Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik

Hefte 2001

LICHTUNGEN - 86/XXII. Jg./2001

Schwerpunkt:
Literatur aus Tirana/Prishtina

Kunstteil:
W. W. Anger

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LICHTUNGEN, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik
86 / XXII. Jg. / 2001, ISSN 1012-4705

Umschlag & Kunstteil:
W. W. Anger, Graz, Subsytem, 2000/2001, Zellteilung # 1-7, 2000, Anorganische Materie, 2001 (Drei Installationen)


EDITORIAL

TERRA INCOGNITA - ZUR ALBANISCHEN LITERATUR

Auf der literarischen Reise im Rahmen des Projektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS macht die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN nach bisher zwölf präsentierten Städten Europas Station in zwei weiteren Städten im südöstlichen Raum dieses Kontinents, in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, und in Prishtina, der Hauptstadt der Provinz Kosovo im ehemaligen Jugoslawien. Der Name der letzteren Stadt ist der Welt in tragischer Weise bekannt. Unvergessen die 'Fernsehkriegsbilder' einer menschlichen Katastrophe in diesem Raum.

Warum diese zwei Städte in den LICHTUNGEN?

Die Albaner nehmen unter den Balkanvölkern in der Geschichte Europas eine bemerkenswerte Sonderstellung ein. Sie gehören drei verschiedenen Konfessionen an - dem Islam, dem orthodoxen und katholischen Christentum. Wenngleich sie ein altes europäisches Volk sind, haben sie bis zum Anfang des 2o. Jahrhunderts unter der Herrschaft anderer Großreiche wie Byzanz, Bulgarien, Serbien und dem Osmanischen Reich gelebt. Nach der Staatenbildung der Nachbarvölker mußte das albanische Volk lange um die Eigenstaatlichkeit kämpfen. Erst 1912 wurde der eigene Nationalstaat Albanien gegründet, aber er umfaßte nur einen Teil des albanischen Siedlungsgebietes, weitere sind u.a. im Kosovo und in Mazedonien. Daraus ergeben sich viele Fragen: Wie sich das kulturelle Gedächtnis der albanischen Kultur heute manifestiert, welche Rolle dabei die Literatur spielte und spielt? Was albanische Autorinnen und Autoren literarisch festhielten und was sie heute bewegt?

Die beiden Städte Tirana und Prishtina haben zusätzlich in den letzten 50 Jahren am Balkan eine völlig andere politische Entwicklung hinter sich. Beqë Cufaj, der feinfühlige Albaner aus dem Kosovo, hat in seiner Einleitung zum Schwerpunkt "Literatur aus Tirana und Prishtina" den bezeichnenden Titel Zwei Hauptstädte, zweierlei Leben und eine Literatur gewählt. In seinem Beitrag geht es um die interessanten Fragen: Wie sah in den politischen Entwicklungen die Literatur in diesen albanischen Zentren aus? Wie haben die Autorinnen und Autoren in der extremen Selbstisolierung Albaniens von Europa unter dem kommunistischen Regime Enver Hoxhas 'gelebt', ja literarisch überlebt? Und was waren auf der 'anderen Seite', im liberaleren politischen Klima des ehemaligen Jugoslawiens unter Tito, die Hauptfragen und Themen der Literatur albanischer Autorinnen und Autoren im Kosovo? Doch zusätzlich überschlugen sich in diesem Raum in den letzten 10 Jahren die Ereignisse: Das Ende des Enver Hoxhas-Regimes brachte der albanischen Literatur eine neue Freiheit, dagegen im Kosovo im nationalistischen Regime von Slobodan Milosevic' die Einengung, die Verfolgung, den Krieg.

Diese Entwicklungen haben sicher tiefe Spuren in der albanischen Literatur hinterlassen. Beqë Cufaj und Joachim Röhm, der bedeutende Übersetzer für albanische Literatur, gehen gemeinsam diesen Spuren nach und kommen zur Auffassung, von "zweierlei Leben" und doch von "einer Literatur" sprechen zu können. Die albanische Literatur ist für viele meist westlich orientierte Leser sicher ein unbekanntes Land. Diese unbekannten literarischen Signaturen von Landschaften, von Menschen mit ihrem Denken und Fühlen aus diesem von Europa fast vergessenen Kulturraum kennenzulernen, ist Absicht und Ziel dieser Nummer der LICHTUNGEN.

M.J.


INHALT

 
LITERATUR
Mimoza AHMETI Ein Zeitgedicht: Osteuropa
3
Matthew SWEENEY Kindergedichte
4
Christoph JANACS Aztekensommer (Romanauszug)
8
Helwig BRUNNER Gedichte
14
Mathias JESCHKE Landzunge (Erzählung)
16
Robert WOELFL Kommunikation der Schweine (Theaterstück, 2. Szene)
20
Günter EICHBERGER Drei Gedichte
26
Egyd GSTÄTTNER Das höchst unglaubliche Märchen von Clint Eastwood
28
Markus ORTHS Hinweise für den, der nicht weiß, wer er ist
29
Christian TEISSL Zu jeder und zu keiner Zeit (Gedichtezyklus)
32
     
NEU VORGESTELLT  
 
Felicitas FERDER Stationen einer Karriere (Teil II)
34
Sonja HARTER Gedichte
39
Reinhard BUCHBERGER Zehn Epigramme
41
   
LITERATUR AUS TIRANA/ PRISHTINA  
13. und 14. Stadt im Literaturprojekt „transLOKAL – Literatur aus europäischen Städten“  
in Kooperation mit GRAZ 2003 – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS.  
Zusammenstellung und Redaktion: Beqë CUFAJ, Neuhausen (a.d.F.)/Prishtina, Kosovo, und  
Joachim RÖHM (auch Übersetzungen), Stuttgart, sowie Markus Jaroschka, Graz.  
Beqë CUFAJ Einleitung: Zwei Hauptstädte, zweierlei Leben und eine Literatur
44
MIGJENI Der kleine Luli (Erzählung)
47
Anton PASHKU Die Nixe (Erzählung)
48
Mirko GASHI Gedichte
52
Eqrem BASHA Die Schnecke auf dem Marsch zum Sonnenlicht (Erzählung)
57
Fatos LUBONJA Eqerem (Prosa)
61
Mimoza AHMETI Gedichte
66
Ardian Kristian KYÇYKU Totengräber gehen nie vor dem Ende des Films (Erzählung)
78
Halil MATOSHI Gedichte
83
Mira MEKSI Neurose (Erzählung)
86
Ledia DUSHI Gedichte
87
BIBLIOGRAPHIE Werke albanischer Autoren in deutscher Übersetzung
90
   
EIN LITERARISCHER ESSAY  
Leopold FEDERMAIR Borges übersetzt Kafka
91
María Esther VÁZQUEZ Gespräch mit Borges, 1984
104
Jorge Luis BORGES Fünf Sonette
111
     
KUNST    
Werner FENZ Referentielle Symbolformen.  
  Zu den komplexen Subsystemen von W. W. ANGER
113
W.W. ANGER Umschlag und Kunstteil: „Subsystem“, 2000/2001, „Zellteilung # 1-7“,
 
