phänomene, Lebewesen nehmen an derselben Natur teil und sind miteinander vielfältig verbunden. Der indische Philosoph beschreibt diese Interdependenz, indem er von Fall zu Fall nachdrücklich feststellt, was es gerade nicht ist. Man darf also nicht Gefangener der Worte werden, auch nicht jener wie "abhängiger Ursprung" oder "Potentialität", denn wenn dies geschieht, verliert man die wahre Dimension aus den Augen, die eben in der Abwesenheit von Definitionen besteht. Die Wirklichkeit mit Worten festhalten bedeutet demnach, die dynamische Osmose von Vollbrachtem und Noch-nicht-Vollbrachtem zu annullieren und die Illusion zu erwecken, daß eine temporäre Stabilität eine ewige Stabilität sei." 24
SPRECHER: Welche Wahl haben wir also, Herr Ikeda?
IKEDA: "Wir können über die Grenzen, die uns durch die Worte aufgezwungen werden, hinausgehen und zur Essenz der Wirklichkeit selbst vordringen. Das setzt voraus, daß wir alle Unterscheidungen zwischen Gewinn und Verlust überwinden, zwischen Liebe und Haß, Schön und Häßlich, Gut und Böse, also zwischen allen Dichotomien, die uns die Sprache auferlegt."25
SPRECHER: Eine schöne Aufgabe...
IKEDA: "Wir müssen unsere Sprache stets im Griff haben und sicherstellen, daß sie immer den Interessen der Humanität dient. Wir dürfen nie das aus den Augen verlieren [...], was zählt, d. h. das Volk."26
SPRECHER: Was müssen wir dafür konkret tun?
IKEDA. "Wir müssen uns um den Dialog auf der Basis unserer gemeinsamen Humanität bemühen. Ich glaube, daß nur dann, wenn wir uns dieser sehr schwierigen Herausforderung stellen, wir uns selbst und unsere Gesellschaft verändern werden können."27
SPRECHER: Sehr gut. Wir danken Herrn Ikeda und übergeben das Schlußwort unserer Frau Grenzexpertin. Frau Grenzexpertin, wie sehen Sie nun die Frage der Grenze vor dem Hintergrund des eben Ausgeführten?
GRENZEXPERTIN: Wenn ich es richtig verstanden habe, dann sind für Herrn Ikeda das Leben und die Sprache des Lebens wie ein unaufhörlicher Fluß zusammenzudenken, ein Fluß ohne Grenzen, wo wir selbst integraler Teil des Ganzen sind. Dieser unaufhörliche Fluß ist nun, soweit wir das wahrnehmen können, in geradezu paradigmatischer Manier das Leben einer Grenz-Realität. Die eben eine Realität unaufhörlicher Flüsse ist, aufgereizter Transitströme. Ich glaube, hier an der Grenze-confine-meja-granica-border zu sein, um diesen Fluß verstehen zu lernen. Ich glaube, an der Grenze zu sein, weil ich mich hier zu Hause fühle. Wenn ich Haus sage, dann meine ich weniger einen bestimmten Ort, einen familiären Stil, eine Natur, eine Architektur, einen Karst oder ein Café, das mich an meine erste Hauptstadt erinnert: an Vienna-Wien-Vindobona-Dunaj-Bec´, sondern eher an eine Zeit. Und dabei wiederum nicht an eine historische, sondern an eine existentielle Zeit. An ein Uhrwerk, demzufolge die Minuten und Stunden nach einem Rhythmus geschlagen werden, der sich von allen bisherigen unterscheidet. Ich nenne das fortan die Zeit des Transits. Um in diese Zeit einzutreten, benötigt man natürlich ein Visum, ein Transitvisum. Meine Definition des Transitvisums trifft sich dabei einmal mit der der Fremdenbehörde, häufiges Ziel meiner Grenzspaziergänge. (Wie fast alle Bewohner einer Grenze spaziere ich viel und häufig, auch mehrmals am Tag.) Der amtlichen Definition nach bedeutet ein Transitvisum die "Erlaubnis, durch ein Land zu fahren, nachdem festgesetzt worden ist, daß kein Aufenthalt gesucht wird".
Seitdem ich hier bin, werde ich das Gefühl nicht los, immer im Transit zu sein, nicht hier für immer bleiben zu können ohne zu wissen, wohin und wann ich genau abfahren werde, als wäre ich bereits seit Jahrhunderten unterwegs und müßte dieses Unterwegssein doch erst wieder beginnen. Ein Gefühl stabiler Instabilität also, ein Gefühl der Sicherheit in der Unsicherheit oder ungewisser Sicherheit; einer Bewegung im Stillstand, und am Ende immer und einzig der Anstoß, sich weiter zu bewegen. Schlendern, wie die Gestalten der Triestiner Literatur, angetrieben durch eine Art "innere Bora", eine persönliche und zugleich auch eine kosmische.