  2000, „Anorganische Chemie“, 2001 (Drei Installationen)
113
   
„DIE POETIK DER GRENZE“ (12. Teil)  
Ein Projekt des Kulturamtes der Stadt Graz –  
in Kooperation mit GRAZ 2003 – KULTURHAUPTSTADT EUROPAS  
Uroš ZUPAN Die Grenze – Formen der Überschreitung und das Gehen im Wind
129
   
 
ZEITKRITIK  
 
Frank Michael ORTHEY Das aufgelöste Subjekt
135
Willi HENGSTLER „Moloch“. Abschweifungen zu Texten und Filmen über den Holocaust
137
ZU DEN AUTOREN  
147


"DIE POETIK DER GRENZE" (12. Teil)
Ein Kulturprojekt des Kulturamtes der Stadt Graz im Hinblick auf 2003 - eingebunden in das Programm von: GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

Das Projekt "Die Poetik der Grenze" soll in einer ersten Phase Überlegungen zum Phänomen "Grenze" im Allgemeinen bringen: Grenze in der Sprache, Grenze im Theater, Grenze in der Musik sowie auch Grenzen in der Wissenschaft und Politik.

Leitung: Dzevad KARAHASAN, Sarajevo/Graz, Stadtschreiber von Graz
Mitarbeit: Markus JAROSCHKA, Herausgeber der LICHTUNGEN
  Max AUFISCHER, Leiter des Cultural City Network (CCN)

Uros ZUPAN
DIE GRENZE - FORMEN DER ÜBERSCHREITUNG UND DAS GEHEN IM WIND

I.

Dichtung ist die visionärste aller Künste. Das Voraussagen des Künftigen ist einzig und allein ihr vorbehalten. Manchmal sind diese Vorhersagen durch "wirkliche", persönliche Erfahrungen des Dichters begründet, manchmal, vor allem bei jüngeren Dichtern, geschieht ein Wunder, und eine durch keinerlei Erfahrung gestützte Sprache faßt etwas in Worte und trifft ins Schwarze. Es ist schwer zu sagen, wer im Hintergrund dieses Prozesses die Fäden zieht; vielleicht ist es purer Zufall, vielleicht aber, um zu einer mir fern liegenden Mystifikation Zuflucht zu nehmen, ist hier ein "Dämon" am Werk. Der Dichter weiß nicht genau, was er tut; es scheint, als verwendete er einen anderen Teil seines Gehirns, eine andere Frequenz, einen anderen Kanal als denjenigen, der für das Abfassen von Reflexionen reserviert ist.
Wenn ich zurückblicke und versuche, ein Mosaik zusammenzusetzen, sehe ich, daß auch mir manchmal ein Vers geglückt ist, der Ereignisse vorwegnahm oder einer, der den Zustand des Geistes bei bestimmten Taten und in Augenblicken, die das Leben mit sich brachte, in sich birgt. Eigentlich waren es nie geschlossene größere Gebilde, ganze Gedichte, die eine derartige Genauigkeit aufwiesen. Immer nur einzelne Verse.
Vor Jahren schrieb ich in einem Gedicht mit dem Titel Das Tor den Vers: Wie an jeder Grenze herrschen auch hier furchtbare Gefühle. Das Gedicht handelt vom Übergang von einem Zustand in einen anderen. Und dieser Vers von der Linie, die diese beiden Zustände voneinander trennt. Heute will immer häufiger scheinen, daß ich selbst, daß das Leben ohne mein Zutun und Wissen mir eine Grenze gesetzt, eine Linie gezogen hat, die zwei Zustände trennt. Und ich habe diese Grenze vor langer Zeit überschritten und stehe nun außerhalb jenes abgegrenzten "Landes". Die Frage ist, ob die Gefühle bei jeder neuerlichen Grenzüberschreitung, die immer ein Heimkommen ist, furchtbar sind, denn es handelt sich hier nämlich um einen Schritt vom Chaos zurück in die Ordnung.

II.

Bis die Wirklichkeit einen Vers bestätigt, muß geraume Zeit verstreichen. Vor knapp einem Jahr, bei einem Waldspaziergang, drückte mir die Wirklichkeit ihren Stempel auf und wies mich unmißverständlich auf etwas hin, das ich schon lange geahnt hatte.
Der Wald und die Berge waren und sind meine großen Lieben. Das Gehen hat auf mich, ob in der Ebene oder bergauf, eine kathartische Wirkung. Im Gehen vergleiche ich mich gerne mit einer Schule griechischer Philosophen, denen, während sie in einem gleichförmigen Rhythmus einen Fuß vor den anderen setzten, kluge, rettende Ideen einschossen. Aber vielleicht ist nicht einmal dieser Vergleich, dieses Wühlen in der Historie, vonnöten; das Gehen ist ein Schutzschild, etwas, das die Welt verlangsamt und den Ruß der düsteren Gedanken von einem schwemmt. Auch an jenem Samstag blieben wir der Tradition treu, zu allererst ich, indem ich an meinen ruralen Gewohnheiten festhielt, dann auch meine Eltern; gleich nach dem Frühstück hatten wir uns ins Auto gesetzt und waren in die Berge oberhalb von Trbovlje gefahren. Auf einer bestimmten Höhe hatten wir das Auto auf einem Parkplatz abgestellt und setzten, auf einem Weg, den sie beide entdeckt hatten, unseren Weg zu Fuß fort. Der Weg mündet in eine Lichtung. An ihrem Rand steht ein Kastanienbaum. Auf ihm ein über eine Leiter erreichbarer Hochsitz.
Als ich diese Szene sah, kehrte sich der Zeitlauf um und begann mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Gegenrichtung meines Alterns zu fließen. Ich begann beschleunigt rückwärts zu leben. Ich weiß nicht, wann ich zum letztenmal auf Bäume geklettert war, aber in jenem Moment überkam mich augenblicklich der Wunsch danach. Mich von der Erde zu entfernen und dem Himmel anzunähern. Verborgen sein im dichten Geäst der Krone. Ich griff nach der Leiter, um hinaufzusteigen. Doch während die Hand nach der Leiter langte und die Füße sich für ihren sicheren, durch die Leiter gestützten Aufstieg fertigmachten, trat etwas in mich ein. Mich überkam und überflutete ein wohliges Gefühl. Als die Hand die Leiter berührte, wurde das Gefühl noch stärker, es schien, als ob es in der Erde beheimatet wäre und durch die Leiter auf mich überginge, die Leiter war eine Art umgekehrter Blitzableiter. Ich weiß nicht, vielleicht ist es nur eine Mystifikation, denn das Gefühl war wie seit je in mir geboren, und ich versah es mit einem vertrauten Namen. Einen Namen ohne die Schattierungen, die er verdient, einen allzu allgemeinen Namen - Angst. Ich war an die Grenze gestoßen, von der in jenem alten Gedicht die Rede ist. Schläge von innen, ein gleichmäßiger Druck gegen Haut und Knochen. Arme, die begannen, mich zu zerreißen. Mit einer mir unbekannten, vor allem meinem vorherigen Geist und vorherigen Leib unbekannten Unsicherheit stieg ich über die Leiter hinauf. Griff vorsichtig nach den Sprossen. Das Gefühl stabilisierte sich und flaute etwas ab, doch es war weiterhin vorhanden.
Was war das? Vielleicht die Antwort, die ich später, als mögliches Argument, auf die Frage, ob ich mich 36 Jahre alt fühle, vorbrachte. Ein neues Kapitel, das ich vor dem Interviewer und mir ausbreitete. Oder eine Orientierungslosigkeit, ein Verlust des Fadens, des sicheren Griffs, ein Fremdsein in der Welt, das mir, so zumindest die Versicherung meiner Erinnerung, zustand. Doch stand es mir wirklich zu? Und wann stand es mir zu? Wann habe ich eigentlich die Grenze überschritten, so daß es mir nicht mehr zustand?
Als Kind war ich unzählige Male auf Bäume geklettert. Das Klettern auf Bäume könnte als umfassendes Sinnbild für meine Kindheit gelten. Weil es alle Eigenheiten jener Zeit in sich vereint. Meine Kindheit war keine virtuelle Geschichte, nicht der Rhythmus des Einhackens auf ein Computerkeybord und kein Versenken der Augen in den künstlichen Bildschirmschimmer. Es war ein aufgeschlagenes lebendiges Botanikbuch. Pflanzenbestimmen. Vogelfedern suchen. Bachwassertrinken. Ein angeborener, von fernen Vorfahren ererbter Mechanismus, dem noch nicht völlig fremd ist, wie man im Einklang mit den Zyklen der Natur leben kann. Etwas, dessen Duft aus der Urzeit heraufströmt. Das die Abfolge des Auftretens der Blumen und die Nuancen im Fallen des Regens unterscheidet. Das Lärmen des Waldes am frühen Vormittag und seine Stille im ersten Dämmer. Die Angst. Wo war sie damals, die Angst, das Sinnbild dessen, daß es eine Grenze gibt? Vielleicht irgendwo in der Erzählung, also im Dunkeln. Denn im Dunkeln lauert immer Gefahr. Und begegnete man ihr auf dem Weg durch den finsteren Wald, konnte man sie durch Gesang vertreiben. Auch heute vertreibe ich sie auf dieselbe Weise. Eigentlich gab es sie nicht. Oder dieses Angstgefühl hat sich seit den Kindertagen bis heute so sehr gewandelt, daß die Erinnerung erst begonnen hat, es als ein Gefühl, das einen anderen Namen trägt, zu erkennen und dingfest zu machen.
Alan Watts unternimmt in seinem Buch Die Wege des Zen mittels einer Anekdote den Versuch, durch den Mund verschiedener taoistischer Autoren den Begriff Satori zu erklären. Als augenblickslanges Aha-Erlebnis, als zeitlich begrenztes Gefühl, als Lichteinbruch, Verlust der Verbindung mit der objektiven Wirklichkeit, Gehen im Wind. Warum ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Sturz von einem Wagen tödlich zu verunglücken für einen Betrunkenen viel geringer als für einen Nüchternen: Beide haben dieselben Knochen, doch der erste nimmt das Unglück anders wahr. Er ist sich weder der Fahrt noch des Sturzes bewußt. Die Ideen von Leben, Tod und Angst erreichen ihn nicht, kein Kontakt zur objektiven Wirklichkeit quält ihn. Und falls man durch Wein eine solche Sicherheit erreichen kann, welche Sicherheit kann man dann erst durch Spontaneität erreichen?
Waren wir deshalb als Kinder so unerschrocken, kletterten wir deshalb mit einer solchen Sicherheit auf Bäume, war unsere Kindheit die Zeit der bunten Ballons in Mädchenhänden aus den Gedichten Jehuda Amichais, weil unser Kontakt zur Wirklichkeit irgendwo gekappt war, nicht nur für einen Augenblick, sondern für eine weitaus längere, großzügiger bemessene Zeitspanne, und waren wir in einem fort trunken vom Wunder der Welt, von neuen Ereignissen und Einsichten, gefeit gegen die Gefahr durch eine Spontaneität, die in einer anderen Welt Unwissenheit hieß? Bewegten wir uns in einem Raum, der zwar nicht unbegrenzt war, sich aber ins Unendliche erstreckte, obwohl wir schon wußten, wenn auch nicht empfanden, daß wir sterblich waren? Oder trug die Wirklichkeit ein anderes Gesicht, war sie eine andere, wenn nicht schwesterliche, so doch gewogene Fremde, die mit unserem Heranwachsen zurückwich, ihr klar erkennbares, heiteres Gesicht verlor und sich langsam, rücklings den dunklen Gemächern und dem Vergessen zu nähern begann, während eine andere Wirklichkeit, aus einer anderen, der Erwachsenenwelt, in der andere Regeln galten, an ihre Stelle trat? Scheint mir nur, daß all diese "Sicherheit" - niemandem wurde je auch nur ein Haar gekrümmt - auf einem unbewußten inneren Gleich-gewicht beruhte, über das das Kind verfügt, einem ruhenden Punkt im Inneren, einem gut geschützten Kern, der mit den Jahren nicht kompakter wird, während sich seine Bindungen nach und nach lösen. Der Tag ist im Gleichgewicht mit der Nacht. Beide Waagschalen ständig in der Luft, keine bekommt Übergewicht. Man geht im Wind.
Und was ist indessen geschehen? Stehe ich mit einemmal ohne diesen Punkt da, ohne Mitte? Für immer aus diesem Raum vertrieben, über die Grenze? Aber nein, dieser Punkt, diese Mitte, aus der alles wächst, darf nicht völlig verloren gehen, es muß noch den Ort geben, wo ich ihn suchen kann. Und ist nicht mein ganzes Leben, mein ganzes Tun und Lassen, all mein Bemühen und Bestreben nichts weiter als die Suche nach diesem Punkt? Ein ewiges Annähern und Entfernen von der Grenze. Ein ewiges Annähern an unsichtbare Zollposten und ein ewiges Entfernen von ihnen?

III.