Das ist also nichts Neues für mich Kreatur der Grenzen und nicht nur der geopolitischen. Dieses Unterwegssein, dieses ständig im Transit Sein habe ich von Kind an erfahren, als man bei mir zu Hause von einem katholischen Ostermittagessen, als wäre es nichts Ungewöhnliches, zu einem orthodoxen Osteressen transitierte, den Kaffee auf türkisch und napoletanisch trank und wehe, man wusch dann die Mokkamaschine oder die Dzvezva mit Seife aus! Transit war bei Tisch an den Festtagen und den Normaltagen angesagt, nicht nur bei Strudel aus nördlichen Äpfeln und südlichen Sultaninen, oder wenn es zu Mittag Gulasch gab oder Hühnerfilet. Oregano aus dem Westen und Zimtrinden aus dem Osten vermischten sich zu einem nicht genauer erkennbaren Duft: dem Duft des Transits.
Diesen Duft des Transits, dieses Geräusch und diesen Geschmack von Häusern im Transit kannst du in den kleinen Geschäften und Läden antreffen, wo du nie genau weißt, in welcher Sprache und mit welcher dialektalen Einfärbung du bedient wirst. Da ist wirklich Brot für alle vorhanden, ein Fest für alle Geschmäcker.
Transit gibt es auch auf den Straßen und Plätzen, wenn du etwa auf jenen Typ triffst, von dem du nicht sagen kannst, ob es ein Künstler oder ein Verrückter ist; Transit gibt es beim Barometer, Bora, die in Regen überwechselt, Regen, der in Sonne wechselt, Sonne, die in den Schirokko hinüberwechselt, Schirokko, der in eine leichte Bora dreht, eine sehr angenehme Subspezies in diesen tropischen Sommern des Nach-Serra-Effekts, des Nach-Kriegs-Effekts, des Nach-Welt-Effekts, und was dann von uns noch bleiben wird.
Transit gibt es auch in den Farben des Meeres, das am selben Tag vom adriatischen Azurblau in preußisches Blau übergehen kann, vom Donaugrün ins Schwarz des Schwarzen Meeres, vom mediterranen Weiß ins Silbrige der Julischen Alpen. Die Karawanken, nein, dort liegt bereits Slowenien, und in Slowenien ist Silber nicht gefragt, nur Gold.
Die Irreduzibilität des Transits kennen auch alle jungen Deserteure des Transits. Wenn sie von der Grenze zurückgewiesen werden, immer wieder zurück, von einer Grenze zur anderen, im Krieg neuerlich.
Transit vom Krieg in den Frieden, vom Frieden in den Krieg, vom Tod ins Leben und zurück, Transit in 48 Stunden.
Transit liegt also in der Anlage der Menschen an der Grenze, die eine besondere Begabung - um einen Denker des Karstes zu zitieren - zum dionysischen Glück aufweisen, aber auch zu tödlicher Verzweiflung. Es gibt welche, die sich aussöhnen und welche, die sich zersplittern, und wenn ein Grenzbewohner sich herumquält, wird die Frage des Transits aus diesem Leben in ein anderes für ihn zu einer Prinzipienfrage. Hand an sich legen.
Ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb vertrete ich die Ansicht, es sei ein Geschenk der Götter, an der Grenze geboren zu sein, dort zu leben und zu sterben und dabei das Unmöglichste herauszupressen. In der Tat ist es uns hier mehr als anderswo und in sehr unmittelbarer Weise in die Wiege gelegt, uns auf die intimste und ursprünglichste Natur der Dinge vorzubereiten. Auf jene Bedingung, die antike Philosophien und futuristische Wissenschaften das Transitorische aller Phänomene nennen, uns eingeschlossen, die Phänomene der Phänomene schlechthin. Dieses "alles ist in Transit", das wir unterwegs verloren haben, indem wir unser Leben, unser Glück Dingen anvertrauten, die uns fest, stabil, sicher, unveränderlich, nicht im Transit erscheinen. Dinge wie Vaterland, Nation, Ideologie, Rasse, Volkstum und ähnliche Idiotien. Bis hin zu jener schrecklichen Erkrankung an dem "Leiden der Sicherheit", wie es einmal Heinrich Böll diagnostiziert hat, der mehr Arzt denn Schriftsteller oder vielleicht doch mehr Schriftsteller als viele anderen gewesen war, wenn die Literatur auch die Aufgabe übernehmen sollte, heilend im und auf das Leben zu wirken.
Ich schließe nun, indem ich der Grenze die undankbare und ehrenvolle Aufgabe anvertrauen möchte, das "Weltlaboratorium des Glücks im Transitorischen" zu sein.
SPRECHER (im Hintergrund ertönt die Kennmelodie): Sehr schön. Unsere Kennmelodie läuft bereits, eine letzte Frage an Frau Pikàbit von Seiten unserer vegetarischen Grenzhörerin. Sie möchte gerne wissen, ob die Formel "I speak Gulasch" auch für das Sojagulasch gilt.
GRENZEXPERTIN: Ich würde sagen ja. Der Hörerin lege ich natürlich nahe, sich zu vergewissern, daß das Soja genetisch korrekt ist...
SPRECHER: Und mit der Hoffnung auf ein ethnisch korrektes Soja beenden wir unsere heutige Sendung. Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal mit "Der Türke unter dem Bett... Entschuldigung...unter dem Dach"...(Kennmelodie klingt aus)

(Graz, Herbst 2000)

Ins Deutsche übertragen von Primus-Heinz Kucher

Anmerkungen:
1 R. M. Rilke: Duineser Elegien, 1. Elegie, v. 54-56
2 R. M. Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910). Frankfurt/M. 1978, S. 24f.
3 Nonna: ital. Großmutter/Oma
4 Triestiner Suppenspezialität, deren Hauptbestandteile gekochte Bohnen und Sauerkraut sind.
5 Aus dem noch unveröffentlichten Roman L'ascoltatrice di Alberi von K. Lekovich.
6 Anspielung auf die gleichnamige Figur in Joseph Roths Die Kapuzinergruft.
7 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Kap. Die Agonie des Friedens. In: St. Zweig: Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Frankfurt/M. 1981, S. 465.
8 Dieser Abschnitt ist dem Roman L'ascoltatrice di Alberi von Kenka Lekovich entnommen und ursprünglich im Triestiner Dialekt abgefaßt.
9 In: Erri De Luca: Una nuvola come tappeto. Mailand, Feltrinelli, 1994, S. 13.
10 Aus: Oinaru tamashi no uta, der große Gesang der Seele. Dialog zwischen Chingiz Aitmatov und Daisaku Ikeda (Yomiuri Shinbun Press, Tokyo 1991, Bd.1, S. 1)
11 Ebd.
12 Anspielung auf V. Linhartovas Text Pour une ontologie de l'exil (L'atelier du roman, Paris)
13 Anspielung auf Kunderas Artikel L'esilio lungo viaggio liberatore, erschienen am 15. 1. 2000 in der Tageszeitung La Repubblica (Rom)
14 Aus dem Interview mit Barbara Torunczyk, Begründerin der polnischen Literaturzeitschrift Quaderni letterari. Zit. nach: B. Craveri: Effetto Varsavia; La Repubblica, 14. 10. 2000, S. 52.
15 Triestiner Redensart für harte physische Arbeit ( sich abrackern).
16 Aus dem Interview mit Roger Chartier, Historiker der Schreibkultur. In: C. Augias: E-book. Istruzioni per l'uso; La Repubblica, 18. 10. 2000, S. 51.
17 Il Piccolo, Triest, 26. 10. 2000, S. 13.
18 St. Zweig: Die Welt von Gestern; S. 465ff.
19 Aus dem unveröffentlichten Roman L'ascoltatrice di Alberi von Kenka Lekovich
20 Thomas Bernhard: Die Auslöschung. Ein Zerfall. Frankfurt/M. 1968, S. 157 bzw. S. 159.
21 Aus: José Ortega y Gasset: Im Geist Galileos. (En torno a Galileo; 1933) In: J. Ortega y Gasset: Gesammelte Werke. Bd. III. Stuttgart 1978, DVA, S. 405f.
22 Ebd. S. 406.
23 Erri De Luca: Una beffa segreta. Milano 1994, S. 29.
24 Aus der Rede von Daisaku Ikeda unter dem Titel Lo sguardo universale di Leonardo e il Parlamento dell'Umanità. Riflessioni sul futuro delle Nazioni Unite (Der universelle Blick Leonardos und das Parlament der Humanität. Überlegungen zur Zukunft der Vereinten Nationen.) gehalten im Juni 1994 an der Universität Bologna. Zit. nach: Duemilauno, Rom, Nr. 45, S.5-9.
25 Ebd.
26 D. Ikeda: Proposta di pace alle Nazioni Unite (Friedensvorschlag an die Vereinten Nationen vom 26. 1. 2000); zit. nach: Duemilauno, Nr. 80, Rom, S. 9-10.
27 Ebd.


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