Die Kritiken meiner Texte sind zumeist oberflächlich, bedienen sich wohlbekannter Begriffe, übertragen methodische Ansätze aus dem Hörsaal in die Praxis, und trifft man zufällig auf einen Text, der sich auf Mut und Inspiration stützt, auf den Vergleich zwischen der eigenen Vorstellung von der Welt mit der durch Dichtung geschaffenen, gibt der Autor bald auf und nimmt Zuflucht zu bewährten Schablonen. Doch manchmal findet man trotzdem einen Gedankensplitter, der sich zu einem forschenden Nachdenken entwickeln könnte, doch es bleibt fast immer beim Splitter, und der verheißungsvolle Auftakt eines für alle Beteiligten aufregenden Abenteuers mündet wieder einmal in eine Pauschalreise.
In einer der letzten Besprechungen von Der Baum und der Sperling las ich: "Zupans Dichtung durchweht eine besondere Bewegung; sanft, ewig, unversiegbar, als käme sie aus dem Prinzip der Bewegung selbst. Am ehesten ist sie mit der gleichförmigen Magie der Gezeiten zu vergleichen, das unaufhörliche Steigen und Sinken sind das doppelte Movens einer in der Ewigkeit gefangenen Freiheit. Aus eben diesem Grund wird sein Rhythmus immer gemessener und verlangsamt sich, als fände der Dichter im ewigen Wogen seinen Schwerpunkt." Diese Beschreibung scheint mir, bei aller dem Wort "Ewigkeit" gegenüber angebrachten Skepsis, ziemlich zutreffend.
Vor Jahren neigte ich dazu, mein Verseschmieden zu mystifizieren. Ich tat es nicht bewußt. Ich empfand es so. Ich steckte bis zum Hals in "Metaphysik" und in "großen", furchteinflößenden Worten, die wie Glühwürmchen um mich schwirrten. Von der Dichtung sprach ich, als könnte sie die Wunden der Welt heilen und sie wieder ins Lot bringen. (Vielleicht stimmt das alles auf einer verborgenen, unzugänglichen Ebene, die sich in einem anderen Leben offenbart, auch. Diese Hoffnung hege ich noch immer.) Ich glaubte an kosmische Postulate, und auch das Papier war sehr geduldig. Manchmal stand das dann auch in der Zeitung. Heute finde ich meine damaligen Überlegungen vor allem komisch. Dennoch empfand ich Dichtung als ein Mittel, um einen Blick in das Verbotene werfen zu können, (wie das etwa Mil/osz von Hölderlin behauptet) oder um zum Urtext vordringen zu können (wie eine der Figuren aus Handkes "Nachmittag eines Schriftstellers"). Beide Fälle münden in Schweigen. Bei Hölderlin in ein Lebens-, bei Handke in ein Schreibschweigen.
Die Dichtung empfand ich immer als das verläßlichste Mittel zur Grenzüberschreitung, als Brücke zur vergessenen, verlorenen Basis. Die Dichtung konnte als einzige Stücke des Geisteslebens aus dem Land jenseits der Grenze entführen und in die Gegenwart herüberretten. Durch diese ihre Fracht wurde sie eine sichere Zuflucht. Etwas, das unbeschreibliche Ruhe ausstrahlt. Nicht nur die Selbstvergessenheit im Schaffensakt. Die Auslöschung der Welt und der Umgebung. Die Plazenta. Sondern vor allem das Ergebnis, das Verfrachten über die Grenze von etwas, das Teil des Lebens war, aber verloren schien. Die Dichtung schmuggelt in unsichtbaren Gefäßen den Kern des Menschen über die Grenze. Von einem Leben ins andere. Wenn ich das Klima des Landes jenseits der Grenze wieder erwecken oder schmecken will, dieses Gefühl von Unberührbarkeit und gelassener Unerschrockenheit, öffne ich ein Buch und bin zufrieden. Etwas, das mir in der Gegenwart die meiste Zeit fremd ist, ist wieder da. Der Punkt des Gleichgewichts in den Wortfurchen, in der weißen Wortlandschaft, den selbstverständlichen Abläufen der Natur ähnlich. Dem Wachsen, Versiegen, Absterben und dem neuerlichen Wachstum. Ähnlich der ewigen Wiederkunft des Gleichen, befreit von Druck und Angst.

IV.

Es gab aber noch etwas anderes, eine andere Kindheitsliebe, im Leben jenseits der Grenze, die mit der Unberührbarkeit und Unerschrockenheit Hand in Hand ging. Die Liebe zum Bunten und Kleinen. Die Aufmerksamkeit für das Farbige und Niedliche. Mit verschiedenen Gegenständen und Entdeckungen. Ich führe aus dem Gedächtnis an, ohne die Möglichkeit und das Versprechen, daß die Reihenfolge stimmt. Verschiedene Kaugummis, besonders zwei, die einen eine Art Paket, lang und rund, verpackt in wunderbar buntes Papier, die anderen mit einem dunklen Bild unter der Umhüllung, einem Kindertattoo. Wenn man das Bildchen warm anhauchte und auf die Haut preßte, erwachten vielfarbige Cowboys und Indianer zum Leben. Oder die dünnen Schokoladen Tierreich, in lila Papier, mit Tierbildern. Dünne, zerbrechliche Tafeln.
Doch etwas übertraf alles andere an Unerforschlichkeit und Unerreichbarkeit. War verboten, für die Eltern bestimmt. Die Zigaretten. Und besonders die Zigaretten aus einer ganz besonderen Quelle.
In Trbovlje gab es einen besonderen Ort neben dem Gemeindeamt, eine ziemlich große Wiese, auf der in unregelmäßigen Abständen ein Wanderzirkus Station machte; ein alljährlicher Gast war hingegen der Vergnügungspark. Das war unser Cinema Paradiso. Weniger für meine Generation, sondern für die um zehn Jahre älteren Kinder. Dem ungeschriebenen kindlichen Gesetz über Distanzen und Dimensionen zufolge schien mir dieser Park riesig zu sein, obwohl er heute wahrscheinlich lächerlich klein wäre. Im Park waren ein Karussell und Skooter, die Hauptattraktionen, doch Flipper und Tischfußball standen ihnen in nichts nach. Hier gediehen "Pinballwizards" und Tischfußballasse, die mit Lichtgeschwindigkeit "ziehen" konnten. Doch der unumstrittene Herrscher unter den Spielautomaten war der Zigarettenautomat. Welche mechanischen Wunder barg dieser Roboter. Eine unglaubliche Augenweide. Noch heute kenne ich die Embleme und die Namen all der bunten Schachteln: JPS, Dunhill, Camel, Pal Mall, Winston, Marlboro ... Ein unerreichbarer Schatz. Ich weiß nicht, ob ich je gesehen habe, wie es einem der älteren Burschen gelungen ist, eine der bunten Schachteln aus dem Automaten zu ziehen. Der Vorgang war eine Art Roboterspiel, zwei mechanische Zangen langten nach der gewünschten Schachtel und versuchten sie zu einer bestimmten Stelle zu bringen, um sie in einen Trichter fallen zu lassen, durch den sie zum Glückspilz gelangen sollte. Der erste Teil der Operation gelang noch einigermaßen, jeder suchte sich natürlich die Zigaretten aus, die das Grau des Sozialismus nicht auf Lager hatte, doch sobald die Zangen mit der Beute in Richtung Endstation wanderten, war das Spiel für gewöhnlich zu Ende: Die Zange lockerte sich und die Schachtel fiel zurück zu den anderen unerreichbaren Schätzen. Auch die ersten echten Werbespots, die besten, die vor dreißig Jahren im Fernsehen zu sehen waren, (damals hatte die Forschung noch nicht herausgefunden, daß sich die Ureinwohner Amerikas "indirekt" für ihre Ausrottung rächten), und daß man sich mit dem Rauchen genauso wie mit der Dichtung in einen verbotenen Bereich vorwagt, der in letzter Konsequenz Stille bedeutet, waren die Zigarettenwerbungen. Genauer gesagt, die für Marlboro, Kent und Astor. Was für eine Farbenpracht.
Die offensichtlichste Veränderung, seit wir in einem selbständigen Staat leben - offensichtlich im Wortsinn, weil ständig vor Augen - sind die vollen Regale in den Läden, besonders diejenigen im Besitz ausländischer Konzerne. Die Leute haben nun Gelegenheit, ihre Lebensleere durch Shopping zu füllen. Was einst unerreichbar war, wurde verfügbar und selbstverständlich, doch dadurch auch ganz und gar profaniert. Zum Beispiel: Importbier in Dosen. Päckchen mit Samson, Drum, ganz zu schweigen vom schwarzen, starken Tabak Van Nell; die parfümierten Wunder unserer Teenagerjahre.
Der bunteste, schönste Teil der Supermärkte, Trafiken und Zollfreiläden war für mich immer die Rauchwarenabteilung. Die Zigarettenschachten, die Metallbehältnisse für Pfeifentabak, Tabak zum Selberdrehen, Zigarillos von Danneman und Ritmester, Zigarren von Henry Wintermans und die schönsten von allen: die Mehari's. Mir reicht ein einziger Blick auf all das, und schon wird ein ähnlicher Prozeß in Gang gesetzt wie beim Lesen oder Schreiben von Gedichten, schon überschreite ich die Grenze, schon bin ich auf den Hochglanzseiten aller Zeitungen, sehe schon Zickzack, bärtige Seebären, die Hemingway ähneln, nachts allein auf Deck stehen und mit einer Pfeife im Mund Tabakwölkchen vor sich hinpaffen, oder einsame Reiter, dem Sandlicht und der Westsonne überlassen, die abends mit einem Glühwürmchen zwischen den Fingern in der Wildnis am Lagerfeuer sitzen und in die Ferne blicken.
Natürlich ist der Trick beim Vermarkten von Produkten auch die attraktive Verpackung, und die Hersteller von Rauchwaren haben sich hier selbst übertroffen; ihnen ist etwas gelungen, mit dem sie gar nicht gerechnet haben. Die Verpackung spielt das Lied von der Suche nach der verlorenen Zeit. Diese bunten, schön gestalteten Schachteln und die Raucherutensilien können die Aufmerksamkeit eines Kindes wecken und einen Erwachsenen wieder zum Kind machen. Sie wecken Erinnerungen an wohlgehütete Gegenstände. Zum Beispiel Schachteln mit alten Photographien oder Nähzeug.
In manchen Tabakläden gibt es abgeteilte, noch besonders geschützte, manchmal versperrte, manchmal nur luftdicht geschlossene Räume, die Feuchtkammern heißen, wo die besten Rauchwaren - die Zigarren - aufbewahrt werden.
Ich war nie ein ernsthafter Raucher. Immer nur ein Gelegenheitsraucher, seine peinlichste Subspezies - ein Schnorrer. Doch bei Zigarren gibt es derlei Gewohnheiten nicht. Ich habe sie vor ein paar Jahren entdeckt. Zuerst rauchte ich Surrogate und schlechtere Sorten, dann erwarb ich einen kleineren Teil des Grundwissens und begann, gute Zigarren zu rauchen. Und als ich die erste Schachtel Romeo y Julieta kaufte, war es die Verpackung, die den ersten Genuß bot. Das Sichtbare als Blickfang für das Augentier Mensch. Das Gesicht als Sinn. Das Auge als Führer. Auf der Schachtel die Balkonszene aus dem Shakespearestück, stilisiert, der Balkon beinahe golden und an seinen Rändern weiße, rote und rosa Rosen und andere, mir unbekannte Blumen. Öffnet man die Schachtel, folgt eine noch größere Überraschung: Havanna als Venedig der Karibik, eine Stadt auf dem Wasser, in schimmerndes Licht getaucht, anstelle der baufälligen Kolonialbauten helle Schlösser und am Bildrand ein Kranz, geflochten aus Blumen. Roten, gelben, weißen, blaßblauen. Rosen, Seerosen. Was hätte ich als Kind für so eine Schachtel gegeben. Was alles hätte ich in ihr gehortet.
Es gibt verschiedene Arten zu rauchen. Ziel und Zweck des Rauchens von Pfeifen, Zigaretten und Zigarren unterscheiden sich wesentlich. Und in dieser Hierarchie des Rauchens ist das Zigarrenrauchen etwas, das die Zeit anhalten soll. Die Dinge ins Land jenseits der Grenze zurückbringen. Die Vergoldung der Vergangenheit an den Zollposten vorbeischmuggeln. Einen vergessenen Augenblick an die Oberfläche holen, aus dem Fluß reißen, befreien. Etwas, das wie das Lesen von Gedichten, in Frieden versenken soll. Etwas, das das Ritual eines einzelnen oder eines Kreises guter Freunde ist, keine soziale Funktion erfüllt, die Unrast und das Nicht-wissen-wohin-mit-den-Händen nicht verbirgt. Es legt die menschlichen Verlegenheiten nicht frei. Es gleicht dem Lesen, dem Erwecken von Bildern im wachen Geist. Ist die Trennung von der Wirklichkeit, der unterbrochene Kontakt mit ihr, das Hinzutreten einer anderen Wirklichkeit, einer sanften und ruhigen. Ist die Erneuerung des Gleichgewichtspunktes, eine hedonistische Variante der transzendentalen Meditation, die Errichtung eines Schwerpunkts.

V.

Der amerikanische Dichter William Carlos Williams fragt sich in seiner berühmten Dichtung Asphodele, jene grüne Blume: Sind nicht alle Werke der Phantasie austauschbar? Ich weiß nicht, ob das Zigarrenrauchen unbedingt zu den Werken der Phantasie zählt, aber es ist mit Sicherheit etwas, wodurch man eine Grenze überschreitet, etwas, das einem, wegen des Fallens in einen Leerraum, wegen der Zeit, die nicht ablenkt und nur dem Raucher gewidmet ist, die Phantasie und die Erinnerung eröffnet. Die Dichtung und die Kinderspiele aber, hierher gehört auch das Klettern auf Bäume, das Sinnbild meines Lebens auf der anderen Seite der Grenze, die Identifikation mit Helden: Das sind die unwiderruflichen, großen Werke der Phantasie.
Unlängst war ich in meinem Kindheitswald, im Land jenseits der Grenze. Die Bäume, auf die wir geklettert waren, sind zum Großteil lächerlich klein, die größeren und mächtigeren sind im Lauf der Jahre umgestürzt oder morsch geworden. Eine traurige, bittersüße, unumgängliche Einsicht. Ich versuchte mich an keinem. Ich habe aufgehört, auf Bäume zu klettern. Nur die Augen verirren sich manchmal, wenn sie die Zeit der Tagesmüdigkeit erhaschen wollen, in die grünen Wipfel. Das Buch gleitet dann auf die Knie, berührt, in Warteposition, mit seinem Inneren die Beine, in seinem Rücken spiegelt sich schemenhaft das Gesicht, die Zigarre, falls eine brennt, was zu früher Stunde ungewöhnlich ist, ruht im Aschenbecher, verzehrt ihren Leib, wenn sich ein sanfter Hauch mit unsichtbaren Lippen an ihr festsaugt. Da denke ich dann, daß alles, was mir zusteht, wiederkehrt und bei mir ist, als wäre es nie fort gewesen, im von Zeit begrenzten Land, als würde es nie fortgehen. Dann schließe ich die Augen und setze den ersten sicheren Schritt auf die feste Fläche des Windes, überschreite auf seinen Schwingen die Grenze, dieselbe wie in jenem frühen Gedicht, doch nun gilt für diesen Übergang ein anderer, bei einer anderen Gelegenheit verfaßter Vers, der lautet: "Ich habe die Grenze überschritten. Es tat überhaupt nicht weh."

Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner


13. und 14. LITERARISCHES STÄDTEPROJEKT

Im Rahmen des Literaturprojektes "transLOKAL - Literatur aus europäischen Städten" in Kooperation mit GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS"
gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Graz, Grazer Stadtmuseum, Kulturkontakt Austria
und dem Cultural City Network (CCN).


Dieses Literaturprojekt wird durch das Kulturamt der Stadt Graz und von
GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS finanziell besonders gefördert.

13. STADT: LITERATUR AUS TIRANA, ALBANIEN
14. STADT: PRISHTINA, KOSOVO

Zusammenstellung und Redaktion: Beqë CUFAJ, Neuhausen (a. d. F.)/Prishtina, Kosovo.
Joachim RÖHM (auch Übersetzungen), Stuttgart, und Markus JAROSCHKA, Graz.
Die Rechte der ausgewählten Texte liegen bei den Autoren bzw. bei den Verlagen.
Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks dankt die Literaturzeitschrift LICHTUNGEN.

Bisher erschienen:
1. Stadt: LITERATUR AUS KRAKÓW/KRAKAU, LICHTUNGEN 67/'96
2. Stadt: LITERATUR AUS LJUBLJANA/LAIBACH, LICHTUNGEN 69/'97
3. Stadt: LITERATUR AUS ZAGREB/AGRAM, LICHTUNGEN 72/'97
4. Stadt: LITERATUR AUS BRATISLAVA/PRESSBURG, LICHTUNGEN 74/'98
5. Stadt: LITERATUR AUS TRIESTE/TRST/TRIEST, LICHTUNGEN 76/'98
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL I), LICHTUNGEN 77/'99
6. Stadt: LITERATUR AUS SARAJEVO (TEIL II), LICHTUNGEN 79/'99
7. Stadt: LITERATUR AUS PÉCS/FÜNFKIRCHEN, LICHTUNGEN 80/'99
8. Stadt: LITERATUR AUS TIMISOARA/TEMESWAR, LICHTUNGEN 81/2000
9. Stadt: LITERATUR AUS DUBLIN, LICHTUNGEN 82/2000

10. Stadt: LITERATUR AUS LEMBERG/LWIW/LWÓW, LICHTUNGEN 83/2000
11. Stadt: LITERATUR AUS ST. PETERSBURG, LICHTUNGEN 84/2000
12. Stadt: LITERATUR AUS MADRID, LICHTUNGEN 85/2001

Das große Literaturprojekt "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" wird im Verlauf einiger Jahre die zeitgenössische Literatur verschiedener Regionen Europas darstellen. Dieses Projekt ist auch eingebettet in das große Kulturprojekt
"GRAZ 2003 - KULTURHAUPTSTADT EUROPAS". Für die LICHTUNGEN ist der folgende Gedanke tragend: Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für "Weltöffnung" sein. Dieses Projekt ist daher auch für die Stadt Graz ein Kulturbaustein unter vielen, "Grenzüberschreitungen" zu wagen. Im Wissen um ihre eigenen Stärken, aber auch Schwächen soll in dieser Stadt Lokales, Regionales, Nationales und Internationales vermehrt eine kulturelle Fokussierung erfahren. Aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert nehmen wir eine wichtige Erfahrung mit in das neue: Kunst und Kultur sind die einzigen geistigen Mittel gegen physische und psychische Barbarei. Mittels des Literaturprojektes "transLOKAL - LITERATUR AUS EUROPÄISCHEN STÄDTEN" soll dieser "Weg nach Europa" konsequent beschritten werden, wobei die mittel- und süd-osteuropäischen Aspekte besonders ins Auge gefaßt werden. Zeitgenössische Literatur aus vielen europäischen Städten soll die "Zeitbefindlichkeit" vieler schöpferischer Menschen abbilden. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften Europas, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen West-, Ost- und Südeuropas. Dieses mehrjährige Projekt kann gleichsam "ein Röntgenbild der Befindlichkeit" im ausgehenden 20. Jahrhundert leisten - poetische Grenzgänge am großen "Kontinentalbruch" Europas.

Die Redaktion

Beqë CUFAJ
ZWEI HAUPTSTÄDTE, ZWEIERLEI LEBEN UND EINE LITERATUR

Anfang der neunziger Jahre studierte ich an der Universität Prishtina Literaturwissenschaft. Erst jetzt im Rückblick begreife ich richtig, welche Brüche und Verwerfungen in dieser Zeit in Südosteuropa stattgefunden haben, also auch in Kosova und ganz besonders in Albanien. Der Eiserne Vorhang fiel, und mit ihm die das Leben aller Menschen dort (mehr oder weniger) bestimmende Ideologie.
Im Gegensatz zu anderen ehemals kommunistischen Ländern, die nun den Aufbau einer demokratischen Zukunft in Angriff nehmen konnten, ging im ehemaligen Jugoslawien die Entwicklung rückwärts. In ungeheizten Studierzimmern kramten die Intellektuellen und Schriftsteller aus ihren Schubladen alte Denkschriften hervor, die einem aggressiven Nationalismus das Wort redeten, Feindschaft schürten und den Krieg verherrlichten. Sie landeten in den Kanzleien der Politiker, die den ganzen Schund unter Zuhilfenahme des Fernsehens, der Printmedien und auf Massenkundgebungen unters Volk brachten. Zehn Jahre lang jagte ein blutiger Krieg den anderen.
Damals führte ich wie meine Studienkollegen eine Art Doppelleben. Auf der einen Seite diskutierten wir nächtelang über Bücher und träumten von Welten jenseits der engen Grenzen, in denen wir lebten, und dann zogen wir wieder auf die Straße und protestierten dagegen, dass wir aus Schul und Universitätsgebäuden vertrieben wurden, in denen vor uns ganze Generationen von Kosovaren ausgebildet worden waren.
Im Gegensatz zu uns Studenten fühlten sich die Mitglieder des Lehrkörpers, mit Ausnahme unseres Lieblingsprofessors, der uns die Weltliteratur kennen lehrte, allen dramatischen politischen Entwicklungen zum Trotz, wie befreit. Titos Reich zerfiel, und dies erlöste sie von den Problemen, die jeder, der irgendwo auf dem Territorium des nun schon ehemaligen Jugoslawien albanische Literatur lehrte, gehabt hatte. Zum ersten Mal konnten Bücher in albanischer Sprache unselektiert und unzensiert gelesen und in den Unterricht einbezogen werden, vor allem Veröffentlichungen aus dem nun exkommunistischen Staat Albanien mit seiner auch literarischen Hauptstadt Tirana. Dort geschah mit umgekehrten Vorzeichen das Gleiche: Wo bisher die Kulturbürokratie eines so bornierten wie rabiaten kommunistischen Regimes der vermeintlich dekadenten (weil von den literarischen Zentren Jugoslawiens, also Belgrad, Zagreb und Sarajewo, beeinflussten) kosovarischen Literatur den Zugang verwehrt hatte, war nun auch verfügbar, was in Prishtina gedruckt wurde.
Erstmals seit achtzig Jahren, seit die von Albanern besiedelten Gebiete auseinandergerissen und unter die Hoheit verschiedener Staaten gestellt worden waren, gab es einen Austausch zwischen den beiden Literaturen ohne ideologische Beschränkungen und andere Barrieren.
Allerdings wurde sogleich auch deutlich, wie unterschiedlich man die literarische Vergangenheit und die sich daraus ergebenden Perspektiven einschätzte.
In Albanien waren die Schriftsteller aus der fünfzigjährigen strengen Herrschaft eines stark nationalistisch eingefärbten sozialistischen Realismus entlassen worden und hatten sich nun neu zu orientieren. Vielen aus der älteren und mittleren Generation fiel es erkennbar schwer, sich thematisch und vor allem in ihrer Art des Schreibens von inzwischen eingefleischten Gewohnheiten zu lösen, und so änderte sich in ihrem literarischen Schaffen nicht viel, außer dass die Vergangenheit politisch neu- oder umbewertet wurde.
Der jüngeren Generation der Schriftsteller fiel es nicht schwer, den alten Ballast einfach über Bord zu werfen und sich auf alles zu stürzen, was die freie literarische Welt während der Jahrzehnte der albanischen Abkapselung an Ismen hervorgebracht hatte, um sie eklektizistisch zu adaptieren, logischerweise ohne großen Erfolg, weil man die ihnen zugrunde liegenden literaturhistorischen, philosophischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht nachzuvollziehen vermochte, wenn man sie überhaupt richtig kannte. In der Prosa fallen - in äußerlicher Abkehr vom sozialistischen Realismus - ein Misstrauen gegenüber realistischem Erzählen, eine ausgeprägte Neigung zur Vertiefung in die eigene Innerlichkeit und eine Weltschmerzlichkeit auf, die sich im üppiger sprießenden Garten der Poesie ebenfalls bemerkbar macht. Dort tritt sie in Verbindung mit einer formalen Experimentierfreude auf, die meist nicht mehr hervorbringt als Belege des oberflächlichen Versuchs, so interessant wie möglich zu erscheinen.
Drüben in Kosova, wo sich das liberalere politische Klima unter Tito sowie die teilweise Öffnung gegenüber Einflüssen der slawischen Literatur und der über die slawischen Sprachen rezipierten Weltliteratur in einem deutlichen Qualitätsvorsprung gegenüber der Masse der sozrealistischen Durchschnittsware aus Tirana niedergeschlagen hatte, fing man nun angesichts der zunehmenden Repression durch das Miloševic´-Regime an, sich nicht nur politisch, sondern auch literarisch immer mehr einzuigeln. Die Sprache und das viel beschworene literarische Erbe hatten vor allem dem Nachweis der eigenen ethnischen Autochthonie zu dienen, und den Literaten wurde die schwierige, wenn nicht gar unerfüllbare Aufgabe aufgeladen, die Realisierung der patriotischen Ziele zu befördern. Einige der führenden Köpfe der kosovarischen Literatur nannten dies dann "die Verteidigung des Volkes durch die Literatur". Der oben konstatierte Qualitätsvorsprung wurde auf diese Weise schnell verspielt.
Als Student in Prishtina habe ich mir, ehrlich gesagt, über diese Dinge nicht groß den Kopf zerbrochen, denn mir ging es nur um eines: möglichst wenig Vorlesungen besuchen zu müssen und dafür möglichst viele Bücher lesen zu können. Das war allerdings nicht ganz einfach. Über Nacht war die Produktion der seriösen Verlage mehr oder weniger zum Erliegen gekommen. Was dann kam, war (und ist) vor allem von patriotischem Schmalz triefendes literarisches Fastfood im experimentellen Gewand, Kitsch-As-Kitsch-Can.
Erst Anfang vergangenen Jahres, als ich mich in Graz mit dem Herausgeber der LICHTUNGEN, Dr. Markus Jaroschka, über die Möglichkeit unterhielt, in dieser Zeitschrift auch Literatur aus Tirana und Prishtina vorzustellen, wurde mir (nach fast sechs Jahren der physischen Abwesenheit vom Balkan) eigentlich richtig klar, wie jung die albanische Literatur geworden ist, und wie schwer sich Texte finden lassen, die eine der beiden literarischen Hauptstädte zum Thema haben.
Nach endlosem Brüten über einer Vielzahl von Prosa- und Lyrikbänden albanischer Autoren und langen Gesprächen mit dem Übersetzer Joachim Röhm, einem Kenner der albanischen Literatur, ohne den dieses Projekt nicht hätte realisiert werden können, wählten wir einen Mittel weg: nämlich Autoren vorzustellen, die ihren Lebensmittelpunkt in einem der beiden Zentren haben (oder hatten).
Die Auswahl der Autoren für diese Nummer der LICHTUNGEN ist mit voller Absicht nicht repräsentativ für die albanische Literatur der letzten zwanzig, dreißig Jahre. Erst einmal fehlen (eine ganz formale, aber hoffentlich nachvollziehbare Entscheidung) alle albanischen Schriftsteller, von denen in deutscher Sprache bereits Bücher erschienen sind (eine Liste findet sich weiter hinten). Außerdem sind, oder waren zu ihren Lebzeiten, fast alle der neun Autorinnen und Autoren dieser Auswahl eher Außenseiter als Wortführer in der literarischen Umgebung, zu der sie gehören. Aber gerade wegen ihrer ausgeprägten Individualität repräsentieren sie besser als der Durchschnitt die Entwicklungen in der albanischen Literatur, die Beachtung verdienen. Außerdem werden an jedem Einzelnen von ihnen die für manche logischen, für andere frappanten Unterschiede zwischen den Schriftstellern aus Tirana und Prishtina erkennbar.
Beginnen wir bei Anton Pashku (1937-1995), der für mich nach Ismail Kadare, dem Erfolgreichsten unter den albanischen Autoren, eine der zentralen Figuren der albanischen Literatur in Kosova und überhaupt ist. Pashku veröffentlichte Mitte der sechziger Jahre seine ersten Erzählungen. Obwohl nur schwer einzuordnen, hat er viele Anhänger und Nachahmer gefunden. Als er die literarische Szene in Kosova betrat, fand dort gerade die patriotische Beschäftigung mit dem nationalen Befreiungskampf statt (Hivzi Sylejmani, Esad Mekuli), und er setzte sein Schaffen fort, als das Motiv vom Berg, vom Stein und von der Sehnsucht nach dem Alten im lyrischen Werk von Martin Camaj, Azem Shkreli oder Ali Podrimja seine Blüte erlebte. Bände mit Gedichten dieser drei Autoren sind auch in deutscher Sprache veröffentlicht worden, allerdings ohne sonderlichen Erfolg.
Anton Pashku brachte mit seinen Dramen, Erzählungen und dem einzigen Roman "Oh" einen neuen Ton in die albanische Literatur. Ihm ging es nicht um die ethnische Idylle, sondern um das Drama der menschlichen Existenz, und statt auf gefälliges Erzählen und luftige Dialoge vertraute er auf eine strenge, stilisierte Sprache und die Kraft des Symbols. In Kosova hat Anton Pashku das breite Publikum nicht erreicht (vielleicht auch nicht erreichen wollen), in Albanien, wo er zu kommunistischen Zeiten als "Dekadenter" nicht veröffentlicht werden durfte, ist er bis heute ein Unbekannter geblieben.
Für Fatos Lubonja (geb. 1951) aus Tirana gilt das Gleiche in Prishtina. Der Grund dafür mag merkwürdig klingen. Lubonja verbrachte während der Diktatur Enver Hoxhas siebzehn Jahre als politischer Häftling in Gefängnissen und Straflagern. In dieser Zeit nahmen die Intellektuellen Prishtinas im Allgemeinen eine positive Haltung gegenüber dem Regime in Tirana ein, von dem man sich Beistand und Erlösung versprach, was die eigenen Probleme in Jugoslawien anbelangte. Man verehrte einerseits Ismail Kadare, ergötzte sich aber auch an Versepen über landwirtschaftliche Genossenschaften und Romanen über den heldenhaften Einsatz von Ingenieuren beim Bau von Wasserkraftwerken, wie sie von den Schriftstellern in Tirana (mehr oder weniger freiwillig) in Serie produziert wurden. Dass der Publizist Fatos Lubonja nach dem Umbruch in Albanien quer zu allen politischen Lagern die Sache der Vernunft verfocht und kräftig am nationalen Mythenbäumchen rüttelte, brachte ihm weder in Tirana noch in Prishtina viele (neue) Freunde ein.
In den letzten zehn Jahren ist in Tirana und auch in Prishtina eine ganze Reihe von Gefängnisbüchern erschienen, meist von Autoren verfasst, an denen dieser Kelch zum Glück vorüber gegangen ist. Doch keines ist erhellender, was die teilweise bizarre Brutalität anbelangt, mit der die Diktatur selbst den leisesten Widerstand verfolgte, als Lubonjas unprätentiöse, von schlichter Menschlichkeit getragene Prosatexte über die Erlebnisse seiner Haftjahre.
Mirko Gashi (1939-1995) aus Prishtina und Mimoza Ahmeti (geb. 1963) aus Tirana gehören nicht der gleichen Generation an, ihre künstlerische Entwicklung hat sich unter ganz unterschiedlichen Verhältnissen vollzogen, und auch sonst sind in ihrem lyrischen Schaffen viele Verschiedenheiten erkennbar. Was beide jedoch verbindet, ist eine für albanische Verhältnisse ungewöhnliche Radikalität des künstlerischen Anspruchs.
Gashi kann als einer der ganz wenigen echten Bohemiens unter den albanischen Schriftstellern in Prishtina und überhaupt gelten. Wo seine Kollegen das Feste, Beständige, Überlieferte besangen (Berg, Stein ...), bevorzugte er in seinen Metaphern das Weiche, Fließende, Bewegte: Wasser, Fluss und Meer. Und auch wenn er sich an dem obligatorischen "nationalen Thema" versucht (Populus Illiricus), dann mit feiner Ironie anstelle des üblichen überschäumenden vaterländische Pathos.
Mimoza Ahmeti setzt sich leidenschaftlich, manchmal enragiert, aber künstlerisch stets souverän mit den Traumata, Tabus und Komplexen der albanischen Gesellschaft auseinander.
Gashi war trotz seiner herausragenden Bedeutung in der literarischen Landschaft Kosovas eher eine Randerscheinung und hat es, weil er die hergebrachten Erwartungen des Publikums in Albanien an die kosovarische Dichtkunst nicht bediente, in Tirana nicht zu Bekanntheit gebracht. Mimoza Ahmeti ist in Albanien als Lyrikerin bekannt und anerkannt, kaum dagegen in Kosova, was daran liegen mag, dass sie in ihren Gedichten nicht die patriotische Saite zupft und sich überdies thematische Freiheiten herausnimmt, die im moralisch noch strenggläubigen Prishtina unmöglich Wohlgefallen finden können.
Eqrem Basha (geb. 1948) aus Prishtina und Mira Meksi (geb. 1960) aus Tirana sind deutlich als Vertreter der literarischen Postmoderne auszumachen, beeinflusst von französischen (Basha) beziehungsweise lateinamerikanischen (Meksi) Vorbildern, aber mit einer durchaus eigentümlichen (albanischen) Handschrift. Beide nehmen als Verleger beziehungsweise als Leiterin einer Literaturstiftung und Herausgeberin einer Literaturzeitschrift auch noch über ihre schriftstellerische Tätigkeit hinaus (kritisch fördernden) Einfluss auf die Entwicklungen in der albanischen Literaturszene.
Der aus Albanien stammende, aber seit längerer Zeit schon in Bukarest lebende Ardian Kristian Kyçyku (geb. 1969) ist einer der begabtesten und produktivsten unter den jungen albanischen Prosaautoren, ein Sprachtalent mit einem überbordenden Vorrat an Ideen und Fantasie, allerdings auch einem merkbaren Mangel an erzählerischer Konzentration.
Schließlich sind da noch Ledia Dushi (geb. 1978) aus Albanien und Halil Matoshi (geb. 1961) aus Kosova, die trotz eines Altersunterschiedes von fast zwanzig Jahren beide der im Nachkommunismus herangewachsenen Schriftstellergeneration zuzurechnen sind. Der Publizist und Schriftsteller Matoshi wurde während des Kosovakriegs in serbische Gefängnisse verschleppt und dort über ein Jahr festgehalten. Er ist, nicht unbedingt typisch für Kosova, der Vertreter einer intellektuellen, sehr städtischen Lyrik mit christlich religiösem Einschlag. Die eben dreiundzwanzig Jahre alte Ledia Dushi ist vermutlich das auffälligste Talent unter den vielen jungen Poetinnen und Poeten in Albanien. Sie schreibt ihre Gedichte nicht in der albanischen Hochsprache, sondern im gegischen (nordalbanischen) Dialekt, was ihr von den Gralshütern Schelte eingebracht hat. Allerdings bedingt sicher nicht das gewählte Idiom die Qualität ihrer Poesie, sondern vielmehr die Schärfe ihres Blicks (auch nach innen) und die Fähigkeit zur sprachlichen Reduzierung und Verdichtung.
Am Beginn unserer Auswahl steht der Text eines Autors aus dem nordalbanischen Shkodra, der bereits seit über sechzig Jahren tot ist. Millosh Gjergj Nikolla (1911-1938), der unter dem Kryptonym Migjeni veröffentlichte, war mit seinen sozialkritisch gefärbten, von westeuropäischen Vorbildern beeinflussten Gedichten und Prosaskizzen einer der wesentlichen Wegbereiter der literarischen Moderne in Albanien. Die Kurzerzählung "Der kleine Luli" schließt für den Leser nicht nur eine Verständnislücke bei Mirko Gashis Gedicht "Populus Illiricus", man kann ihr getrost auch eine gewisse Sinnbildhaftigkeit zusprechen, was die Position der albanischen Literatur unter den europäischen Literaturen anbelangt.

Diesen Text, wie auch alle folgenden Texte von albanischen Autoren aus Tirana und Prishtina hat Joachim RÖHM ins Deutsche übersetzt.


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